Hannsbabo ließ sich selten sehn. Er kam nur zu den Mahlzeiten. Dann
sprach er kein Wort, löffelte hastig das Essen hinein, sagte nichts,
ging wieder. Eine bedenkliche Stimmung entstand zwischen ihm und Papa.
Papa sagte: „Hannsbabo, willst du deiner Frau einschenken?“ – Hannsbabo
fuhr hoch mit dem Kopf. Dann aß er weiter. Papa stieg der Zorn ins
Gesicht, eine richtige, ehrliche Entrüstung. Renée sah es. –
„Hannsbabo,“ donnerte er. Der rührte sich nicht. Da rührte Sarah seine
Hand an, sie sagte seinen Namen, leise mit einer haarscharfen Stimme –
er hob die Augen. Dann gab er Sarah, was sie verlangt hatte, reichte ihr
umständlich alles an, legte ihr auf den Teller, wenn der Diener anbot;
aber Renée bemerkte, daß Sarah nicht aß, was er ihr gab. –
Man hörte so viel Papa und Hannsbabo miteinander streiten. Man hörte
Lärm aus Papas Zimmer und das Herumstoßen von Möbeln. Sie schrieen beide
so laut, daß man die Stimmen nicht mehr entwirren konnte – es wurde wie
ein Brausen in den Ohren. Bei Tisch saß Papa stumm da, und Hannsbabo saß
stumm; es wurde immer unerträglicher. Zu Sarah war Papa zuvorkommend und
höflich. –
Elisabeth war mit Bill fortgefahren. Das Fehlen des Kindes machte sich
in unvorhergesehener Weise bemerkbar. Das Baby war ausfüllend gewesen
für Verlegenheitspausen. Auch hatte es Papa manchmal erheitert.
Es verstand sich so prächtig mit Papa.
Nun wurde Papas Aussehn noch böser, und – was das schlimmste war –
manchmal sah er traurig aus. Dann wußte man gar nicht, was tun.
Renée versuchte mit ihrem Bruder zu sprechen. Aber man konnte ihn
niemals finden, und wenn man ihn gefunden hatte, dann wies er jede
Anrede schroff ab: „Laß mich in Ruh.“ Oder manchmal – ganz selten war
das – dann sagte er auch:
„Wenn ihr mich doch nicht so quälen wolltet.“ –
Renée aber begriff nicht und kam ihm nicht nah, mit allem besten Wollen
nicht. –
Sie ging zu Sarah. Sie sagte: „Was hat Hannsbabo? Bitte sag es mir,
bitte. Denke nicht, ich will mich hineinmischen, Sarah. Ich frage ja aus
Angst. Was hat er? Ist etwas geschehn zwischen euch?“
„Ich weiß nicht. Ich sollte nicht mit dir sprechen,“ sagte Sarah. „Denn
du wirst doch stets nur mich mit der Schuld belasten.“ – „Nein, Sarah.
Nein. Ich rede gar nicht von Schuld. Ich will ja nur, daß man ihm hilft.
Daß du es tust!“ – Sarah schwieg, sah wieder auf ihre Hände, während sie
hastig die blitzenden Ringe an ihren Fingern hin und her wandte – sie
wandte sie so, daß das Licht hineinfiel.
„Willst du gar nicht davon sprechen, Sarah?“
„Nein,“ antwortete Sarah, „gar nicht.“ –
Wenn nur nicht zu allem noch diese Stürme gekommen wären in den Nächten.
Sie klapperten an den Läden und sausten lärmend durch die Tannen vor
Renées Fenstern. Und wie sie an den großen steifen Pappeln tobten und
sie herunterzerren wollten.
Als Renée klein war, riß der Sturm einmal in der Nacht vier von den
Pappeln nieder, nun gab es nur noch zwei, die waren lange nicht so hoch
wie die andern.
Die andern hatte man sehn können von der Bahn aus, die standen hoch über
dem großen Wald, der dazwischen war. Knack tat es draußen – schztt – ein
dumpfes Brummen und Knattern folgte: ob der Sturm in die Pappeln
gefahren war? – Renée sprang auf und lief zum Fenster.
Aber die Pappeln standen noch.
Woher nur diese sonderbare Angst kam? Von der Nacht nahm Renée sie mit
hinüber in den Tag – und immer gingen die Stürme. –
Endlich kam ein ruhiger Abend.
Die Sterne waren wieder am Himmel und der große Mond. Kein noch so
leiser Windstoß ging draußen, vielmehr standen die Bäume grade und
dunkel gegen diesen besternten Himmel. – Draußen war es sehr still.
Renée lag im Bett und hatte ein Fenster offen, so daß sie gerade ein
Stück Sternhimmel sehen konnte. Manchmal schwebten von dem Ahorn vor
ihrem Fenster ein paar gelbe Blätter nieder – die sah sie, denn der Mond
war hell. Nun kamen wohl schöne, klare Herbsttage. –
War da nicht ein Schritt – Renée horchte – ihr Herz klopfte. – „Ich bin
noch wach,“ sagte sie. – Hannsbabo öffnete die Tür, er kam sehr leise,
kam ohne Licht; jetzt stand seine Gestalt vor dem besternten Himmel.
„Kleiner Bub,“ sagte er, „bist du wach?“ –
Renée streckte ihm die Hand entgegen. Er kam und stand an ihrem Bett.
„Liegst du mit offenen Augen und siehst in die Sterne, kleiner Bub, ist
das schön?“ – Renée streichelte seine Hand. – „Es ist gut, Hannsbabo,
daß du einmal kommst. Ganz scheu und fremd hast du mich gemacht.“
Es schien, daß er lächelte. – „Fremd sagst du? Und ich glaubte, du
wärest am wenigsten fremd von allen Menschen.“ – Er setzte sich auf den
Bettrand. „Nimm dir einen Stuhl herüber, Hannsbabo, dann sitzt du bei
mir, willst du?“ Er schüttelte den Kopf. „Wie es ist, gerade so ist es
gut. Ich bleibe auf deinem Bett sitzen, bis du schlafen willst.“ –
Renée hielt seine Hand, während sie sprachen. – Sie sagte: „Bist du mir
denn noch gut, Hannsbabo? Du siehst immer so grimmig aus, und dann traut
man sich gar nicht an dich heran, siehst du. – Manchmal denke ich,
früher, wo ich ein Kleines war, hast du viel besser mit mir sprechen
mögen.“
Jetzt lachte er: „Besser nicht, aber weißt du, du warst ein kluges
‚Kleines‘. Damals, wie ich dir das Bild zeigte, weißt du noch – das war
eine sonderbare, kleine Person. Was nun wohl aus ihr geworden ist? Sie
lief am liebsten immer in Bubenkleidern.“
„Mochtest du denn die Bubenkleider?“
Er sagte: „Schon. Einmal hab ich ihr einen ‚Jünglingsanzug‘ gekauft, und
hab sie mitgenommen auf die Straße – da war sie stolz. Und niedlich hat
sie ausgesehn!“ – Er schwieg, dann legte er den Kopf in die Hände. –
„Wie ich daherrede – wie das sonderbar ist, daß mir jetzt, eben jetzt
die Leichtigkeit jener Dinge wiederkommt.“ – „Ein wenig mehr von deiner
alten Leichtigkeit solltest du wohl haben, Hannsbabo,“ sagte Renée.
„Manchmal denke ich mir dein künftiges Leben aus, kleiner Bub,“ sagte
Hannsbabo. „Ich denke, ob du heiraten wirst, oder bei Papa bleiben, oder
hinausgehn mit irgend einem unbekannten Ziel – so wie ich ...“
Renée lachte: „Heiraten – höre, das kann ich mir nicht vorstellen. Es
ist für mich etwas ganz Leeres, ein gläserner Begriff, ein Wort.“
„Wieso kannst du dir’s nicht vorstellen?“
Renée sagte: „Das siehst du nicht ein. Zum Beispiel so: kannst du dir
vorstellen, Maschaschu, die Frau eines Negerhäuptlings, zu sein?“ – –
„Herrgott nein. Wer ist denn das?“
„Sie trat voriges Jahr bei Busch auf,“ sagte Renée. Er lachte: „Wenn ich
nur begriffe, wieso dieser dein Vergleich ein Vergleich ist?“ –
„Ebensowenig wie du dich hineindenken kannst, ebensowenig kann ich mich
eben in das andere hineindenken.“
„Also,“ sagte Hannsbabo, „das Heiraten fällt weg. – Oh mein kleiner,
armer Bub. Sicher wirst du eines Tages mit tollpatschiger Begeisterung
in irgend eine Leere hineinstürzen. Ich fürchte, das wirst du tun – und
dann nicht mit heiler Haut davon kommen.“
„So böse Dinge glaubst du für mich?“
„Ich wünsche sie nicht,“ sagte Hannsbabo. „Ich ahne sie nur. Nein, ich –
ich wünsche dir etwas anderes, etwas auserlesen Schönes: – Werde
heimisch auf der Erde!“ –
„Lieber Hannsbabo ...“
„Weißt du denn schon, was ich meine, mein kleiner Bub Renée. Papa ist
heimisch und Elisabeth und Viktor – die alle sehr sogar – freilich. Aber
das meine ich nicht. Werde es in einem Menschen. Denke an mich! – Siehst
du, ich bin es nie gewesen, aber es muß wundervoll sein.“ –
Hannsbabo stützte den Arm auf Renées Bett und lehnte sich ein wenig vor.
Renée sah gerade in sein Gesicht, das war erhellt vom Monde.
Hannsbabo sagte: „Das muß schön sein, wenn man einen Menschen hat, der
ist wie die Heimat, die einen immer aufnimmt, einer, der alles aufnimmt,
das Gute und das Böse und Glück und Leid und Sünde.“
„Sünde, Hannsbabo?“