Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“ erklärte er. „Denn das
Höchste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß
über jedem Verdacht stehen.“
„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen
Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als
Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.
Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blätternd.
Die Gäste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
sie sich anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. „Meine
Unterredung mit dem Präsidenten ist für beide Teile durchaus befriedigend
verlaufen“, stellte Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht
man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln. In dem heutigen
verjudeten Geschäftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr.“
Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden nehmen
werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“, sagte Diederich, aber nur der Ordnung
wegen, denn er war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
verschaffen zur nächsten Soiree der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der
Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“ sagte er,
„man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Höchste, es zieht
einen hin!“
Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrößert. Der
handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
gegenüber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
Buck.
„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck. „Ich gehe zur
Bühne.“
„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“
„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
Auch sind die Weiber schöner.“
„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
„Ich muß zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spaß gemacht.
Andererseits: so blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen
leidet darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“
Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick, denn er hatte den
Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. „Sie
werden wohl wissen,“ versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein
anderer nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört schon
verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“
Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen, großzügigen Mann“,
sagte er bedeutungsvoll, „müßte es eine besondere Genugtuung sein, ein
Mädchen unter solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie
einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut zuletzt
das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin.“
„Wieso, Lohengrin?“
Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
ward er unruhig. „Kommen Sie mit hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ –
„Gleich hier, Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.
„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzählen
Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
aus dem Spiel, den Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kündigen.“
„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden Szenen im Leben so
schwer.“
„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.
„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
als moralische Unterstützung dienen.“
„Moralisch?“ fragte Diederich.
„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“
Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.
Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich warten. Buck ging
nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. „War nicht auch
Wolfgang da?“ fragte sie.
Buck war ausgerissen!
„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch etwas ganz
Dringendes bei Ihnen vor.“
Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. „Dann empfehle
ich mich auch.“
„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
daß er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?“
„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich es entschieden
mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
Schuld ist es nicht, adieu.“
Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.
„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich mir mit den
Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nächstliegenden
Verpflichtungen.“
Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
reglos, und dann warf sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
sah ihre Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger rinnen. Sie
hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist ja so viel nicht an ihm verloren.“
Da aber empörte sich Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie muß herschicken,
das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“
„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich seinerseits. „Sie mußten
wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem
betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
ist alles schlapp.“
Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger:
„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“
„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
„Er hat mich doch selbst angestellt, daß ich seinen Kochtopf sollte
umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“
Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! Das ist es ja, das
kann und kann ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer _alles_ wurscht war,
sogar mein Geld!“
Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich nicht einlassen“,
stellte er fest. „Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
Finger.“ Er nickte gewichtig. „Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
Leben nicht.“