Als Renée nach einer Stunde etwa zur Veranda kam, war niemand mehr da.
Sie fand Papa in seinem Zimmer.
„Es ist eine verteufelte kleine Person, diese Sarah,“ sagte er,
„Donnerwetter, die ist dazwischen gefahren! – Und den Jungen hat sie an
der Strippe.“ –
„Was ist denn noch gewesen,“ sagte Renée. „Na, sie hat ja nicht so ganz
unrecht,“ sagte Papa. „Elisabeth wird fernerhin ihren Mund etwas hüten
müssen. Der Viktor ist eben ein bißchen schlapper Kerl. Na – hat Sarah
dir sonst noch was anvertraut?“ –
„Nein,“ sagte Renée, „gute Nacht, Papa.“ Sie küßte Papas Stirn. „Gute
Nacht, mein Kind.“ –
Elisabeth war von sanfter Güte von nun an gegen die Schwägerin. Es
zeigte sich schon am andern Morgen, es zeigte sich vornehmlich darin,
daß sie Partei ergriff gegen Hannsbabo. –
Elisabeth und Renée saßen am Kaffeetisch. – Hannsbabo kam. Er sagte kein
Wort. Er setzte sich schweigend. – Elisabeth markierte ein verzeihendes
Lächeln. – „Kommt Sarah auch schon?“ frug sie. – „Ich weiß nicht“ –
„Nun, du hättest doch wirklich einmal nach ihr sehen können, ehe du
heruntergingst, ich finde –“
„Laß das alberne Geschwätz,“ sagte Hannsbabo. – Er sah nicht um sich. Er
nahm vom Brotteller, was er gerade zu fassen bekam, und fing an es zu
essen. – Renée reichte ihm die Butter, er nahm es nicht an, er sagte:
„Laß mich in Ruh!“ –
Dann kam Sarah. Elisabeth lief ihr aufgeregt entgegen – dann ging sie
hinaus. Man hörte sie Toast bestellen für die gnädige Frau, daß sie ja
recht heiß hereinkämen.
Hannsbabo sah gar nicht auf. – Sarah trat an den Tisch, einen Augenblick
blieb sie stehn, sah ihn an. Hannsbabo wandte ihr langsam die Augen zu –
bewegte nur die Augen. –
Renée fühlte eine atemlose Angst plötzlich – was würde geschehn. Sie
murmelte irgend etwas von Schokolade, die Johann wieder vergäße, und
lief hinaus. –
Später sah sie Hannsbabo auf dem Balkon sitzen, da wo man ganz weit
hinsehen kann über die Fläche des Wassers. Er saß still gegen den hellen
Himmel. –
Eine Weile betrachtete ihn Renée. Sie war gar nicht weit, aber er sah
sie nicht. Er nahm den Blick nicht weg vom Wasser. Gerade in den
Horizont sah er hinein, da wo Wasser und Himmel in einem sanften Grau
zusammenkamen. –
Was dachte er wohl? Dachte er an früher? Dachte er jetzt an seine
Kindheit – wie Renée es eben tat – seine Kindheit, die mußte viel
schöner gewesen sein, als damals, wo Renée klein war.
Für Hannsbabo gab es noch die Mama, die sie die ‚schöne Frau von Catte‘
nannten, die blond war und die so schöne Märchen erzählte. Wenn Renée
nachdachte – wie wenig eigentlich wußte sie von der Mama. Glücklich war
sie nicht gewesen und so früh gestorben. – – –
Renée dachte: Glückliche Menschen sterben spät, aber wenn Menschen sehr
traurig sind, die denken so sehr an den Tod, bis er da ist. Ob solche
Menschen lächeln, wenn sie sterben? Ob das möglich war, das Ende aller
Dinge anzunehmen mit Lächeln? –
Renée ging durch den Garten. Von dem großen Strauch an der Gartentür
nahm sie ein paar Rosen mit. Still war der Kirchhof unter der
mittaglichen Glut. Über den ältesten Gräbern standen schöne Steinkreuze,
vom Regen gedunkelt, und manchmal waren Feuerlilien darauf gepflanzt –
dicht standen sie an so einem verdunkelten Kreuz. Aus einem steilen
Hügel ohne Stein stieg ein Lebensbaum auf, tief und schwarz.
Hinter der Kirche lagen die Gräber der Cattes. Eine Weide stand darüber
und hing ihre Zweige tief hinunter, breitete ihre silbernen Zweige aus
über dem Efeu der Gräber. Renée nahm einen dürren Kranz fort und legte
ihre Rosen hin, wo geschrieben stand: ‚Ursula Elisabeth Renée von
Catte‘. –
Sie legte die Rosen auf ihren eignen Namen da auf dem Stein. – Hier war
nur wenig Raum. Renée dachte: Man muß dann das Gitter größer machen,
wenn wir da liegen sollen, dann wird mehr Platz unter dem Flieder – das
schöne, feine Gitter mit den gekreuzten Pfeilen. –
Was bedeutete das denn – vielleicht Schmerzen, wenn einer jung sterben
mußte. –