„Gottlob, ja wirklich, nun geht es dem lieben Kind ja wieder gut,“ sagte
Tante Klara bei Tisch. „Nun sollst du selber auch mehr auf deine
Gesundheit sehen, Wilhelm.“
Renées Vater sah auf, als die Tante ihn anredete. „Ist ja auch ein
Blödsinn, den Jungen so einfach mit den Dorfkindern rumlaufen zu
lassen,“ sagte er ärgerlich. „Ich wünsche nicht, daß das wiederholt
wird!“ – „Da hast du ja völlig recht, lieber Wilhelm,“ sagte die Tante,
„aber Elisabethchen meinte doch, daß Viktor –“
„Unsinn,“ erwiderte Papa. „Ich verbiete es hiermit! Der Müller hat einen
ganz netten Jungen, der kann im Garten spielen mit Bill. Übrigens ist ja
nun Renée da. Die kann sich etwas um den Jungen kümmern.“ – „Ja schon,“
sagte Renée, „außerdem spielen so kleine Kinder doch gewöhnlich allein.
Er müßte eben anstatt dieser uralten, wackligen Kinderfrau eine Junge
bekommen, vielleicht aus dem Lettehaus.“
„Aber die Alte ist dringend nötig für das Kind. Laß ja nichts
dergleichen laut werden,“ sagte Tante Klara und sah sich ängstlich um
nach dem Diener. Papa streifte die Tante mit einem ärgerlichen Blick.
„Es wäre mir sehr lieb, wenn du dich etwas der Sache annähmest, solange
Elisabeth fort ist,“ sagte er. „Der Junge hat so alberne
Klein-Mädchen-Angewohnheiten. Natürlich – er wird ja geradezu darauf
hingeleitet.“ – „Das arme Kind,“ sagte Tante Klara. – „Ja eben, das arme
Kind. Das ist ganz meine Meinung,“ sagte Papa.
Renée mußte lachen. Dies schien also schon seit einer Weile im Gange zu
sein. – „Aber jetzt, wo er so erholungsbedürftig ist, kann man doch
nicht auch noch seine Gewohnheiten –“ erwiderte die Tante. – Papa
unterbrach sie: „Na hör mal – Gewohnheiten ist gut! Ein vierjähriger
Knirps, das ist großartig.“ – Tante Klara zuckte die Achseln. „Was sind
denn das für Gewohnheiten?“ frug Renée.
Der Diener begann das Obst herumzureichen. – „Na, zum Beispiel spielt
der Bengel nur mit Puppen –“ begann Papa. – „^Prends garde le
domestique^,“ sagte Tante Klara eindringlich. Papa ignorierte das. „Ach,
lächerlich ist es. Neulich hat ihm sein Vater ’nen Pappküraß und Helm
geschenkt, und als er’s anziehen sollte, heulte der Kerl.“ – „Nun ja, er
kennt eben so etwas noch nicht,“ sagte die Tante entschuldigend. – Papa
gab es auf. „Na ja, natürlich, ihr seid einig _gegen_ meine Ansichten,“
sagte er gekränkt resigniert und erhob sich. –
Tante Klara wollte sich aussprechen. „Es ist wirklich ein so reizendes
Kind,“ sagte sie zu Renée, als Papa in sein Zimmer gegangen war. „So
zartfühlend und sanft und bescheiden. Du solltest hören, wie niedlich
und poetisch er sich manchmal ausdrückt.“ Renée sagte, das sei wirklich
erstaunlich.
Dies schien die Tante anzufeuern. „Wir lassen ihn auch bestimmt nicht
Offizier werden. Gegen Pensionen bin ich auch sehr. Bill ist viel zu
fein und zartfühlend, um unter diesen rohen Jungens –“ – „Aber
schließlich – er ist doch selber ein Junge.“ – „Nun ja,“ sagte die
Tante. „Ich meine, wir werden ihn zu Haus erziehn, und natürlich braucht
er dies ganz unnötige Abiturexamen, oder wie es heißt, nicht zu machen.
Wozu, er erbt ja Groß-Gehren. Ich denke doch auch bestimmt, daß Sarah
ihn bedenken wird, und mein kleines Vermögen wird natürlich auch Bill –“
Renée staunte: „Sarah – mein Gott, wie käme denn die dazu?“ – „Nun,“
meinte die Tante, „das ist doch – ich dachte, da du doch –“ – Renée
lachte: „Ach so!“ Ausgelassen lachte Renée. „Du meinst, ich soll bei
Sarah die Erbschaft für Bill ersitzen.“ Dagegen verwahrte sich Tante
Klara entrüstet. Sie hätte nur gemeint – Elisabeth hätte einmal geäußert
– –
Also Renée erfüllte Papas Wunsch und kümmerte sich um Bill. Sie baute
mit ihm Baukasten-Häuser auf, in die er dann hineintreten durfte. Sie
zog Puppen an, als deren Mutter sich Bill betrachtete. Diese Puppen
waren nur und durchaus Mädchen, wie Bill versicherte. Auf Söhne legte
Bill keinen Wert. – Bill war niedlich, ja, aber eigentlich sah er etwas
dumm aus mit seinen erstaunten hellgrünen Augen. – Er hatte das rötliche
Haar vom Vater und dessen winzige runde Kindernase, und er hatte eine
große Vorliebe für Mädchenkleider. –
Weihnachten war vorüber. Der kleine Bill hatte zwei Tische voll
Spielsachen bekommen. Einen von den Eltern und einen vom Großpapa.
Während er diese Sachen betrachtete, hatte die ganze Familie hinter ihm
gestanden, seine Bewegungen und Äußerungen waren vom einen dem anderen
mitgeteilt worden – so kamen sie schließlich zu Renée. – „Bill hat
gesagt, das weiße Wollschäfchen wäre ein Mutterschaf,“ berichtete Tante
Klara begeistert. „Er will das Seidenkleidchen gleich heute anziehn, ach
Gott, er will es mit ins Bett nehmen.“
Elisabeth kniete auf der Erde neben Bill und erlauschte seine
Äußerungen. Viktor holte eben dorthin einen Stuhl für Papa, damit Papa
besser verstünde, was Bill sagte. Es war das erste Mal seit lange, daß
Papa im Winter nicht nach Berlin gegangen war. –
Weihnachten war vorüber, mit den Schulkindern, die beschert worden waren
und nachher Kaffee und Kuchen bekamen; mit den Mädchen, die verlegen in
den Schürzen und Kleiderstoffen herumstocherten und immer ‚aus Versehen‘
das Kuvert mit dem Geld liegen ließen. Der Hof war verschneit und der
Garten und die Dorfstraße. Renée hatte es alles noch niemals im Schnee
gesehn und es war doch so still und so wunderlich weiß.
Warum hatte sie es nie gesehn? Es war wie ein unwahrscheinliches
Erlebnis, daß man auf einmal quer über den vereisten See gehn konnte zu
den Wiesen auf der anderen Seite.
Steif und reglos stand das Rohr im Eise, und wo die großen Weidenzweige
überhingen, da war eine dunkle Laube, die hatte ein Dach von Schnee.
Wenn man abends aus dem Fenster sah, dann glaubte man, es wäre nur sehr
weißer Sand und gar nicht Schnee, was da so sonderbar schimmerte. – ja,
man konnte sogar meinen, der vereiste See wäre frei von Eis und nur so
ganz ohne Bewegung stände das silberne Wasser.
Bill hatte einen kleinen Schlitten, und Renée lief mit ihm über das Eis
und zeigte ihm, wie das Haus aussähe von der anderen Seite.
„Siehst du, Bill,“ sagte sie, „das mußt du einmal sehr, o furchtbar lieb
haben das Haus, wenn du groß bist. Willst du mir das versprechen?“ Bill
sah sie an mit seinen hellen Augen, die keinerlei Ausdruck hatten, und
sagte: „Ja.“ – Renée küßte ihn. Renée dachte: Es ist dumm, er ist ja
noch zu klein, es wird nichts helfen.
Aber Tante Klara verbot diese Ausflüge. „Herrgott, wenn ihr nun an eine
Stelle kämet, wo das Eis dünn ist. Herrgott, es könnte dem Kind etwas
zustoßen.“ – „Du scheinst dich jedenfalls nicht zu ängstigen, ob mir was
zustößt.“ – „Du kannst dir doch allein helfen,“ sagte Tante Klara
gereizt.
Nun ging Renée allein. Sie ging abends. Irgendwo hatte der Förster ein
Loch in das Eis gehauen für die Fische. Aber es war ja hell, und Renée
wollte nicht weit gehn. Sie ging vorsichtig und sehr langsam vorwärts.
Das Eis war glatt, aber dann hatte es auch Ungleichheiten – da waren
allerlei Dinge mit eingefroren, die die Kinder hingeworfen hatten,
Steinchen, Kalmus und Holzstücke.
Renée blieb manchmal stehen und sah sich um nach dem Haus. Da brannten
schon ein paar Lichter in der grünen Stube – vielleicht war es Papa.
Renée stand wohl ganz lange auf einem Fleck, sie merkte es gar nicht,
sie begann nachzudenken, sich zu erinnern. Es kam ihr vieles zurück –
damals als Hannsbabo fortging. Sie dachte daran, wie er wiederkam mit
Sarah. Sie dachte, wie er bei ihr am Bett gesessen hatte in seiner
letzten Nacht. Damals war Herbst.
Sie sah nach der Richtung, wo eben die Lichter der Stadt zu flimmern
begannen, sie dachte daran, wie sie einmal von Elisabeths Haus
hergelaufen war aus Heimweh, ganz allein. Ja, auf der Treppe der Veranda
hatte sie gesessen damals, weil das Haus verschlossen war.
Wie weiß der Garten aussah und wie still. Es war so ungewohnt, daß man
dem Haus entgegengehn konnte über das Wasser hin, so wie Renée es jetzt
tat. Es war, als träumte sie das – oder noch anders: es war wie eine
Wiederkehr Gestorbener. Sie dachte:
‚Treibst mich zu jenem Land, wo keiner frägt
Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder
Zu seinem Ursprung trägt ...‘
– – Nach jenem Land, wo keiner frägt. –
Renée blieb stehen. Sie dachte den Worten nach. Sie dachte: das ist,
wenn man stirbt.
Sie dachte: Ob ich das kann, jenen einen Satz denken, wenn ich sterbe –
ganz später, wenn ich alt genug bin?
Ein sonderbarer Schreck überfiel sie. Wie, schwankte das Eis unter ihren
Füßen – knisterte das Eis?
Dann war es vorüber. Sie wollte nach Haus gehn. Renée sah sich um, damit
sie nicht fehlginge, wenn sie etwa in der Nähe des Wasserlochs war.
Nein, es war ein ganz dummer Schreck gewesen, es war nichts. Das Eis
hielt. –
Bill war wieder fort, bei seinen Eltern. Tante Klara jammerte den ganzen
Tag. Man hörte sie die leidenschaftlichsten Reden halten. In ihren Augen
war weder Viktor das Recht der Vaterschaft zuzugestehen, noch konnte
Elisabeth die Stelle der Mutter ausfüllen. Nein. Nur Tante Klara
verstand und liebte Bill genügend. Sie erging sich in Verwünschungen.
„Ich wollte, Viktor müßte an der Inspektionsreise nach den
Ostmarken teilnehmen, – ich wollte er bekäme ein Billett für die
Auguste-Viktoria-Fahrten.“
Renée dachte: Wenn es nicht so unchristlich wäre, gewiß wünschte Tante
Klara den armen Viktor zum Hades. Aber es half alles nichts. Viktor und
Elisabeth sagten, schließlich wäre Bill doch ihr Kind.
So fuhr die Tante dreimal in der Woche in die Stadt. Und während der
Kutscher die Besorgungen erledigte, um derentwillen Tante Klara
hingefahren war, – währenddes saß sie bei Billchen. Dann erzählte sie
bis zur nächsten Fahrt, was Billchen, der liebe Junge, gesagt, gemeint,
geglaubt hatte. –
Renée saß oft bei Papa. Sie sah ihm zu, wenn er Briefe schrieb, sie saß
auf dem Sessel beim Tisch oder am Fenster, von wo man den Hof übersehen
konnte.
Einmal – es war Dämmerung und die Lampe war noch nicht gebracht worden,
es war still, weil niemand mehr über den Hof ging, einmal sprach Papa
von Hannsbabo. Er tat es in seiner eigentümlich kargen Art, er sprach
nur ganz kurze Sätze.
„Sag mal, mein Kind,“ so begann er, „was war das damals mit Hannsbabo?“
Renée erschrak. Sie fühlte, da war eine Pflicht, zu antworten und da war
auch eine Gebundenheit, zu schweigen. Sie erschrak und sah ihren Vater
an.
Er saß ein wenig abgerückt vom Schreibtisch und sah vor sich nieder auf
den Boden.
Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Hof. – „Hannsbabo war
sehr unglücklich,“ sagte sie.
Papa stand auf und ging hin und her im Zimmer. Er ging genau in der
Mitte des Läufers, der von einer Tür zur andern führte.
„Unglücklich – nun ja. Aber warum?“ Renée erschrak wieder, als ob diese
Frage nicht selbstverständlich gewesen wäre nun. Sie sagte: „Ach laß es
doch ruhn, Papa.“ Ihr Vater blieb vor ihr stehn. „Ich denke, du wirst
mir das sagen, Renée,“ sagte er. „Ich werde wohl wissen dürfen, warum
mein Sohn sich ’ne Kugel in den Kopf schießt, das wirst du mir wohl
nicht vorenthalten.“
Ja, dachte Renée, ich muß es ihm sagen, muß es sagen.
„Er liebte Sarah so sehr. Und diese ewige Trennung, die in der großen
Verschiedenheit der Psychen lag, ertrug er nicht. Dann verzweifelte er
daran.“
Papa verstand nicht: „Verzweifelte – was? Erschoß sich, weil er seine
eigne Frau liebte – was – was ist das für überspanntes Zeug?“ Renée
lächelte. Ja wirklich, sie merkte, daß sie lächelte. Sie wollte es ja so
gern Papa erklären. Aber wie? Sie sagte: „Die Menschen empfinden sehr
verschieden, nicht wahr; du faßt all diese Dinge in der äußerlichen Form
auf und du achtest nur die Beschaffenheit der Realität. Er aber – die
Beschaffenheit der Idee.“
Gott im Himmel – was redete sie denn? Papa hielt nun auch noch seine
jüngste Tochter für halb verdreht offenbar. Und Papa tat Renée leid in
diesem Moment. – O, sie wäre gern zum ihm herangekommen und hätte ihn
gestreichelt. – Was würde Papa dazu sagen.
Papa fuhr auf. „Unsinn ist es. Eben dieses überspannte moderne Zeug ist
es, mit dem ihr euch die Köpfe verdreht. Wenn irgend so ein
Unglückswurm, der seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, der
ausgestoßen ist oder wird aus dem Kreise seiner Herkunft, wenn so einer
sich erschießt, na ja. Der tut ganz vernünftig daran. Aber Hannsbabo!
Ein junger, gesunder Mann in der denkbar besten Lage, mit den besten
Aussichten für die Zukunft – das ist durchaus unnatürlich und verdreht!“
Renée antwortete gar nicht mehr. Wozu denn? Sie hatte auch das Gefühl
nicht mehr, als solle sie dafür eintreten. Nein, sie würde dies nicht zu
einem Streit werden lassen.
Die Dinge, die ihr Vater sagte, waren so wenig neu. Man hatte sich schon
sehr oft gegen sie empört, gegen solche Auffassungen empört, man brachte
doch nichts fertig dagegen.
Renée dachte: Jemand tut den freiwilligen Tod seines Sohnes damit ab,
daß er ein paar Worte herauspoltert: ‚Unnatürlich und verdreht‘, – wenn
ein Mensch wie Hannsbabo starb, ein mutiger, stolzer Mensch. Sie dachte:
Und Papa hat ihn doch auch daliegen sehn, dachte Papa denn gar nicht,
wie jung, wie jung er war!
Renées Vater nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Renée sagte:
„Glaubst du, Papa, wenn ein Mensch sich Monate und Wochen und dann jeden
einzelnen Tag herumquält mit dem Leben und endlich hält er es nicht mehr
aus und tötet sich – glaubst du, das darf man dann mit solchen Worten
abtun?“
Papa schwieg. Dann sagte er: „Ein Mensch hat Pflichten zu erfüllen im
Leben. An die hätte er sich halten müssen. Diesen Pflichten einfach
auszuweichen, ist bequem, aber unrecht!“ – „Welche Pflichten?“ – „Er hat
Pflichten gegen Eltern und Familie, jawohl.“ Papa gab dem letzten Wort
besonderen Nachdruck.
„Aber ein erwachsener Mensch hat doch zunächst einmal das Recht auf
Leben und Tod. Er ist doch frei, nicht wahr? Er gehört der Familie als
Glied an, aber nicht als Gegenstand, nicht wahr? Und –“
„Das gehört nicht zur Sache. Rechte schaffen noch lange nicht Pflichten
aus der Welt,“ donnerte Papa.
„Nein, gewiß nicht. Aber zuerst – zuerst kommt die Pflicht gegen die
eigene Existenz und dann kommt alles übrige. Und darum hat kein Mensch
gegen Eltern die Pflicht, sein Leben weiter zu schleppen, wenn ihm das
Leben zum Ekel geworden ist.“
„Ja,“ sagte Papa, „du stehst auf einem recht bedauerlichen Standpunkt in
diesen Dingen – leider.“ Er erhob die Stimme: „Aber ich hoffe, daß sich
das ändern wird, daß du einsehen wirst, daß die von Gott auferlegten
Verpflichtungen nicht mit diesen modernen Redensarten von ‚Pflicht gegen
eigne Existenz‘ abgetan werden können. Kinder haben eben gegen ihre
Eltern Pflichten. Sie sollen den alternden Eltern Stütze und Freude
sein.“
„Sind die Kinder denn gar nicht um ihrer selbst willen da?“
Papa überhörte das. Papa sagte: „Es kommt dann einmal der Augenblick, wo
es zu spät ist, und wo keinerlei Reue das Versäumte wieder gut macht.“
Papas letzte Worte liefen in eine Drohung aus.
Renée wurde es kalt ums Herz. Sie sagte: „Warum wohl Eltern niemals auf
die Idee kommen, daß ihre Kinder eher sterben könnten als sie. Gerade
als ob nur Eltern stürben und Kinder ewig lebten.“
„Nun, gewöhnlich pflegen eben die alten Leute zu sterben,“ sagte Papa.
„Ja freilich. Aber ich werde doch auch einmal alt und sterbe, was ist da
Besonderes?“
„Wer aber dem Tod nahe steht?“
Renée sagte: „Wer kann das wissen. Vielleicht steht er mir nahe oder
vielleicht auch dir. – Wer kann das wissen. Warum das Sterben nur immer
so als Trumpf ausgespielt wird.“ –
Renée war wieder in Berlin.
Sarah fühlte sich etwas angegriffen von den winterlichen Freuden. Es war
eben ein bißchen zu viel gewesen diesmal. Bei der Rodelei in Oberhof
hatte Sarah sich erkältet.
Als Prinz Manfred steuerte, war die Rodel in den Schnee gekippt. Es war
eine eklige Kurve, ja, aber der gute Prinz war eben auch ungeschickt.
Sein Adjutant hatte Sarah gleich gewarnt. Ah – aber reizend war es in
Oberhof.
Ja, so kam Sarah zurück. Und nun wollte sie ein bißchen nach dem Süden.
Renée hatte die Bädeker von Italien, Schweiz und Österreich vor sich und
machte Vorschläge.
„Was meinst du zu Meran?“ – Sarah schüttelte den Kopf. „Österreich
nicht,“ sagte sie, „das ist mir zu fad.“ – Der Bädeker von Österreich,
Süd-Bayern flog beiseite.
„Und das Engadin? Moritz, Pontresina, Arosa?“ – „Da fällt man höchstens
von neuem in den Schnee,“ sagte Sarah.
Renée suchte weiter: „Ajaccio, Levante, Ponente – die Seen sind wohl
erst fürs Frühjahr?“ – „Es ist alles nichts,“ sagte Sarah gelangweilt.
„Aber der Genfer See?“ frug Renée. „Auf dem Rückweg im Frühjahr geht man
dann ein bißchen nach Paris. Dann lohnt es doch. Dann kaufst du dir
deine Frühjahrsneuheiten dort.“
Sarah ließ sich bewegen. „Nun, man könnte ja mal sehn,“ meinte sie,
„vielleicht ist es ganz nett. Und das mit Paris wäre ja natürlich sehr
praktisch.“ Sarah sagte auch, in Berlin wäre ja doch alles nur ^second
hand^ und in Paris wäre es bei alledem noch billiger.
Ja wirklich, man sparte geradezu in Paris.
Nun gingen wieder die Vorbereitungen an. Kleider, Pelze, Hüte. Zum
Schluß war Sarah so elend, daß sie wirklich eine Erholung brauchte.
Renée war froh, als sie endlich im Zuge saßen. Im Luxuszug natürlich.
Auch die Jungfer fuhr mit. Sie mußte das Necessaire bewachen.
Renée trug nur einen Gegenstand. Es war die Tasche mit Sarahs Schmuck.
Alle Frauen tragen den Schmuck in Extrataschen. Diese Taschen sind von
feinstem Juchten. Sie dulden keinen Überzug. Sie sagen: ‚Meine
Herrschaften, ich enthalte etwas von Wert!‘ –
Eine Nacht fuhr man und einen Tag. Dann wurde der Wagen umgehängt, dann
war man da.
Es war schon dunkel. Der See war nicht zu erkennen, aber man wußte ihn,
wenn man aus den Fenstern sah.
Da unten mußte er liegen, wo es ganz schwarz aussah. Dieser tiefe
Abgrund, in den das Land hineinstürzt, war der See. –
Der Direktor des Hotels empfing sie. Es war ein kleiner, magerer Mann.
Er hatte einen tadellosen Zylinder, einen tadellosen Anzug, ein
tadelloses Auftreten.
Sarah würde also im Gesellschaftszimmer warten, während Renée die Zimmer
ansah. – Renée fuhr im Lift hinauf mit dem Direktor. Der Direktor sagte:
„Frau Baronin haben auch einen Salon befohlen, und neben dem Salon soll
ich ein Zimmer für Sie geben, Fräulein.“ Der Direktor hielt Renée für
eine bessere Jungfer, wie es schien. Es ergab sich, daß der Salon
dreißig Francs kostete – es gab hingegen auch vollständige Appartements,
sehr elegant eingerichtet.
Sarah nahm ein vollständiges Appartement. „Es ist billig,
fünfundsiebzig,“ sagte sie befriedigt. „In Cannes kostete es für mich
allein achtzig am Tag – ^oh dear, I am tired^.“ –
Am Morgen ging Renée an den See. Es war noch früh. Da stand der Nebel –
oder war es Dampf – ganz nahe über dem Wasser. Renée lehnte sich über
die Brüstung der Mauer.
Manchmal schoß eine Möve an ihr vorüber, umkreiste Renée mit aufgeregtem
Flattern, sie waren wohl gewohnt, Futter zu bekommen.
Auf der anderen Seite kamen allmählich die Umrisse der Berge. Renée sah
eine kleine Insel. Auf der stand ein weißes Haus. Der See hatte blaue
Färbung mit weichen Tönen von lila nach der Ferne zu.
Als Renée in das Hotel zurückkam, traf sie den Arzt. Er war eben bei
Sarah gewesen. Er sagte: „Es liegt bei Frau von Catte zu ernster
Besorgnis kein Grund vor. Ich habe sie eingehend untersucht. Sie hat
wohl etwas auf ihre Gesundheit losgearbeitet, Ihre Frau Schwägerin. Da
haben wir dann die Reaktion. Ruhe und Spaziergänge werden bald alles
beseitigt haben. Von Caux – Ihre Frau Schwägerin erwähnte es – rate ich
allerdings ab. Dort ist mehr Möglichkeit zur Unruhe als zur Ruhe und
Erholung vorhanden.“
Renée frug, wann er wiederkäme. Doktor von Geldern lächelte. „Das ist
wirklich unnötig,“ sagte er. „Aber wenn Sie mich brauchen, stehe ich
jederzeit zur Verfügung. Ich esse im Hotel.“ Er grüßte und ging. Von der
Treppe her wurde bereits nach ihm gerufen.
Sarah wäre eben viel lieber nach Caux gegangen. Sie sagte: „Hier sieht
es so langweilig aus. Es sind nur alte Leute im Speisesaal. Und oben zu
essen ist noch langweiliger.“
Renée redete ihr zu. Man konnte rudern, Tennis spielen, Ausflüge machen.
Des Morgens, wenn man aufwachte und sich ganz wenig aufrichtete im Bett,
dann lag der See vor den Fenstern ausgebreitet, und des Abends manchmal
kam das feierliche Glühen auf die Berge von der vergehenden Sonne.
Da waren die Möwen und die flinken, schwarzen Wasserhühner. Die gab es
auch zu Haus. Manchmal hatte Renée auch Möwen gesehn zu Hause. Die kamen
von den großen Seen.