Der hatte immer mit ihr gesprochen wie mit einem erwachsenen Menschen.
Er hatte nie gesagt: ‚Das verstehst du nicht!‘ Er hatte auch nie
Französisch gesprochen, damit Renée es nicht verstände. Und Renée sehnte
sich nach ihm. Sie dachte: wie taktlos sind immer die Erwachsenen gegen
die Kinder. So unbedacht. Und solange man Kind war, fühlte man immer,
daß man den Erwachsenen im Wege war bei ihren Dingen. Darum war man so
einsam. Wenn sie doch einmal gut mit einem gesprochen hätten.
Wenn Mama noch lebte, dachte Renée, sie hätte sicher gut mit mir
gesprochen. Sie hätte gesagt: ‚Komm zu mir, meine kleine Renée‘, wenn
Renée traurig war. Ja, so etwas hätte Mama dann wohl gesagt. –
Wenn man ein Kind war, verteidigte einen niemand. Der Geographielehrer
hatte gesagt, daß Renée gelogen hätte, und als sie es zu Hause erzählte,
kümmerte sich niemand darum. Und sie hatte doch gesagt, sie würde es
schon ihrem Papa sagen. Und Papa hatte sich gar nicht darum gekümmert.
Die Tanzlehrerin hatte Renée einen ‚unabgeführten Jagdhund‘ genannt. Das
war lange nicht so schlimm. Aber eigentlich mochte Renée nun nicht mehr.
–
Edel sollte in Pension kommen. Edel erzählte es Renée. „Es wäre doch
fein, wenn du auch dahin kämest,“ sagte Edel. „Kannst du es nicht so
drehen?“ „Ich werd schon. Ich möchte wahnsinnig gern.“ Edel sagte: „Soll
ich mal meine Mutter zu euch schicken, daß sie’s der Elisabeth
einredet?“ „Ach ja, Edel!“ „Na, bin ich gut, Renée?“ frug Edel, und sie
sah Renée an, so ein bißchen schief von der Seite. „Ach, Edel, süß bist
du.“ Renée murmelte noch was hinterher. Das sollte Edel nicht hören. Es
war: „Ich hab dich gräßlich lieb.“
Renée quälte ihre Schwester den ganzen Tag. Sie wollte in Pension.
Elisabeth sollte es Papa sagen. Renée würde furchtbar vernünftig werden
in der Pension. Sie versprach die unausführbarsten Dinge. Sie arbeitete
daran. Sie setzte alles ein. Wenn Papa sagte: „Renée ist noch so
kindisch“, oder wenn Elisabeth Renées Unordnung tadelte, immer fuhr
Renée heraus: „Ja, wenn ich in Pension wäre.“ Allmählich wurde es eine
feste Redensart: In der Pension wird Renée ...
So wurde es. Und dann endlich war es so weit.
Eine alte, unangenehme Dame empfing Renée. Sie drückte Renée furchtbar
die Hand und sagte: „Ich freue mich so, mein liebes Kind, daß dein
verehrter Vater dich uns anvertraut hat.“ – Renée antwortete: „O ja.“
Die alte Dame hatte etwas Lähmendes. Wenn man eben aufgeregt über irgend
etwas sprach, dann verstummten alle, sobald sie sichtbar wurde, man
legte Messer und Gabel hin, wenn man merkte, daß sie einen ansah. Was
war es? Renée frug Edel, und Edel meinte, solche Empfindungen hätte sie
allerdings nicht, aber es sei eine widerwärtige, alte Katze. Und die
englischen Mädel, die da waren sagten: ‚^Oh yes, that’s it!^‘ Aber
vielleicht sagten sie es nur aus Höflichkeit. –
Renée und Edel waren in einem Zimmer und zwischen ihnen stand das Bett
einer Engländerin. Es war die einzige, die Deutsch konnte. Die anderen
lernten es niemals. Renée mochte sie alle gern. Aber manche waren
richtig schön. Manche waren so schön, daß man sie ganz lange ansah: Aber
keine hatte so dichtes, goldenes Haar wie Edel. Nein, natürlich nicht.
Gar noch nicht lange war Renée da. Da bemerkte sie etwas sehr
Ungewohntes. Es war dies: die anderen hatten sie gern – sehr gern. Und
Renée erfuhr es so: Als sie eine Woche da war, hatte die Lehrerin sie
gescholten. Renée machte ein böses Gesicht natürlich. Alle sahen es. Die
Lehrerin sagte: „Ich verbitte mir das Gesichterschneiden, wenn ich dir
eine Rüge erteile.“ Renée sah sie noch böser an und sagte: „Ich schneide
nicht Gesichter.“ Auf einmal hörte sie die anderen murmeln und
zustimmen. Die Lehrerin ignorierte das. – Renée war begeistert. Sie
hatten ihr geholfen. Sie standen zu ihr. –
Am Abend, als sie die Schulstube aufräumten, hielt Renée eine richtige
Ansprache und dankte für den Beistand. Sie sagte: „Es ist anständig,
wenn wir einander immer helfen und beistehen.“ Und die andern schrieen
Beifall.
Nach einer Woche wurde Renée zur Vorsteherin gerufen. Die Vorsteherin
redete. Sie redete eine ganze Weile, ohne daß Renée richtig aufmerkte.
Dann frug sie, ob Renée Süßes gegessen hätte, als sie schon zu Bett
gegangen waren. Sie hatten natürlich. Wem die Süßigkeiten gehört hätten?
Die Süßigkeiten hatten Edel und der Engländerin gehört. Renée hatte
überhaupt nur ein Praliné gegessen. Die andern hatte sie aufbewahrt.
Edel hatte drei Stück Kuchen gegessen und Alice sieben. „Es gehörte mir
und Alice,“ antwortete Renée. „Ihr solltet euch schämen, solch eine
Ungezogenheit,“ keifte die Vorsteherin, und schließlich schnappte ihre
Stimme über. Renée durfte wieder gehen. Am Abend kamen alle zu ihr und
bedauerten sie und küßten Renée zur Nacht. Es waren recht viele. Edel
küßte Renée nicht. Und Renée hätte doch viel besser schlafen können. –
Wieder war Renée heruntergerufen worden. Die Vorsteherin saß in einem
winzigen rosa Sessel und redete und knüllte ein Papier in den Händen.
Sie sagte, Renée verdürbe den Ton unter den Zöglingen und die Disziplin,
und sie sagte, daß Renée die Herrschaft an sich risse. Renée hörte zu.
Sie hörte alles, was sie getan haben sollte, ohne sich darum zu kümmern.
Es war ihr auch nachher, als hätte sie es gar nicht gehört. – Sie dachte
an Edel.
Die Vorsteherin hatte gesagt, nun müsse Edel sorgen, daß Renée und Alice
nicht mehr diese häßlichen Heimlichkeiten trieben. Das hatte sie gesagt.
Und Edel hatte geschwiegen. Und daran dachte Renée.
Am Abend entstand ein großer Aufruhr. Die allerbesten und allerbravsten,
die genau so sanft waren, wie es die Vorsteherin von ihnen erwartete,
wurden ganz wild und böse. Und eine sagte: sie wollten heruntergehen und
für Renée eintreten und Renée reinwaschen. Renée sagte: „Geht lieber
nicht, jetzt ist sie zu giftig.“ – Und Edel hatte nicht gehen wollen, um
für Renée zu sprechen. –
Es kam ein Brief mit einer amerikanischen Marke, Hannsbabo schrieb:
‚Liebe, kleine Schwester! Hannsbabo hat sich verlobt mit einer sehr
schönen und eleganten Amerikanerin, die bald mit ihm zu Euch
hinüberkommt. Sie heißt Sarah Mc Lean und grüßt Renée, von der ich ihr
viel erzählt habe. Schönen Gruß, lieber Bub Renée.‘ – Wie gute Briefe
konnte Hannsbabo schreiben. Gerad so, als ob er da wäre. Gerad so – und
Renée schrieb ihm einen langen und umständlichen Glückwunschbrief und
Grüße für Sarah. – In Wahrheit war sie traurig; denn nun würde Hannsbabo
sich gewiß nicht mehr um sie kümmern, wo er eine Frau bekam. Und er
hatte die andere Frau auf der Photographie doch nicht so lieb, wie Renée
geglaubt hatte. –
Ostern kam Renée aus der Pension.
Die Trennung war gar nicht so schlimm, wie Renée dachte. Denn nun freute
man sich doch, daß man erwachsen war und tun konnte, was man wollte, und
daß es ein Ende hatte mit dem Herumkommandiertwerden. Nur von Edel
fortgehn, war ein wenig schwer. Es war ein besonderes Leid dabei und
eine Bitterkeit. –
Zu Haus war ein Zimmer für sie allein gerichtet worden. Der Garten war
noch sehr öde, und Renée fühlte sich allein, weil es niemanden gab, dem
sie hätte erzählen können. Sie fühlte dies ‚Erwachsensein‘, auf das man
sich so freute, als etwas Fremdes und Lästiges. Und fremd waren ihr die
umgeräumten Zimmer, in denen sie auf einmal wohnen sollte. Und dies: sie
sah diejenigen, die ihr früher Autorität gewesen waren, anders an. Sie
hatte etwas Revolutionäres mitgebracht. Elisabeth war enttäuscht, in der
heimkehrenden kleinen Schwester einen Menschen mit eignem Wollen und
eignen Gedanken zu entdecken; der konnte wohl möglich mehr vom Leben
verlangen, als es Elisabeth recht war. Und darum machte Renées Auftreten
ihre Schwester mißtrauisch. Papa war, wie er immer gewesen. Er kümmerte
sich nicht um die Entwicklungsphasen seiner Töchter. Ihre Anpassung an
seinen Willen, der sich in ‚ich wünsche, daß ...‘ ausdrückte, schien ihm
selbstverständlich.
Einmal hatte Renée doch ein Gespräch mit Papa. Ein richtiges Gespräch,
wo beide Teile Ansichten äußerten. Nicht bloß Papa. –
Renée wollte nicht zum Abendmahl am Karfreitag. Sie hatte es lange
bedacht. Und dachte, ich kann es nicht. Papa suchte sie umzustimmen. Er
wanderte im Zimmer hin und her, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen
blieb er am Fenster stehen mit dem Rücken gegen das Zimmer. Renée saß
auf einer Sessellehne. „Es frägt ja niemand, was du dir denkst,“ sagte
Papa. „Es gibt eben gewisse Verpflichtungen, denen man nachzukommen hat,
und ein junges Mädchen aus unseren Kreisen muß soviel Takt besitzen“ –
Wieviel Takt Renée besitzen sollte, erfuhr sie leider nicht. Weiter
sagte Papa, Renée müsse die kirchlichen Gebräuche mitmachen wegen der
Leute im Dorf, die das eben erwarteten. „Wenn man die Vorzüge und
Annehmlichkeiten einer Lebensstellung genießen will, so muß man auch die
damit verbundenen Pflichten auf sich nehmen,“ fuhr Papa fort, „und ich
hoffe, daß du fernerhin dein Leben mehr von diesem Standpunkte aus
betrachten wirst.“ Renée sagte: „Ich will ja gar nicht die Vorzüge und
Annehmlichkeiten deiner Lebensstellung genießen, Papa, ich werde mir –“
„Unsinn,“ donnerte Papa. „Das ist unreifes Zeug. Du bist eben
hineingeboren in diese Lebensstellung und damit basta.“ – Renée
versuchte es nochmals. Sie holte ganz tief Atem. Sie sagte: „Aber ich
bin doch alt genug, Papa, und wenn es gegen mein Gewissen geht, wenn es
mir doch eine Komödie ist und ich mich geniere –“ „Ich weiß nicht,
Renée, du hast seit einiger Zeit eine so überspannte, aufgebauschte Art
zu urteilen und zu reden. Ich wünschte, du kehrtest etwas zu deiner
früheren, einfachen Ausdrucksweise zurück. Im übrigen wünsche ich –“
Papa betonte – „daß du an der Sache teilnimmst!“ – Renée ging hinaus.
Während sie die Treppe hinaufstieg, ärgerte sie sich über sich selbst.
Sie hatte wieder nicht den Mut, etwas gegen Papas Willen zu tun. Da war
diese dumme Kinderfurcht. Und Renée war doch siebzehn Jahr.
Was wurde aus dem Leben? Zog es sich so ohne Sinn in die Länge, eine
nutzlose Reihe von Tagen, an denen man aufstand und schlafen ging? Wo
immer alles ganz anders geschah, als man wußte und fühlte, daß es
geschehen müsse. Und wo man feige dabeistand und mittat! –
Die Tage im Herbst waren so lang. Manchmal noch fuhr Papa mit Renée in
den Wald. Aber sie fand, daß wenig Spaß dabei war. Papa sprach kaum
jemals ein Wort. Höchstens über den Pächter oder über Wachstum und
Wildstand. Man hätte doch viel bessere Dinge mit Papa reden können, wenn
er nur gewollt hätte. –
Elisabeth begann sich mit Renée zu beschäftigen. Es fing an mit
Auseinandersetzungen, wie man sich gegen die ‚Herren‘ zu benehmen hätte.
Daß man einem jungen Herrn nicht gleich beim ersten Vorstellen die Hand
entgegenstrecken dürfe. Daß man es vermeiden solle, irgendwo an Wänden,
Ecken oder Pfeilern allein zu stehen. „Denn,“ sagte Elisabeth, „das
fällt auf, und man muß das Auffallende vermeiden in jeder Hinsicht.“
Renée hätte ganz gern gehabt, wenn Elisabeth mitgegangen wäre auf die
Bälle und vor allem zu Hof. Da traute sie sich nicht recht allein.
Elisabeth wollte nicht. „Weißt du, es ist so dumm und geschmacklos, wenn
man mit den viel jüngeren Leuten umherspringt unter all den grünen
Gänsen und mit einstimmt in die Kalberei. Außerdem langweilt es mich. An
den Festlichkeiten im Hause werde ich natürlich teilnehmen. Im übrigen“
– dies sagte Elisabeth mit einem etwas hämischen Lächeln, – „im übrigen
wird ja Hannsbabo mit seiner jungen Gattin im Winter wieder beim
Regiment sein, und du wirst dann an Sarah eine Stütze haben. Hoffentlich
geben sie dir einen recht schönen Ball, da sie ja Geld genug besitzen –“
„Hat Sarah soviel Geld?“ Elisabeth lächelte wiederum. „Und ob,“
antwortete sie, „ihr Vater war irgend so ein Petroleumkönig. Weißt du,“
– Elisabeth lehnte sich erhaben in ihren Sessel zurück – „gerade sehr
feudal, wie man sagt, ist ja diese Partie nicht. Freilich die Kröten
kann Hannsbabo brauchen!“ Elisabeth war so recht im Fahrwasser. „Damals,
ehe er rüberging, hätte er sich beinah hier festgenagelt. Er hatte da so
eine Tingeltangeleuse beim Wickel, die er absolut heiraten wollte. Na,
Papa hat ihm heimgeleuchtet, Gott sei Dank –“ Elisabeth lachte. „Wie
komische Ausdrücke du hast,“ sagte Renée „Und außerdem war es eine
Sängerin.“ „Das sind dann immer Sängerinnen, kennimus,“ antwortete
Elisabeth überlegen.
Elisabeth häkelte für arme Kinder. „Dreimal – viermal,“ zählte sie vor
sich hin; dann: „Du, Renée, woher weißt du denn eigentlich davon?“ – „Oh
nur wenig von Hannsbabo selbst. Und dann hörte ich Papa schelten damals.
Du selber sagtest auch mal bei Tisch, es sei gut, daß Hannsbabo nun in
Washington wäre.“
Elisabeth sah auf: „Was so ein Kind nicht alles aufschnappt.“ Renée
mußte lachen. – „Ja, da hättet ihr euch eben mehr vorsehen müssen!“ –
„Eigentlich warst du immer furchtbar schweigsam, Renée.“ „Mag sein.“ –
„Und,“ fuhr Elisabeth fort mit einem kleinen, affektierten Lächeln,
„mich konntest du, glaub ich, überhaupt nicht leiden?“ Renée wunderte
sich. „Ach doch,“ sagte sie.
Manchmal fing Elisabeth nun mit ihr Gespräche an. Renée mochte es nicht
sehr gern, aber es war immerhin amüsanter als das schweigende
Herumsitzen. Zuweilen kam Elisabeth auf das Heiratsthema. „Weißt du,
Renée, man muß jung heiraten,“ sagte sie. „Sonst fügt die Frau sich
nicht mehr ein. Am besten gleich von der Pension in die Ehe hinein. Das
ist das beste.“ „Ich glaube doch, eine Frau könnte ein wenig älter und
reifer sein, ehe sie heiratet.“ Elisabeth lachte wegwerfend. „Reifer –
nein, das ist höchst überflüssig und kommt außerdem von selbst. Und zum
Beispiel du. Du bist doch eben aus der Pension. Kommst du dir zu unreif
vor zum Heiraten?“ Renée lachte: „Eine recht verfängliche Frage. Aber
ich will gar nicht heiraten.“ „Na weißt du, das sagen alle.“ Renée fand
solche Unterhaltungen langweilig. Sie wollte abschneiden. „Ich wüßte
wirklich nicht, warum ich es sagen sollte. Es ist eben meine Ansicht.“
Eine Weile schwieg Elisabeth. Renée vertiefte sich in die ‚Natürliche
Schöpfungsgeschichte.‘ – „Renée!“ – „Ja.“ – „Weißt du,“ sagte Elisabeth,
„eine Frau braucht die Liebe. Du kannst das noch nicht so beurteilen.
Und für eine anständige Frau ist eben ‚Liebe‘ gleichbedeutend mit
‚Ehe‘.“ – „Die bedauernswerte!“ sagte Renée. „Gott, Renée, was du immer
redest.“ Renée bekam auf einmal eine sonderbare Bekennerlust. Und sie
hörte selbst verwundert das nie noch ausgesprochene Bekenntnis. Sie
sagte: „Heiraten. Ich möchte wohl. Denn ich glaube, das Wundervollste
des Lebens ist dies Beisammensein zweier Menschen, die so viel Vertrauen
ineinander haben, daß es wird wie ein Glauben, der Berge versetzen kann.
Ich möchte – oh ja. Aber mit einer Frau möchte ich Freund sein –“ „Warum
denn nicht mit einem Manne? Eben darin besteht doch die Ehe,“ sagte
Elisabeth erregt. „Ach, tut sie das? Meinetwegen. Aber Männer sind
unfein. Sie sind grobgeboren, sie können’s nicht ändern –“ „So,“ sagte
Elisabeth höhnisch, „und der teure Hannsbabo?“ Renée zögerte, dann
antwortete sie: „Hannsbabo ist nicht unfein. Nur etwas gedankenlos ist
er.“ Elisabeth erhob sich zu ganzer Länge. „Herrgott,“ rief sie, „Renée,
du kramst ja da einen schönen Unsinn aus. Laß das bloß nicht die Herren
mal hören, sonst ist dein Ruf fertig und –“ „Du sollst mich in Ruh
lassen, Elisabeth, hörst du, ich will gewiß nie wieder mit einer so
plumpen Person von meinen Dingen reden.“ Elisabeth schimpfte. Renée lief
hinaus und warf hinter sich krachend die Türe zu. „Dies unanständige
Türenschmeißen!“ hörte sie Elisabeth hinterdrein rufen. –
Renée lief in den Garten. Ekel war in ihr. Wie konnte – oh wie konnte
sie ihre schönen und guten Hoffnungen dieser widerlichen Banalität
preisgeben. So wenig konnte sie schweigen. Mußte alles ausschwatzen,
damit ja einer es nehmen konnte und herunterreißen. Sie hatte einen
namenlosen Widerwillen. –
Elisabeth verhielt sich eine Woche lang feindlich. Teils unschuldig
beleidigt, teils unschuldig beleidigend. Elisabeth umsorgte Papa mit
besonderer Zärtlichkeit und frug in seiner Gegenwart mehrmals Renée, ob
sie beim Johannisbeer-Auskernen helfen würde. Renée haßte Einmachen. –
Auf der Veranda saß Elisabeth. Sie kernte Johannisbeeren aus mit einer
Haarnadel. Neben ihr rechts stand eine Kiepe voll Beeren, links ein
Topf, wo die ausgekernten hineinkamen. Renée setzte sich dazu und fing
an. Man brauchte fünf Minuten für eine Beere. Am Schluß war von der
Beere nur noch die Haut übrig. Sie warf es ärgerlich fort. „Ich begreife
nicht, wie ihr ein so albernes Kompott machen könnt.“ Elisabeth steckte
eine Beere in den Mund. „Wenn dein Vater wünscht, daß dieses Kompott bei
den Exzellenzendiners gegeben wird, so wird das wohl nicht albern sein,“
sagte sie. Renée hatte Streitlust. „Red’ doch nicht so einfältig. Das
ist doch Papa total einerlei. Und außerdem Exzellenzendiners“ – sie
wiederholte das mit umständlicher Aussprache – „Als ob der olle Gagern
und der olle Pressenthin nicht ebensogut Appelkompott essen könnten.“ –
„Die Leute erwarten eben, daß es in einem vornehmen Hause etwas
Anständiges zu essen gibt.“ Renée lachte. Sie sagte: „Na dann täuschen
sie sich halt.“ – Elisabeth beharrte in Schweigen. –
Im Laufe des Sommers gab es zwei Ereignisse: Der neue Landrat machte
Besuch, und es kam eine Einladung zum Essen nach Waldburg. –
Der neue Landrat fuhr eines Tages mit einem Schimmel-Tandem und einem
rot lackierten Wagen vor, der mit rotem Leder ausgeschlagen war. Er
bewies dadurch Eleganz und Wohlhabenheit. Renée wurde das Ereignis
gewahr, als sie Elisabeth dröhnend ins Schlafzimmer laufen hörte, wo sie
ihre Haare zu brennen begann. „Luise, meinen schwarzen Rock!“ tönte es
durchs Haus. Renée weigerte sich hinunterzugehen.
Der Besuch saß also mit Papa und Elisabeth auf der Veranda. Renée guckte
ein bißchen aus dem Fenster heraus und hörte jemanden mit einer
näselnden Stimme in abgerissenen Sätzen reden. „Jawohl, Herr General –
ganz recht. Die Geselligkeit in unserem Kreis ist etwas – hm – latent.“
– Renée zog schnell den Kopf zurück und lachte ins Zimmer hinein. War
das ein Scheusal! –
Nach einer halben Stunde kam Elisabeth befriedigt herauf. „Herr von
Horwitz ist ein angenehmer Mensch,“ sagte sie, „mit vornehmen,
gediegenen Ansichten.“ „Gott segne ihn.“ antwortete Renée. –
Den Herrn mit den gediegenen Ansichten traf man auf dem Diner in
Waldburg. Dieses Diner war Renées ‚erstes Auftreten‘. Aber man nahm sie
noch nicht ganz für voll. Sie hatte einen Tischnachbar von
ausgesprochener Jugendlichkeit. Er war Student. Er befand sich im
zweiten Semester. Er vertraute Renée an, daß er durchaus für das
Frauenstudium eingenommen sei und daß er nur jeder Dame dringend dazu
raten könne. Die männlichen Kommilitonen wären von zuvorkommendster
Höflichkeit, und es sei doch auch sehr interessant. Renée hörte die
Schwierigkeiten der Gymnasialbildung, und es sei eben ganz was anderes
als diese löcherige Mädchenschulbildung, und Renée versprach ebenfalls
Medizin zu studieren, wenn es dazu käme, und sich nicht durch hochmütige
Vorurteile von Verwandten davon abhalten zu lassen.
„Arzt sein, Menschenhelfer, das ist der einzige vornehme Beruf,“ sagte
der Student. Er sagte: „Mein Gewissen würde nicht ruhn, wenn ich einen
so unsozialen Beruf ergriffe, wie etwa den des Juristen oder des
Theologen.“ – Renée wandte ein, von seinem Standpunkt aus habe auch der
Theologe einen sozialen Beruf. Aber sie mußte hören, das sei – pardon,
ohne ihr zu nahe zu treten – Unsinn. Der Student redete noch, als man
von Tisch aufstand und redete weiter durch drei Zimmer hindurch. Renée
dachte: Wenigstens viel gegessen hab ich, und er hat fast gar nichts
gegessen. –
Der Student bot ihr eine Zigarette an. „Der verehrten Kommilitonin ^in
spe^,“ sagte er. Renée paffte lustig in die Luft.
Die alte Gräfin Arnim schlich vorbei am Arm ihres Schwiegersohnes und
wedelte sich mit dem Fächer den Rauch aus dem Gesicht. –
Auf der Rückfahrt sagte Papa: „Renée, du hast dich, wie ich höre, höchst
unmanierlich dort betragen. Ein junges Mädchen muß mehr Haltung
besitzen. Merke dir das!“ – „Das Rauchen wünscht Papa auch nicht,“ sagte
Elisabeth.
Hannsbabo war gekommen mit der Schwägerin. Sie war von sehr zierlicher
Gestalt, sie lächelte viel, während sie zum allgemeinen Entzücken ihr
Kauderwelsch redete, und sie nannte Renée: ‚Darling‘. Es war ihrem
Kommen schon allerhand vorangegangen:
Elisabeth sagte: „Sie hat vier Koffer, schreibt Hannsbabo, das wird wohl
die Ponykarre kaum schaffen.“ Und Elisabeth stand eine halbe Stunde
dabei, als die Mädchen die Zimmer herrichteten. Außerdem waren ein
Baumkuchen aus Salzwedel und mehrere Pakete aus Berlin angelangt. Ja,
die Schwägerin nannte Renée: ‚Darling‘. Sie zog dabei den einen
Mundwinkel schief und bekam ein Grübchen am Kinn. Hannsbabo war mit
einer müden Dienstfertigkeit um sie herum. Sie empfing jeden seiner
Dienste mit einem leisen, halb bedauernden ‚Oh‘ – meistens stand
Hannsbabo an der Verandatür und trommelte gegen die Scheiben.
Eigentlich waren alle Leute sonderbar, während die Schwägerin zu Besuch
war. Papa sprach mit einer gemäßigten Stimme, so als habe er immer ein
weinendes Kind zu beruhigen, und Elisabeth erzählte mit aufflammender
Begeisterung von den Reizen der Hoffeste. „Ich tue das, damit sie die
Vorteile ihrer Heirat sieht,“ erklärte sie Renée. Indessen hatte die
Schwägerin nur geantwortet: „Wir werden ja sehn; wir werden diesen
Winter den Hof besuchen.“ Überhaupt – nun, Elisabeth würde es nochmals
probieren.
Abends ging Renée mit Hannsbabo durch den Garten. Und als sie an das
große, runde Rosenbeet gekommen waren, da sagte Renée: „Hannsbabo,
liebst du Sarah?“ Hannsbabo wandte ihr einen kurzen Augenblick das
Gesicht zu – dann lächelte er – dann legte er den Arm um ihre Schulter.
„Du kleiner Bub Renée,“ sagte er. Renée schwieg. –
Als sie den Weg an der Weinmauer zurückgingen, war es dämmrig, so
dämmrig, daß man nur an ihrem Duft die Rosen spürte auf dem runden Beet.
– Nach dem Abendbrot erfuhr Renée, daß die Schwägerin Elisabeth
eingeladen habe nach Berlin, und sie würden im Bristol wohnen, und
Elisabeth strahlte. Die Schwägerin sprach den Abend hindurch und lachte
und nannte Papa einen schönen alten Herrn, während Hannsbabo in den
Zimmern umherging und die Bilder betrachtete, die er doch von Kind auf
kannte.
In der Nacht dachte Renée vielerlei, und es fiel ihr ein, daß Hannsbabo
ihr einmal die Photographie einer Frau in Pagenkleidern gezeigt hatte,
und von dieser Frau träumte sie. –
So war jener Besuch verlaufen. Renée hörte Papa bei Tisch sagen, daß
Sarah eine reizende kleine Frau sei, und Renée erinnerte sich nicht,
solcherlei oft von Papa gehört zu haben. Papa hatte das Lob der Nachbarn
geerntet. Papa hatte Genaueres erfahren über Sarahs Gelder und deren
Anlage. Papa war befriedigt.
Im Herbst gab es die Vorbereitungen für den Winter, das Anprobieren, die
Besuche, die Tanzstunden, und gegen den Dezember kamen Papa und Renée
nach Berlin. Eigentlich ging eine ganz neue Art von Leben an. Beständig
war in einer selbstverständlichen Art von Renée und ihren Bedürfnissen
die Rede, und Renée sah sich als Mittelpunkt einer Anzahl von
Geschäftigen; und während sie mit der undankbaren Gleichgültigkeit
dessen, der nun endlich zu seinem Recht kommt, alles geschehen ließ,
dachte sie an die schöne sonderbare Zukunft. –
Renée ging mit Papa die Schloßtreppe hinauf. Vor ihr und hinter ihr
stiegen Frauen mit glitzernden Kleidern von schwerem Stoff, und Männer,
die sich kaum regen konnten vor Goldbesatz und Troddeln. Die Treppe war
viermal so breit als gewöhnliche Treppen, und an jedem Absatz standen
zwei haushohe Grenadiere, regungslos wie in Castans Panoptikum. Nebenher
lief in ungeheuerlichen Windungen die steile Auffahrt, auf der des
Kaisers Vorfahren, Gott mag wissen wie, mit achten heraufgefahren sind.
Renée hielt sich eng an Papa, der die goldstrotzenden Männer begrüßte
und ab und an einer von den Frauen die Hand küßte. Er tat, als ob er sie
alle genau kennte, obgleich er gleich darauf Renée mit dem Ellbogen
puffte und fragte, wer es gewesen sei. –
Oben ging Papa hinter Renée her, und in einem großen Zimmer mit
schwatzenden, jungen Mädchen trat er auf einen freundlichen, alten Herrn
zu, dem der goldne Schlüssel auf dem linken Frackschoß klebte, und
sagte, hier bringe er seine Tochter. Der alte Herr sagte: „Oh, sehr
erfreut,“ und dann gab er Renée die Hand und teilte ihr mit, daß sie
zwischen der Komtesse Itzenplitz und Fräulein Frida von Roeder zu gehen
käme.
Als Papa fort war, sagte der alte Herr, Renée solle sich ja nicht
beunruhigen, es werde ja sicher alles tadellos gehen und er werde sich
nachher erlauben, den Damen noch einige Winke zu geben – dann rief ihn
‚die Pflicht des Dienstes‘. So stand Renée allein in den
Elisabethkammern, hielt die große Schleppe noch genau so, wie sie ihr zu
Haus über den Arm gelegt worden war und betrachtete ihren Schleier und
den ganzen sonderbaren Aufputz im Spiegel gegenüber.
Man wartete ein bis zwei Stunden, währenddes gab der Kammerherr ihnen
die Winke: nicht zu tief, weil sie sonst nicht wieder hoch kamen, und
vor allem recht ruhig und mit einer gewissen Feierlichkeit. Von diesem
Moment an sah man die Neu-Vorzustellenden würdevoll aufeinander
zuschreiten und auf den Erdboden versinken. Sie erhoben sich mühsam.
Ab und zu guckten ein paar Damen und Herren durch die Tür und
betrachteten die ‚Neuen‘. – –
Renée erwachte aus einem Halbschlaf, als das Schleppenende vor ihr sich
in Bewegung setzte. Sie ging hinterher durch die Reihen der Pagen und
Lakaien und behielt den rundlichen Rücken der Komtesse Itzenplitz fest
im Auge. Dann riß man ihr die Schleppe vom Arm, die sorglich
ausgebreitet wurde und von nun an wie ein wundervoller weißer Schweif
hinter ihr drein kam.
Im Rittersaal hob ein Kammerherr beschwichtigend und Einhalt gebietend
die Hand, und Renée wartete ab, bis die rundliche Komtesse vor den
Majestäten versunken und wieder erstanden war, worauf auch sie in
würdevoller Haltung sich zum Thron begab. „Fräulein Renée von Catte,“
sagte die Oberhofmeisterin vernehmlich, und während Renée den viel
probierten Knix ausführte, sah sie der Kaiserin, die freundlich
lächelte, gerade ins Gesicht. Der Kaiser hatte mehr ein vorwurfsvoll
freundliches Aussehen. So wie: ‚Warte du, draußen lacht ihr doch!‘
Draußen lachte Renée wirklich. Sie lachte durch die sieben oder acht
Gemächer und rannte mit der wohlverpackten Schleppe, so schnell sie
konnte. Draußen gab es Sekt und Büfett. Aber leider wollte Papa so
schnell weg mit Renée. Sie konnte nur von weitem ihre schöne Schwägerin
ansehen, die eine große Krone von Diamanten auf dem Kopfe trug. – Als
Papa seine Mütze aufsetzte, sagte er: „Gott sei Dank, das wäre
erledigt.“ –
Bei Sarah sollte die erste Tanzstunde sein. Sarah wollte es Papa
abnehmen. Diese Tanzstunden gingen die Reihe herum, und es war genau
verabredet, was es zu essen geben würde. Damit man sich nicht aus
Versehen übertrumpfte.
Wenn die Tanzstunde bei Major von Cramer war, dann gab es stets acht
Damen mehr als Herren. Ja. Dort gab es so wenig zu essen. Hingegen bei
Sarah waren die Herren komplett und brachten noch Freunde mit. Denn
Sarah machte einen großen Ball daraus. Bei Sarah ging es erst los, wenn
es eigentlich aus war. –
Renée bewunderte Sarah. Renée dachte: Sie ist ganz anders als die
meisten Frauen, viel kleiner und so fein und so zart. Manchmal war es,
daß Renée ganz böse wurde gegen ihren Bruder, weil er sich so wenig
kümmerte um Sarah. Manchmal war sie ihm böse. – Also sehr prächtig war
die erste Tanzstunde. Es kam dieselbe Lehrerin, die Renée einmal
Jagdhund genannt hatte; sie war diesmal milde gegen Renée, und sie war
böse und kampfbereit gegen die Herren, und manchmal stieg sie auf einen
Stuhl, um sich verständlich zu machen.
Renée tanzte mit einem von Hannsbabos Regiment. Er hieß Schoenburg. Er
war mittelgroß und blond und hatte sanfte, stahlgraue Augen. Er gefiel
Renée. Renée sagte, die Tanzlehrerin sei so grob. Aber er lachte und
meinte, sie sei nicht so schlimm. Er sagte: „Sie ist so grundbrav. Man
wird ihr gut darum. Man muß sie gern haben, wenn man ihr zusieht.“ Dann
lächelte er. „Wir sind Freunde, Frau König und ich.“ – Einmal als Frau
König gar nicht durchdringen konnte, drehte Schoenburg das Licht aus.
Dann erschraken alle. Dann waren sie ruhig. Frau König sagte: „Ja Herr
von Schoenburg, wenn ich Sie nicht hätte.“ – Das war hübsch. Das gefiel
Renée. Der wurde einer von ihren ‚guten Freunden‘. Dann gab es noch
zwei. Da war der kleine Wachenhusen. Er war von den Kasseler Husaren
nach Berlin kommandiert und sein hellblauer Attila sah genau aus wie
seine hellblauen Augen. Er war klein und fix und lustig, und am Ende
jedes Balles sagte er zu Renée: „Wir bleiben doch gute Freunde!“
Einmal hatte Renée eine ganze Weile gestanden und hatte eine sehr schöne
und sehr prächtige Frau angesehen, um die drei oder vier Herren herum
waren. Die also sah Renée an, und da auf einmal kam der kleine
Wachenhusen zu ihr. Er sagte: „Warum sehen Sie die Gräfin Lynar so viel
an, gnädiges Fräulein?“ Renée wurde ein ganz wenig verlegen, dann sagte
sie sehr bestürzt: „Glauben Sie, sie hat es gemerkt?“ Der Wachenhusen
lachte: „Nein, aber ich habe es gemerkt!“ – „Sie gefällt mir so gut,“
sagte Renée. „Mir auch.“ – „Sie hat eine so sonderbar spielende Art zu
sprechen,“ sagte Renée. „Ja, das hat sie.“ – Sie waren beide sehr einig
über die Gräfin Lynar. – Manchmal stritten sie auch. Einer sagte: „Sie
war viel schöner neulich bei Wedels, als sie das goldene Kleid hatte“
und der andere: „Nein, sie ist schöner in ganz matten Farben.“ –
Renée fand es sehr lustig mit dem kleinen Wachenhusen.
Der dritte gute Freund war Rodeck. Zuerst mochte Renée ihn nicht. Er hat
eine zimperliche Art von Frauen zu reden, dachte Renée. Es ist immer,
als wären sie von Glas. Und immer sollen sie ihren Fuß an keinen Stein
stoßen. Wenn nun der Rodeck einmal verheiratet war, gewiß lief er dann
immer mit Halstüchern hinter der Frau her. Hinter der unglücklichen Frau
von Rodeck. – Also erst mochte Renée ihn nicht. Dann geschah einmal
etwas: Rodeck hielt eine Ansprache. Rodeck sagte: „Mein gnädiges
Fräulein, ich weiß nicht, wie ich es eigentlich wage, mich mit einer
großen Bitte an gnädiges Fräulein zu wenden. Mit einer Bitte, die mir
viel bedeutet. Seien Sie nicht böse, wenn ich Ihre Hilfe in Anspruch
nehme, denken Sie nicht, ich sei unbescheiden – bitte, bitte!“ – Als die
Ansprache so weit gediehen war, machte Rodeck eine Pause. Aber er sah
Renée so gut und warm an, und seine putzigen, runden Augen hatten so
etwas Geängstigtes, – Renée sagte: „Ja, ich will so gerne alles tun.“
Dann zog Rodeck mit beiden Händen seinen Waffenrock glatt und drehte
seinen Hals ein paar Mal in dem hohen, mit Eichenlaub gestickten Kragen
herum, dann sprach er weiter: „Es ist – ich habe die Ehre, wie gnädiges
Fräulein wissen, am fünften bei Ihrer Frau Schwägerin und Ihrem Herrn
Bruder zum Diner erscheinen zu dürfen, ja – und ich wollte sagen, ich
meine, ich wollte fragen, ob die Tischordnung –“ Weiter kam die
Ansprache nicht. Es kam kein Ton mehr. Und Rodecks Augen waren nahezu am
Herausfallen vor Geängstetsein –
Renée wurde auf einmal von einem Redetaumel ergriffen. Sie wüßte ja und
sie verstünde ihn vollkommen und selbstverständlich wolle sie allen
ihren Einfluß aufbieten – und während sie sprach, wurden die Augen ihr
gegenüber wieder kleiner und selbstsicherer, und als sie schwieg, sahen
die Augen sie lustig und verschmitzt an. „Ich möchte so gerne Fräulein
von Treskow zu Tisch führen.“ – „Ich werde es zuverlässig besorgen,“
sagte Renée.