Vor der Postagentur traf sie den Boten, der nahm ihren Brief mit. –

Elisabeth sagte, es sei empörend, welche ungehörige Ausdrucksweise Renée

habe; natürlich könnte man nichts mit Renée ruhig besprechen. Dieses

ewig auffahrende, heftige Wesen, das sie bereits in der Kindheit zur

Schau getragen hätte. –

„Als Kind hattest du vierzehn Erzieherinnen, da auch niemand es mit dir

aushielt,“ sagte Elisabeth. Sie murmelte dann etwas von Unreife.

Von Hannsbabo kam die Antwort:

„Du tust mir unrecht, wenn du glaubst, ich sei lässig, Sarahs Ehre, die

die Meine ist, gegen jedermann hochzuhalten. Ich danke dir. Ich habe an

Elisabeth geschrieben.“

Am Abend rief Papa Renée zu sich. „Es ist durchaus indiskret von dir,“

so sagte er, „daß du Elisabeths natürlich unter vier Augen geäußerte

Dinge weitergegeben hast. – Du wirst nun sorgen müssen, daß wenigstens

die Version, die ich jetzt, um die Spitze abzubrechen, der Sache gegeben

habe, aufrecht erhalten bleibt, auch von dir aus,“ – Papa betonte das, –

„nämlich daß Elisabeth es nicht von Viktor gehört hat, sondern von

irgend einer alten Dame, deren sie sich nicht genau erinnert und daß –“

„Pfui, ist der Viktor ein feiger Kerl!“

„Rede doch nicht immer so unreifes Zeugs,“ donnerte Papa. „Glaubst du

etwa, ich habe Lust, mir Sohn und Schwiegersohn aneinanderhetzen zu

lassen von eurem albernen Weibergewäsch.“ –

Renée wurde wütend: „Ich kann nichts dafür, und daß ich indiskret wäre,

laß ich mir auch nicht sagen und überhaupt gehört das für Elisabeth,

dein Schelten.“ –

„Na ja, es ist sehr töricht von Elisabeth,“ sagte Papa einlenkend.

Renée antwortete nicht. Sie lief ärgerlich fort und ließ Papa allein.

Draußen stolperte sie fast über Bill, der sich brüllend auf der Erde

herum rollte. –

Sie mußte lachen auf einmal. – Da war der Cattesche Hartschädel auch

schon in dem winzigen Kerl. –

„Na, ein Gutes haben solche Geburtstage doch,“ sagte Papa eines Morgens.

„Die zerspaltenen Familienmitglieder sammeln sich.“ – Elisabeth horchte

auf. –

„Also Hannsbabo und Sarah werden am achten hier eintreffen und eine Zeit

seines Urlaubs hier verleben.“ –

Elisabeth beugte sich vor, aber da Papa bereits den Brief wieder zu sich

steckte ... „Wer schreibt?“ frug sie. „Sarah schreibt,“ sagte Papa, „und

Hannsbabo schließt sich mit Grüßen an.“ –

Nach dem Kaffee konnte Elisabeth es doch nicht aushalten. So herrlich

und ersprießlich auch Bills Gesellschaft war, über Sarah und Hannsbabo

konnte man nicht mit ihm reden, unmöglich. – Elisabeth mußte also mit

Renée vorlieb nehmen. –

„Warum, glaubst du, kommen sie?“ frug Elisabeth. Renée sagte: „Ich ahne

es nicht.“

„Ach, Renéechen, sei doch nicht immer so muffig.“ – Renée schwieg. „Ob

Sarah wieder einen besseren Eindruck hervorrufen will in der Familie?“ –

–

Renée holte sie von der Bahn. Wie sie so dastand und den Zug von weitem

kommen sah, den winzigen, schwarzen Punkt neben der hellen Rauchflocke –

wurde ihr ein wenig angst. Wie würde Papa ihn empfangen, und Elisabeth –

wenn sie nun wieder ihre taktlose ‚Offenheit‘ hervorkehrte! – –

Hannsbabo stieg aus. – Renée sah es gleich, wie blaß er war – nach ihm

kam der Machnower Arnim – dann stieg Sarah aus. Herr von Arnim hatte ihr

die Hand gereicht. Renée begrüßte sie, nahm Sarah den Schirm ab. –

Hannsbabo ging voran. Während der Fahrt mußte Renée sich Mühe geben, ihn

nicht immer anzusehen. Ein sonderbarer, kleiner Zug war um seinen Mund

von Überdruß. –

Sarah frug nach Papa, nach Elisabeth, nach dem Baby. Sie sprach schnell

und aufgeregt. Nicht einmal richtete sie das Wort an Hannsbabo. –

Nach dem Abendbrot saß man auf der Veranda draußen. Papa rauchte, neben

ihm saß Sarah. Hannsbabo ging hin und her auf dem Platz am Wasser, und

manchmal blieb er stehn – vielleicht hörte er zu, was sie sprachen. –

Auch Elisabeth war da. Sie saß Sarah gegenüber mit irgend einer

Näharbeit für Bill. Alle schwiegen. Papa sah ab und an zu Hannsbabo

hinüber, nur so mit den Augen, ohne eigentlich den Kopf zu bewegen. Er

sah müde aus, und Renée fand, man merkte auf einmal etwas von seinem

Alter. Plötzlich hörte Renée Sarah sprechen – sie wandte sich um. –

Sarah hielt den Oberkörper ein wenig vorgebeugt und stützte die Hände

auf die Platte ihres Stuhles. Sie hielt die Lider der Augen halb

geschlossen und sprach. –

„Du hast, Elisabeth,“ sagte sie, „es für richtig befunden, einen

unverschämten Klatsch, welchen irgend einer deiner Freundschaft dir

hinterbracht haben mag, über mich zu verbreiten. Ich mache dich

aufmerksam, daß ich derlei nicht zulassen kann,“ – sie machte eine

Pause. – Elisabeth hielt ihr Nähzeug in der Hand und betrachtete mit

starrem Entsetzen Sarah. –

Papa – ein ganz bißchen lächelte er – hielt seine Zigarre steif vor dem

geöffneten Munde und betrachtete erstaunt Sarah. Sarahs Gesicht blieb

unbewegt. Kaum daß sich unter den Lidern ein wenig die Augen hoben. –

„Ich erwarte,“ fuhr Sarah fort, „daß du mir den Brief zeigst, den du zur

Regelung der Sache an den Urheber augenblicks schreiben mußt, ich werde

dann den Brief abschicken. Ich denke, nach dem wirst du dich bei mir

entschuldigen. – Dann würde ich die Sache für erledigt erachten.“ –

Renée sah genau Sarahs Gesicht. Eben jetzt kam das heimliche Lächeln,

das Sarah manchmal hatte, das nur von den Lippen herrührte. – Sarah

sagte: „Andernfalls wird dein Bruder die Angelegenheit mit dir und

deinem Manne zu erörtern haben.“

Hier mischte sich Papa hinein. Er beugte sich vor, klopfte mit einer

besonders ruhigen Art die Asche von seiner Zigarre und sagte: „Oho,

Sarah. Nur nicht gleich so tragisch. Müssen denn immer die Männer wegen

solcher Lappalien auf die Beine gebracht werden?“ – Sarah wandte sich

herum – eigentlich fuhr sie herum – und sah Papa ins Gesicht.

„Das ist nicht ‚Lappalien‘,“ sagte sie. „Das ist die Hauptsache.“ Sie

erhob sich, sie sagte: „Ich überlasse das Weitere deinem Sohne.“ Dann

ging sie zur Tür. – Renée sprang auf, im selben Augenblick erhob sich

Papa. – „Aber Sarah, bleib mal hier, nicht wahr, und laß uns die Sache

ruhig besprechen – schließlich –“

„Ich werde hierbleiben,“ antwortete Sarah. „Aber ich muß an dem

festhalten, was ich bereits sagte. Wenn es dir recht ist,“ – Sarah sah

mit einem außerordentlich zuvorkommenden Lächeln zu Papa hinüber – „wenn

es dir recht ist, so gehe ich ein wenig mit Renée in den Garten so

lange. Würdest du mir meine Jacke geben, Renée?“ –

Als Renée mit der Jacke zurückkam, fand sie Sarah und Hannsbabo am

Wasser. Sie standen nebeneinander. Es schien, sie sprachen nicht. –

Sarah schob ein wenig ihren Arm unter Renées Arm beim Gehen.

Sie waren schon eine ganze Weile gegangen, dann frug Sarah: „Warum sagst

du nichts?“ –

„Dieses Ganze bedrückt mich so,“ antwortete Renée. „Ich weiß nicht

eigentlich den Grund.“ – „Was ist es? Meine Angelegenheit mit Elisabeth?

Aber –“ „Nicht eben das, Sarah. Aber sage mir, wie kommt es, daß diese

Sache überhaupt geredet worden ist?“ – Sarah machte ein hochmütiges

Gesicht. „Weil sich dein Bruder außerordentlich taktlos verhalten hat,“

sagte sie.

Renée dachte daran, wie sie Hannsbabo heute wiedergesehen hatte, mit

diesem Überdruß im Gesicht. –

„Oh. Sarah. Wie ungerecht du bist. Er leidet nicht weniger, weiß Gott,

als du.“ – „Ich leide nicht darunter,“ antwortete Sarah. – Renée sah sie

an, erstaunt, sah Sarahs ruhiges, gleichmütiges Gesicht. „Mir ist es

völlig einerlei,“ sagte Sarah. „Nur – es paßt mir nicht, das Odium

irgend einer Handlung auf mich zu nehmen, die ich weder getan habe, noch

die zu tun mir irgend eine Annehmlichkeit bedeuten könnte.“ –

„Es paßt dir nicht? Aber du begreifst gar nicht, Sarah. Es ist

Hannsbabo, der leidet – und nicht du. Ein Mensch will doch niemals

denjenigen, den er liebt, leiden machen. Ich glaube, hassen müßte man

alle, die ihn leiden machen. – Oh, und selbst einer zu sein von denen,

die ihn quälen – entsetzlich ist das –“

Das Leben der Renée von Catte · 第 14 / 74 题