„Wie geht’s, kleiner Bub?“ – „Hannsbabo du?“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo,
„so sehr wunderst du dich? Ich hab den Dogcart unten und wollte dich ein
bißchen abholen. Magst?“ – „Ob ich mag. Fahren wir nach dem Grunewald,
bitte, bitte.“ Er lachte: „Wohin denn sonst, kleiner Bub?“ –
Renée erzählte, daß sie gerade an das Jagdschloß gedacht hätte. „Also
fahren wir dahin,“ sagte Hannsbabo. –
Auf dem Kurfürstendamm war es kaum zum Durchkommen. Hannsbabo mußte
seinen Fuchs mehrmals scharf zurückhalten, auf der Halenseer Brücke
stand man fünf Minuten. – In Hundekehle spannte der Groom aus. Renée und
Hannsbabo bogen links ab. –
„Wo ist Sarah?“ frug Renée. – „Sie hat Teebesuch von einer Landsmännin.
Und sie fährt nicht gern mit Pferden. Es geht ihr zu langsam. Es ist ein
dummer Zeitverlust mit Pferden – sagt Sarah. Auto ist besser. Kennst du
Sarahs Auto? Es ist grün mit Silber.“
Renée kannte es noch nicht. Aber ob sie nicht lernen dürfe es zu lenken?
So gern wollte sie das. Hannsbabo lachte. „Wie das den Frauen im Blut
steckt. Ich glaube, Sarah tut nichts lieber. – Sarah hat einmal das
Chauffeurexamen gemacht, und seit wir in Deutschland sind, hatte sie
schon fünf Strafmandate wegen zu schnellen Fahrens.“ – „Daß sie das
kann.“ Er sah Renée erstaunt an. – „Warum?“ – „Sie sieht so zart aus und
so weich.“
„Sie ist stärker als wir beide zusammen, kleiner Bub Renée. Bei ihr ist
Gefahr eine Leidenschaft. Es reißt sie fort. Es wirft alle anderen Dinge
in ihr um.“ – „Physische Gefahr?“ – „Jede Gefahr, auch psychische,“
sagte Hannsbabo. – Er stieß einen kleinen Stein mit dem Fuß vor sich her
während dem Gehen – manchmal blieb er unvermittelt stehen. – Renée sah
Blässe und Röte jäh wechseln auf seinem Gesicht. Sie setzte sich an den
Waldrand. – „Bist du müde, Hannsbabo?“ – Er streichelte Renées Hand. –
„Bist du krank?“ frug Renée – „Nein, nein. Es ist nur, nur manchmal
ermüde ich plötzlich. Das ist ein vorübergehender Schwächezustand.
Hinterher bin ich ganz wie sonst, das überfällt mich so manchmal.“ –
„Warum gehst du nicht mal auf Urlaub, damit du dich erholen kannst,
Hannsbabo?“
„Sarah mag nicht.“ –
„Ohne Sarah dann,“ sagte Renée. –
„Oh – ohne Sarah.“ – – – –
Hannsbabo legte das Gesicht in die Hände. „Ich kann nicht von ihr fort,“
sagte er. „Hannsbabo, warum bist du nicht glücklich?“ Er nahm Renées
Hand und hielt sie fest. „Es ist gut, daß du mich einmal fragst, Renée,
denn ich glaube, ich müßte ersticken, wenn ich es nie jemandem sagen
könnte.“ –
Immer wieder streichelte Renée seine Hand. – Er sagte: „Ich liebe Sarah!
Siehst du, Renée, ich kann nicht ohne sie sein. Ich bin ganz ohne Gefühl
und ohne Interesse für alles andere. Und Sarah – Sarah hat mich gern.
Sie hat es gern, daß ich um sie bin und ihr alles tue. Sie sucht mich
nicht. Und ich suche sie den ganzen Tag.“ – –
„Aber Sarah liebt dich doch, Hannsbabo.“ Renées Bruder legte sich nieder
auf den Waldboden und schloß die Augen – so lag er die ganze Zeit,
während er weitersprach, und ein Lächeln, das einen sehr schmerzlichen
Zug hatte, kam auf sein Gesicht.
„Damals als wir uns verlobten, war es noch nicht so. – Erst dachte ich,
es müßte ganz gut sein in einem gleichgültig ruhigen Zusammenleben; sie
geht ihre Wege und ich meine. Dann – wollte ich mit ihre Wege gehn – das
ließ sie zu. Dann wollte ich sie an mich nehmen zu mir – das ließ sie
nicht zu, – nein das nicht!“
„Vielleicht muß sie mehr Zeit haben dazu,“ sagte Renée. Er lachte. Ein
böses und hoffnungsloses Lachen: „Es wird nie anders sein. Und wenn ich
ihr Zeit ließe bis in die letzte Stunde meines Lebens.“ – Er sprang auf.
– „Da wird immer diese Distance sein, kleiner Bub, die, an der ich mich
kurz und klein reibe. – Laß uns zurückgehn, Renée.“ –
Renée konnte nicht vergessen, was Hannsbabo gesagt hatte. Nicht bei der
Heimfahrt und nicht zu Haus beim Abendessen und in der Nacht auch nicht.
Sie lag diese Nacht lange, ehe sie einschlief, und dachte, was sie tun
könnte, um Hannsbabo zu helfen. Und wie sie über ihn nachdachte, dann
wußte sie es, daß er müde war und krank und daß er einen brauchte, der
ihm half. Dann verfolgten ihre Gedanken ihn in allen seinen Worten und
seinen Gebärden von dem Augenblick an, da sie ihn wiedergesehen hatte in
Groß-Gehren, als er Sarah brachte, und sie dachte: damals ging er immer
umher und sah die alten Bilder an in den Zimmern. –
Am Morgen war Papa böse, denn Renée wäre so lange weggeblieben, und nun
hätte er die ganze Zeit sich dazu setzen müssen. –
„Aber Papa – Elisabeth ist doch alt genug.“ – „Unsinn,“ sagte Papa, „es
gehört sich so.“ – Elisabeth aber kam zu Renée. Elisabeth schloß ihre
Schwester in die Arme und sagte mit sanft melancholischer Stimme: „Ich
möchte, daß du teilnimmst an meiner Freude, Renéechen, ich habe mich
gestern abend verlobt!“ – Renée sagte: „Ach.“ Dann erschrak sie recht,
und gleich darauf hörte sie sich eine wohlgesetzte Glückwunschrede
halten. –
Nun kam immerzu Viktor, so hieß der Landrat. – Es gab seine
Leibgerichte, er wurde mit Sekt bewirtet. Viktors Ansichten wurden
proklamiert. Man hörte ein ewiges: ‚Viktor meint, Viktor findet‘ – im
Haus.
Papa ignorierte das und hielt sich in seinem Zimmer. – Renée wurde
mitgeschleppt auf allen Spaziergängen und Einkäufen. In die
Ausstellungen mußte Renée, in den Zoo, ins Theater. Und immer sah sie
eine sanft strahlende Elisabeth neben sich und Viktor mit den hellgelben
Glacés.
Sarah hatte für den neuen Schwager keine Sympathieen. Sarah sagte: „Er
ist ein unausstehlicher Mensch. Wenn ich schon den geölten Scheitel
sehe.“ – Aber es sollte ein Besuch gemacht werden bei Sarah, und Renée
war vorher abgesandt. – Renée sollte Sarah freundlich stimmen. Renée
sollte sagen, wie herrlich Viktor wäre und daß Elisabeth ihn so liebe
und daß Viktor sehr wohlhabend und gut angeschrieben wäre. So war es
Renée aufgetragen worden. – „Es muß aber doch ein fürchterlicher Tropf
sein,“ sagte Sarah, „wenn er Elisabeth heiratet. Ich begreife es nicht.
Elisabeth ist eine so widerlich knöcherne Person.“
„Laß sie doch gehn,“ sagte Renée, „sie hat dir doch nichts getan.“ –
„Ich werde wohl meine Ansicht äußern können. Du wirst mir gar nicht so
in die Rede fallen,“ sagte Sarah geärgert. „Du bist sehr ungezogen.“ –
Elisabeth wurde auf das Sofa gesetzt, Viktor kam auf einen Klaviersessel
ohne Lehne. Dann lehnte sich Sarah in einen großen Ledersessel und
betrachtete den auf dem Klavierpuff. Sie betrachtete ihn ungeniert und
lächelte ein wenig dazu. – Viktor – ja, unbegreiflicherweise war es so –
Viktor fühlte sich dadurch ermuntert zum Reden und erzählte, daß das
Landratsamt bald beziehbar sei.
Nach einer Viertelstunde erhob sich Sarah. Sie wollte von Hannsbabos
Schreibtisch einen türkischen Dolch zeigen. Als sie an Renée vorüberkam,
neigte sie ein klein wenig den Kopf zu Renée hinüber: „Schaff diese
Leute weg,“ sagte sie. –
Als Papa und Elisabeth nach Groß-Gehren gingen, durfte Renée noch in
Berlin bleiben. Sie kam zu Hannsbabo und Sarah. – Einmal nach dem Essen,
als sie Kaffee tranken in Hannsbabos Zimmer, sagte Sarah: „Renée, was
würdest du sagen, wenn wir ein schönes Schloß kauften?“ –
„Hannsbabo bekommt doch Groß-Gehren,“ antwortete Renée. Sarah lachte:
„Ach, das ist ein altes, unelegantes Ding – nein – ich meine ein
feudales, großes Schloß mit Park und Teichen und weiten Rasenflächen.“ –
„Eigentlich wäre das schön.“ – Sarah tippte mit einem Finger auf
Hannsbabos Ärmel. „Siehst du, ^my boy^ – siehst du, Renée tut mit. Es
ist viel schöner als das dumme Leutnant-sein.“ –
„Sarah behauptet, es ist dumm, ‚Leutnant-sein‘,“ sagte Hannsbabo, er
rückte seinen Stuhl näher an den Sarahs – „und bitte, ist es auch dumm,
‚Rittmeister-sein‘?“
Sarah lachte: „O, es ist überhaupt lächerlich, wenn ein gutsituierter
Mann Offizier ist. Wenn er aus einer guten Familie ist. Was gewinnt er
denn etwa? Irgend ein schnauzbärtiger alter Herr läuft herum und hat
einem zu befehlen. O, derselbe alte Herr wird von Wachs und Honig sein,
wenn er eingeladen wird bei uns Hirsche schießen auf dem Schloß.“ –
„Sie kennt die Verhältnisse,“ sagte Hannsbabo lachend. „Man kann ihr
nichts vormachen, Renée.“ –
Sarah holte einen Packen Briefe aus dem Schreibtisch: „Hier ist das
Schloß, was man kaufen muß,“ sagte sie. „Das wird Hannsbabos Flügel und
das meiner, und da kommen die Gäste hin.“ – „In ein Schloß mit Flügeln
gehe ich überhaupt nicht.“ – „Du gehst mit, wo ich gehe,“ sagte Sarah,
„denn es stehet geschrieben, der Mann wird Vater und Mutter verlassen
und seinem Weibe anhangen.“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „das ist ein sehr
schöner Spruch.“ – –
Es war so hübsch, bei Hannsbabo zu sein. Sie hatten immer etwas vor,
Gäste oder Theater oder Grunewaldfahrten. Dann kam man spät nach Haus
mit dem Auto über den stillen Kurfürstendamm.
Abends – wie waren die Seen so schön. Bei Mond, der dann als eine
silberne, zitternde Säule auf dem Wasser war – oder auch bei dunklen
Nächten, wenn zerrissene Wolken über dem Wasser hingen – und plötzlich
brach das Licht des Mondes durch ihre Schwärze. Die Kiefern standen wie
ein undurchdringliches Dunkel zwischen Wasser und Himmel. –
Schön war es bei Hannsbabo. Renée durfte sich einladen, wen sie wollte.
Renée durfte ein Abendessen geben nach dem Tennis. – Nun saßen sie bei
der Bowle auf der großen Veranda. –
Hannsbabo ging mit Renée im Garten. Da war Halbdunkel – so richtig gut
zum Reden, und Hannsbabo sagte: „Wenn du einmal einen Menschen liebst,
Renée, dann mußt du an mich denken, an heute abend. Du sollst es gut
haben, kleiner Bub. Ganz eins werden mit ihm, so daß man alles gemeinsam
fühlt, so daß es nie mehr eine Einsamkeit gibt.“ –
„Hannsbabo, denkst du niemals an das kleine Bild, das du mir einmal
zeigtest?“ – Er lächelte, schüttelte den Kopf. „Nein, Renée, ich glaube
nicht. – Ich habe diese einmal tanzen sehn, als ich in Paris war mit
Sarah.“
„Wußte Sarah davon?“ – „Ich hab es ihr erzählt, als wir sie sahen,“
antwortete Hannsbabo. – „Aber was sagte Sarah?“
Er wandte sich um nach der erhellten Veranda, wo die Leute lachten und
schwatzten, und stand eine Weile schweigend. – „Ich höre ihre Stimme
nicht,“ sagte er. – –
„Wie kann man das in dem Lärm,“ sagte Renée.
„Auch du wirst einmal unter vielen eine Stimme unterscheiden lernen,
kleiner Bub.“ –
Sie gingen weiter. – „Was Sarah tat? O, sie tat mir eine Freude. Sie
sagte: ‚Wenn du noch einmal dieses bunte Etwas mit dem Glas ansiehst, so
fahre ich sofort zurück nach Washington.‘ – ‚Wie kann es schaden, wenn
ich sie ansehe, da Sarah neben mir sitzt‘, sagte ich. Darauf sie: ‚Du
bist ein Schwätzer.‘ – O, Sarah wußte ganz gut.“ – –
Renée sagte: „Wenn es so war, dann liebt dich Sarah doch, warum glaubst
du es nicht, Hannsbabo?“ –
„Nein. Das ist kein Beweis. Das ist, weil eine Frau ihren Mann eben als
Besitz betrachtet. – Sarah liebt überhaupt nicht. Sarah sieht nicht ein
wozu. Es macht ihr kein Vergnügen.“ –
Sie gingen weiter. „Ich höre sie,“ sagte Hannsbabo.
Sarah rief ihn im Garten. Sarah kam zu ihm – sie lehnte sich an ihn und
wandte ihr Gesicht gegen den Himmel, sie sagte: „Eben hatte ich ein
wenig Furcht ohne dich.“ –