Sarah hatte ein hellgrünes Kleid. Sie hatte einen weißen Turban mit
Perlenketten und einen großen bunten Paradiesvogel.
Am Eingang wurde Sarah von der Gräfin Isowska empfangen. Die Gräfin
überreichte ihr einen Strauß weißer Lilien und sagte, es sei ein Glück
und eine Ehre für ihr harmloses Fest – und Sarah lächelte das reizendste
Lächeln, das sie aufbringen konnte.
Dann machte die Gräfin eine weitausladende Handbewegung, mit der sie die
Bahn freigab und sagte: „^Napoléon et Joséfine^.“ –
Ein allgemeines Ah ging durch die Versammlung. Renée fühlte sich
allseitig angestarrt und wäre am liebsten in die Erde gekrochen. Sie
hatte gar nicht gemerkt, daß Sarah Josefine darstellte – aus irgend
einer Ecke schoß Nana hervor, sie hatte eine riesige Guitarre auf dem
Rücken.
Einige zufällig in Empiretracht erschienene Damen begannen drängelnd
hinter Sarah herzulaufen und sagten, sie seien der Hofstaat.
Nana stand neben Renée „Es sind eine Menge ulkige Leut hier,“ sagte sie
kichernd. „Wart, ich zeig sie dir.“ – Nanas Finger fuhr hoch in der
Richtung einer umfangreichen Dame mittleren Alters. – „Siehst du, das
ist die Lamproth, die mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ – ich glaube, sie
hat immer noch keins“ – eben ging die Betreffende vorüber, Renée hätte
ihr beinah ins Gesicht gelacht.
Nana zeigte auf eine große Dame in Schwarz. – „O, das ist die liebe,
schöne Reichner-Wengersky.“ – „Schön? Herrgott,“ sagte Renée.
Nana lächelte. „Nein, nicht das landläufige ‚schön‘. Ich weiß wohl, und
dann ist sie auch schon alt, aber ich habe ihre Bücher so maßlos
geliebt, als ich sehr jung war.“
Renée dachte an eins dieser Bücher, dachte: daß ein Mensch ein so
großes, gutes Herz haben kann, irgend eine kleine Rührung kam ihr. –
„Also das ist sie“ – sagte Renée, „das ist sie.“
Plötzlich machte eine dicke Dame vor ihr Halt. Diese Dame hielt den Kopf
ein wenig schief und lächelte fatal, indem sie die Augen zusammenkniff.
Wo – richtig, es war ja die Horwitz, Viktors furchtbare Schwester. –
„Sie hier, Fräulein Renée?“ – „Sie auch,“ antwortete Renée. Die Horwitz
sagte, man hätte sie so sehr dringend aufgefordert.
„Sie werden viel berühmte Damen hier sehn,“ begann die Horwitz milde,
„ich werde Sie ein wenig orientieren.“ – Renée erschrak; nun mußte sie
mit der gräßlichen Horwitz herumlaufen. – Aber schon hatte Fräulein von
Horwitz sie im Schlepptau. Mit der gleichen schiefen Kopfhaltung wie
zuvor an Renée trat sie an eine der Umstehenden. Sonderbar, auch diese
drehte den Kopf schief. Es war Henriette Estner, wie Renée vernahm,
‚eine unsrer Bedeutendsten‘. – Die Bedeutende lächelte steif und
selbstverständlich. Sie hatte eine Stimme wie ein zerstoßner Blechtopf –
aber sie wurde sehr geehrt. Renée schob sich schnell durch zwei
Dahinterstehende und verschwand von der Seite der Horwitz. –
„Sieh dir doch lieber die jungen, hübschen Bedeutenden an,“ sagte Nana.
Es kamen einige Vorführungen. Sie waren nichtssagend. Aber man konnte
wenigstens feststellen, daß auch junge und hübsche Damen auf diesem Fest
waren.
Das war beruhigend. Es gab Theater. Tingeltangel, Kabarett, dumme
Auguste und Cleo. Es war alles sehr echt. Besonders der Tingeltangel!
Nachher tanzte man.
Zwischen den Tänzen sang Nana. Nana war Troubadour. Sie stand mit dem
Rücken zum Fenster und sang: „^Il y avait une fois un pauvre gare^ –“
Sie sang mit einer feinen, traurigen Stimme, und manchmal, sonderbar
unvermittelt, griff sie leidenschaftlich und hart in die Saiten ihres
Instruments.