Die Gesichter der Damen röteten sich – die Dr. med. sagte: „Recht so!“

„Noch vorgestern sagte der Herr Kultusminister im Abgeordnetenhaus, daß

die Frau vor allem auf ihren herrlichen Beruf als Frau und Mutter

erzogen werden müsse,“ hub eine Dame an. „Natürlich für diejenigen, die

dieses höchsten Glückes leider nicht teilhaftig sind – –“

Renée unterbrach sie: „Ich las es. Dieser Mann betrachtet alles

weibliche Künstlertum, Studium, Arbeit nur als Ersatz, als Notbehelf für

die versagten Babies mit Lutschpfropfen.“

Einige der Jüngeren lachten. Sarah lächelte. Sie sagte: „Ich bin

erstaunt, Renée.“

Renées Gegnerinnen zogen sich darauf zurück, von jugendlicher Unreife zu

reden. Sie sagten: „Jedes Vollweib fühlt in sich diesen Drang.“ –

„Unter diesen Umständen ziehe ich vor, ein Halbweib zu sein,“ sagte die

Dr. med.

Die Unterhaltung bekam eine bedenkliche Wendung.

„Immerhin werden Sie es doch begreifen, daß manche Frauen sich

sehnsüchtig ein Kind wünschen, Fräulein von Catte,“ sagte eine der

Jüngeren.

Sarah versuchte auf der andern Seite ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Nein, nein, ich begreife das nicht,“ antwortete Renée, „ich finde es –

nun – fatal im höchsten Grade, wenn Frauen umherlaufen und sich nach

einem Kinde sehnen, als nach dem ‚Ding an sich‘ – es ist abstoßend, roh,

denn hier wird die Voraussetzung der Liebe ausgeschaltet, hier drängt

die Frau in den primitiven Urzustand zurück, sie wirft die Vergeistigung

der Erotik über den Haufen und macht die Liebe zur Funktion – – und es

bleibt nichts als ein lächerlicher, geiler Lärm.“

Nach den Gesichtern, die Renée erblickte, schien es, daß sie sich sehr

unpassend ausgedrückt hatte. Es entstand Schweigen. Die Dr. med. von

Saldern sagte: „Recht so.“

Sarah erhob sich: „Ich habe Ihnen noch gar nicht meinen Obolus zur

Sammlung für das Waisenkind erstattet,“ sagte sie; Gräfin Isowska erhob

sich stürmisch. Sarah entnahm ihrem Schreibtisch Geld.

„O, wie edeldenkend,“ sagte die Polin, „zweihundert Mark!“ Sie breitete

die Scheine mit spitzen Fingern aus.

Die Unterhaltung floß ruhiger. Renée beschäftigte sich beim Teetisch. –

–

„Ich finde, du hast taktlose Dinge getan,“ sagte Sarah später. Renée

ärgerte sich. Sie fand, Sarah hatte vielleicht nicht so ganz unrecht.

Sie sagte: „Ich kann diese widerwärtigen Mutterschaftsreden nicht

leiden. Sie diskreditieren damit nur die Frauenbewegung.“

„Aber du bist etwas jung, Renée.“

Das Leben der Renée von Catte · 第 42 / 74 题