Sarah stand einen Augenblick still. –

Sie betrachtete Renée. Sie lächelte – fast nur mit den Lippen – dann

warf sie den Kopf zurück mit dieser sonderbar schroffen Bewegung. –

„Ich konnte mir das denken, daß du viel zu sehr _ihn_ lieb hast, um

diese Sache irgendwie einzusehn,“ sagte sie. „Ich werde nicht mehr davon

mit dir reden.“ Sarah ging hinaus.

„Sei doch nicht bös, Sarah, hör doch.“ – Renée lief ihr nach.

Sarah nickte ihr lächelnd zu. Sarah warf ihren großen braunen Pelz um.

Kaum hörbar schloß sie die Tür. –

Was konnte nur geschehen sein? Renée wurde die ganze Zeit das drückende

Gefühl eines Unrechts gegen ihren Bruder nicht los. Sie hätte ihn warnen

müssen, falls Papa es doch erfuhr. Damit er vorbereitet war. Damit er

nicht so erschrak. Nicht überrascht wurde. Und dann wieder – Sarah war

zu ihr gekommen aus Vertrauen. Nun sollte sie vorgreifen – sollte das,

was Sarah gesagt hatte, ausbeuten zu einer eignen ‚guten Tat‘. –

Papa schien doch irgend etwas zu wissen. Er studierte das

Militärwochenblatt so genau. –

In den Lateinstunden saß Margit Roeren Renée gegenüber, ohne sie

anzusehn. Und wenn Margit Roeren aufsah, so war es ein scheuer,

trauriger Blick. Renée fühlte sich gequält, hilflos, weil sie nicht

helfen konnte. –

Es war wie eine Befreiung, als sie mit Papa nach Groß-Gehren

übersiedelte. Es war frei und gut, in dem großen Garten mit den graden

Buchsbaumwegen umherzugehn. –

Nun sah sie wieder das dunkle, dunkle Wasser, und gegen den Juni begann

das einförmige Quaken der Frösche an den warmen Abenden. Und alles dies

machte ruhig, gab eine weiche Müdigkeit. – –

Im Sommer kam Elisabeth. Sie brachte das Baby mit. Bill wurde in das

große, weiße Zimmer einquartiert, das Renée als Kind gehabt hatte.

Elisabeth sorgte viel um ihn. Renée sah sie kaum in der ersten Zeit.

An einem Sonntag kam Viktor herüber. – Am Abend dieses Tages fand Renée

Elisabeth sonderbar verstört und erregt. Elisabeth wartete nicht, bis

Papa seine abendliche Zigarre geraucht hatte; schon als Papa vom Tisch

aufstand, zog sie Renée in den Garten.

„Was Viktor erzählt hat,“ begann sie, „diese Skandalgeschichte von

Sarah. Ich sage dir –“

Renée wußte erst gar nicht – „Skandal, was denn?“ Elisabeth hatte sie

unter den Arm gefaßt. – „Denke dir, was angefangen hat sie mit Prinz

Johann; Hannsbabo hat ihn gefordert.“ –

Renée fuhr auf. „Es ist unwahr,“ sagte sie, „das ist eine ganz gemeine

Lüge.“ – Sie erzählte, was sie von Sarah wußte. Elisabeth unterbrach sie

nicht. Elisabeth munterte sie auf durch Fragen – Zwischenreden. –

Zum Schluß sagte Elisabeth: „Recht gewandt hat sie sich herausgelogen.“

–

Renée war außer sich, rief Elisabeth irgend ein Schimpfwort nach und

lief ins Haus. –

Sie wartete gar nicht auf Entgegnungen und Erklärungen. Sie schrieb an

Hannsbabo. Als sie zur Post ging, daß der Brief noch mitkam, fiel es ihr

irgendwie auf die Seele, daß sie vielleicht anders hätte schreiben

sollen – ruhiger – vorsichtiger. –

Das Leben der Renée von Catte · 第 13 / 74 题