So lernte Renée den Herrn von Rodeck kennen.
Am andern Morgen ging sie zu Sarah. Sie fand Sarah noch zu Bett unter
lauter Spitzen und Schleifen. Ringsum lagen die Listen für das Diner.
Renée wußte nicht recht, wie sie es anbringen sollte. –
„Nun, Renée,“ sagte Sarah und streckte Renée ihre Hand mit den vielen
bunten Ringen hin, „nun, Renée!“
„Hast du schon die Listen gemacht,“ frug Renée, „darf ich mal sehen?“
Sarah lachte: „Gewiß wolltest du irgend etwas Besonderes dabei, und was
ist es denn?“ Dann gab Sarah ihr die Listen hinüber. „So, nun geh damit
an den Tisch, ^darling^, und was dir anders besser gefällt, das änderst
du –“
Renée sagte: „So gut bist du, Sarah.“ – Sie setzte sich an Hannsbabos
großen Schreibtisch und malte die Tafeln auf ein Papier, daran wurden
alle Namen geschrieben, so wie die Leute zu Tisch zu sitzen kamen. Und
neben Fräulein von Treskow stand Rodecks Name. Renée hatte das Gefühl
einer guten Tat. –
Sarah öffnete ein wenig die Tür, steckte den Kopf herein und sagte:
„Bist du noch da?“ Dann kam sie. Ein Gewirr von Seide war um sie herum
und ein starker Duft von Vervein. Sie setzte sich in den großen
Ledersessel neben dem Rauchtisch. „Nun, ^darling^, wen hast du zu
Tisch?“ – „Schoenburg.“ – „Oh ich weiß, das ist der mit den Stahlaugen
von Dohnas Schwadron. – Ist es schön, jung zu sein, Renée?“ „Das weißt
du doch ebensogut!“ – Sarah nahm aus dem kleinen goldnen Kasten eine
Zigarette und bot Renée an, dann lachte sie: „Meinst du, ich weiß es?
Nein. Ich war viel zu sozial, um jung zu sein.“
„Was tatest du denn?“ – „Ach so langweilige ‚Women-Klubs‘ und ‚Women
Kongregations‘ und dergleichen. Ich mag Amerika nicht. Ich mag lieber
Europa.“ Renée staunte. „Aber dort ist’s doch viel freier und
selbständiger für Frauen.“
Sarah sagte: „Ich liebe nicht die Selbständigkeit.“ Sie kroch ganz tief
in eine Ecke des großen Sessels. „Es ist langweilig, frei zu sein.“ –
„Ach,“ machte Renée.
„Ja, es ist langweilig. Es ist keinerlei Sensation oder Gefahr dabei.“ –
„Aber Sensationen sind etwas Abscheuliches,“ sagte Renée.
Sarah sprang auf aus dem tiefen Sessel mit einem einzigen, elastischen
Sprung. „Ich lebe nur in der Sensation,“ sagte sie. „Huh, machst du
große, entsetzte Augen, Renée! Ist das so schlimm?“
Renée mußte lachen. „Nein, nur neu – und ich denke, was wohl Elisabeth
sagen würde –“ „Plagt dich das,“ sagte Sarah. „Darum tät ich mich nicht
kümmern. Du bist doch viel klüger als Elisabeth.“ Renée frug: „Glaubst
du?“ – „Elisabeth ist eine Null auf zwei Beinen, eine altjüngferliche
und aufgeblasene Person. Du Renée –“ „Was bin denn ich, sag doch,“
bettelte Renée. Sarah lachte: „^A silly little girl.^“
Draußen war Säbelgerassel. Dann flog die Tür auf, voran ein Rosenstrauß,
dann Hannsbabo. „Wo bist du, ^Queen Mab^,“ rief er. Sarah ging ihm
entgegen. Er sah Renée gar nicht. Er breitete seine Arme aus – Sarah
bückte sich – da – huschte sie unter seinen Armen durch wie eine kleine,
schnelle Katze. – „Sag doch Renée guten Tag, du grober Bruder,“ rief
sie. Dann war sie aus der Tür. Er legte die Rosen beiseite und gab Renée
die Hand. „Ich freue mich, daß du Sarah besuchst, kleiner Bub.“
Renée fuhr es so heraus: „Was hat denn Sarah?“ Dann erschrak sie und
dachte: Wie taktlos frage ich. – Hannsbabo wandte ein wenig den Kopf zur
Seite, er seufzte ganz leise, wie ein angestrengtes Atmen klang es. Dann
sagte er: „Bleibst du nicht zu Tisch, Renée?“ – „Nein, ich danke dir,
aber Papa –“ „Könnten wir denn nicht telephonieren?“
„Ach nein, Hannsbabo.“ – „Wenn es mir nun gerade sehr viel wert wäre?“
„Also gehe ich telephonieren,“ sagte Renée. Hannsbabo nickte. – – Als
Renée wieder hereinkam, meldete der Diener das Essen. Im Eßzimmer kam
ihnen Sarah entgegen in einem weißen Kleid. Sie legte Hannsbabos Rosen
neben sich bei Tisch. Sarah sprach und erzählte, und auch Hannsbabo
sprach, und immer, während sie gleichgültige Dinge redeten, sah Renée,
wie ihres Bruders Augen schmerzlich an Sarah hingen. Und es quälte sie.
–
Der Ball, den Sarah und Hannsbabo gaben, sollte im Esplanade
stattfinden. Zahllose Cousinen vom Lande waren gerade zufällig in Berlin
und besuchten Sarah und wurden eingeladen. Zahllose Väter und Mütter
teilten Renée mit, daß sie und ihre Töchter von Sarahs Liebreiz entzückt
wären. Auch sie wurden eingeladen. – Man sprach von diesem Fest in der
aufgeregtesten Weise. Der Kronprinz würde kommen, ebenso Erbprinz
August. Prinzessin Sophie hatte ihr Erscheinen zugesagt – ja sogar der
Kaiser würde möglicherweise – –
Wenn man Sarah davon erzählte, amüsierte sie sich. „Sie sollen sich nur
immer freuen,“ sagte sie. „Bei mir werden sie nicht mit Schellfisch und
Truthahn abgefuttert.“ – Renée lachte: „Wieso Schellfisch und Truthahn?“
– „Ich habe hier fünfundzwanzig Bälle mitgemacht, und jedesmal gab es
Schellfisch und Truthahn. Hast du es noch nicht gemerkt, Renée?“ – –
Renée kam etwas vor der Zeit ins Esplanade. – Schon in der Garderobe, wo
Sarahs Jungfer, ganz in Weiß, waltete, wurde Renée von zahllosen
Schwarzgekleideten ehrfurchtsvoll empfangen. Die Jungfer, die von den
anderen Bedienten ‚Miß Adelaide‘ genannt wurde, hängte Renées Cape in
einen Schrank. „Die gnädige Frau haben es so befohlen für die Sachen der
gnädigen Frau und des gnädigen Fräuleins,“ sagte sie. –
Am Eingang zu den Empfangsräumen stand der Kammerdiener Joel Smith. Auch
dieser verbeugte sich würdevoll. – Endlich war Renée drinnen. Es ging
durch drei Räume, in deren zweitem Hannsbabo stand. An jeder Tür waren
zwei Diener in Goldlivreen mit weißen Perücken. – „Ich habe Gott sei
Dank keine weiße Perücke,“ sagte Hannsbabo. „Sarah will dir noch etwas
Wichtiges mitteilen. Sarah sieht so schön aus, daß ich am liebsten die
Leute ausladen möchte. Also geh zu Sarah. Ich möchte auch viel lieber.
Aber Sarah sagt, daß es sich gehört, daß der Herr des Hauses im zweiten
Zimmer steht und die Frau im vierten. Ich habe ferner den Auftrag, Damen
von Distinktion am Arme hineinzuschleifen, da sich das auch gehört. Vom
Herannahen prinzlicher Equipagen werde ich durch Telephon von einem im
Hotel Bristol postierten Unteroffizier benachrichtigt.“ –
„Herrgott,“ sagte Renée, „das ist ja wie eine Detektiv-Geschichte!“ –
„Bitte – bitte, es gehört sich so. Und nun geh in den Saal und sieh
selbst!“ –
Im Vorzimmer war mattes Licht, und der Lichtglanz des Saales blendete
Renée in die Augen. In der Tür in einem sonderbaren Helldunkel stand
Sarah. Sie stand in dem metallenen Glanz ihres Kleides, das ganz mit
Silber übergossen war in vielen kleinen Schuppen. –
Sie hatte eine lange Perlenkette und eine Schulterkette von Smaragden.
Sie trug eine Perle auf der Stirn, die hing an einem dünnen Faden von
Silber.
Renée stand und sah sie an. Ihre Schönheit war verwirrend – es war so
prächtig alles – Renée sah, wie in Sarahs Gesicht ein kühles, schönes
Lächeln kam. – Renée begrüßte ihre Schwägerin flüchtig und fing an, den
Saal zu betrachten. Dann sagte sie: „Hannsbabo steht gar nicht so gern
an der Tür, hat er gesagt.“