Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“

„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu ihm, durch ihre

letzten Tränen blinzelte sie ihn an.

„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus

mache?“ Sie verzog den Mund. „Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt.

Bloß auf die Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun ist

er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn“, setzte

sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein

Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken. Guste begriff,

daß er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so

demütiger verhielt sie sich.

„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin bin.“

Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte still. „Wenn die

Leute Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!“

„Ich auch nicht.“

Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. So eine wie ich

verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten

vom Leben sie noch nimmt.“ Und dabei schielte sie von unten nach der

Wirkung.

Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er und machte eine

Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen wir einmal an,“ sagte er mit

schneidender Betonung, „jemand hat im Gegenteil die allerernstesten

Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im vollen

Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine

künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz

des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“

Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflächen

aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien

noch nicht zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so

fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnädig. „So soll es

sein“, sagte er und blitzte.

Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was ist denn los?“ Und

Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring“, –

worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht

zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: „Hat ihm

schon!“ Sie stand entschlossen auf.

„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“

Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und

Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklären. Schließlich

gestand sie, daß sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so

etwas schon gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu

miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die Familie, dagegen

kommen Heßlings nicht auf.“

Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte an, daß nichts

abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise

über Gustes Mitgift mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft –

und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!

Bei jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und

jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn

morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los

bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“

Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu Abend mit den Damen und

wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmädchen nach dem

Verlobungssekt schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte

sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr

verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand, denn den Herrn

Leutnant von Brietzen hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich

wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der Leutnant von

Brietzen für Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche

taumelte das Brautpaar auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen,

ihre Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand

beschäftigte sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich

verursachte Diederich ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er

übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen

Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.

Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die

Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den

anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß.

Vielleicht ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei es das

Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.

„Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch; diese mitten in

Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“

Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhöhtes

Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen

und Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig

ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee

auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite

schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch

leicht, unter Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen

vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten

anregend miteinander beschäftigt.

Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in

den Lohengrin. Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu

Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der

Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das

breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,

war eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste

wollte wissen, daß diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte,

und daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!

„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, erklärte

Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings bis vor kurzem mit

einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen könne –.

Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das

Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.

„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte Guste sogleich, und sie

nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen

hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte

Haarsträhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen den Takt

schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen Fettsäcke mitwippten;

und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war großer

Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen

Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin

kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.

„Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“

Diederich hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich die

prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders

schneidig; Wulckow brachte Baß und Vollbart entschieden besser zur

Geltung; aber was er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu

begrüßen. „Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“ Bravo! So oft er

das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik

bekräftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was

man hören sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er

hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.

Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar dem

dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen

sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und fand überall

Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche und Bärte bekommen und sich gegen

die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in

günstigen Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere

Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen

noch weniger glänzend; aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in

tadellosen Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, daß man sich

in dieser Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel

rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene

Banner, und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen.

Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der ließ

freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische Fragen: welche es denn nun

sei, mit der er –. „Vielleicht die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke

Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich war nicht weit

davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu

entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, daß eben sie in der ganzen

Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien

zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst üble

Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche

Treue, selbst wo sie ein so glänzendes Bild darbot, bedroht von den

jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.

Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man

Klasse voraussetzen durfte. Der biedere König hätte es nicht nötig gehabt,

die Sache dermaßen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer

Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von

vornherein gewisse Garantien. Diederich faßte sie ins Auge, sie sah

herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber

Guste entriß es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er

vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich

geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“ – „Jüdin?“ – „Die Merée,

selbstredend, sie heißt doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ –

Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte

sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht lehnte Diederich sich

zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, daß Elsas keusche Vorahnung

weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den König und

die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer

Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Daß die Edlen sich auf

die faule Sache nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man

mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,

sie machte einen geradezu auf alles gefaßt. Diederich hatte den Mund offen

und so dummselige Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt

war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,

funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender.

Mannen, Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie

Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die allerhöchste

Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder

Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.

Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie

hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten

war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und hätte überhaupt

wegziehen müssen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der

ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll es sein!“ sagte

Diederich und nickte auf die kniefällige Elsa hinab – indes Guste, die

Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.

Das weitere konnte man an den Fingern abzählen. Telramund machte sich

einfach unmöglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem

Repräsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens wie ein

besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der

Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten

den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.

Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben, Pralinees –

brachte zunächst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen

dem glanzvollen, ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den

vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empörern,

die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin

meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon

angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persönlichen

Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber

irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter

sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte

was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen

und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte

nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte Elsa; und

Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“

Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken

Delitzsch eröffnet, daß sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten

bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,

heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich

keine Meinung und schluckten jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch

noch so weit“, gelobte Diederich.

Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, empörte sich Guste.

„Das hat sie nun nicht nötig, darüber ärgere ich mich immer. Wo sie doch

nichts mehr hat, und überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte

Diederich. Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,

unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen

Namen verraten und dadurch das ganze Geschäft in Frage stellen sollte oder

nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen

brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler Telramund,

reine Hände und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung

war durchaus unverdächtig.

Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste, aber dafür müsse

sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der

Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge

verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin hätte sich

besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder

einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glücklich

fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte nicht

wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als

Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der König schon immer zu

konziliant gewesen war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine

Nulpe.

Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an

die „Wonnen, die nur Gott verleiht“. Zuerst umschlangen sie sich nur oben,

die unteren Körperteile saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je

mehr sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei ihre

Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch und sein Orchester

schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und

Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit

erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge, die Hähnisch

mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Hände folgten ihnen. Diederich

ließ die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten,

umspannte sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal

gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“

Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,

der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschäftigen.

Lohengrin zeigte sein Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit

mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.

Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft hatte, herrschte im Hause

lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die

sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken. „Wie

lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der

Schwan ist mit seinem Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr

ernstlich das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, stellte

er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es

nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu

fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges

Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, dies mußte

Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest

anzog, eher noch subversiver.

Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles

nationale Zubehör war wieder da; und „für deutsches Land das deutsche

Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien

nun wirklich entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.

„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch er sagen. Nacheinander

klagte er den toten Telramund und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von

beiden ihm widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam

aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt

gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen

Versammlung, die noch nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung

hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen

sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er Lohengrin hieß. Um so dringlicher

ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der

Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und

unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds

brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf

auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans

von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ. Dafür war der junge,

soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem

Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.

„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.

Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen der Macht waren, hatten ihn

erhoben und tief befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum

Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer er ist? Das kann

sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anständig.“ – „Es hat einen

höheren Sinn“, erklärte ihr Diederich streng. „Die Geschichte mit dem

Gral, das soll heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem

Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner

Majestät in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage

nichts, und eventuell –.“ Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er,

in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern

würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! Wie komm’ ich dazu, daß ich

muß draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht

einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und Guste

rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch

nichts geschehen war.

Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das ist die Kunst, die wir

brauchen!“ rief Diederich aus. „Das ist deutsche Kunst!“ Denn hier

erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt.

Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward

glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt,

und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich

willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die

mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und

sympathisch, daß in dieser Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der

Mann war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen

Mann“, sangen auch die Männer samt dem König. So war denn die Musik an

ihrem Teil der männlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war,

und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Aufführungen

einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!

Diederich sprach es aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum

ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so gründlich aus dem

Schlummer rütteln. „Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer

den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug

ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mußte ihn aufklären, es sei

nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte

sich Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es

eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, daher ist es die deutsche

Kunst. Dann kommt das Drama.“

„Warum?“ fragte Guste.

„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen

braucht, und überhaupt.“

„Und was kommt dann?“

„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist

nicht so wichtig.“

„Und der Roman?“

„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt

schon der Name.“

Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der

Leute, Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,

hatte man beschlossen, daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten

sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal

mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den

Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den

Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden

Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der

Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu

erfüllen, vertiefte sich jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am

Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; da ward

eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. „Was kann der wollen,

Sötbier?“ Der alte Buchhalter wußte es auch nicht. Na egal. „Einen

Offizier kann ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür.

In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer Herr in einem

grünlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen

trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von

seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,

regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, versetzte der

Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er

schnarrend: „Verkaufen, was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht

sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der Alte hatte

sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr Premierleutnant haben sich

gewiß in der Hausnummer geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half

nichts. „Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer Befehl.

Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“

Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht länger übersehen,

daß trotz der militärischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure

Strammheit nicht echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem

Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grünes

Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs

Frackhemd. Dies veranlaßte Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm

ihn sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er. „Die Herren

von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden.“

Dabei zwinkerte er angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher

Verdacht kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den

Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen draußen“, raunte er

ihm zu, und nach der anderen Seite zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos

betrunken, ich muß sehen, wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die

Lippen zusammengepreßt, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu

seinem Brief zurück.

Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.

„Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch.“ Erst nachdem auch er

durchnäßt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch

den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas Schnaps! Kaufe

alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei

hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er öffnete den Verschlag, wo die

Chlorsäcke lagen, und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.

Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: „Karnauke

mein Name, warum stinken Sie so?“

„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der Herr nahm auch das

übel. „Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat.“

Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.

„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren.

Ehrensache.“

„Was bietet Ihr Auftraggeber?“

„Hundertzwanzig die Kiste.“

Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend sei sein

Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: „Hundertzwanzig die

Kiste.“

„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach

dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte

ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie auf,“

keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der Premierleutnant heulte

auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und plötzlich hatte er

seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow eklig

hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen.

Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr

Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre er

im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, – aber die

Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!

Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste

Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt

dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte

er sich aus! Hätte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller

gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschäft verhandeln

können? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;

auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen Sie nur voran

zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie

er aber selbst fort wollte, stand da der alte Sötbier, noch immer mit den

gekniffenen Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.

„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, dafür kann

ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“

„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich weiß allein, was

ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die Hände.

„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen

Vater und mir, die verteidige ich! Daß wir das Geschäft aufgebaut haben

mit Fleiß und solider Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie

mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, das ist ein

Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen

Sie das alte Haus!“

„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne daß Sie dabei

sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur

nicht.“ Diederich höhnte.

„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier. „Ich kann nicht

zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der

Firma untergräbt und treibt Großmannspolitik.“

Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht

erfunden, Sötbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Später

werden Sie sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“

„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott

sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie

haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und

Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –: bloß daß

ich Pietät habe, sonst könnte ich Sie ins Unglück bringen!“

Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut in den roten Lidern.

Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die

Nase. „Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma

bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine

Vorkehrungen getroffen?“

Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Sötbier

rollte blutige Augäpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück.

„Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines

alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewährte

Kraft so lange als möglich zu erhalten.“

„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und kalt. „Seien Sie froh,

wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr

Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen.

Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als Käufer „Unbekannt“

gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn

von Quitzin.“ Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er, „Herr

von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm in der Meisestraße nur

die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstücke hinter dem

Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den

Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“

Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,

solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.

„Weiß ich“, sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag.

Frühstück Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das grüne Mäntelchen

und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn

entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder

mit seinen Zeugen.

Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter trockneten ihr die

Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln der anwesenden Damen. Auch dieser

Bräutigam ging durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen

Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... Endlich! Diederich war

da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am

Standesamt und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte man,

auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor

Zillich erwähnte in seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas

Vergängliches sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war gar nicht

erschienen.

Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und sichtlich noch anders

beschäftigt. Selbst das Essen vergaß er oft und stierte in die Luft.

Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit

zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe

brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die

Versammlung nach Maßgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht

gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere

Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und

die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den

Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat

ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant

heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene

Lärm des Festes brach jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein

blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...

Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte beide Hände hin, eine

Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete

von selbst und bevor er wußte was. „Seine Majestät ... Unerhörte Gnade ...

Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, wie

Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schloß die

Augen und versank: so als stände vor ihm ein anderer, der Geber selbst.

Unter der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.

Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der

Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal

Wilhelm des Großen und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!

Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam

einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen

er entgegengeführt werden sollte, von großen Dingen, die man mit ihm und

der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste.

Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhänge

zu. Sein von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste

hätte so viel Temperament nie erwartet. „Du bist doch nicht wie

Lohengrin“, bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen

schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,

ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor wir zur Sache selbst

schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken wir Seiner Majestät unseres

allergnädigsten Kaisers. Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir

Seiner Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“

„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in höheren

Glanz. „Bist – du – das – Diederich?“

Der Untertan · 第 26 / 32 题