„Ja – gewiß. Er meint das. Ich lasse ihn dabei. Aber es ist Unsinn.“ –
„Warum sagen Sie ihm das nicht einfach?“ – Margit stieß einen harten
Laut aus, lachte: „Sagen? Dann ginge er fort! Dann – ginge er fort –.“
Ihre Worte klangen wie ein Wimmern. –
„Ich verstehe es alles nicht,“ sagte Renée. Margit trat vor sie hin;
während sie sprach, stand sie ganz nah und schüttelte die Fäuste vor
Renées Gesicht – immer dicht vor Renées Augen. –
„Er liebt mich nicht,“ schrie sie, „nicht mich. Nur das Mediale. Nur
diesen Unsinn, das Hirngespinst, die Qual. Das liebt er. Und wenn ich es
ihm nicht tue, geht er fort – geht fort.“ –
Sie trat zurück ans Fenster, sie sprach weiter, ihre Sprache wurde
lauter, heller, schließlich gellend – schließlich schrie sie: „Er geht
fort. Nur dies hielt ihn noch!“ ... Sie weinte. –
Renée streichelte ihr Haar, ihre Hände, in dem verzweifelten Bemühen zu
trösten. „Sie müssen nicht weinen, Margit. Sehn Sie, das lassen Sie nun
alles und trennen sich von diesem Menschen. Sehn Sie, Sie können, Sie
dürfen diese Dinge nicht mehr tun. Es sind ja Wahnideen von ihm.“
„Nein,“ schrie Margit. „Ich kann nicht. Ich kann ihn nicht lassen.“ –
Renée wußte ihr nicht zu helfen. Es grauste ihr, und eigentlich fand sie
alles maßlos und wahnsinnig – und eigentlich wäre sie am liebsten
fortgelaufen, ohne sich auch nur umzusehen. –
„Ich merke, nun kommt Ihnen der Ekel vor der ganzen Bagage,“ sagte
Margit Roeren.
Renée schämte sich ihres Gedankens und schämte sich, verstanden worden
zu sein. – „Reden Sie doch nicht so,“ sagte sie. „Es ist nur, ich möchte
helfen und weiß nicht wie, und ich meine, Sie sollten diese Dinge nicht
weiter tun.“ –
Margit Roeren sah Renée mißtrauisch an. „Am Ende tun Sie besser, sich
nicht mit diesen Dingen zu befassen, Fräulein von Catte,“ sagte sie.
Renée überhörte das. Sie nahm Margits Hand. Sie sagte: „Sie müssen sich
von diesem Menschen trennen, Sie dürfen diese furchtbare Komödie nicht
weiter aufführen. Und dann – ich muß Ihnen sagen, ich glaube, dieser
Russe ist verrückt, geisteskrank.“ –
Margit Roeren schüttelte den Kopf. „Sie Unschuld – o Sie Unschuld!“ Sie
lachte, sie wollte gar nicht aufhören mit Lachen. – Es war ein so
widerliches, ein so widerlich-überlegenes Lachen. – Renée ging eilig
fort. –
Als sie auf der Straße war, fiel ihr allerlei ein:
Ein peinlich penetranter Geruch war in den Räumen gewesen von Parfüm und
Räucherwerk wohl, und es war so eine exotische Einrichtung mit lauter
Fellen und Waffen. –
Und wie diese Russen sich immer auf den Mund schlugen, wie blöde sie
grinsten. –
Dann, als Renée nach Hause kam, hatte sie richtig ein schlechtes
Gewissen gegen Papa. Papa hatte es doch gleich gesagt. Dann dachte sie:
Das arme Ding! Muß ich ihr nicht helfen? Ist es nicht eines Menschen
Pflicht? Und wiederum war sie nicht so ganz sicher in dieser Auffassung.
–
Eines Abends kam Sarah. Renée war in ihrem Zimmer und las; manchmal sah
sie über das Buch weg auf die Straße, wie die Straße glitzerte vom
Regen. Im feuchten Asphalt spiegelten sich die Flammen der Laternen und
die Bogenlichter vor den Läden. – Jemand öffnete leise und sagte ihren
Namen. –
„Wie ist das schön, daß du ein wenig kommst, Sarah. Und wie geht es
Hannsbabo?“ – „Es ist nichts Neues mit ihm.“ Sarah setzte sich auf die
Bank hinter Renées Schreibsessel. – „Ich sehe ihn wenig. Und du – was
tust du, Renée?“ –
Renée lachte: „Was eigentlich? Nichts. Ich sitze so da und habe ein Buch
vor der Nase. Und nun freue ich mich, daß Sarah da ist.“
Sarah betrachtete das Buch. – „Geschichte,“ sagte sie. „^Oh dear.^“
Dabei zog sie ein ganz klein bißchen den rechten Mundwinkel herunter.
„Ist das nun sehr langweilig?“ –
„Hast schon recht, Sarah. Außerdem behält man nichts. Man hat immer am
Ende den Anfang vergessen.“ Sarah faßte das Buch an beiden Seiten und
klappte es zu: „Bumms! Ich möchte mit dir was sprechen, kleine Renée.
Sag mir, glaubst du, dein Vater ist böse auf deinen Bruder?“ –
„Ich weiß nicht.“ – „Und sage mir, weiß dein Vater von der Sache mit dem
Prinzen?“ –
Renée wußte das nicht. Renée wollte sich gleich erkundigen, wenn Sarah
wünschte. – Sarah begann hin und her zu wandern im Zimmer. Sie redete in
kurzen Sätzen, indem sie die Worte langsam aussprach mit einer gewissen
Bedenklichkeit. –
„Es ist dies geschehn,“ sagte sie. „Der Prinz hatte sich sehr mit
Hannsbabo angefreundet. Ich weiß nicht, was sie so aneinander fesselte.
Aber er kam fortwährend. Man wurde ihn gar nicht los. Hannsbabo brachte
ihn mit vom Dienst, vom Reiten um sechs, und um Mitternacht saß er noch
da. Und nun das Sonderbarste. Hannsbabo war bei aller Freundschaft in
irgend einer Weise eifersüchtig auf ihn.“ –
Sarah hob ein wenig den Kopf beim Gehen, nur sehr wenig, und sah nach
Renée. – „Er hatte keinerlei Grund,“ sagte sie. „Der Prinz also kam
jeden Tag. Und dann war bis in die Nacht hinein ein großes Gelärm. –
Dann paßte es mir nicht mehr. Ich ging um zehn zu Bett und sagte, ich
wäre sehr müde. Der Mensch blieb. Er war noch nicht müde. Er saß mit
Hannsbabo bis zwei. Sie tranken. Sie tranken ohne Ende. Dann verbot ich
das. Hannsbabo versprach: ‚Morgen schick ich ihn um elf weg‘.
„Um Mitternacht gab es einen großen Lärm vor der Tür meines Zimmers. Und
dann schimpften und rauften sie und forderten sich. – Dies ist
widerwärtig. Es genügt, was ich erzählt habe. – – Ja, was ich wissen
wollte, ist dies: In welcher Form ist die Sache an seinen Vater
gelangt?“ –
„Ich glaube nicht, daß Papa davon weiß.“
„Ich wünsche, daß er es weiß,“ sagte Sarah.
„Aber Sarah, warum denn? Laß es doch. Nachher wird Papa nur böse gegen
Hannsbabo und Hannsbabo wird böse – o, es ist so furchtbar, wenn die
beiden aneinanderkommen.“ –