Renée frug: „Also was ist das genau genommen?“

„O, mit diesen entsetzlichen, ovalen Hüten, auf denen Straußenfedern

sind, und grauen Kleidern, die nicht sitzen, und diesen billigen

Korsetts.“

Renée mußte lachen; wirklich, Sarah hatte recht.

Der Diener meldete den Wagen. „Komm doch mit, Renée,“ sagte Sarah. Sie

fuhren den Linden zu.

Vor dem Tor stand es schwarz von Menschen. Um diese Zeit ritt der Kaiser

vorbei. Man hatte die gelbe Standarte gesehen auf dem Schloß. Er war

also in Berlin. Die Leute standen geduldig und ließen sich die Hüte

versengen. Renée fiel ein, wie sie als Kind stundenlang auf ihn gewartet

hatte. Und sie hatte sich immer auf den Straßenübergang gestellt, wo er

sein Pferd Schritt gehen lassen würde.

Dann hatte er ganz allein für Renée gegrüßt zuweilen. – „Ich werd’s ihm

erzählen, wenn ich Flügeladjutant geworden bin,“ sagte Hannsbabo. – –

Sarah kaufte ganz Berlin auf. Und überall wurde sie mit ausgesuchtester

Höflichkeit behandelt. Überall stürzte schon am Eingang ein Extra-Herr

auf sie zu, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, ihr alle

‚Neuheiten‘ zeigte und sie Frau Baronin nannte.

Dieser Herr geleitete sie auch wieder zum Wagen.

Renée machte es Spaß, denn sie genoß einen Abglanz dieser Devotion. Auch

ihr wurden ‚Neuheiten‘ vorgelegt.

Manchmal neigte Sarah den Kopf zu ihr herüber. Sie sagte: „Renée,

gefällt dir dies, möchtest du es nicht haben, sag doch, Renée!“ – Dann

sah Renée sie an und lachte und sagte: „Nein, Sarah, bitte nicht.“ Dann

sah Sarah enttäuscht aus. Aber Renée wollte nicht die vielen, teuren

Geschenke.

Zum Schluß mußte Renée das Reisenecessaire bewundern. Alles darin war

von schwerem Silber, und darauf prangte das Catte-Wappen – ganz

verschüchtert saß das kleine Wappen-Tier auf all dieser Herrlichkeit.

Renée fand, man würde mindestens einen Gepäckträger extra dafür

benötigen.

„Aber schließlich kann ich doch nicht mit Nickelgegenständen

herumreisen,“ antwortete Sarah.

„Aber dein tägliches Gebrauchszeug?“

Sarah sagte: „Das ist Elfenbein. Elfenbein ist nicht mehr Mode.“ – Renée

lachte sehr: „Natürlich,“ erklärte sie, „du brauchst es!“ – Was nur

Frauen tun, die keine Amerikanerinnen sind, dachte Renée. Was sie nur

tun?

Sarah fuhr ab. Drei riesengroße Rohrplattenkoffer begleiteten sie. Der

Diener bewachte ebensoviele Hutkoffer, ein Gepäckträger folgte mit dem

Rest. Sarahs Jungfer trug das Necessaire.

Wenn Renée alle Kleider und Zubehöre bedachte, so wunderte sie sich

eigentlich, wie es alles in den Koffern untergekommen war. Allerdings –

der Träger hatte noch fünf Handgepäcke.

Sarah war zuletzt ganz richtig traurig. Und Renée sollte oft schreiben

und sie ein bißchen entbehren.

Sarah winkte noch aus dem Fenster heraus.

Zu Haus wurde Renée schon erwartet. Es war Elisabeth. Elisabeth befand

sich auf der Rückreise und wollte nach Groß-Gehren, sie hatte gedacht,

am Ende käme Renée gleich mit.

Man könnte den Koffer einfach auf den Wagen stellen, der Kutscher hätte

doch noch angespannt.

Renée lachte: „Erstens dürfen auf Sarahs Wagen keine Koffer und zweitens

kann ich gar nicht.“

„Du kannst doch unmöglich für länger hier in der Wohnung so allein

hausen.“

„Findest du?“ – „Papa findet es,“ antwortete Elisabeth spitzig. – „Na,

beruhige dich nur, Elisabeth, das will ich ja gar nicht. Ich komme bald

nach Groß-Gehren und dann reise ich etwas.“

„Reisen, wohin denn?“ – „Vielleicht nach München.“ – „Was willst du denn

da?“ – Renée amüsierte sich, Elisabeth zu chokieren. „In Italien soll es

ja im Sommer auch wundervoll sein.“ – „Was für eine verrückte Idee,“

sagte Elisabeth scharf. Sie ereiferte sich. Papa fände, daß das Reisen

ins Blaue hinein lächerlich sei. Er habe keineswegs Geld für sowas

übrig. Ja, er habe es geradeheraus gesagt, als Renée im letzten Brief

davon geredet hätte.

„Warum bist du denn nicht mit der holden Sarah gefahren?“ – „Du drückst

dich wirklich recht gewählt aus,“ sagte Renée, „indessen mich lockt

weder die Prinzessin noch Schottland.“ – „Sarah versteht es wirklich

ausgezeichnet, sich in die exklusivsten Kreise hineinzubringen,“ sagte

Elisabeth. Gewiß war sie recht neidisch. „Du könntest wirklich lieber in

Groß-Gehren Papa etwas behilflich sein. Papa hat eine neue Köchin, dort

wäre am Ende dein Platz.“

Renée ermüdete schon. Wozu? Was denn eigentlich hatte sie gewollt?

Alleinsein – wissen, wer man ist.

„Schließlich hat die Familie doch wohl auch Anrechte auf dich.“ –

„Niemand hat Anrecht auf mich,“ das schrie Renée ganz zornig. „Niemand,

dem ich es nicht gab.“

„Dieser moderne Quatsch, es ist fürchterlich,“ sagte Elisabeth.

Nach wenig Tagen fuhr Renée.

Da war der Turm von Groß-Gehren und die breiten Kronen der Linden,

zwischen denen das Haus stand, da war der weiße Kirchturm.

Nun über die Bahnschienen mit der Warnungstafel und den Weg hinunter

über den kleinen Berg, so ein märkischer Kaninchenhügel, und auf der

Dorfstraße die Kinder mit dem weißblonden Haar und den dunkelbraunen

Gesichtern.

Da die ziegelrote Schule und die schöne Kirche und der Hof.

Auch heute sprang ein brauner Jagdhund – wie mochte wohl dieser heißen –

auf den Wagen zu und kläffte.

Da rasselte der Wagen über die holprigen Hofsteine, das altgewohnte

Geräusch.

Renée ging in den Zimmern herum, wo dieser herbe Geruch war aus der

Kindheit – nach Lavendel und ein wenig dumpf, weil immer die Läden

geschlossen wurden vor der Sonne.

Draußen floß das weiche, graue Wasser, das die langen Kähne vorübertrug;

die wurden schöne, weiße Segel, wenn Wind war.

Sie ging in das Zimmer, wo sie als Kind gewohnt hatte. Es war durch eine

bunt tapezierte Wand in zwei Räume geteilt, es waren fremde, plustrige

Polstermöbel darin und Bills Spielsachen. Großvaters riesengroßer

Schreibtisch, auf dem Renée als Kind mit ihren Spielsachen

herumgeklettert war, stand nicht mehr an seinem Platz.

Renées Puppenhaus und die Festung mit der Zugbrücke und das Theater,

alles stand auf der Erde in diesem Zimmer, und in der Mitte thronte

Bill, vor ihm lag ein Haufen Bleisoldaten, auf die er mit einem

Holzhammer loshackte. Renée fuhr auf ihn los; es ergab sich, daß es ihre

alten Bleisoldaten waren, – Bill fing an zu heulen. Renée raffte das

ganze Zeug in ihren Rock und trug es fort.

Als sie in ihrem Zimmer die kleinen blauen und roten Männer ansah, kam

sie sich sonderbar vor, lächerlich, kindisch, aber es blieb trotzdem ein

Kummer, ein dummes, kindisches Leid. Sie schüttete den ganzen Kram in

die Kommode, das meiste war ohne Kopf und Beine.

Erst wollte sie es Papa sagen, man hätte nicht einfach ihre Spielsachen

dem ekligen Bengel zu geben. Ihr gehörten die Sachen, sie könnte sie

selber schon verschenken, wenn sie wollte.

Dann dachte sie: Gewiß ist es dumm, ich sehe ja die Sachen doch nicht

an, gewiß ist es gar kein guter Charakterzug, daß ich sie dem Bill nicht

gönne.

Sie würde dem Bill doch einmal alles gönnen müssen, Haus und Hof und

Feld.

„Ich höre, du willst reisen,“ sagte Papa.

„Ach nein, Papa, ich will es eigentlich gar nicht.“ – „So so – na,“

sagte Papa, „das ist ja schön, denn da du schon so lange weg warst, so

hofften wir, du würdest dich mal hier nützlich machen.“

„Freilich,“ sagte Renée, „wenn ich was helfen kann.“

„Du könntest etwas auf die neue Köchin achten,“ meinte Papa. „Sie ist

eine ganz untaugliche Person, und der Diener ist auch ein furchtbar

dämlicher Kerl.“

„Wie bist du denn mit dem Förster zufrieden?“ – „Nichts versteht er,“

antwortete Papa.

Demnach schien Papa wenig Glück gehabt zu haben bei seiner Wahl.

„Na, wie gefällt dir denn Bill?“

„Gott, er ist doch erst zwei Jahr,“ meinte Renée.

„Eine Schönheit wird er nicht werden,“ sagte Papa. „Er hat gerade die

blöden Augen wie sein Vater.“

Renée sah ihren Vater erstaunt an. Papa sah ganz ernst aus. Geradezu

bekümmert. – „Nichts von unserer Familie hat er,“ fuhr Papa fort. „Der

ollen Horwitz gleicht er – na –“ damit erhob sich Papa und ging in den

Garten.

„Papa entbehrt dich recht oft,“ sagte Elisabeth.

Renée schwieg. Sie fing an nachzudenken. Damals, als Papa täglich mit

ihr ausfuhr, als sie immer die Rehböcke für ihn erspähte – besonders in

der Seradella standen sie gern. Wenn sie am Vorwerk vorbeikamen, sagte

Papa manchmal: Hier müßte man das Pächterhaus hinbauen, damit man sie

los wäre vom Hof, und hier käme dann der ganze Wirtschaftshof hin, wenn

man’s demnächst mal alles herüberlegte.

Wenn Papa solche Dinge sprach, dann war Renée sehr geehrt gewesen, daß

er seine Pläne mit ihr redete.

Renée dachte daran.

„Papa findet, deine Pflicht wäre es, _ihn_ zu unterstützen und nicht

Sarah,“ sagte Elisabeth.

Richtig, Elisabeth!

„Vor kurzem warst du doch sehr einverstanden, daß ich zu Sarah ginge,“

antwortete Renée.

„Nun ja, eben zeitweise. Aber so gehst du ja der übrigen Familie

verloren – außerdem,“ Elisabeth machte eine kurze Pause, „außerdem wo

soll es hinführen? Sieh mal, das wirst du doch selber einsehn, neben

einer hübschen, jungen, so reichen und so koketten Frau wie Sarah kommst

du nie zu deinem Recht.“

„Wieso? Wie meinst du das?“

Das Leben der Renée von Catte · 第 32 / 74 题