Elisabeth lächelte diskret: „Na, Renéechen, weißt du.“

Renée ärgerte sich, diese albernen Diminutive.

„Ich meine ganz einfach,“ fuhr Elisabeth fort, „Sarahs kokettes und

reifer entwickeltes Wesen sticht den Reiz deiner harmloseren Jugend aus

bei den Herren.“

„So etwas Geschmackvolles also meinst du.“ Renée lachte. „Das kann ich

überstehn.“

„Du wirst schon sehn, wenn erst die Trauer vorbei ist und ihr seid in

Gesellschaft.“

„Nein,“ antwortete Renée energisch. „Fällt mir nicht ein, in

Gesellschaften zu gehn.“

Elisabeth sagte: „Nun, dann hat doch der Aufenthalt bei Sarah überhaupt

gar keinen Sinn.“

Papa war nicht sonderlich erbaut von dem Plan mit dem Gymnasium. Daß

Renée nun auch von dieser modernen Idee sich anstecken ließe. Überhaupt

wäre es eine Albernheit, daß Renée immer bei Sarah herumsäße. Sarah

sollte sich nur wieder verheiraten. Es war sehr, ja sehr töricht, wenn

Frauen sich nicht verheirateten, fand Papa. –

Sarah schrieb kurze, vergnügte Briefe. Bereits im dritten Brief

berichtete sie, daß der junge Landsdown ihr einen Antrag gemacht hätte –

o, zu drollig – einen ganz richtigen mit Liebe und Verzweiflung ‚wenn

nicht‘ und funkelnden Augen. Und nun sei er entrüstet abgereist. –

Prinzeß Alison war reizend zu Sarah und nannte sie ‚^sweet^‘ und hatte

versprochen, das nächste Mal mit dem Prinzen bei Sarah abzusteigen in

Berlin, und wahrscheinlich würde Sarah in der Nähe der prinzlichen Güter

in Schlesien irgend ein Schloß ankaufen.

Und es falle ihr nicht im mindesten ein, sich wieder zu verheiraten,

obwohl sie es ihr alle rieten. Keine Spur. Die Männer wären doch viel

netter, wenn man sie in jedem Moment wieder laufen lassen könnte, sobald

man wollte. –

Renée war nicht wohl zumute bei diesen Briefen. Sie waren so sehr Sarah.

Sie gaben zu sehr ihr Wesen preis.

Und Renée dachte: eigentlich sollte ich wirklich nicht mit ihr zusammen

sein.

Im Herbst kam Sarah zurück. Renée sah sie wenig. Renée begann eben mit

den Stunden. Sarah war müde und abgehetzt. Sie lag zu Bett, oder sie war

in der Stadt und ordnete ihre Wintergarderobe. Und wenn sie zu Haus war,

– irgendwie kam es, daß Renée und Sarah einander aus dem Wege gingen. Es

hatte keinen besonderen Grund, nicht daß Mißhelligkeiten gewesen wären

oder Streit. Mit Sarah gab es keinen Streit. Sie hatte eine

bewegungslose Ruhe in allen Dingen, sie lächelte freundlich, wenn man

ihr widersprach, und tat nach ihrem Belieben. Alles Rechten mit ihr war

doch nur ein sinnloser Kraftaufwand.

Wenn sie keine Erwiderung wußte, lachte sie und wechselte das Thema.

Sehr oft mußte Renée an ihren Bruder denken. Dies und das der täglichen

Geschehnisse, ja der ganz unwichtigen täglichen Kleinigkeiten ließ sie

verstehn, was ihn aus dem Leben gejagt hatte. Sie dachte: Er ist

zerbrochen daran, ist müde geworden und hilflos und arm. – Sie dachte,

wie das wohl alles geschehen war.

Das Nachdenken über diese Dinge machte sie schroff und abweisend gegen

Sarah. Ja, es stieg eine Härte in ihr auf.

Und oft gingen ihre Gedanken diesen Weg, sehr oft.

Manchmal mitten in einem Gespräch, wenn Renée aufblickte und Sarah

ansah, dann fand sie einen unguten Zug, der in Sarahs Gesicht war.

Das Leben der Renée von Catte · 第 33 / 74 题