Über der Gartenmauer standen die schimmernden Kerzen der Kastanien. –

Der ganze Sommer war eine Vorbereitung von Elisabeths Hochzeit. Der

ganze Sommer war ein unablässiges Durcheinander von Geschäftskatalogen

und ankommenden Paketen. Elisabeth probierte Hemden mit Spitzeneinsätzen

und band Dutzende von Tischwäsche in blaue Bändchen. – Die Pferde waren

fortwährend auf dem Weg zum Landratsamt.

Außerdem bemerkte Renée etwas Sonderbares: Einige Dinge, die bisher

immer auf bestimmten Schränken, Kommoden und Tischen gestanden hatten,

waren verschwunden. Und man hätte diese Gegenstände doch im Schlaf auf

eben dieser Stelle gesucht. –

„Du mußt irgend eine Aufführung in die Wege leiten,“ sagte Papa, „es ist

so Sitte, und außerdem füllt es den Tag aus.“ – „Aber was denn nur?“

frug Renée verzweifelt. – „Na, das kannst du dir doch wohl ausdenken;

dann kannst du deine Talente endlich mal nützlich anwenden,“ brummte

Papa.

Renée schrieb Briefe: an Sarah, an sämtliche Cousinen, dann auch eine

Karte an Schoenburg. Er würde ihr schon helfen. Er hatte immer so gute

Ideen. –

So war es. Schoenburg antwortete, er erlaube sich einen ländlichen Tanz

mit Huldigung für das Brautpaar vorzuschlagen. Denn zu einem Tanz

brauchte man keine weiteren Vorbereitungen und für das Kostüm sorgten

die Damen selbst. Den Herren könne man es wohl vom Königlichen Theater

verschaffen. Und Renée würde dann wohl den Brautkranz überreichen,

vielleicht in dem Kostüm einer Myrte. Renée wollte nicht Myrte sein. Es

war albern und anzüglich, fand sie. – Ferner schlug Schoenburg auch noch

ein Brautgedicht vor, es begann: ‚Du stehest heut an einer ernsten

Grenze.‘ – Es kamen noch ‚Blumenkränze‘ und ‚stilles Glück‘ vor. –

Diese Hochzeit verlief ganz ohne Störung. Die guten, alten Glocken der

Groß-Gehrener Kirche läuteten. Die brummende Glocke und die mit dem

fröhlichen Geklingel, und auf Läufern, die über die Dorfstraße führten

und auf Tannenreisern und auf Blumen gingen die Hochzeitsleute.

Renée ging mit Schoenburg. Schoenburg war sonderbar schweigsam, als ob

er immerzu an anderes dächte, und Renée neckte ihn. Als sie in die

Kirche eintraten, nahm Schoenburg eine von den kleinen, weißen

Myrtenblüten auf, die auf der Schwelle lagen. Die steckte er zu sich. –

Der Tanz war vorüber und das Essen. Elisabeth und Viktor waren

abgefahren, Elisabeth nicht ohne Tränen, Viktor mit Versicherungen

seiner Ehrenhaftigkeit an Papa. – Papa hatte dann noch lange mit den

Herren gesessen bei Bier und Zigarren. Es war erst gegen Morgen Ruhe

geworden im Haus. –

An diesem Morgen kam Herr von Schoenburg und brachte Renée Rosen an den

Kaffeetisch. – Er sagte: „Darf ich heute abend mit Ihnen ein wenig in

den Garten gehen, Fräulein von Catte?“ – „Ja,“ sagte Renée, „aber erst

müssen Sie mir furchtbar helfen. Elisabeth hat zwar als letzte Tat eine

Stütze mit guten Zeugnissen engagiert – aber nun muß ich doch all die

herrlichen Dinge tun, die Elisabeth tat.“ –

Schoenburg half. Er räumte die Konfekts mit weg und machte Obstschalen

und Blumenvasen zurecht für den Tisch. Und immer währenddessen sagte er:

„Aber heute abend – wenn wir fertig sind ...“ – – Dann war es Abend. Sie

gingen im Garten. Renée fühlte die Last des Schweigens, aber alles, was

sie vielleicht hätte sagen können, fand die Form des Wortes nicht. Und

so ging sie immer tiefer in den dämmerigen Garten hinein mit dem Gefühl

einer Schuld, die jeden Augenblick anwuchs. Die Schuld war, daß sie

schwieg. –

Dann sprach Schoenburg: „Ich weiß nicht, ob Sie es fühlen können, so wie

ich es fühle, Fräulein von Catte, dies: daß ich nicht mehr zurückhalten

kann mit meinen Worten. Sie haben mir keine Erlaubnis dazu gegeben, aber

ich glaube Sie so weit zu verstehen. Und ich denke, ein Mensch, wie Sie

es sind, würde jedes An-seinem-Willen-vorbei-ihn-zu-gewinnen-suchen

schlecht achten.“ –

Er schwieg, er strich mit der Hand über die Rinde des Nußbaumes am Weg –

dann sagte er: „Ich liebe Sie; ich wünschte, Sie kämen zu mir und

vertrauten mir Ihr Leben an. Wie ich Ihnen das meine vertrauen möchte –“

Renée ging es sonderbar, das Gefühl der Unruhe verging. Sie wurde ganz

ruhig – ganz klar. „Ich kann es nicht.“ – „Ist es, daß Sie mich gar

nicht lieb haben?“ – „O ja, Herr von Schoenburg. Ich habe Sie lieb, ein

guter und lieber Kamerad sind Sie mir. Aber es kann einmal der Mensch

kommen, den ich liebe –“

„Wer ist das?“ – „Niemand noch. Ich weiß nicht, ob es diesen Menschen

geben wird. Ich habe noch nie einen Menschen geliebt.“ –

Das Leben der Renée von Catte · 第 7 / 74 题