Renée hätte so sehr gerne mehr davon gewußt. –

Bei den anderen Vorträgen ging es nicht so zu. Man hörte zu – ja man

behielt einige Dinge, um sie bald wieder zu vergessen oder durcheinander

zu bringen, aber es war so ohne jede Besonderheit.

Der eine jonglierte herum auf seinem Katheder, war einmal oben und

einmal unten mit seinem kleinen, gelben Gesicht, ein anderer bewegte

sich in einer gezogenen und langsamen Weise, während er redete, und

seine Sprechweise war ebenso gezogen und ölig: „Ich bedaure, Ihnen auch

noch diese geistige Anstrengung zumuten zu müssen, meine Damen“ – so

ungefähr redete er. Er verleidete einem die Materie, er begoß alles mit

einer langweiligen Farblosigkeit, dann war es ebenso grau wie seine

Lichtbilder.

Und die Anatomie-Vorträge. – „Nun passen Sie einmal auf, meine Damen,“

sagte der Dozent und führte pfiffig grinsend den Finger an die Lippen, –

die Damen paßten auf – er zeigte ein Glas, in dem ein kleiner, brauner

Fötus saß. – „Nun passen Sie einmal auf.“ –

Als die Kurse gegen das Ende gingen, sah Renée die völlige

Zwecklosigkeit ein. Es war alles Mögliche durcheinander geredet worden,

man hatte eine Weile das befriedigende Gefühl eines Nutzens

herumgetragen. –

In Wahrheit war es völlig sinnlos – in Wahrheit blieb nur das, was der

alte Herr gesagt hatte, weil er es aus einem übervollen Herzen heraus

gesagt hatte – das von dem lächelnden Sokrates. –

„Ich finde es sehr sonderbar,“ sagte Papa, „daß sich weder Sarah nach

Hannsbabo bei mir sehen lassen. Geh doch einmal hin, Renée, und

erkundige dich.“ – „Vielleicht wollen sie ein wenig für sich sein,

Papa.“ – Papa sagte: „Unsinn, geh nur hin.“

Um fünf ging Renée hin. Dann ritt Hannsbabo meist und Sarah war

vielleicht auf Besorgungen in der Stadt. –

Der Diener sagte, die gnädige Frau wäre zu Hause. Mit einem sonderbar

peinlichen Gefühl trat Renée ein, sie hatte ihre Schwägerin so lange

nicht gesehen.

Sarah stand am Fenster ihres Zimmers und wandte sich langsam um, als

Renée eintrat. –

„So lange bist du nicht gekommen, kleine Renée, fast ein Jahr.“ – „O –

war es so lang!“ sagte Renée. „Es kommt, weil ich bei Elisabeth sein

mußte und ...“

„Hat es sogar Gründe?“ sagte Sarah, „das ist mehr, als ich erwartete.“ –

„Sei doch nicht bös zu mir, Sarah. Ich wollte bloß sehen, wie es euch

geht.“ Sarah antwortete: „Mir geht es gut. Er ist in keinem guten

Zustande.“ – „Warum oder inwiefern?“ – „Er hat unangenehme Dinge im

Dienst. Er möchte fort oder sich versetzen lassen, und dann wieder

möchte er es nicht, weil er nicht in die Provinz will.“ –

„Papa könnte doch zu Manteuffel gehen und es ihm besorgen,“ sagte Renée.

„Ja eben; es wäre ganz leicht zu machen,“ antwortete Sarah. „Schließlich

nimmt ihn Reischach auch gern als Brigadeadjutant – aber er will eben

allerlei und niemals etwas Bestimmtes.“

„Was sind es denn für Unannehmlichkeiten?“ – Sarah ging hin und her –

sie antwortete nicht – dann blieb sie vor Renée stehen. – „Er hat

Stubenarrest gehabt wegen einer Affäre mit Prinz Johann.“ – „Das ist

doch ganz egal, so was!“ – „Ihm ist es eben nicht egal,“ sagte Sarah. –

„Papa frug, ob ihr nicht einmal kommen würdet?“

Sarah lachte. „Rückt der Diplomat nun endlich damit heraus? – Ja nun. Er

wird nicht wollen.“

„Warum denn nicht?“ frug Renée. – „Ach, so – er redet nicht gerne, und

er sagt, Menschen ärgerten ihn nur und machten ihn nervös. –“

„Ja, aber Papa – –“ sagte Renée indigniert. Sarah zuckte die Achseln:

„Er wird wohl warten müssen.“ –

„Aber, Sarah, könntest denn _du_ ihn nicht veranlassen? Wenn du ihn nun

bätest.“ – „O – ich bitte ihn nie, um nichts. Und nun – wechseln wir das

Thema, kleine Renée.“ – „Aber so komm du doch wenigstens,“ wagte Renée

noch einzuwenden. Sarah schüttelte energisch den Kopf. „Ich hasse es,

ausgefragt zu werden,“ sagte sie.

Nebenan die kleine Uhr auf den Alabastersäulen schlug. Sarah sagte: „Tu

mir den Gefallen und geh. Er wird in einer halben Stunde zurückkommen

vom Tattersall, ich möchte nicht, daß er dich eben jetzt bei mir träfe.“

– Renée zögerte, wunderte sich. – „Geh bitte, sei nicht bös, es ängstigt

mich.“ – Renée ging. Sie sah ganz von weitem schon Hannsbabos Dogcart

und lief schnell um die Ecke.

Renée bekam eine Anzeige, daß ihre frühere Schule einen Lateinkurs

eingerichtet habe. Sie meldete sich an.

Als Renée kam, waren sie schon mitten drin. Eine spitzige Lehrerin nahm

daran teil, eine blasse, sehr blonde Person und ein Zwillingspaar, Renée

war die fünfte. Die sehr Blonde sagte nach der ersten Stunde, sie müsse

Renée schon irgendwo einmal gesehen haben. Ihr Name sei Margit Roeren. –

Renée wußte nichts davon – sagte: „Vielleicht in der Tanzstunde oder auf

irgend einem Ball.“ – „Ich habe niemals Bälle und dergleichen

aufgesucht,“ antwortete Margit Roeren mit fühlbarer Ablehnung. –

Sie gingen eben am Ufer entlang, als sie sprachen, und Renée sah die

andre einen Augenblick an, sah, daß sie Trauer trug. – Margit Roeren

schien es zu bemerken. – „Ich habe seit fünf Jahren unablässig Trauer,“

sagte sie, „meine Brüder haben die Gewohnheit sich zu erschießen, einer

nach dem andern. – Hingegen ich werde zuverlässig von dieser Gewohnheit

abweichen.“ –

Renée kam ein unsympathisches und bedrückendes Gefühl, so ganz ohne

Grund eingeweiht zu werden in diese Geschehnisse – sie schwieg und

vermied es, die andere anzusehen. – Die frug gleichgültig: „Eigentlich

warum nehmen Sie teil an diesem lächerlichen Lateinkurs?“ –

„Ich weiß es in Wahrheit nicht. Ich glaube aus Langeweile,“ meinte

Renée. – Margit Roeren ereiferte sich: „Nicht wahr, ja gerade aus eben

diesem Grunde tue ich es auch. Aber ich finde, es ist noch langweiliger

als Langeweile.“ – „Man lernt so langsam,“ sagte Renée, „und man ärgert

sich so an sich selbst. Diese verflixten Deponentia! Ich werde sie mein

Leben lang als Passiva gebrauchen.“ – „Ach, es kommt noch ganz anders,“

sagte Margit Roeren, „wenn erst die Syntax losgeht.“ – „Sagen Sie, was

ist das eigentlich genau genommen?“ Die andere lachte: „Genau genommen

ist gut! Es ist so Satzlehre. Was für Casus die Wörter haben und ob mit

Conjunctiv oder ohne – solches Zeugs eben.“

Nach einer Pause – nun waren sie schon an der roten Brücke angelangt –

sagte Margit Roeren: „Ich habe eine Frage an Sie, übel nehmen tue ich

eine Abweisung nicht. Wollen Sie mit mir verkehren?“

„Ich will es gern.“ Margit Roeren lächelte auf einmal in einer sehr

scheuen Art, sie sagte: „Sie werden nachher doch nicht mehr mögen. Aber

– es freut mich sehr.“ Sie gab Renée die Hand und lief quer über das

Trottoir gerade noch vor einem Wagen hin. Renée sah sie in eins der

Häuser gehen. –

In einer der nächsten Lateinstunden lud sie Renée ein. Renée hatte erst

einen Kampf mit Papa. „Man geht nicht so ohne weiteres zu irgend welchen

unbekannten Damen,“ sagte er. „Sieh wenigstens mal im Adreßbuch nach.“ –

Margit war dort nicht aufzufinden, es gab auch keinen dazugehörigen

Vater noch Mutter. – „Immer diese obskuren Bekanntschaften,“ brummte

Papa. Aber dann ließ er Renée doch gehen.

Margit Roeren hatte ein weiches, seidnes Kleid an von der Farbe ihres

Haares. Sie brachte Renée in eine Ecke des Zimmers, wo bereits mehrere

Leute saßen, dann ging sie in die Mitte, und während nebenan die Musik

einsetzte – Harfe und Flöte – begann sie zu tanzen. – Sie hatte einen

schweren, goldenen Stab in der Hand, den sie mit wirbelnden Gesten um

den Kopf schwang. Sie stieß den Stab auf den Boden und sprang mit einem

katzenartigen Aufbäumen daran hoch – dann sank sie nieder mit einem

leisen Aufschrei –

Renée hatte eine instinktive Bewegung gemacht, um zu helfen – ein Mann

neben ihr legte mit warnendem Ernste die Hand auf ihren Arm. –

Margit sprang auf – in einem wilden Wirbel taumelte sie an die Wand –

dann sah sie um sich mit rasenden Augen – der goldne Stab lag in der

Mitte des Zimmers. –

Margit sprang vor, sie warf den Stab in die Luft und fing ihn wieder auf

ihren ausgestreckten Armen – sie warf ihn von neuem – fing ihn auf –

wieder – sie ließ sich niederfallen, sie fing ihn auf mit ihrem Körper –

sie seufzte, als er aufschlug. –

Die Leute neben Renée standen auf. Der Herr winkte ihr und deutete nach

nebenan. Dann schloß er die Türen. Kaum war das geschehen, so begann er

aufgeregt auf Renée einzureden: „Ist es nicht wundervoll, ist es nicht

offenbarend? Sie tanzt in Trance. Sie fühlt keinen Schmerz. Natürlich,

Sie haben das bemerkt. Es ist ein ganz außerordentlicher Fall von

Medialität – haben Sie das Hervortreten der Augen beobachtet und die

vergrößerten Pupillen?“ – Dann verbeugte er sich: „Sie verzeihen, ich

vergaß der Sitte nachzukommen. Ich heiße Tschernikoff, Dr. med., das

heißt, jetzt widme ich mich lediglich dem Studium okkultistischer

Phänomene. Dem übersinnlichen.“

Das Leben der Renée von Catte · 第 10 / 74 题