„Kommst du endlich.“ – Renée sah hinauf. Sarah winkte ihr zu. Sarah war
freundlich und gut und ein ganz bißchen beleidigt. So lange hatte sie
nun schon gewartet, und Renée sollte doch etwas essen. Ein warmes, gutes
Gefühl kam Renée.
Sie dachte: Ein bißchen wartet sie doch auf mich, wenn auch nur sehr
wenig. –
So oft fand Renée, daß sie am Fenster ihres Zimmers saß und hinaussah
und trotzdem gar nichts sah draußen, also träumte sie wohl; aber
eigentlich war es ein stumpfer, regloser Zustand der Seele. Die Seele
wußte keine Herkunft und kein Ziel.
Die Tage waren ganz leer. Die Freuden waren leer. Und einen eigentlichen
Schmerz gab es nicht – wo sollte er herkommen. Da war nur stumpfe
Gedankenlosigkeit; nein, nicht einmal bis zu einem Schmerz reichte es
aus. –
Aber man konnte sich beschäftigen, irgend etwas tun, was nützlich
aussah.
Wo war der Sinn für solches Tun? Man mußte einsehen, daß es völlig
zwecklos war, sich mit dem Inhalt dicker Bücher das Gehirn
vollzustopfen, Italienisch zu lernen, sich in Wohltätigkeit zu
betätigen. War sie, Renée, einundzwanzig Jahre umhergegangen, um
ausgerechnet eine Stunde täglich einer erblindeten Näherin vorzulesen?
Unsinn war das. Renée dachte: ich lasse mich nicht täuschen. Man soll
mir doch nicht weismachen, daß derlei Zeug einen Sinn hat. – Und bei
Sarah sein! Warum? Weil Hannsbabo es von ihr gewollt hatte. Konnte ein
Mensch von dem andern wollen, daß er auf eigne Perspektiven verzichtete?
Früher konnte ich träumen, dachte Renée. Ich sah hinaus in die Sonne
oder in die Nacht, gleichviel was eben gerade am Himmel stand. Wie war
es nur möglich, daß ein Mensch so maßlos allein sein konnte, niemanden
hatte. –
Sie dachte an ihre Schulfreundinnen: Fly, Edel – Edel! Sie wußte kaum,
was aus der geworden war. Sie war in irgend eine Fremde hineingegangen
mit Bällen und Verlobungen und Heiraten. Wenn Renée einmal eine von
ihnen traf, dann wußte man kaum anderes zu reden als die alten Späße aus
der Schule: als Edel zu der englischen Lehrerin sagte – –
Manchmal war es Renée, als sei sie alt geworden, so alt. Dann lachte
sie, dann wurde sie wieder froh und dachte an das kleine, liebe
Studentenlied, das sie irgendwo gehört hatte:
‚Noch ist die blühende, goldene Zeit,
Noch sind die Tage der Rosen – –‘
So ein liebes, kleines Lied.
„Ich finde, du machst immer so ein bekümmertes Gesicht, kleine Renée,
was hast du nur?“ Sarah sagte das ganz eindringlich und besorgt mit
einer drolligen Besorgnis.
„Ich weiß nicht, Sarah.“
„Hast du jemanden lieb?“ frug Sarah.
„Nein – eben nicht.“ – Sarah lachte: „Also warum bist du dann
bekümmert?“
„Weißt du, wenn ich dir das sagen sollte. Nein Sarah, ich brauchte vier
Tage mindestens und dann sähest du es doch nicht ein.“
Sarah antwortete sehr gekränkt. Das könnte Renée nicht wissen, und
überhaupt hätte gerade sie das meiste Interesse für Renée.
Wie es Renée verführte. O, sie mußte sich Mühe geben, damit sie nicht
alles sagte, was da war und ihr das Herz abdrückte. Aber sie wußte ja
gar nicht einmal, wie sie es hätte sagen sollen. –
Eines Abends kam Schoenburg. Er kam mit einer Cousine, und diese Cousine
setzte sich neben Sarah, sprach und sprach und sprach. –
Schoenburg ging in den Zimmern umher, und einmal blieb er stehn in dem
kleinen Wohnzimmer und sagte zu Renée, ob sie sich nicht ein wenig in
Hannsbabos Zimmer setzen wollten.
Ob denn Gräfin Saurma Sarah Geheimnisse anzuvertrauen hätte, frug Renée.
Schoenburg lachte, er sagte: „Das hoffe ich, lange und intensive und
zeitraubende Geheimnisse.“ Dann: „Fräulein von Catte, fühlen Sie sich
hier wohl? Ist dies Leben bei Ihrer Frau Schwägerin nun das, was Sie
froh macht im Innersten? Seien Sie nicht böse wegen meiner Frage. Sie
wissen doch, wir wollten gute Freunde sein.“
Renée fühlte ihr Erröten, fühlte es mit einer peinigenden Sicherheit und
wußte nichts zu sagen.
„Ich frage Sie,“ fuhr Schoenburg fort, „weil Sie, wie ich fürchte, hier
eine Art von Selbstaufopferung treiben, die – ich kann es Ihnen nicht
verhehlen – mir ein wenig gefährlich scheint.“
„O nein,“ antwortete Renée, „o nein.“
Er schien das nicht zu beachten. „Es klingt vielleicht etwas absurd und
zum mindesten recht unritterlich und unliebenswürdig, wenn ich Ihr Leben
bei Frau von Catte so als etwas für Sie Verwerfliches betrachte – klingt
es sehr schrecklich?“
„O nein, Sie beurteilen es ungut,“ sagte Renée. Schoenburg sah sie gut
und freundlich an. „Wollen Sie mich einmal _nicht_ unterbrechen, wollen
Sie einmal Ihre Verneinungen lassen. – Ich sage ja nicht, Ihre
Schwägerin hat einen verwerflichen Einfluß. Ich sage nicht, Sie werden
mißhandelt, brutalisiert, ausgenutzt. Nein, nein, Fräulein von Catte.
Sie sind jung und stehen noch an ‚des Lebens goldnem Tor‘, und Sie
sollen hineingehn und zwar dahin, wohin Sie mögen, und nicht, wohin
irgend eine Pietät, irgend ein Sentiment der Pflicht und der Devotion
Sie führt. – Verstehen Sie mich?“
Schoenburg griff nach einem der Bilder von Renées Bruder, er hielt es
vor Renée hin. „Ich hatte ihn sehr lieb,“ sagte er, „sehr, das wissen
Sie. Aber er würde es niemals gewollt haben, daß Sie auf ein eignes
Schicksal verzichteten, um sein trauriges, trauriges Schicksal auf Ihre
Schultern zu laden. Nein, so unfein und so lieblos war Hannsbabo nicht.“
„Warum sagen Sie diese Dinge?“ antwortete Renée. „Ich weiß es. Aber
Sarah hindert mich nicht an dem Erleben meines Schicksals.“