Renée dachte: Vielleicht war er sehr einsam. –

Nach einer langen Zeit kam Sarah zurück. Renée hörte sie sprechen

draußen, fragen. Der Diener riß die Tür auf. „Gnädiges Fräulein sind im

Herrenzimmer,“ berichtete er nach draußen. –

Sarah kam: „O, Prinz Ernst war da. Er war so nett. Er sprach viel von

Amerika. Und die Prinzeß lud mich nach Schottland ein für den Sommer.“ –

„Wo waren denn die?“ – Sarah errötete flüchtig. – „O, bei der

Hatzfeldt,“ sagte sie. Renée dachte: Ob es Hannsbabo nicht kränken würde

– ob er nicht sehr traurig sein würde. –

„Bist du böse, Renée?“ Sarah kam, stand vor Renée. Sie war ganz

niedergeschlagen. Renée antwortete nicht. –

Es gab auch Nachmittage, an denen Sarah zu Haus blieb.

Dann setzte der Diener einen riesengroßen silbernen Samowar vor sie hin,

und Sarah konnte so schön Tee machen. In kleine, chinesische Täßchen,

die sich sehr zerbrechlich anfaßten, kam er hinein. Sarah schob es vor

Renée hin, und dann bekam Renée eine Zigarette und hatte es eigentlich

sehr gut.

Sarah sagte: „Ich könnte ihn gar nicht entbehren ohne dich. Die ersten

Tage wäre ich fast gestorben. O, es war so einsam! Ich wußte gar nicht,

wie ich es aushalten sollte.“

Dann hatte Renée ein sonderbares Gemisch von Gefühlen – Mitleid und

Widerwillen auch, wenn sie dachte, daß Hannsbabo schneller vergessen war

als irgend eines von Sarahs seidnen Kleidern.

Und auf einmal wurde es mehr als Widerwillen, wurde Ekel – Wut – und:

„Nie wieder redest du mir von meines Bruders Tod – oder ich will keinen

Augenblick mehr in deinem Hause sein. – Du hast nicht auf ihn geachtet,

o, du hattest ihn nicht lieb.“

„Aber ich hatte ihn lieb!“

„Schweig,“ sagte Renée „es ist widerlich.“

Sarah starrte Renée an, dann warf sie sich mit einem plötzlichen Ruck

aufs Sofa nieder und weinte.

Renée wurde weich. Gewiß, er war niemals so zu Sarah gewesen. Sie

dachte: viel besser war er als ich – und er liebte Sarah. Vielleicht

würde er hingegangen sein zu Sarah, würde ihren Kopf in seine Hände

nehmen, seine sanften, klugen Hände. –

Sarah hörte auf zu weinen. Sie sah Renée an, sie sagte: „Es ist, ich bin

sehr nervös und zerfahren seitdem und pflege mich sonst nicht aufzuregen

in dieser Weise.“ –

„O, Sarah, verzeih mir.“

„Laß nur, kleine Renée. Ich weiß schon!“ Renée schämte sich eigentlich

etwas. –

Am Sonntag waren sie bei Papa. Nach dem Essen nahm Papa Renée in sein

Zimmer. „Hör mal, Renée,“ sagte er, „du bist ja ein verständiges

Mädchen“ – diese Art von Einleitungen kannte Renée – „also es handelt

sich um Sarah. – Mir ist erzählt worden, daß sich die Damen beim

Kriegsminister neulich sehr mokiert hätten, daß Sarah, nachdem ihr Mann

kaum ein halbes Jahr unter der Erde ist, bereits wieder auf Empfängen

herumliefe. Wie ist denn das nun?“

„Herrgott, diese albernen Tanten müssen auch überall widerwärtige Reden

führen.“ – Papa runzelte die Stirn. „Du hast immer noch diese

absprechende Art,“ sagte er tadelnd.

„Ja aber, Papa, was soll sie schließlich den ganzen Tag anfangen?“

Papa begann ungeduldig zu werden, er wanderte hin und her. „In einer

Stadt wie Berlin gibt es genügend Unterhaltungen,“ sagte er, „Konzerte,

Museen, Vorträge.“ – Renée mußte lachen. – „Es ist doch sonderbar, wenn

man auf einmal Kunstinteresse bekommen soll, weil man Trauer hat,“ sagte

sie.

Papa überhörte das. „Du solltest,“ so fuhr er fort, „deinen Einfluß

darauf wenden, daß Sarah nicht derartige Taktlosigkeiten begeht.“

„Sarah ist älter als ich, Papa, und außerdem, bitte, nenne sie doch

nicht taktlos.“ – Auch dies überhörte Papa.

„Ich habe vorhin mit Elisabeth darüber gesprochen. Sie ist vollkommen

meiner Ansicht, und“ – Papa machte eine wirkungsvolle Pause, – „du

solltest deine vielgerühmte Anhänglichkeit an deinen verstorbenen Bruder

lieber –“

„Ich habe mich niemals dergleichen gerühmt, denke ich.“

„Es ist zum Verzweifeln mit deinen unreifen Ansichten“ donnerte Papa. –

Als sie wieder zu Haus waren, sagte Sarah, sie werde nicht mehr an

irgend einem Sonntag zu Papa gehen, Renée könne allein gehen. Renée war

sehr bestürzt, frug nach dem Grund. „O, Elisabeth ist eine abscheuliche

Person,“ sagte Sarah, „sie stichelt immerzu wegen Hannsbabo.“

Es tat Renée so leid, und sie fühlte beinahe etwas von Verantwortung. –

„Laß uns ein wenig verreisen, bis Elisabeth wieder heimfährt,“ sagte

sie.

Aber sie reisten nicht. Sarah mochte nicht fort von Berlin. Sarah hatte

noch so viel Einkäufe. Und die Kleider waren noch nicht fertig. Die

Direktrice brauchte absolut noch vierzehn Tage. „Nachher sind es dann

doch drei Wochen,“ sagte Sarah. Und Sarah hatte doch auch keinen

anständigen Hut.

Wenn alle diese Hüte und Kleider mit dazu passenden Schleiern und

Schirmen ankamen, dann mußte Renée es bewundern, und Sarah erklärte,

wozu alles gebraucht würde.

Dann sah der Salon aus wie der Packraum eines Warenhauses. Mit

ungeheuern Summen, die es ‚bloß‘ kostete, warf Sarah herum. Manchmal

ekelte es Renée um all den törichten Plunder, und dann wieder hatten

diese Dinge einen sonderbaren Charme wie fremdländische Menschen. Zu

solchen Zeiten feierte Sarah Triumphe. Renée wurde in einen großen

Sessel gesetzt, recht bequem, weil es lange dauerte, und dann trug Sarah

die neuesten schönen Kleider an ihr vorüber, die für ‚wenn die Trauer

vorbei war‘, mit den dazu passenden Hüten, Schleiern und Schirmen. – Es

war wie ein fremdartiger Tanz, es fehlten nur noch schwarze Kerle, die

auf Trommeln schlugen.

Renée saß dabei und träumte.

Sie dachte: Will denn das Leben niemals zu mir kommen, ich suche es

doch. Ist es, weil ich nicht allein bin? Muß ein Mensch ganz allein

sein, damit er findet.

Sie dachte: Wie wirst du aussehen, du, um den ich lebe.

„Und nun kommt das allerschönste Kleid,“ sagte Sarah. – –

In dieser Zeit kam Renée die Sehnsucht, allein zu sein. Ganz allein, wie

früher in ihrer Kindheit. Nicht mehr neben andern gleichgültigen Leuten

zu leben, deren Nahesein ihr das Leben fremd und kalt machte. Und ihre

eigene Seele fremd machte.

Allein sein, still und für sich und ganz einsam, bis der einmal da war,

von dem Hannsbabo gesprochen hatte.

Aber sie mochte nicht davon reden zu Sarah.

Dann war ein Abend, der war weich und sanft. Der war voll von dieser

schweren Sehnsucht, die im Frühling die Menschen überfällt.

Renée ging durch die Stadt. Sie konnte sich gar nicht durchfinden durch

die vielen geraden Straßen, die sich alle rechtwinklig schnitten, wie

auf einem Schachbrett. Aus all diesen Straßen kam ein nebliger Dunst,

wenn man um die Ecke bog, und so ein Rest von Sonne strömte schwer und

warm aus dem Asphalt. Da tauchte die Säule auf mit der großen, goldnen

Göttin, es mußte spät sein, die Wagen, die vor dem Theater die Runde

machten, kamen schon zum Abholen. Ein weicher Regen rieselte, man spürte

ihn wie Nachttau auf den Kleidern.

Renée mochte noch nicht zurück. Sarah war in irgend einem Konzert, und

Sarah würde spät wiederkommen.

Renée stand am Wasser still, sah wie die kleinen Tropfen des Regens in

das breite, dunkle Wasser des Flusses hineintanzten, sah die Lichter der

Friedrichsbrücke, von denen das Wasser plötzlich aufleuchtete neben

seinen dunkelsten Stellen – eine verzweifelte Mutlosigkeit war in Renées

Herz, die von gar nichts kam und in nichts seinen Grund hatte. Wohin

wollte sie denn?

Sie dachte, wenn es doch einen gäbe, zu dem ich die Hand ausstrecken

könnte, der hülfe. Einen Gott. Wie gut es die Leute haben, die sich

einen Gott ausdenken können. Sie brauchen niemals einsam zu sein, dachte

Renée.

Sie hörte neben sich ein paar Worte, sie sah ganz dicht neben sich einen

Mann, der sich lächelnd verbeugte.

Sie erschrak nicht. Sie merkte es eigentlich gar nicht. Sie ging nach

Haus. Der Mann folgte ihr. An der Haustür versuchte er sie anzusprechen.

Das Leben der Renée von Catte · 第 27 / 74 题