Um fünf kam der Tee. Die schwarze Dame erschien. Sie hieß Baronin
d’Auvergnes, war Witwe und besaß ein Palais in der Nähe des Luxembourg.
Dies erzählte sie im Anschluß an die Nennung ihres Namens. Die Baronin
begann mit Tischrücken.
Man nahm einen dreibeinigen Tisch, man legte sämtliche Fingerspitzen
darauf. Als man müde wurde, die Handgelenke in der Schwebe zu halten,
begann der Tisch zu kippeln.
Baronin d’Auvergnes sagte dazu das Alphabet. Dieser Tisch hatte eine
Vorliebe für Konsonanten: ‚stkl‘ kam heraus.
„Beginnen wir nochmals,“ sagte die Baronin. Diesmal hielt sie den Tisch
fest, wenn er zu den Konsonanten wollte. Renée merkte es deutlich: Es
kam also – stakl. – „Ja natürlich meine liebe alte Freundin Stakelberg!“
sagte die Baronin entzückt. – Sarah betrachtete sie mit ernsten Augen.
„Was – wie – ich soll ihr schreiben?“ frug die Baronin den Tisch, der
Tisch machte: päng! Renée lachte, dann verschluckte sie das Lachen
erschreckt und hustete.
Die Baronin wurde ungehalten über den Tisch. Er wäre faul, kindisch, er
stäke voller Tücke.
„Vielleicht wenn man einen Konkurrenztisch holen würde,“ sagte Sarah.
Dann blieb Sarah allein mit der Baronin. Die Baronin fürchtete, der
Geist könne von Renées Lachen zu schüchtern geworden sein.
„Die Geister – mimosenhaft empfindlich sind sie,“ sagte die Baronin. –
Renée ging zur Seepromenade. Da waren wieder die gierigen Möwen, die
streiften fast Renées Gesicht mit ihren Flügeln. Manchmal schrieen sie –
frech klang es und unheimlich.
Sie begegnete Doktor von Geldern. Er ging ein Stück mit ihr. „Wie mir
Ihre Frau Schwägerin sagt, sind Sie angehende Medizinerin. Also sind wir
Kollegen, Fräulein von Catte.“ – „Ja,“ sagte Renée. „Ich werde wohl
Medizin studieren.“ – „Ist es ein Spezialgebiet, zu dem Sie hin wollen?“
„Ja, Psychiatrie.“
Doktor von Geldern wandte ein wenig das Gesicht zu ihr hin: „Sind Sie
durch irgend einen speziellen Anlaß dazu gekommen?“
„Nein,“ antwortete Renée. „Nur ich glaube, das wäre das einzige
Lohnende. Mich interessieren physische Leiden nicht.“
Er lächelte. „Wie wollen Sie das nun trennen? Die Krankheiten der Psyche
sind Krankheiten der Physis. Es handelt sich da höchstens um eine
Verschiedenheit in den Symptomen, und auch da ist die Verschiedenheit
nur auf der Oberfläche.“
„In diesem Sinn interessiert es mich schon. Nur nicht in der
eigentlichen Form. Mir scheint, es muß eine lästige und abgehetzte Sache
sein, der Beruf eines praktischen Arztes.“
Geldern lachte: „Ja freilich. Ich hatte mich mal in Hannover
niedergelassen. Erst kein Patient, nachher kam ich weder zum Schlafen
noch zum Essen. Wie das so geht. Dann war ich einmal Schiffsarzt – nun
bin ich hier.“
„Mögen Sie denn die Kurpraxis?“
Er lachte: „Nein, das weniger. Ich bin aus persönlichen Gründen
hergekommen.“
Dann schwieg er. Sie gingen weiter. Geldern sagte: „Es ist eine Dame,
die in der Kindheit mit mir freund war und wie eine kleine Schwester –
man sagt dazu ‚Nachbarskinder‘, glaube ich – sie wohnt hier. Sie ist
leidend – ja und dann –“
Renée sagte: „Wie schön, jemanden zu haben, mit dem man die Kindheit
erlebte.“
Geldern sah sie lächelnd an. Ganz froh sah er aus. „Ja, nicht wahr, das
ist doch schön!“ sagte er.
Sie sprachen dann weiter nichts mehr. Es war auch nahe am Hotel.
„Ich finde, du bist immerzu mit Geldern,“ sagte Sarah. „Gefällt er dir
so gut?“ Renée sah auf – Sarah lächelte.
„Geh, Sarah. Fang du nicht auch noch mit derlei Reden an. Verzeih. Aber
es ist zu geschmacklos!“
Sarah streichelte Renées Hand: „Pst – pst – nur nicht gleich so böse
sein. Du mußt wissen: der Tisch mit den drei Beinen regt sich so auf.
Der Tisch hat heute Andeutungen gemacht, o –!“
„Ich finde, diese Person mit ihrem Tisch ist eine ganz unverschämte
Schwindlerin.“
„O je – ereifere dich nicht. Es amüsiert mich doch so schön,“ sagte
Sarah. „Was, bitte, sollte ich den ganzen Tag tun. Früher war Renée viel
braver. Früher war Renée fast so galant wie ein Kavalier.“