Sie gingen zurück, während es schon ganz dunkel war. –

Renée hatte den Menschen neben sich lieb. Sie fühlte seine Anwesenheit

als etwas Warmes und Freundliches. Sie wollte ihm so gern Gutes tun. Sie

wollte ihm so gern die Einsamkeit verstellen.

„Ich möchte mit Ihnen Freund sein,“ sagte sie. Er stand neben ihr still

und lächelte. –

„Es ist Ihr großes, warmes Herz, eben das Herz, das ich so gern besessen

hätte. – – Sie sollen wissen, daß ich für Sie immer da sein werde,

Fräulein von Catte. Und ich darf Ihnen eine Bitte sagen: lassen Sie dies

zwischen uns allein geschehen sein und – bitte lassen Sie es bleiben

zwischen uns, wie es war.“ –

Renée nickte. Sie gingen zusammen in das Haus zurück.

Papa und Renée saßen im Wagen. Der Wagen stand in einer langen Reihe von

Wagen vorm Schloßportal, stand und rückte und rührte sich nicht. Alle

fünf Minuten ruckte es ein klein wenig, dann fuhr man zwei Meter weiter.

Die Wagenreihe stand bis über die Schloßbrücke.

„Selbstverständlich muß man entweder ganz früh oder ganz spät fahren,“

sagte Papa geärgert. – „Ich wollte ja noch warten, aber du riefst doch.“

– Papa sagte: „Nun ja, eben immer diese Bummelei.“ –

Ein Polizeioffizier lief zeternd vorüber. Man stand eine Viertelstunde,

eine halbe Stunde – Papa riß die Wagentür auf. –

„Könntest du wohl die paar Schritte hinüber zu Fuß gehen?“ frug er

zweifelnd. – Renée raffte kurz entschlossen die Kleider zusammen – wie

ein Storch kam sie sich vor, als sie mit langen rosa Strumpfbeinen

herausstieg. Vierzig Wagen vor ihnen und ebensoviel dahinter – sogar die

Ministerwagen mit den Vorreitern stoppten. –

Eilig stieg Renée die Treppe hinauf. Auf den Treppenabsätzen stauten

sich die Damen vor den Spiegeln.

Ein unbestimmtes Drängen hinter ihr schob Renée vorwärts. Dann stand sie

im Weißen Saal ganz allein in dem schimmernden Gewoge.

Es war, als gingen weiche Luftwellen an den weißen Riesenwänden empor

und fingen sich oben in den goldenen Ornamenten. –

Dann kam der Kaiser – er trug die Uniform von Hannsbabos Regiment, und

er grüßte zu denen im Saal, und die Kaiserin, die er am Arm führte,

senkte langsam und würdevoll den Kopf mit dem schönen, weißen Haar. Sehr

viel Glanz war um sie von den Krondiamanten.

Jemand hinter Renée flüsterte: „Sie sind ja ganz versunken!“ Es war Hedi

Bassewitz. Sie stand mit drei andern hinter Renée. Eine von denen gefiel

Renée. Sie hatte ein blaues Kleid an, das ganz eng anschloß und über und

über mit glänzenden Schuppen benäht war. Ihre Augen waren blau.

„Jetzt ist die Kaiserin gleich durch,“ sagte die Bassewitz, „sie macht

viel fixer als der Kaiser.“ Die in dem Schuppenkleid lächelte Renée zu.

„Sie waren wohl noch nicht hier?“ sagte sie. „Nein, nur bei der Cour.“ –

Die Bassewitz erzählte, daß rechts die Botschafterinnen säßen und links

vom Beschauer die Fürstinnen und hinten die Exzellenzendamen; daß kein

Sterblicher tanzen dürfte, wenn etwas Prinzliches tanzte und daß, wer

Walzer tanzte, rausgeworfen wird. „Nur Galopp ist erlaubt.“ –

„Aber sie machen doch Walzermusik,“ sagte Renée. – Die Bassewitz stieß

ein überlegenes Prusten aus. „Man muß sich eben die Ohren zuhalten und

einfach irgendwie herumspringen,“ antwortete sie.

Gerade als die Musik einsetzte, kam Hannsbabo und stellte Renée fünf

Offiziere vor, und die engagierten Renée für alle Tänze. Es war doch

nett von Hannsbabo. Sie verabredeten alle fünf das Zusammentreffen auf

dem großen Parkettstern in der Mitte vor dem Thron. –

Hannsbabo wollte Renée zur Gavotte. „Du siehst blaß aus, Hannsbabo.“ Er

lächelte. – „Nein, nein, das macht mein roter Rock und dann das

Ausgehen. Das ermüdet etwas.“ –

Nachher ging Renée zu Sarah. Sarah sah schön aus. Sie hatte ein breites

Diadem, Renée dachte: wie eine Städtekrone mit lauter Zinnen. Sie sagte:

„Darf ich dir etwas sagen, Sarah?“ Sarah nickte abwesend. – „Hannsbabo

muß nicht so viel auf Gesellschaften gehen, er sieht blaß aus.“ Die

Schwägerin sah an ihr vorüber. „O, Hannsbabo ist ^all right^,“ sagte

sie. „Er wünscht immer, daß ich auf Bälle gehe, und er geht eben mit. Er

tut es ganz gern. Du brauchst gar nicht Sorge zu haben.“ –

Die mit dem Schuppenkleid kam auf Renée zu. „Ihr Bruder sieht schlecht

aus, Fräulein von Catte,“ sagte sie, „Sie müssen mehr auf ihn achten,“

und dann strich sie wie aus Versehn an Renées Hand vorüber, sah nach dem

Thron, als ob sie dort etwas zeigte, und sagte leise mit abgewandtem

Gesicht: „Diese Amerikanerinnen verstehen so wenig von Menschen. Sie

sind nicht gewohnt darauf zu achten. Sie haben ihn doch lieb. Ich

fürchte um ihn – fragen Sie mich nichts und sprechen Sie nicht darüber –

bitte“ – –

Von hinten wurde Renée zur Seite geschoben. Sie sah in das indignierte

Gesicht der Palastdame von Gagern. „Ihre Majestät kommt.“ – „Sie hätten

fast die Kaiserin umgelaufen,“ hauchte ein Kammerjunker. – Renée

erschrak – die Kaiserin ging durch die gebahnte Gasse grüßend vorüber. –

„Höchstens hätte sie _mich_ umgelaufen,“ murmelte Renée ingrimmig. – Die

mit ihr gesprochen hatte, war fortgegangen. – Später erfuhr Renée, daß

es die Gräfin Gisczyska gewesen war, die Frau eines österreichischen

Attaché. –

Während der Gavotte beobachtete Renée immer ihren Bruder, und darum

merkte sie es gar nicht, wie er kein Wort sprach, und sie kümmerte sich

nicht darum, daß sie beide die Kürassierkolonne zweimal fast in

Verwirrung brachten. – Wie mechanisch und ungewohnt er den Tanz

ausführte. Mit so meilenweit fernen Gedanken.

„Kleiner Bub, warum siehst du mich so an?“ –

„Du bist nicht wie sonst, Hannsbabo.“ – „Du auch nicht. Du siehst heute

besonders lieb und schön aus,“ sagte er. –

Renée hielt einen kleinen Augenblick seine Hand fest beim Vorübergehen.

– „Hannsbabo, willst du mir’s nicht sagen? Oder – sei mir nicht böse –

darf ich nicht einmal davon reden mit Sarah?“ – „Nein,“ sagte er,

„nicht! Was soll ich mit irgend einem jämmerlichen Produkt deiner

Ermahnungen? Was hilft es, wenn Sarah – o nein, so nicht, Renée.“ – –

Renée wollte so gern Herrn von Schoenburg fragen. Aber der war so

einsilbig, und immer, wenn Renée sich umsah, stand er hinter ihr und

sah, den Kopf gesenkt, vorwurfsvoll zu ihr auf. Als Renée ging, sagte

er: „Warum haben Sie nicht mit mir soupiert, Fräulein von Catte?“ – „Sie

haben mich doch gar nicht gefragt.“ – „Aber Sie wissen das doch ganz

gut,“ sagte Schoenburg. Dann begleitete er Renée zur Teufelstreppe, wo

Papa auf sie wartete. Er ging auch mit herunter. Unten nahm er dem

Diener Renées Cape ab und legte es ihr um. Und er sagte ganz leise:

„Kommen Sie gut heim.“ –

Alle Tage ging Renée nun mit der Angst um Hannsbabo und war sehr allein

damit. – In den feuchten Vorfrühlingsabenden machte der Dunst von

draußen die Zimmer früher dunkel, und wenn man die Fenster öffnete, kam

ein scharfer Geruch von Rauch mit der Luft herein. Über den Seen im

Tiergarten war den ganzen Tag eine dünne Schicht von Dampf. Es gab auch

noch Frost in den Nächten, und die zu bunten Blumen am Luisendenkmal

standen verfroren und fremdartig in der kühlen Märzluft.

Renée ging in diesen Tagen viel herum im Tiergarten, und manchmal saß

sie lange auf einer Bank und dachte, was man tun könnte für Hannsbabo.

Sollte sie nicht mit Papa sprechen? Würde er denn helfen können? –

Vielleicht gingen Hannsbabo und Sarah ein wenig auf Reisen. Vielleicht

konnte der Wechsel der äußeren Umstände ihm helfen. – Dann wieder wußte

Renée ganz gut, das alles half nichts. Es waren alles nur ohnmächtige

und sinnlose Gedanken, die niemals das finden konnten, was einzig half.

–

Am Sonntag bekam Renée einen Brief. Ein kleiner, grüner Brief war es mit

einer fremden Handschrift. Die Unterschrift hieß: Marie Gisczyska. Renée

las: Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen und mit mir den Tee

nehmen. Ich habe viel mit Ihnen zu denken. –

Dann war es auf einmal eine so große Hilfe für Renée, daß diese ganz

fremde Dame mit ihr sprechen wollte von Hannsbabo.

Den Sonntag kam ein Vetter aus dem Kadettenkorps und Viktor natürlich.

Und nach dem Essen sagte Papa, nun könnte Renée den Vetter unterhalten,

und sie könnte ja auch ein bißchen mit ihm spazieren gehn. „Ich kann

doch den langweiligen Jungen nicht den ganzen Tag unterhalten, Papa,“

sagte Renée, „außerdem langweilen wir beide uns dabei. Außerdem bin ich

eingeladen zum Tee bei der Gräfin Gisczyska.“

Papa sah erstaunt auf: „So, wie kommst du denn dazu?“ Renée antwortete:

„Ich habe sie auf dem Hofball kennen gelernt.“ – „So, na,“ sagte Papa.

„Also wann soll denn da die Reise losgehen?“ „Um halb fünf, dachte ich.“

– „Ja – soll denn etwa ich den Bengel unterhalten?“ sagte Papa

ärgerlich. „Ach Papa – ich tät ihm einen Taler schenken für den Zirkus,“

meinte Renée; „zum Abendessen bin ich dann schon wieder da!“

Papa lachte. Dann zog er zwei runde Taler aus seinem großen, dunkelroten

Portemonnaie: „Da sollst du auch einen haben für deinen Edelmut,“ sagte

er. –

Renée nahm ein Auto. Erstens hatte sie ja einen Taler bekommen für

nichts und wieder nichts, und zweitens wollte sie recht bald da sein.

Dieses Auto raste mit besessener Geschwindigkeit die Hofjägerallee und

Charlottenburger Chaussee entlang und bog mit einem fürchterlichen Ruck

links ein. Es hielt in der Roonstraße.

Gräfin Gisczyska kam Renée entgegen. Sie führte Renée an der Hand herein

und dankte ihr für ihr Kommen und bat um Entschuldigung, daß sie so von

heut auf morgen ... „Ja, ist jetzt das eine aufdringliche Person, haben

S’ gedacht – gellns,“ sagte sie lachend. – „Aber nicht doch. Ich freue

mich so sehr, mit Ihnen sprechen zu dürfen, Gräfin, man kann es nicht

alles allein bedenken.“ – „Ja, nicht wahr?“ Gräfin Gisczyska sprang auf

und drückte Renée die Hand. – „Aber nun hab ich das Gefühl, daß ich

Ihnen erst mal erklären soll, warum eigentlich ich Sie so ^sans façon^

zu mir bat und was mir das Recht gibt, von Ihrem Bruder – darf ich

sagen, von Hannsbabo – zu sprechen. – Also wir, das heißt mein Mann und

ich, waren eine Zeitlang mit Ihrem Bruder in Washington zusammen. Als er

zuerst dort war, fühlte er sich natürlich etwas allein, und da mein Mann

ihm sympathisch war, so kam er oft zu uns. Da war es, daß ich Ihren

Bruder sehr lieb gewann. Wenn er gewollt hätte, – ich wäre mit ihm

gegangen auf und davon.“ –

Gräfin Gisczyska lehnte den Kopf ganz weit zurück auf das harte Holz

ihres geschnitzten Stuhles – dann sprang sie auf mit einer heftigen

Bewegung. – „O, _ich_ hätte es gewollt!“ –

Renée schwieg und sah in das blaue Feuer, das die Gräfin entzündete.

Dann bekam Renée den Tee aus einer kleinen, feinen Tasse.

„Wenn ich zu Ihnen offen sprechen darf,“ sagte die Gräfin, „so will ich

Ihnen sagen, wie es ist mit Ihrem Bruder. Er liebt die Frau. Aber sie

ist nicht eine Frau. Nein, keineswegs. Sie ist ein Geschöpf aus einer

schönen Materie, aber von innerlichster Kälte, ohne jede Sensibilität,

ohne jedes Begreifen von den Dingen des Gefühls. Sie ist – nun etwas,

das man in der Literatur der achtziger Jahre ‚Larve‘ zu nennen pflegte

oder ‚Nixe‘ – was weiß ich.“ –

Renée sagte: „Ein Mensch wählt diese Ausdrucksform, ein anderer jene. Es

ist nicht immer herzlos, was anders ist als wir, Gräfin.“ –

„Ich merke, Ihre Schwägerin hat es verstanden, die ganze Familie Catte

einzustecken. – Ja, darum gerade reden wir doch zusammen, weil wir

sehen, daß ein Mann, der uns beiden lieb ist, an ihr leidet! Ich muß

Ihnen etwas von der Verlobung erzählen. Gar nicht viel, nur etwas

Charakteristisches: Einer ihrer Vettern – sie hat deren ein Dutzend –

sagte mir: ‚Sarah will leider keinen von uns heiraten, weil wir sie alle

lieben, sagt sie, und weil sie einen Widerwillen bekommt gegen Menschen,

die sie lieben. Sie sagt: ein Mann, der eine Frau liebt, spricht immer

so heiser, er ist wie ein widerlicher Kater‘.“ –

Renée mußte lachen: „Finden Sie das so herzlos? Es ist doch nur

lächerlich. Es ist, daß eine Frau immer die Abwehr hat gegen den Mann

als Typus. Aber dann rechnet sie ihren Mann nachher nicht in diesen

Typus hinein –“

„Sie sagen zwar sehr kluge Dinge für Ihre Jugend,“ antwortete Gräfin

Gisczyska, „aber leider hat Sarah dies gesagt, als sie bereits verlobt

war. Und ich würde denken, daß eben aus dieser Tatsache heraus alles,

was dort geschieht, begreiflich wird. Ihre Schwägerin gehört zu den

Menschen, die suchen, wenn der andere zurückweicht, und zurückweichen,

wenn der andere sie sucht. Und Hannsbabo sucht sie sehr eindringlich

eben.“ – „Ja.“ – Die Gräfin sprach weiter: „Und eben wenn diese Frau

weiß, daß da einer ist, der zu ihr hinstrebt, dann lockt sie ihn ein

wenig an, um ihn im nächsten Augenblick mit kühlem Erstaunen

zurückzustoßen. – Und immer wieder das gleiche. Und ein Mensch geht

zugrunde daran, ein lieber, schöner, stolzer Mensch. – O, es ist ein

widerliches, zynisches Spiel.“

„Das – das glauben Sie?“ – Gräfin Gisczyska nahm Renées Hand. – „Es ist

so,“ sagte sie, „erschrecken Sie nicht so, kleine Renée, es ist so. Ich

habe es gesehn.“ –

Beide schwiegen. Die blaue Flamme unter dem Kessel breitete sich aus,

und das Wasser kam in ein leises, gleichmäßiges Surren. –

Renée frug: „Wie haben Sie das gesehn?“ – Gräfin Gisczyska schwieg;

einen Augenblick sah sie Renée an. –

„Erinnern Sie sich an den Ball bei Ihrem Bruder?“ fragte sie. – – „Sahen

Sie, wie die beiden tanzten? Sahen Sie das Gesicht seiner Frau? Ah – ich

sah es. Die widerliche, rohe Sensationslust ihres Gesichts. Niemand hat

etwas gesehn. Nein. Nur ich. Ich sah, wie die Blässe ihm ins Gesicht

stieg, ganz weiß war sein Gesicht, und dann begann er zu zittern, und

dann bebte dieser große, starke Mensch – und eben in diesem Augenblick

ließ sie seine Hand los und sah ihn an. Haben Sie das gesehn?“ –

„Wie – wie denn sah sie ihn an?“ frug Renée. „So, als wäre er ein

Widerwillen, ein Unflat, ein häßliches und verächtliches Tier in ihrem

Weg.“ –

Renée wandte ihr Gesicht weg. Sie stand auf und ging zum Fenster. Da war

ein Gefühl brennender Scham in ihr, daß man so reden durfte von ihrem

Bruder. –

„Mögen Sie nicht einmal sprechen mit Ihrer Schwägerin?“ sagte Gräfin

Gisczyska.

„Mein Bruder will es nicht.“ –

Die Gräfin fuhr auf: „Inwiefern? Hat er seine Frau durchschaut? Hat er

...“

Da auf einmal hatte Renée einen Widerwillen gegen dies Gespräch; sie

mochte nicht mehr. Eben als sie überlegte, ob sie noch antworten sollte,

kam der Diener herein, er meldete den Prinzen Johann. – Renée

verabschiedete sich eilig. –

„Sie müssen bald wiederkommen, vielleicht morgen,“ rief die Gräfin ihr

nach.

Renée ging durch den Tiergarten nach Hause. Und immer wieder stieg ihr

das Gefühl des Widerwillens auf auch gegen sich selbst. Es war, als

hätte sie Hannsbabo etwas Böses getan.

Sie sprach auch nicht mit Papa. Es schien ihr, als dürfe man überhaupt

nicht davon sprechen. –

Einmal aber – es war gegen den Frühling – einmal faßte Renée sich ein

Herz. Sie ging zu Hannsbabo, als Sarah gerade fort war. Und sie setzte

sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie sah ihm in die Augen:

„Hannsbabo,“ sagte sie, „ich weiß es, du bist sehr unglücklich, und nun

sagst du mir nichts, und ich kann dir nicht helfen. Du bist immer sehr

gut gewesen zu mir, gar nicht wie ein gewöhnlicher Bruder, vielmehr wie

ein Freund. Früher hattest du Vertrauen zu mir, du hast mir viel von dir

gesagt, obwohl ich noch ein Kind war, und nun –“

Hannsbabo schwieg lange. Renée sah dem Zeiger der Uhr nach, die am

Spiegel stand auf zwei schlanken Säulchen von Alabaster – manchmal sah

Renée zu ihm herüber. Sie hielt noch seine Hand. „Es ist ja nicht so

leicht, davon zu sprechen,“ sagte Hannsbabo dann. „Sie meint es nicht

schlecht, sie hat mich sogar ein wenig lieb, glaube ich, aber siehst du,

das ist nichts, was das Einsamkeitsgefühl nähme. Im Gegenteil. Und dabei

weiß ich, _sie_ ist der Mensch, mit dem ich hätte heimisch werden können

auf der Erde. –“

Renée kamen die Tränen in die Augen von dem Gefühl des

Nicht-helfen-könnens. – Er nahm nun ihre Hand und legte sein Gesicht

hinein. Renée zog ihn an sich – sie saßen still beieinander. –

„Ich mag nicht mehr leben,“ sagte Hannsbabo. Renée weinte. Ihr Bruder

hob sein Gesicht zu ihr auf, und sie hörte ihn sanft sprechen. – „Weine

nicht, mein kleiner Bub Renée – weine nicht!“ –

Was konnte Renée tun? Sie hätte ihn nehmen mögen, ihren Bruder, und mit

ihm fortgehn. Weit fort. Vielleicht nach Italien – vielleicht war da die

weiche, süße Luft, die er brauchte. „Ich bin zu müde,“ sagte Hannsbabo,

„das Reisen macht so viel Beschwerde.“ –

Renée sprach mit Sarah. Sie tat es gegen alles eigene Gefühl, sie tat es

gegen Hannsbabos ausgesprochenen Willen. Sie tat es gedrängt von ihrer

Liebe für ihn.

Sie sagte: „Was ich tue, Sarah, was ich dir jetzt sage, das mußt du so

gut und so fein und so schön aufnehmen, wie du kannst – du mußt weich

und gut sein, damit ich an dich heran kann mit meinen Worten.“ – –

„O,“ sagte Sarah, „was ist es, was für eine lange Vorrede, ^darling^ –“

Renée fühlte so, als käme ein Strom von Glut ihr den Rücken herauf – und

schließlich preßte es die Kehle zusammen. –

Sie ballte die Hände. – „So wirst du es nicht abtun. So nicht! Ich rede

von Hannsbabo. Ich rede von meinem Bruder, den ich liebe, hörst du, den

ich tausendmal mehr liebe als du, als so ein kalter, kalter Mensch wie

du, begreifen kannst.“ –

Sarah wurde ganz blaß, fast bis in die Spitzen ihrer Finger – ihre

grauen Augen starrten in Renées Gesicht. –

„Du bist mit ihm hergekommen. Du hast ihn geheiratet. Das ist ein

Geschehnis, verstehst du, wenn ein Mensch wie Hannsbabo dich liebt, wenn

ein so stolzer, schöner, vornehmer Mensch dich liebt – du. – Ich sage

dir, du, ich lasse es nicht geschehen, daß du ihn umbringst mit der

widerwärtigen Kälte deines Wesens. Ich lasse es nicht zu! Hüte dich vor

mir, denn ich werde es sagen, allen Menschen werde ich es sagen,

ausschreien will ich es, wenn du noch einmal, noch ein einziges Mal

tust, was du getan hast bis heute, wenn du ihn quälst.“ – –

Sarah warf den Kopf zurück, eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht – und

die großen Tränen. –

Renée ging.

„Elisabeth bittet um deinen Besuch recht bald,“ sagte Papa. „Sie fühlt

sich nicht recht wohl und bekommt Besuch von Viktors Mutter und

Schwester. Am Ende könntest du gleich morgen fahren.“ –

Renée hatte nicht die geringste Lust. Nein. Aber natürlich würde kein

Widerstreben helfen. Wenn jemand in einer Familie verheiratet war, so

war das Grund genug, um sämtliche unverheiratete Schwestern und Cousinen

in Tätigkeit zu setzen. –

Das Landratsamt war ein großer quadratischer Kasten, an den man ein

Rechteck angeflickt hatte. In diesem Rechteck befand sich eine Loggia

und darüber das Gastzimmer. Im Eßzimmer entdeckte Renée ein Bild von

Groß-Gehren, das sie von zu Hause kannte. – In Elisabeths Wohnzimmer

standen die beiden bronzenen Leuchter aus der Groß-Gehrener Halle, und

über Viktors Schreibtisch prangte das Bild des jungen Katte, der zu

Küstrin erschossen worden ist. Das hatte früher bei Renées Mutter

gehangen, denn es war einer von ihrer Linie gewesen. Von denen, die der

große König später zu Grafen gemacht hatte. –

Elisabeth sagte: „Papa hat es mir geschenkt.“ – Und gerade das hätte

Renée so gern behalten – gerade das. –

Überall wo Viktors umfangreiche Mutter sich bewegte, entstand ein

Geräusch von Seide. Sie war stets in starrer, schwarzer Seide und trug

auf dem Kopf einen künstlichen Aufbau weißen Haares. Während sie von

Elisabeth in den Räumen umhergeführt wurde, sagte sie: „Das freut mich,

liebes Kind, ganz hübsch, ganz hübsch.“ Sie sagte es, als ob sie in

einem Laden die Auslage betrachtete. – Sie war eine unausstehliche

Person, fand Renée. Elisabeth benahm sich förmlich demütig gegen sie.

Und Elisabeth nannte sie ‚Mamachen‘.

In diesem Haus kam Renée gar nicht zum Nachdenken. Wenn sie in ihrem

Zimmer war, dann hörte sie das Gekeif und Gelärm der Leute auf der

Straße und das Rasseln der Wagen auf den holprigen Pflastersteinen. Und

war sie nicht in ihrem Zimmer, dann gab es immer von irgendwoher die

pfeifende, gellende Stimme der Frau Amélie von Horwitz, die erzählte von

der Prinzeß Clementine, die immer zu ihr gesagt hatte ...

Renée kam dort in einen Zustand haltloser, psychischer Apathie. Kein

Weiterkommen, kein Weiterwollen, keine Abwehr. Alles, was dort

gesprochen wurde, hielt sich jenseits jeder Möglichkeit von Gefühl und

Empfindung. Und alles war entsetzlich leer.

Renée suchte Ruhe. Es gab keine Ruhe. Diese Menschen hasteten umher und

warfen die Albernheiten ihres engen Lebens wirr und sinnlos

durcheinander – und es gab keine Ruhe. –

An diesem Abend lief sie nach Groß-Gehren, – den Wiesenweg, der an der

Mühle vorbeiführt. Hinter dem dunklen Rand des Forstes stieg ein großer,

rötlicher Mond auf. Stieg feierlich auf, und vor ihm her war die

Helligkeit seines Lichtes – – allmählich fing sich das Licht in den

Nebeln auf der Wiese. –

Renée ging schnell, sie fühlte die Feuchtigkeit der Grashalme, die ihr

Kleid streiften. Man konnte nicht weit sehn wegen des Nebels; auf einmal

tauchten die schwarzen Flügel der Mühle vor ihr auf – ganz unorganisch

und sonderbar aus dem Grau heraus. –

Sie fand die Gartentür abgeschlossen und lief bis an das Ende des

Gartens, wo sie als Kind durchgekrochen durch das Loch in der Hecke. –

Wie ein riesiger See ohne Land lag es vor ihr. Die Fläche des Wassers

ins Unendliche erweitert durch diese Ebene von Nebel über den Wiesen.

Das Leben der Renée von Catte · 第 8 / 74 题