Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben. „Unter meinen Lumpen
darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
ist es anders. Da können wir den Umsturz brauchen, damit aus den
freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier wird.“ Und er machte eine
tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte
furchtbar.
„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“
Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das ist auch einer von den
Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“
Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr gab. „Herr
Präsident“, sagte er mit einem Entschluß; und dann leise und hastig: „Der
Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in
Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“
Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten. Wulckow las, dann stand er
auf, warf den Stuhl mit dem Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das
Zimmer. „Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ Er blieb
stehen. „Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
Wilhelm den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß Sie nicht mal mehr im
Säuglingsheim Aufnahme finden!“
Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. „Herr
Präsident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese
große nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“
„Dann gnade Ihnen Gott!“
„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?“
„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!“ Wulckow ließ
sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken
zergingen, hatte er sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
gegen Klüsing.“
„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich einen Überschwang
von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der
Hand wissen ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! An die
große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten; aber
er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –“
„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte Diederich aufspringen
und seinerseits durch das Zimmer laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr
Präsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
ich will sagen, der moderne, großzügige Geist!“
„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow.
„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich. Er kehrte zurück.
„Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich schätzen, wenn es
uns gelingen würde, daß Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der
Sache Ihr geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“
„Gemacht“, sagte Wulckow.
„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
entsprechend zu würdigen wissen.“
„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
aber Diederich bei seiner Angeregtheit überhörte es.
„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im Schoße des Komitees
geführt. Man wünscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
mit einem Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung von
Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
im Zentrum der Stadt an ein größeres Grundstück gedacht; auch die
Nachbargebäude wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“
„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.
„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
näher tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten
Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte
natürlich das erste Anrecht ...“
Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach los. „Herr! Für
wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? Das ist unerhört, das war
noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten
zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“
Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme
und mit seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts
bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum Angriff
über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Getöse.
„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!“ schrie
Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur
Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund
oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
vertrautem Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach über ihn
herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tür hinter dem
Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. „Ich
kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behörde,
an der obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“
Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt
den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte auch
Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an, Diederich
war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps ließ von ihm ab, als sei er
Luft. Da wagte Diederich es, die Hände zu falten.
„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident, erlauben Herr
Präsident, daß ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
tief bedauerliches Mißverständnis vor. Nie würde ich, bei meiner
wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“
Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.
„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder, um etwas
vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das nationale Interesse im Auge
habe, dann wäre ich heute nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck.
Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige Säuglingsheim. Aber
das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden
Weg gefunden zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich gesagt, das
Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im Herzen als das Säuglingsheim in der
Tasche, hab’ ich gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“
Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
„Sind Sie noch immer da?“ fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
„Herr Präsident –“
„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
verhandelt.“
„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“
„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
Grundstück, und dalli; nachher können wir reden.“
Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht:
„In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
Klüsing? Der Ehrenvorsitz?“