Renée staunte: „Ich, wieso? Ich habe doch gar kein Examen gemacht.“

„Na ja natürlich, wenn Sie das haben.“

„Ich hab aber gar nicht Lust,“ sagte Renée. Nana sah Renée starr an.

„Nicht Lust?“ frug sie. „Hoho, Sie werden schon bekommen.“ – „Ich meine,

ich hätte schon Lust, nur ist es so schwer und ich bin so faul,“ sagte

Renée.

„Sie sollen faul sein? Das glaub ich im Leben nicht. Außerdem Faulheit

ist nur so beim ersten Ruck hinderlich. Nachdem kommt’s von allein. Was

ist da weiter. Wenn Sie einundeinhalb Jahr wahnsinnig büffeln oder zwei

Jahr ordentlich oder drei Jahr mit Zwischenpausen und Seelenruhe, dann

haben Sie’s. Nachher brauchen Sie gelegentlich mal ein Jahr sich

hinzusetzen, bauen Ihren Dr. phil. und sind ein gemachter Mann. Ist das

nun so schlimm?“

„Ja, Sie! Sie können natürlich alles schon,“ sagte Renée.

Nana lachte höhnisch. „Ja,“ sagte sie, „noch nix kann ich. Sie sollten

mich mal hören, wenn mein Dr. math. mir Pyramiden und Zylinder aus

Kartoffeln ausschneidet, damit ich mir so einen Querschnitt in meinem

Krautkopf vorstellen kann. Ja.“

Renée mußte lachen. Sie fing bald an, Lust zu bekommen.

„Erklären Sie mir mal was davon.“

„Dank schön,“ sagte Nana, „nee – nachher werden Sie wütend, wenn ich

mich verheddre.“

„Ach, tun Sie’s doch.“

„Mir scheint, sie streiten bereits,“ sagte Schoenburg. Sie stritten doch

gar nicht, sie vertrugen sich doch so schön. –

Nana und Renée verabredeten gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge,

Lädenbummel. Und jedes Mal sagte Nana: „Eigentlich habe ich gar keine

Zeit.“

Schoenburgs Cousine gefiel Sarah nicht sonderlich. „Sie hat eine so

lärmend fröhliche Art. Gerade wie eine aufgezogene Uhr.“

Jedesmal wenn Renée mit Nana zusammen war, wurde vom Studieren

gesprochen und vom Examen. Und von einem Mal auf das andere bekam Renée

mehr Lust. Sie dachte: Es muß hübsch sein, etwas vor sich zu bringen.

Aber sie wollte durchaus nicht so viel Zeit vertun. Mehr als zwei Jahre

wollte sie keinesfalls anwenden.

Nana redete ihr zu. Nana hatte schon feste Pläne: Renée nahm erst

Privatunterricht und zum Schluß ging sie aufs Gymnasium. Oder sie machte

alles privat.

Als die Ferien anfingen, ging Nana zu Verwandten aufs Land. Renée

brachte sie zur Bahn und stand und sah dem Zuge nach, und als Nanas

Lockenkopf zuletzt sichtbar wurde neben dem eifrig wehenden Tuch, dachte

Renée: eigentlich kennen wir uns noch gar nicht, haben immer nur von

diesen äußerlichen Dingen gesprochen. –

Renée sprach zu Sarah von ihrem Plan. Sarah sagte nichts dawider, sie

sagte vielmehr: „Ja, ganz gut. Ich finde es sehr verständig.“ Aber Sarah

wurde sehr still, nachdem sie davon gesprochen hatten. – Ob Sarah

dagegen sei? „Nein,“ sagte Sarah. „Ich habe ja gar kein Recht, dagegen

zu sein. Ich will dich durchaus nicht beeinflussen in deinen

Entschlüssen. Nur ich fürchte dich zu verlieren. Nur du hast viel

Ähnliches mit deinem Bruder, und das ist zuweilen gut für mich“ – so

sagte Sarah.

Renée schwieg. Ihr kam das Erinnern an Hannsbabo; sehr intensiv war dies

Erinnern, es war, als fühlte sie seine Hand – –

„Renée,“ sagte Sarah. Das Rückerinnern verging.

„Ich will ja gar nicht fortgehn, Sarah; ich will nur etwas tun, etwas

Nützliches anfangen.“

„Nein, nicht allein deswegen. Seit einer ganzen Zeit schon bist du

bekümmert und traurig. Ich sehe es dir an schon seit einer ganzen Zeit.“

Fast war Renée ihr dankbar. Wenigstens ein Mensch achtete auf sie.

Renée sagte: „Arme fröhliche Sarah, hast du einen so griesgrämigen

Menschen um dich, hast du’s mit einer so schwerblütigen, langweiligen

Renée zu tun.“

„Ich bin gar nicht immer fröhlich.“

Renée lachte: „Doch, freilich bist du’s. Gott, das ist etwas so Gutes.“

– Sarah sah ganz bekümmert aus: „Du hast gewiß doch einen lieb – etwa

den Schoenburg mit den geschwätzigen Cousinen?“

„Nein, nein. Ich habe nur ein wenig das, was man bei euch ‚heimatskrank‘

heißt, seelisch hab ich das. Wir sagen dazu Heimweh.“

„Ja,“ sagte Sarah, „Hannsbabo sagte drüben manchmal, er hat Heimweh nach

dem kleinen Bub Renée.“

„O, der liebe – ja, er verstand diese Dinge,“ sagte Renée.

Also in vierzehn Tagen würde Sarah zur Prinzeß Johann reisen nach

Schottland. Nun hatte man fieberhaft zu tun. Sarah blieb kaum fünf

Minuten unbeschäftigt, aber sie konnte doch in Redcliff Castle nicht

ankommen wie eine ‚Frau vom Lande‘.

Dies war für Sarah der Superlativ für Uneleganz. Wenn Renée gegen das

viele Anprobieren redete, weil Sarah kaum mehr zum Schlafen und zum

Essen käme, dann hieß es: „Du kannst doch nicht denken, daß ich dort

auftreten soll wie eine ‚Frau vom Lande‘!“

Das Leben der Renée von Catte · 第 31 / 74 题