Renée frug: „Tanzt Margit Roeren oft?“

„Gewiß, ja gewiß! Aber sie führt noch anderes aus. Zum Beispiel der

Versuch der sogenannten Kraftprobe.“ –

„Was ist das?“ – Doktor Tschernikoff begann leidenschaftlich zu

gestikulieren: „Also man stellt die Dynamik, – das will sagen die

Kraftmöglichkeiten eines Menschen fest bei normaler psychischer

Verfassung. So und so viel kann er heben, tragen und so weiter, mehr

nicht. Dann versetzt man ihn in Hypnose. Nun zeigt sich die Differenz

aufs eklatanteste. Wir können es heute machen.“ –

„Ach, lieber nicht“ sagte Renée erschreckt, „sie ist schon so ermüdet.“

Der Doktor lachte verächtlich. „Nein, keineswegs. Das tut ja auch gar

nichts zur Sache. In Trance fühlt sie keine Müdigkeit, keine

Anstrengung, keinen Schmerz. Sie werden sehn“ – der Doktor lief hinaus.

–

Die anderen Leute redeten Russisch. Sie bedeuteten Renée, daß sie leider

_nur_ Russisch könnten, indem sie mit Gesten äußerster Hilflosigkeit

sich auf die Lippen klappten und die Achseln zuckten.

Der Doktor riß die Tür auf und rief etwas Unverständliches. Er führte

Margit an der Hand herein – in der Mitte des Zimmers lagen mehrere

eiserne Gegenstände – altertümliche Waffen, es hingen eiserne Kugeln von

verschiedener Größe daran. Margit hob eine, eine zweite, die dritte und

vierte war zu schwer. Der Doktor versuchte sich daran und die anderen

Russen. Sie schienen ziemliche Mühe zu haben – Renée bekam Lust. – Renée

hob mit äußerster Anstrengung die dritte. „Dann ist diese

selbstverständlich zu leicht, wenn eine Frau im normal psychischen

Zustande sie heben kann,“ sagte Doktor Tschernikoff. „Wir werden also

die vierte nehmen.“ – Renée versuchte die vierte. Sie brachte sie nicht

vom Boden.

Der Doktor lächelte und nickte befriedigt vor sich hin. „Margit wird sie

in der Trance heben,“ sagte er. Er führte Margit hinaus. Einer der

Russen begann Flöte zu spielen. –

Dann kam Margit – sie ging mit steifen Schritten, deren Rhythmus sich

dem des Flötenspiels sonderbar anschloß. – Renée war in großer Erregung.

Sie wollte dazwischentreten und es verbieten – sie ging auf die Russen

zu und sagte ihnen auf Französisch, sie müßten den Doktor zurückhalten.

Es sei Wahnsinn, und Margit würde sich schaden, krank werden, sich

ruinieren, wenn sie diese Kugeln hob. – Sie lächelten töricht, klappten

sich auf die Lippen, zuckten die Achseln. –

Margit faßte das lange Ding an mit der großen, eisernen Kugel, sie

brachte es nicht vom Boden. Der Doktor trat neben sie, er faßte sie bei

den Schultern und sprach zu ihr mit einer leisen, monotonen Stimme –

Margit versuchte es von neuem. Sie faßte es an – dann kam ein Beben in

ihre Glieder, sie sagte: „Ich kann nicht.“ Der Doktor redete auf sie ein

– sie warf die Hände vors Gesicht und weinte. – Die Türen wurden

geschlossen.

Renée wollte warten, wollte Margit beruhigen, ihr irgendwie helfen. Sie

blieb. Die Russen gingen, sie verbeugten sich ungeschickt an der Tür. –

Nach einer langen Zeit, es mochte eine Stunde sein, kam Margit. Sie trug

wieder Schwarz und sah wieder blaß aus.

Sie kam langsam auf Renée zu, die aufgestanden war. – „Was haben Sie mir

getan? Wenn Sie es doch nicht getan hätten.“ – „Was denn?“ Margit lehnte

sich ans Fenster. Sie stützte die Arme auf das Brett. „Warum haben Sie

das gesagt, ich sollte dies unmögliche Ding aufheben?“ – „Ich – ich

wollte nur selbst versuchen, ich habe doch gar nichts gesagt! Ich wollte

sehen, wieviel Kraft Sie hätten in der Trance.“

Margit lachte höhnisch: „Ich sage Ihnen, es ist Unsinn. Ich kann das

andere heben mit der größten Anstrengung – dieses nicht, dieses ist viel

zu schwer, nie kann ich das.“ –

„Aber Doktor Tschernikoff sagte doch, in der Hypnose ...“

Das Leben der Renée von Catte · 第 11 / 74 题