O, hier bleiben können – lange oder immer – wie schön und traurig war
das Wasser und der große Mond. –
Unten auf den Stufen, die ins Wasser führen, auf der dritten Stufe, die
der See überspült, wenn er unruhig ist, saß Renée. – O, der große Mond.
–
Renée mußte weinen; sie dachte nicht an ein bestimmtes Geschehnis – es
war nichts – es war vielleicht etwas, was kam. An wen dachte Renée? An
keinen Menschen – nur – wenn einmal eine süße und geliebte Stimme zu ihr
sprechen, wenn einmal eine Hand sehr sanft sie berühren würde, – o eine
sanfte Hand – daran dachte Renée. – –
Es war nach Mitternacht, als sie zurückkam. Viktor machte ihr auf. – Sie
hätten sich alle so gesorgt. Es sei aber auch unrecht von Renée, weil
Elisabeth sich doch in dieser Zeit nicht aufregen dürfe, wo denn Renée
nur gewesen sei? –
„In Groß-Gehren!“ – „Aber wir konnten doch mal hinfahren, wenn du
wolltest,“ sagte Viktor mit sanftem Vorwurf.
Renée hörte eine Woche lang alles geduldig an. Es war unpassend gewesen,
überspannt, lächerlich, sentimental. – Was sollte Johann denken, er
hatte natürlich gehört, daß Viktor Renée nachts hereinlassen mußte. –
„Ihr könnt ja Johann ins Vertrauen ziehn, vielleicht findet Johann es
auch überspannt,“ sagte Renée.
Elisabeth begann zu weinen. Man tröstete sie. Und Renée hörte Frau
Amélie von Horwitz leidenschaftlich versichern: „Deine liebe Schwester
hat es ja gar nicht so böse gemeint, Elisabethchen, nein, wirklich, sie
hat es ja völlig eingesehn.“ –
In der Umgegend gab es ein Kränzchen. Im Winter las das Kränzchen, im
Sommer spielte es Tennis. Es gehörten ihm die jungen Mädchen des Kreises
an. Aber Renée weigerte sich teilzunehmen. – Elisabeth sagte: „Viktor
ist der Ansicht, daß ein verheirateter Landrat die Pflicht hat, die
passenden Elemente des Kreises zusammenzuhalten. Ich habe das Kränzchen
zum Sonntag eingeladen. Natürlich muß ich mich momentan etwas
zurückhalten.“ fügte Elisabeth hinzu.
Elisabeth ging nur gegen Abend aus. Dann trug sie ein Cape von riesigen
Dimensionen. Sie genierte sich vor dem Diener, vor dem Kutscher, vor dem
Gärtner. –
Es muß ein fürchterlicher Zustand sein, dachte Renée. Elisabeth tat ihr
leid. Sie versuchte, ihrer Schwester gut zu werden. „Du mußt mehr
spazieren gehn,“ sagte Renée, „wir könnten jeden Morgen nach dem
königlichen Forst hinausfahren, und da könnten wir spazieren gehn, und
dann holt der Wagen uns mittags wieder ab.“ – „Ach, Renéechen, ich darf
doch momentan nicht fahren,“ antwortete Elisabeth kläglich. – „Aber dann
könnten wir zusammen in den Stadtforst gehn.“ – „Ach, ich sehe so aus,“
antwortete Elisabeth. „Da geniere ich mich doch.“ – Renée nahm ihre
Hand: „Gar nicht hast du dich zu genieren. Warum denn etwa? Es geht doch
alles natürlich zu in der Welt. Und bis jetzt wird es noch nicht als
Schande aufgefaßt, wenn eine Frau ein Kind bekommt, sollte ich meinen.“
– Elisabeth sagte: „Du redest so, Renée! Junge Mädchen sollten ...“
„Meinst du mal wieder, ‚junge Mädchen‘ müßten immer erst warten, bis ein
Mann kommt, sie zu verderben?“ – Renée lachte: „Denn das ist’s doch in
Wahrheit. ‚Unverdorben und mit Schmelz‘ und als ‚unbeschriebene Blätter‘
und so’n Quark sollen sie dem Mann überliefert werden, damit er sie um
so besser verderben kann.“ – „Du führst furchtbare Reden, Renée,“ sagte
Elisabeth.
„Ich begreife nicht, wie man Kinder bekommen mag, wenn man das Wissen um
die Geschehnisse ihres Ursprungs als ‚verdorben werden‘ bezeichnet.“ –
Elisabeth begann abzulenken: „Ich glaube, wir werden uns hierin doch nie
verständigen.“ –
„Nein – das glaub ich auch nicht.“ –
Frau Amélie von Horwitz trat ein. Sie rauschte in schwarzer Seide. Auf
den hügeligen Dimensionen ihrer Brust thronte eine Brosche aus
Amethysten sowie eine Kette aus schwarzen Jett-Perlen. –
„Marie wird heute abend eintreffen,“ sagte sie. „Mit dem Schnellzuge.“ –
Dann wandte sie sich zu Renée: „Meine Tochter ist allerdings älter als
Sie, Fräulein Renée, aber ich glaube, Sie werden dennoch Freude haben an
ihrem Hiersein. Meine Tochter ist nämlich Schriftstellerin. Sie hat
bereits einen sehr geachteten Namen in unserer Literatur gewonnen.“ –
„So?“ sagte Renée. – Frau von Horwitz setzte sich behaglich nieder:
„Ja,“ antwortete sie, „ihr erstes Buch ‚Aus Neuland‘ hatte sogar einen
sehr bedeutenden Erfolg – es ist der Frau Prinzessin Clementine
zugeeignet. –“ Renée bekam einen gelinden Schauder. –
Marie von Horwitz, die Schriftstellerin, war in bezug auf Dimensionen
das Ebenbild ihrer Mutter. Sie trug ebenfalls schwarze Seide. Am Morgen
nach ihrer Ankunft eröffnete sie mit Renée ein Gespräch, sie sagte: „Ich
hoffe, Sie werden noch recht lange bei unserer lieben Elisabeth bleiben!
Ich habe nämlich nur eine Woche Zeit. Ich werde bei Wedels in Schönau
erwartet. – Kennen Sie die Gräfin Wedel?“ – Renée verneinte das.
Es erfolgte nunmehr eine lange Erzählung über die Reize der Gräfin. Dann
kam eine Auseinandersetzung, wie Fräulein von Horwitz letzthin in Sankt
Moritz beim Ski verunglückte – dann zog sie einen Packen Bücher vor. „Es
sind Rezensionsexemplare,“ sagte sie, „ich bekomme deren zahllose. Es
gibt ja jetzt so viele Skandinavier und Deutsche, die es nachtun. Aber
ich kann ihnen die Palme des Sieges wirklich nicht zuerkennen. Diese
sogenannte Stimmungskunst ist so gänzlich ohne Saft und Kraft.“ –
„Was meinen Sie eigentlich mit ‚Saft und Kraft‘?“ Fräulein von Horwitz
sah indigniert auf: „Das ist doch nicht zweifelhaft. ^A propos^, kennen
Sie mein ‚Neuland‘? Da sage ich einmal: Stimmung ist Lässigkeit der
Psyche. Das möchte ich hier wiederholen.“ – –
„Meinen Sie das? Ja nun. Vielleicht ist Stimmung vielmehr Subtilität der
Psyche,“ antwortete Renée. Fräulein von Horwitz verneinte das.
„Keineswegs! Dies ganze Getue entspringt nur der Schwäche,“ sagte sie
kategorisch. „Durch die Produktion unserer Jüngeren geht dies ewige
Resignieren. Erst stellen sie in lächerlich maßloser Weise Forderungen
auf. Dann fallen sie mitsamt ihren Forderungen.“ –
„Das ist gerade das Großartige, das Umfallen _mit_ den Forderungen, mit
den unerfüllten.“ –
„Ich kann es durchaus nicht großartig finden, wenn ein Mensch nicht
imstande ist, mit der Umwelt ins reine zu kommen,“ sagte Fräulein von
Horwitz.
„Kein großer Mensch kann das!“ –
„Und warum etwa?“ frug die Horwitz herausfordernd. Renée sagte: „Das
Große ist ungewöhnlich, nicht wahr? Und die Umwelt ist gewöhnlich. Ich
denke, – die Antwort wäre einfach.“ –
Frau von Horwitz erschien. – „Ah, eine interessante Unterhaltung. Nun,
Fräulein Renée?“ – Marie von Horwitz lächelte überlegen. Sie zog eins
der Bücher hervor: „Sehen Sie, Fräulein von Catte, diese Anthologie
bietet die beste Möglichkeit der Beweisführung,“ sie gab Renée das
aufgeschlagene Buch. „Nun,“ sagte sie triumphierend, „sehen Sie hier
eine Vertreterin dieser berühmten Stimmungskunst. –“
Am Ende eines Gedichts las Renée:
‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder,
Treibst mich nach jenem Land, wo keiner frägt,
Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder
Zu seinem Ursprung trägt. –
Fern, wo der Tag sich hebt, verhallen deine Lieder.‘ –
Wie gut und sanft diese Worte sie berührten. – „Wer ist es, der dies
geschrieben hat, wer ist es?“
„Yvonne Capeller. Eben eine dieser Allzujungen,“ sagte Fräulein von
Horwitz gereizt, „die immer bereits mit zwanzig Jahren mit der Welt
abgeschlossen haben. Ich schätze ihre Produktion sehr wenig. – Aber
natürlich hat auch sie ihre Bewunderer gefunden.“ –
„Das begreife ich durchaus,“ sagte Renée.
Sie ging in ihr Zimmer. Sie mochte nicht mehr reden. Sie sprach die
schönen Worte vor sich hin und dachte: daß ein Mensch so süße, traurige
Dinge sagen kann, so süße, süße Worte. –
– – Die Schriftstellerin schien keine Neigung mehr zu haben zu
Gesprächen mit Renée. Sie gab ihrem steifen, geraden Oberkörper einen
Ruck, wenn sie Renée erblickte, und ihre dumpf gurgelnde Stimme sprang
über in ein giftiges Flöten, wenn sie etwas zu Renée sagte. –
Indessen war es schon lange Mai geworden. Papa war in Groß-Gehren, und
jeden Abend ging Renée zum Kanal, wo die großen Kähne durchgeschleust
wurden, und sah zu und sehnte sich mitzufahren – und immer, wenn sie das
weich bewegte Wasser sah am Abend, auf dem die Lichter der Laternen
flackerten – immer wenn sie das sah, die Dunkelheit des Wassers und
darüber Lichter, dann dachte sie an die süßen, traurigen Worte des
Gedichts. –
Als die Zeit näher rückte, wo nach allgemeiner Annahme das Kind kommen
sollte, ging Renée nach Groß-Gehren zurück. – Papa hatte sich noch mehr
an das Alleinsein gewöhnt als zuvor. Abends saß er auf der Veranda und
summte Töne vor sich hin, deren Zusammenhang Renée nicht finden konnte.
Einmal saß sie an dem offenen Fenster ihres Zimmers und hörte vom Wasser
her das altgewohnte Quaken der Frösche und fühlte einen süßen Geruch,
der wohl aus den Beeten kommen mußte, wo die Levkojen standen und die
Verbenen – einmal dachte sie an ihren Bruder – so lange hatte sie ihn
vergessen. Was tat er wohl – sie brachte ihre Gedanken mit Mühe hinein
in das letzte Erlebnis mit Sarah – was tut er wohl jetzt? –
Sonderbar, wie das Lärmen der Frösche seine Melodie hatte, sein Auf und
Ab. Es gab eine haltlose Traurigkeit, dem zuzuhören, eine Last auf der
Seele – etwas, das immer wieder da sein würde, wo man den Ton auch
hörte. –
‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder.‘ – Gibt es denn dies, sich
in Worte verlieben – in ihren Zusammenklang, in ihren Sinn – oder eine
Vorstellung lieben. –
‚Das Unerfüllte wieder zu seinem Ursprung trägt.‘ – O ja, man konnte
Worte lieben. –
Es war ein ‚gesunder Junge‘ geboren. Er war prädestiniert für den Namen
‚Wilhelm‘. „Viktor verehrt unsern geliebten Kaiser so, weißt du,“ sagte
Elisabeth. – Er war prädestiniert als Stolz der Familie. Er sollte in
Groß-Gehren getauft werden. Und natürlich mußte Hannsbabo zu der Feier
kommen. –
Hannsbabo – sonderbar verändert war er. Er hielt sich fern von Renée.
Sarah war nicht mitgekommen. Er stand immer still auf einem Fleck – und
dann mischte er sich plötzlich aufgeregt in irgend eine Unterhaltung,
die man um ihn her führte – er aß in einer hastigen und gedankenlosen
Weise. –
Renée ging zu ihm. Es war des Abends, das Essen vorüber und die Gäste
fortgefahren. Hannsbabo saß an seinem Schreibtisch. – „Hannsbabo, warum
vermeidest du es, mit mir zu sprechen? Siehst du, ich komme trotzdem.
Ich dränge mich an dich heran. Ich lasse mich nicht fortschieben. Sage
mir, was du hast, Hannsbabo! Ist es das Alte?“
Er sprang hastig auf – und er schob den Schreibtischsessel mit einem
plötzlichen Ruck zwischen sich und Renée – „Laß mich,“ sagte er. Er war
aufgeregt, er schüttelte den Stuhl auf und nieder in seiner Hand. – „Was
hast du damals gesprochen mit Sarah? Ich habe vom Diener erfahren, daß
du bei ihr warst. Was hast du dort getan, als du da warst am zehnten
April?“ – „Am zehnten April?“ – „Ja, nicht wahr, du weißt es gar nicht
mehr. Aber ich, o ich weiß es. –“
Er stampfte in gleichmäßigen Stößen mit dem Stuhl auf die Erde. – „Du
sagst es mir. Du – Sarah will es nicht sagen. Kann ich sie etwa zwingen?
Oh nein. Ich könnte nicht einen Finger ihrer Hand anrühren, um ihr
wehzutun. Nein, leider nicht. – Also sie will es nicht sagen. Ich mußte
versprechen, dich nicht zu fragen – siehst du – aber ich frage dich nun“
– seine Stimme sprang über in ein zorniges Gurgeln – „nun – sag es, du –
du kommst nicht aus dem Zimmer ohne das“ – –
Hannsbabo warf den Stuhl beiseite. Renée fühlte seine Finger um ihre
Handgelenke. – Sie fühlte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie
riß ihre Arme zurück. –
Hannsbabo setzte sich langsam wieder an seinen Schreibtisch. Er warf mit
einer stürmischen Bewegung die Arme auf den Tisch und legte den Kopf
hinein – so sprach er, schnell mit langen Pausen – und wieder schnell,
als ob es drängte zu irgend einem vorbestimmtem letzten Ende:
„Nachdem du damals dagewesen bist, hat Sarah mir gesagt, sie wolle mit
mir ein paar Tage verreisen. Sie ist sofort mit mir zum Kommandeur
gefahren wegen des Urlaubs. Dann sind wir gereist. Ich weiß nicht mehr,
wo wir alles waren. Irgendwo in Italien. Es wird wohl Venedig gewesen
sein. Ich merkte viel Buntes und Musik und Kauderwelsch um mich herum. –
Wir sind jede Nacht auf dem Meer gefahren viele Stunden, und dann habe
ich sie geküßt die ganzen Stunden aller Nächte. O, ich bin so sonderbar
erfüllt davon – wie fein und weiß, wie schmal und süß sind die Gelenke
ihrer Hände – o, ich fühle sie in meiner Hand, diese feinen, weißen
Säulen. Sie ist leicht – leicht, als ob der Wind sie trüge oder die
Luft, denn meine Arme spürten sie kaum, spürten keine Last, spürten nur
die Kühle ihrer Haut und das leise, leise Rieseln, mit dem ihr kühles
Blut durch die Adern geht unter der Haut.“
Renée ging zu ihm und rührte seine Schultern an. „Sprich nicht weiter,“
sagte sie. Er hob den Kopf. Renée sah sein Gesicht, sein blasses,
lächelndes Gesicht. –
Später sagte Hannsbabo: „Ich habe laut geträumt.“ Sie sprachen wenig
mehr zusammen, Renée und ihr Bruder. – Er frug sie nicht mehr. –
Dieses unausstehliche Baby. Es kam in Eile zu Besuch nach Groß-Gehren,
weil es in der Stadt zu heiß wurde. Es mußte eine Kuh trocken gestellt
werden für das Baby. –
Bill, das Baby, hatte dünnes, rotes Haar und wasserblaue Augen. Es war
ein kleines Scheusal. Trotzdem standen alle umher und bewunderten es, es
wurde bewundert bis zu den fetten Spitzen seiner krebsroten Finger.
Auch Elisabeth war in Groß-Gehren. Renée konnte ihrer Zeit nicht Herr
werden. Immer gab es etwas zu tun für Elisabeth oder für das Baby. – Das
Baby hatte eine Kinderfrau. Jeden Abend um sieben Uhr rief die
Kinderfrau nach Renée. Dann ging sie essen. Dann durfte Renée Bills
Schlaf bewachen. Es sollte eine halbe Stunde sein, es wurde aber meist
eine Stunde und länger. Dann saß Renée in dem kleinen Vorzimmer, das
früh dämmrig wurde, weil die großen Linden davor standen, saß und hörte
die Knechte nach Feierabend in den Hof reiten – dann pumpten sie Wasser
für die Pferde und schwatzten noch, und zuletzt gingen sie pfeifend über
den Hof nach Haus. Um neun Uhr machte der Hofmeister das Tor zu. –
Sonderbar – immer stiller wurde das Leben, je tiefer man hineinging in
die Zeit. Unbemerkt lösten sich liebgewordene Dinge von der Seele. Sie
ließen diese Seele in schmerzlichem Entbehren zurück. –
Es muß einen Menschen geben, ein Lebendiges, der mir den Sinn meines
Daseins gibt – dachte Renée. Ich muß während meines Lebens in einem
beliebigen Augenblick mit diesem anderen Menschen zusammentreffen, und
er und ich müssen die Notwendigkeit, das Absolut-zu-fordernde dieses
Zusamentreffens wissen oder wissen lernen. Garnicht sofort, gar nicht
diese romanhafte Liebe ‚auf den ersten Blick‘ muß es sein. – Renée
dachte: Wie kann so etwas geschehen? Natürlich – es ist nicht gebunden
an Ort und Zeit – vielleicht könnte es sogar geschehn durch ein
Hörensagen von den Handlungen oder den Worten oder dem Fühlen des andern
Menschen. Und dies, wenn es auch irgend ein gleichgültiger Mund
ausspräche, dieses könnte dann das Bewußtwerden sein, das
Zusammenströmen – – –
Wie nutzlos und ganz gleichgültig war alles, was man tat – ob Renée las
oder schrieb, ob sie froh war oder traurig – wer frug danach? – Es war
ja dieselbe verlorne Einsamkeit, in der sie lebte, wie damals, als sie
ein Kind war. – Nur kam doch damals manchmal Hannsbabo. – Warum war
Hannsbabo ihr fremd geworden?
Renée dachte: Ich fühle, daß er sich ganz umgeben hat mit einer Abwehr
des Gefühls – er will nicht mehr davon sprechen – oder er spricht davon
in einer wilden, aufgeregten Art, und jedes Wort, das er sagt, entfernt
ihn von mir. –
Renée frug bei der Buchhandlung an, ob es denn gar kein Buch gäbe von
Yvonne Capeller. Aber es gab keins. Sie wußten nichts von ihr.
Und Renée hatte nur dies eine Gedicht. Dies, das so schön war, daß man
sehnsüchtig wurde, wenn man es vor sich hinsprach – das so betörend
schön war.
Renée dachte: Nun ist es geschehn. Durch ein Hörensagen, ist
ausgesprochen von irgend einem gleichgültigen Mund – ist ausgesprochen.
–
„Was soll denn das vorstellen?“ sagte Papa, „warum willst du denn
absagen bei Arnims?“ – Er hielt den Brief: ‚Renée von Catte dankt
verbindlichst und bedauert lebhaft‘ ... drohend in der Hand. – „Ich mag
nicht mehr auf Bälle laufen,“ sagte Renée. – „Wieso?“ – „Ich langweile
mich so gräßlich dabei.“ – „Unsinn.“ Papa warf den Brief zornig vor
Renée auf die Tischplatte. „Ich wünsche, daß du hingehst.“
„Aber Papa, du kannst doch nicht verlangen, daß ich hinlaufe und mich
stundenlang langweile, es kann dir doch ganz egal sein.“ Papa erklärte,
es sei ihm durchaus nicht egal. Keineswegs. Es sei einmal Usus so. Und
sonst gäbe es ein Gerede, und die Leute wunderten sich. –
Diesmal wollte Renée durchaus nicht nachgeben. Sie sagte: „Ich gehe
überhaupt nicht aus diesen Winter.“ – Papa schien bedeutend zu
erstaunen. – „Ja, was willst du denn anfangen den ganzen Winter?“ – Gott
sei Dank, nun war es soweit. Nun kam das Positive. Das Positive
verteidigt sich viel leichter als das Negative. – „Ich will Vorträge
hören.“ – „Vorträge, wo denn? Du willst doch nicht unter die Studenten
gehn? Blödsinn.“ – Papa schien sehr aufgebracht. – Renée spielte den
Trumpf aus: „Ach wo, Papa. Es ist nur für Damen im Viktoria-Lyceum.“ –
„Was ist denn das?“ frug Papa. Renées letzter Trumpf besiegte sein
Mißtrauen völlig: „Es ist doch unter dem Protektorat der Kaiserin,“
sagte Renée. „Exzellenz von Kleist ist auch immer da mit ihrer Tochter.“
– „So. Na meinetwegen,“ sagte Papa. Er wandte sich seiner Arbeit wieder
zu. –
Renée suchte sich Vorträge aus. Sie nahm einen über die ‚Entstehung des
Menschen‘, einen kunstgeschichtlichen und einen über ‚Sokrates‘. – Das
Glück wollte, daß der ‚Sokrates‘ zuerst an die Reihe kam. Renée hatte
sich’s nicht einmal so schön gedacht. Der alte Herr mit den sicheren,
klugen Augen, in die ein sonderbares Flackern kam, während er sprach,
der alte Herr mit dem edel geformten Mund sagte seine Dinge mit dem Ton
leidenschaftlichen Begreifens. Er sprach von den letzten Stunden des
Sokrates, von dieser ruhigen, lächelnden Gebärde, mit der Sokrates
gestorben sei.
Er sprach wie von einem Freund, dem einzigen, geliebtesten Freund – und
dann fing auch Renée an, den Sokrates zu lieben. Ob man nicht die
Sprache lernen könnte; wenn es nur nicht so fürchterlich schwer wäre.