Renée lachte: „Du bist nicht so sehr viel älter.“

„Die Leute waren sehr wütend auf dich, sie meinten, es sei unnatürlich.“

„Ja,“ sagte Renée, „gewiß, meinetwegen. Ich schreie nicht nach dem

Kinde, meinetwegen mag das unnatürlich sein. Hast denn du jemals danach

geschrieen?“

Sarah spielte mit ihrer Uhrkette, an der ein paar Edelsteine hingen.

„^God save me^,“ sagte sie halblaut.

War denn wirklich schon wieder Winter gewesen und Frühling und Sommer?

Hatte es Schnee gegeben und dann Blüten und Blumen?

Da ging Renée durch den Tiergarten und sah, daß die Bäume leer waren und

daß Pfützen auf den Wegen standen und daß der Wind das knisternde,

braune Laub herumwirbelte.

Was war es für ein Leben, das Renée lebte. – Eigentlich hatte sie die

ganze Zeit nur nach dem Examen abgerechnet: In sieben Monaten, in fünf

Monaten, in einem Monat. Und dann war es da.

Immer schon war Renée an dem großen roten Kasten vorbeigegangen und

hatte gedacht: Einmal stehe ich darin und weiß keine Antwort. Und werde

ohne Ende gefragt und weiß absolut keine Antwort. Sie hatte sich

ausgemalt, wie sie aussehen würden, der Regierungskommissar und der

Direktor und die Lehrer.

Und natürlich würden die Jungens ihr keine Silbe vorsagen, weil sie ja

nicht wußten, ob sie sollten. Aber man konnte sie doch unmöglich

auffordern.

Die schriftlichen Tage vergingen ziemlich sorglos. Man war noch ein

wenig getragen von dem Gefühl der herrlichen Dinge, die einem vor Beginn

gesagt worden waren. Gewissermaßen in einer feierlichen Stimmung war

man. Dann kam ja auch zuerst der Aufsatz, da würde man sich schon

irgendwie durchgraben.

Die Mathematik machte Renée ohne sonderliche Angstzustände. Und gerade

davor hatte sie sich so gefürchtet – aber man hatte so lange Zeit. Und

irgendwo aus einem versteckten und verstaubten Gehirnwinkel kamen auf

einmal Dinge, die der Mathematik-Doktor gelegentlich geäußert hatte.

Die Tage bis zum Mündlichen verbrachte Renée zwischen Säulen von

Büchern.

Endlich drei Tage vorher kam Nana. – „Reizend,“ sagte sie, „ist dieser

Anblick! Reizend – wie du dasitzt, wie du mich anglotzt mit ganz stieren

Augen.“

„Was redest du denn nur?“

Nana lachte höhnisch. „Wenn du so fortfährst, so fällst du durch,“

erklärte sie kategorisch. Dann flogen Renées Bücher in den Schreibtisch.

„So ein Unfug. Ochst sie da Literaturgeschichte – und Zahlen. Fünf Bogen

Zahlen – ja –“ Nana stemmte die Arme in die Seiten und baute sich gerade

vor Renée hin. „Meinst du etwa, die behältst du bis übermorgen?“

Renée sah sie starr an, und eigentlich war sie froh, herauszukommen. Es

war, als ob nun Nana die Verantwortung übernommen hätte.

Am Abend vorher kam Nana noch einmal. Sie nahm Renées Bücher und frug

alles ab, ein Fach nach dem andern – und Renée sagte die Dinge herunter

eins nach dem andern und wurde ruhig und vergnügt dabei.

Dann war es wirklich vorüber. Sie war wirklich durch.

Unten stand Nana; die kleine, frohe Nana sah blaß und erregt aus, und

dann strahlte ihr Gesicht. Sie fiel auf einmal Renée um den Hals. Was

Renée gefragt worden war? Was denn nur in den fünf langen Stunden?

Eigentlich wußte Renée es gar nicht mehr. Ob sie denn Griechisch gut

gekonnt hätte? Wie ging denn Homer? An welche Ode war Renée gekommen im

Horaz? Und Cicero? Nana stolperte alle diese Fragen heraus, als ob sie

aufgeschichtet, parat gelegen hätten.

„Ich glaube, es war alles ganz leidlich,“ sagte Renée. „Bloß Geographie

ahnte ich nichts.“ – „Das tut nichts,“ sagte Nana. – „Weißt du

Negerstämme aus unseren Kolonien?“ – „Ich? Nein,“ antwortete Nana. „Ich

wußte sie auch nicht. Sie heißen Baku oder Taku oder so was.“ – „Ach,

wo, Renée, Taku sind die Forts vom Chinesenkrieg.“

„Sie heißen aber so ähnlich. Der Direktor hat es selbst gesagt,“

beteuerte Renée. –

Ob denn Religion gegangen wäre? Hatte auch Renée keine Angst? – Renée

hielt Nana den Mund zu. „Man kann nicht alles beantworten, was du

fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. Obwohl es auch bei

Sarah am Abend noch ein Festessen geben sollte. –

Renée war so vergnügt! Sie ging ordentlich gehoben herum. Sie dachte:

Dieser Zuwachs geht mir nicht mehr verloren. Nun bin ich mindestens

Studentin. Und ich kann ja auch mehr werden – natürlich – ich kann den

Doktor machen. Vielleicht doch Medizin, dachte Renée. Dann fing sie an

auszudenken, wie hübsch es sein würde, wenn sie alles erst war.

Jemand redete sie an, gerade an der Brücke. Es war Schoenburg. „Darf ich

Ihnen gratulieren, gnädiges Fräulein? Nana hat mir natürlich erzählt.

Sie ist ganz außer sich vor Freude, die kleine Nana.“

„Ja, sie hat mir so geholfen.“ – „War es schwer?“ frug Schoenburg,

„schön?“ – Renée lachte: „Freilich, schön. Wenn einem gesagt wird, man

hat’s bestanden, dann fällt plötzlich ‚der Stein vom Herzen‘, und einen

Augenblick ist man ganz wie erlöst und ganz froh.“ – „Nur so kurz ist

man froh?“ – „O ja,“ sagte Renée, „froh ist man niemals sehr lange.“ –

„Haben Sie Nana gern, Fräulein von Catte?“ – „Ja, sehr, sehr gern. Sie

ist der allerbeste Kamerad und –“ – „Und? Warum sprechen Sie nicht

weiter?“ – frug Schoenburg. „Ich spreche ja. Nur müssen Sie es nicht

falsch verstehen, oder vielmehr ich fürchte mich, daß es recht

sentimental klingen könnte.“ – „Nein, nein, ich bin nicht solch ein

Plebejer.“

„Es ist dies,“ sagte Renée: „von Nana habe ich das bestimmte Gefühl, daß

sie mir irgendwann einmal helfen, daß sie mir etwas tun wird, was sehr

schön und sanft und stark sein wird, zu tun.“

Schoenburg ging neben Renée her und schwieg. Einmal, als sie über den

Straßendamm gingen, wandte er ihr das Gesicht zu – er wollte sie

zurückhalten – ein Auto kam – da sah Renée in sein Gesicht, sah, wie er

traurig aussah und enttäuscht. – Er bemerkte, daß sie es sah, und

lächelte und sagte: „Nun haben Sie auch noch dies für einen andern zu

tun aufgehoben.“

Am Wilhelmsplatz trennten sie sich. Renée dachte an diese Dinge, als sie

nach Hause ging. Dachte: Wie herzensroh ist ein Mensch, der nicht liebt,

wie sehr billig im Vorteil. –

Es kamen unruhige Nachrichten aus Groß-Gehren. Bill war krank. Bill

hatte Diphterie. Papas Cousine, das alte Fräulein von Rochow, die den

Haushalt führte seit kurzem, schrieb.

Sie schrieb von der großen Angst, in der sie alle lebten, von der

verzweifelten Sorge, mit der Renées guter Vater jeden Atemzug des

geliebten Enkelkindes bewache. Sie ließ philosophische Betrachtungen

einfließen, sie sprach außerdem von dem Sonnenstrahl des Hauses, der

letzten Hoffnung der Familie.

Renée wußte nicht so recht, was sie daraus machen sollte.

Als Sarah diesen Brief las, lachte sie. Sie lachte in einer sonderbaren

Art und sah Renée an. – „Was sollen nur diese Redensarten von Tante

Klara?“ frug Renée.

Sarah lachte, sie klimperte mit den Fingern auf der Tischplatte. – „Was?

Er soll doch Groß-Gehren erben, der Wurm! Er soll es kriegen, und ihr

kriegt nichts.“ –

„Wieso?“

„Nun ja, eben wie ich dir sage. Es war so bestimmt, im Falle daß

Hannsbabo kinderlos starb.“

„Woher willst du das wissen?“ Sarah zuckte die Achseln. „Er hat es

einmal gesagt, er war böse darüber.“ – Warum? Sarahs Augen gingen an

Renée vorüber, sie antwortete nicht.

„Wann hat er es gesagt?“ – „Wenige Wochen ehe er starb. O ja, ich

erinnere mich deutlich. Er ging mit mir die Treppe der Veranda hinunter,

und er sah dich von weitem – du standest am Wasser, kleine Renée, und du

sahst in deinen Mond, den du immer so liebst – – und er sah dich und

sagte: ‚Ich mag es nicht, daß Renée sich so sehr an dieses hier hängt.‘

– Er antwortete nicht, als ich ihn frug. Er ging zu dir und küßte dich –

weißt du noch?“

„Ja, ich weiß es.“

„Später erklärte er es mir,“ sagte Sarah. „Er hat gesagt: ‚Diese

widerliche Horwitz-Sippe, dann wollen sie noch ihren scheußlichen

Romannamen anhängen an unser gutes, altes Catte.‘“

Renée wurde traurig. Was denn? Entging _ihr_ etwas? Nein – sie hatte

niemals daran gedacht. Nur irgend eine Abwehr war in ihr gegen diese

fremden, gedankenlosen Leute – so als müßte man ein Kind hergeben, und

das käme nun in fremde Pflege. –

Bill wurde gesund, und Renée fuhr hin, damit Elisabeth sich etwas

erholen konnte von der Pflege.

Sie fand ihren Vater elend und angegriffen. Er ging ermüdet durch die

Stuben, immer mit einem halb abwesenden Ausdruck – so war er nicht

gewesen, als Hannsbabo starb.

Renée mußte so viel an ihren Bruder denken. Sie mußte daran denken, wenn

sie die Glocken zum Feierabend hörte; die beiden Glocken, die brummende

und die mit dem fröhlichen Geklingel, zwangen ihre Gedanken zu dem

Kirchhof damals, wo sie ihren Bruder hinaustrugen – und da lagen sein

Helm und sein Pallasch und Sarahs Rosen. –

Renée ging über die Dorfstraße. Ein paar Kinder liefen hin und her mit

Gießkannen und gossen die Blumen auf den Gräbern der vielen kleinen

Geschwister.

Renée ging durch die Kreuze und Steine. Die neuen waren häßlich. Da

standen Kreuze in Gestalt eines Baumstammes, aus Stein natürlich. Sie

hatten einen runden Schild mit der Photographie des Verstorbenen auf

Porzellan. Nein, sie waren nicht schön. Aber darauf hingen Papierkränze,

die die Schulkinder machten – die hingen auch in der Kirche, von roten,

blauen und grünen Rosen, die kannte Renée so lange schon.

Der Efeu auf Hannsbabos Grab war dicht und dunkel. Renée zog die jungen

Ranken fort von den Buchstaben.

Hannsbabo Friedrich-Wilhelm von Catte

Kgl. Pr. Oberleutnant.

Er lag da neben Mama.

Renée mußte sonderbare Dinge denken: Einmal lieg ich da auch, vielleicht

neben Hannsbabo – oder da rechts auf der Seite.

Sie mußte so sehr an den Tod denken – war es denn mit Furcht? Hatte sie

Furcht? Es mußte doch einmal sein. Natürlich noch lange hin. Man wurde

zuerst alt, dann wurde man krank, dann schließlich starb man – so war es

doch – warum an den Tod denken.

Das Leben der Renée von Catte · 第 43 / 74 题