Sarah sah sehr böse aus. „Was, Hedda Gabler,“ sagte sie zornig. „Ich
langweile mich gräßlich.“
Sie war böse – böse. Nein. Sie wollte keinen Ton mehr reden mit Renée.
Sie bestellte das Auto und fuhr in den Grunewald.
Renée wartete mit dem Abendessen.
Erst wurde es warm gestellt. Dann wurde es kalt gestellt. Die Mamsell
schimpfte draußen, und der Diener kam alle zwei Minuten und frug, ob er
nicht lieber doch für das gnädige Fräulein servieren solle. – Nach
einundeinhalb Stunden – Sarah hätte längst zurück sein müssen, selbst
wenn sie bis nach Wannsee und wieder zurückgefahren wäre – nach
einundeinhalb Stunden bestellte Renée das Essen. Etwas kam herein, was
einmal ein Beefsteak gewesen war. Der Diener reichte es mit verlegenem
Grinsen. Es wurde nicht besser davon.
Sehr spät am Abend kam Sarah. Sie kam ohne Auto. Sie warf die Türen. Als
Renée in ihr Schlafzimmer ging, hörte sie den Chauffeur mit der Jungfer
klatschen: „Direkt an einen Baum ist sie jejondelt kurz vorm Stern. Wir
beiden sind in einen Jrasjraben jeflogen – wie die Champagnerproppen.“ –
Die Jungfer kicherte: „Und blaue Flecke wird’s morjen jeben – na, gut
Nacht, Karlchen.“ –
Karlchen war Emmas Neigung.
Am andern Morgen war Sarah sanft und freundlich. Ein wenig blaß sah sie
aus. Renée kam zu ihr: „Guten Morgen, du hast mich warten lassen
gestern, Sarah; so groß wie eine Briefmarke war das Beefsteak, als ich
es endlich bekam.“ –
„Ja, o entschuldige. Ich hatte eine Panne mit dem Auto. Saß total fest.
Mußte mit der Bahn zurückfahren.“ Sarah verschwieg den Grasgraben. „Ja,
bist du denn so toll gefahren?“ frug Renée. – „Manchmal möchte ich am
liebsten bums gerade gegen eine Mauer sausen mit dem Ding.“
„Und da hast du dir gewiß gestern diese Sehnsucht erfüllt.“
Sarah lachte. Renée erzählte von Schoenburg. Er wollte also samt Cousine
zum Tee kommen. –
„Diesmal kannst du die Cousine unterhalten,“ sagte Sarah.
„Ja, so war es auch vorgesehn!“ –
Eine kleine, schlanke, hastige Person war Schoenburgs Cousine. Sie hatte
wolliges, kurzes Haar, einen Umlegekragen und einen riesigen, roten
Schlips. Sie brach in unverhohlene Bewunderung aus über Sarahs goldene
Teegeräte. „Na sowas,“ sagte sie, „mein Himmel, das ist ja schweres
Gold!“ Ihr Vetter lachte.
Dann sprachen Sarah und Schoenburg über die Sommerreise nach Schottland.
Er würde die Züge aussuchen. Selbstverständlich. Sie brauchte nur zu
befehlen, ob über Hook van Holland oder Vlissingen.
„Mein Vetter hat schon zahllos oft von Ihnen gesprochen, Fräulein von
Catte,“ sagte Nana. „Er muß Sie recht gut kennen. Er schilderte Sie
genau so, wie Sie mich beeindrucken.“
„O ja. Wir kennen uns beide. Außerdem ist Herr von Schoenburg klug,
glaube ich.“
Nana lachte: „Das wann er hörte. Er läßt sich nämlich so gern loben.
Gerade darum hab ich ihn gern. Solche Menschen geben sich wenigstens
Mühe um ihren Nächsten. – Er sagt, Sie wollen studieren.“