Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“

Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr

Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines

heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten

die Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die

auf ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen

Augen und entblößten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht

schleuderten.

„Einen Feind, und der ist mein Feind!“

„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“

„Ich kann sehr unangenehm sein!“

Die Stimmen überschlugen sich.

„Falsche Humanität!“

„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“

„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“

Eine Flasche flog gegen die Wand.

„Zerschmettere ich!“

„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“

Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste

Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von

rückwärts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er

machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche Tage!“ Sie riß das

Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch

Buck sah ein, daß es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er

den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß Diederich in der

Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,

gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.

„Zerschmettere ich!“

Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert.

Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,

war er sehr erstaunt, daß Emmi es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte

ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon

wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich gemacht? Na ja,

ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als

deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...

Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und

korrektesten Weise beizulegen.“

Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen

hatte. Indes ein zweispänniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete

er sich mit Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem

Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Überall verlangte

er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne

deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz

vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:

„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und

korrekteste Weise ...“

Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend zum Essen nieder.

„Die Sache ist beigelegt.“

Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich ließ

Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.

„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an, „ich empfange Sie

hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Sötbier unsere

Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“

Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an

solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewöhnt, auf Diederichs ersten

Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein

über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß

er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel

loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.

„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte er, „und dazu brauche

ich Sie.“

Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. „Ich Sie auch“,

sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter werden.“

„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“

„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?“ – und

der Proletarier fletschte die gelben Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar

nicht mehr. Diederich begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu

reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. „Nämlich, Herr

Doktor,“ begann Napoleon, „den einen von den beiden Sitzen hat meine

Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.

Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“

„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe zwar auch den alten

Buck für mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so

vertrauensselig, daß sie mich wählen, wenn ich mich als Freisinniger

aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“

„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das machen können“,

erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor

habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“

Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe!

„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das

war alles ganz schön, als Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch

immer: wie viele Stimmen krieg’ ich.“

Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom

„nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon

fertigte ihn schnell ab.

„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermaßen allerhand

Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu

machen als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt bald in

einer einzigen Droschke ab.“

„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich. Die Bundesgenossen

lachten vor Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier.

„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung

heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu

unterstützen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten Sie

sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“

Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir dem nationalen Mann

nicht helfen, daß er gewählt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?“ –

Und Diederich mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte auf ein

Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst

stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten

werde. Darauf erklärte er barsch die Unterredung für beendet und nahm dem

Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer

zwinkerte. Überhaupt dürfe der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und

nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für seine

eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht zu haben gewesen. Und in

der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,

in der ihm nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun.

„Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre

Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl bedanken. Bei

uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen

verscharrt.“

Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen. „Schon mehr Dreck

zusammen verscharrt!“ dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in

ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener

Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen konnte! Vielmehr,

leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der

Holländer! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere

nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb

aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten hätte

Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu

fürchten, daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er

wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.

„Aber“ – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – „wir sprechen uns

wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“

Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und

sein biedermännisches und schöngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhören.

Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger

Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heßling als Mensch,

Bürger und Politiker den Wählern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch

in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf

beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfügte, man mußte es leider

zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende, sie brauchte den

bürgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem

gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heßling

im Schoße der städtischen Körperschaft seinem eigenen Maschinenmeister

begegnen?

Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten

volle Einmütigkeit her; sogar Rille mußte sich für Napoleon erklären, –

der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn

aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.

Die beiden Gewählten wurden gemeinsam in die Versammlung eingeführt.

Bürgermeister Doktor Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis,

daß einerseits der tätige Bürger, andererseits der emporstrebende Arbeiter

–. Und schon in der nächsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen

ein.

Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße. Eine

beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser befand sich noch heute, am

Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von

Abortgruben, deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten.

Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“ hatte Diederich die Wahrnehmung

gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen

Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre dürfe

kleinlichen Rücksichten nicht weichen. „Deutschtum heißt Kultur!“ rief

Diederich aus. „Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine

Majestät der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestät das

Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein Ende nehmen. Wo nur immer

großzügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner

Majestät voran, und darum, meine Herren –“

„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen

Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.

„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht besser schließen.

Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra, hurra!“

Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen

rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der

merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person des

Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung

darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch

ward weiter debattiert. Die „Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage

in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten Byzantinismus,

wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine Rede als die erfrischende Tat

eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Daß es sich aber um einen

wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im „Berliner

Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner Majestät war über das mutige

Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es

stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen nationale Geist,

für den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die

kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer,

die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn vollziehe sich.

„Möchten viele wackere Vertreter unserer Städte dem Beispiel des Doktor

Heßling folgen!“

Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf

dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter

Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube von

Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt

Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den

äußersten Winkel zurück; Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier

gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür

horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,

durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser hineinreichte; aber Rille,

der damit Bescheid wußte, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte

der Wirt bemerkt, daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff

schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand

bieten!... Später aber wollte Fräulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen

ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben

war.

Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei

Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes

schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich

lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der

Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebäude der Regierung betrat.

Den Wachtposten begrüßte er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der

Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden

Fräulein Heßling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog

der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über die

Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuß, damit er

merke, auf welchen heißen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun

Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der

Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und mit allen bekannt

geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefährlich, auf einem

Stühlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht

zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein

huldigendes Lächeln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort über

die so gelungene Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein

männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit des

Präsidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch

den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose

Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht

denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln in die wasserhellen Augen des

Hauptmanns von Köckeritz starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von

der Mitte der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz

erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient

habe, schon der Schweiß ausbrach, erlebte man es unversehens, daß die Dame

neben einem, die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte und

eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...

Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von

Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß zu stehen

schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, gebrauchte fachmännische

Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von Ritten ins Gelände zu

phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.

Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schützte sie die

arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht

wieder. Ihre unheimlichen Talente ließen Magda, der es doch gelungen war,

sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,

wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen Engel“, sich der unberechenbaren

Wege bewußt, die ein Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß

er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man schwieg, weil er

antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stieß aber nur

auf den unerbittlichen Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern,

in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart an den

Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter hinweg kalt blitzend!

Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte

ihm den Rücken.

Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im

Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog

verstohlen die Uhr, da hüstelte hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß

wohl, lieber Doktor, daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte

sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten

Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur.“ Den Finger auf

den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...

Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich auf

Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“, versuchte sie, zärtlich an

die verschlossene Tür geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob

sich drinnen die fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’

den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – „Er ist so sehr

beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. „Die

Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muß ich mich

jetzt meinen Gästen widmen, der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie

entschwebte.

Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat

der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an

Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen:

„Schnaps! Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie

vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit

hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am

Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her.

„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. „Na nu,

quatschst du auch schon, Schnaps?“ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er

faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt kommt

es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu

schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den

Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit

über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war

es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geräuschlos wie möglich, von

einem Fuß auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl

wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich

gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu

bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald

schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal sah

er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.

Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich

streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit kühnen

Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.

„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich wallte es auf in ihm.

Empörung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit

unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß?

Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht bieten. Ich

bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich

nötiger als ich ihn!“ Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm

den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel von Leutnant

hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe und adeligen Puten hatten

die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm

dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!“

Gesinnung und Gefühle, alles stürzte in Diederichs Brust auf einmal

zusammen, und aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses.

„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... Wenn wir mal Schluß

machen mit der ganzen Bande –!“ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in

einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die

Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie selbst,

die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!

Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut

haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,

ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der

Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches

Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in wüster

Selbstvergessenheit, hob die Faust.

Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein

donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich

erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das

Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur

noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige Staatsgeschäfte.

Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung

und sorgte für gute Geschäfte ...

„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.

„Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie

sich mal auf diesen Ehrenplatz.“

„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich. „Einiges habe ich schon

erreicht für die nationale Sache.“

Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm

ganz nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer

Mongolenfalte. „Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie

Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen

lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll ja ’ne

ziemlich faule Karre sein.“ Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow

dröhnend. „Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da

geschrieben habe?“ Das große Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die

er darauf legte. „Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für

einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die

gute Gesinnung in Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht

gehalten?“ setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und

wie mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort

Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, brachte er hervor. „Meine

bescheidenen Verdienste –“

„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch nur eine

Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na und Ihr

Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse

ganz aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb

Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl

erkenntlich zeigen.“

Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der Lokal-Anzeiger

meinen schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst

gebracht hat!“

„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß Wulckow; und Diederich

begriff, daß jetzt die Geschäfte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle

waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht

eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:

„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag

bewilligen.“

Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres

Projekt, darauf wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie

dafür, daß die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann

dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“

„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit den Händen um

Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns

keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler

Mann –“

„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich

sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das hat er billig, was glauben Sie,

zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier

in Netzig selbst.“

Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr Präsident, allen

Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten.“

Hierauf, mit gedämpfter Stimme: „Einen Feind können wir übrigens

loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in

Gausenfeld.“

„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus der Hand. Er liefert

Papier für die Kreisblätter.“

„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr liefert? Darüber,

Herr Präsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert.“

„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlässiger

geworden.“

„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem Tage, an dem der alte

Klüsing mir, Herr Präsident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten

lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich

an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er

auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – „daß der Herr Präsident das Papier

für die Kreisblätter lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“

„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“

„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr

verleugnen, daß ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges

Geld drin ist.“

„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die Schenkel. „Jetzt brauchen

Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.

Die Kreisblätter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die

Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?“

Und Diederich, sachlich:

„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach’ ich

keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident, auch als Vorstand der

Bibelgesellschaft mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die

nationale Sache würde nur gewinnen.“

„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen

Trumpf aus.

„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutstätte des

Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der

anders wählt als sozialdemokratisch.“

„Na und bei Ihnen?“

Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber

noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als

daß ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist nicht

kaisertreu.“

„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen

Augen an. „Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg

mitgemacht. Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der

Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,

wie Seine Majestät festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem

der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –“

Der Untertan · 第 23 / 32 题