Sarah lachte: „O, er will immer alles mögliche.“ –

Gäste kamen. Renée fand sich bald in einer vielstimmigen Unterhaltung –

dann holte Schoenburg sie, weil die Prinzessin käme. Renée wurde

vorgestellt. Die Prinzessin war gar nicht so langweilig, wie Renée

erwartet hatte; sie sagte, daß Renées Schwägerin eine sehr schöne Frau

sei und daß Renées Bruder so glücklich aussähe. Sie scherzte mit ihrer

Hofdame und versicherte, sie könne jeden Abend mindestens zwanzig Namen

behalten und Fräulein von Zitzewitz eben nur neun. Der Kronprinz gefiel

Renée, aber Erbprinz August nicht. Wie sollte er! Er ging mit einem

blasierten Gesicht herum und stand immerzu neben seinem Adjutanten. –

Schoenburg sagte: „Nun kann ich gnädiges Fräulein nicht zu Tisch führen,

der Erbprinz soll es!“ Renée ärgerte sich. „Ich möchte viel lieber den

Kronprinzen,“ sagte sie. Schoenburg sah sie ingrimmig an. „So – ach,“

sagte er. „Ich meine doch natürlich lieber als den Erbprinzen –,“ aber

das versöhnte Schoenburg nicht. „Der Kronprinz wird Ihre Frau Schwägerin

führen. Wollen wir also den Blumenwalzer nehmen und den ersten Lancier.“

Er schrieb seinen Namen ein.

Beim Essen saß Schoenburg auf der anderen Seite neben ihr. „Ich hab die

Rosi Solms mit Harrach neben den Erbprinzen gesetzt,“ flüsterte er, „die

werden ihn schon unterhalten.“

Es sprach sich gut mit Schoenburg. Er wußte von allen Dingen und er

dachte gern nach. Manchmal wenn einer von beiden ein Buch gelesen hatte,

das ihm gefiel, las es der andere auch, und sie sprachen davon. Nur

liebte Schoenburg andere Bücher als Renée. Er liebte die ‚starke Frau

von Gernheim‘, und er sagte, man müsse diese Frau anbeten. Er sagte:

„Das ist wahre Größe.“ – „Aber ich mag es nicht, daß sie bei diesem Mann

bleibt,“ sagte Renée. „Das soll eine Frau nicht tun.“ – „Aber sie tut es

im Gedanken an eine Liebe, die größer war als sie selber. Sie tut es

immer noch, obwohl diese Liebe vergangen ist. Sie hängt daran, weil es

das Glück ihres Lebens ist.“ „Ja,“ sagte Renée, „wohl – dennoch! Sie

sollte das Gedenken an diese Liebe nicht mehr in Verbindung bringen mit

jenem Menschen, der sie gemein macht. Oh, ich glaube dieser Sache fehlt

eben ein kleiner Zug der Größe, dieser: Das Gelebte loslösen können von

der Realität, um es ganz zu eigen zu nehmen“ – „Sie sprechen das schön

aus,“ sagte Schoenburg, „es ist auch wahr, was Sie sagen. Aber, Fräulein

von Catte, ich kann nicht davon ab. Für mich liegt eine geradezu heilige

Schönheit in diesem starken, schweigenden Verzichten.“ –

„Und der Schmerz des Verzichtens?“ so frug Renée. – „Eben der,“ sagte

Schoenburg, „bleibt verschwiegen. Darin liegt die Größe.“

„Nur Stärke liegt darin, Herr von Schoenburg.“ – „Gehen gnädiges

Fräulein gern auf Bälle?“ ließ sich Erbprinz August vernehmen. – Renée

konnte vor Schreck nichts antworten und sah verdutzt in des Erbprinzen

fragendes Gesicht. „Dies ist mein dritter Ball ...“ flüsterte Schoenburg

von hinten – beinahe hätte Renée es wirklich wiederholt. – „Ja, ich

tanze sehr gern,“ sagte sie.

Dieser Ball war schöner als die anderen. Es war alles viel prächtiger.

Es gab viel mehr Licht. Es sah aus wie große Blumenbeete, die hin und

her vom Wind bewegt wurden zuletzt.

Dann sollten Hannsbabo und Sarah zusammen tanzen.

Sie riefen es von allen Seiten, und auf einmal kam der Kommandierende

auf Sarah zu, bot ihr den Arm und führte sie in die Mitte des Saales.

„Oberleutnant von Catte,“ rief er dröhnend – dann stand Hannsbabo vor

Sarah. Und er sah sie einen Augenblick an, und Sarah sah ihn an, dann

lächelte sie – – Sie tanzten – Sarah mit ihrem sonderbar blassen Gesicht

in dieser Wolke von Silber. Hannsbabo mit seiner schönen, stolzen

Gestalt. In der rechten Hand über ihrer Schulter hielt er einen großen

Busch roter Rosen und immer strichen die Rosen vorüber an Sarahs

Gesicht. –

Sie tanzten allein – rings im Kreise standen die Menschen und klatschten

in die Hände – und auf einmal faßten die Herren sich an und rasten im

Kreise mit wildem Hurrageschrei um die Tanzenden. – Renée drehte sich

alles vor den Augen – irgend ein wahnsinniges Bild von Tod kam ihr; von

einem atemlosen Tod, der – sie hörte einen sonderbaren Laut neben sich.

Schoenburg durchbrach die Kette der Tanzenden – es hörte auf – sie

bliesen das Halalila.

Renée sah ihren Bruder mit Schoenburg hinausgehen. Schoenburg stützte

ihn. – Renée sah sich um. Keiner schien es bemerkt zu haben, oder keiner

wollte es bemerken – Sie ging Hannsbabo nach. –

Er lag auf dem Sofa in einem der Nebenräume. Schoenburg ließ Renée

herein. „Bitte nicht Frau von Catte zu rufen,“ flüsterte er. Renée blieb

allein mit Hannsbabo. Sie streichelte seine Hände, die waren ganz kalt.

Sein Gesicht brannte in einem dunklen Rot. Er atmete überhastet. –

„Lieber Hannsbabo.“ Er begann zu sprechen: „Renée, sag es keinem

Menschen, versprich mir, auch ihr nicht“ – dann: „Sie hat es gewußt. Sie

hat es so genau gewußt.“ Renée verstand ihn nicht. Renée frug, was

meinte er denn, was war es? Aber er sagte nichts. Er schickte Renée fort

– aber sie wollte nicht gehn. – „Hannsbabo, hab ein bißchen Vertrauen,

sag es mir!“ – Er sah so sonderbar ins Leere – oh, sein Gesicht

anzusehen machte trauriger als traurig. – Er sagte: „Ich liebe sie so

sehr, daß es mir eine Qual ist, ihr nah zu sein –“ Weiter sagte

Hannsbabo nichts. Renée ging. Nach kurzer Zeit sah sie ihn wieder im

Saal.

Sarah nahm die Abschiedscour entgegen. Hinter ihr standen Graf Solms und

der kleine Schulenburg, bewaffnet mit Sarahs Blumensträußen. Hinter

Renée zählten zwei junge Mädchen ihre Buketts aus. „Ich habe doch

zwanzig,“ hörte Renée. „Lida Arnim hat bloß dreizehn!“ „Da sieh mal,

Frau von Catte.“ – „Na ja die!“ –

– Was sind es doch für Gänse! dachte Renée.

„Am Sonntag wird Herr von Horwitz mit uns essen,“ sagte Papa. „Ich

erwarte, daß du etwas liebenswürdiger sein wirst als sonst, Renée. Ich

schätze Herrn von Horwitz durchaus.“ – „Ich habe gar nichts gegen ihn.

Er ist nur so komisch, Papa.“ – „Es wäre Zeit, diese Kindereien

aufzugeben,“ sagte Papa gereizt. –

Am Sonntag kam Herr von Horwitz. Es gab Sekt, es gab Austern, auf dem

Tisch waren Blumen. Elisabeth war in einem hellila Kleid mit Spitzen.

Das hatte doch irgend etwas zu bedeuten. Renée merkte bald, was es zu

bedeuten hatte. Herr von Horwitz trat mit einem Maiglockenstrauß an und

küßte mit ernster Devotion Elisabeths Hand. Er nannte sie: ‚Verehrtes,

liebes gnädiges Fräulein‘. Also so weit war es schon. Fast kam Herr von

Horwitz Renée noch komischer vor als vordem, sie hätte ihm beinahe ins

Gesicht gelacht. Auch der Gedanke, daß Elisabeth extra für ihn das

hellila angezogen hatte, war so unausbleiblich komisch. –

„Das Landratsamt wird nämlich jetzt ausgebaut,“ sagte Herr von Horwitz –

„und der Kreisbauinspektor meinte, im Juni würde der Anbau beziehbar

sein.“ – Über Elisabeths Gesicht ging eine flüchtige Röte, dann sah sie

heimlich so von der Seite zu Renée hinüber. –

Nach dem Essen ging Renée in ihr Zimmer. Sie setzte sich ans Fenster, da

wo man die ganze endlose Straße hinuntersehen konnte. Da kamen aus der

linken Seitenstraße die vielen Straßenbahnen und ratterten um die Ecke.

Im Sommer, wenn der Asphalt trocken war, taten sie das mit einem

gellenden Stöhnen. Im Winter klirrte es vom Frost. –

Wenn Renée vorm Schreibtisch saß, sah sie alles, was auf der Straße

geschah. Sah die Menschen, die aufgeputzt in den Tiergarten zogen, und

die Bahnen und Droschken, die vollgestopft dem Kurfürstendamm und dem

Grunewald zurollten. Der Grunewald – Renée dachte an die Seen, die

stillen – und besonders an den mit dem Jagdschloß. – –

Das Leben der Renée von Catte · 第 4 / 74 题