„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der auch aus Magdeburg?“
Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betäubt. Dann kehrte
Emmi ganz still auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
Magda fing an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst du nun, Mutter, wohin
es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch wohl nicht
behaupten, daß Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd
kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür, mein lieber Sohn. Ich
dachte schon längst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
nicht sicher. Kein lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch heraus
warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
das Geld für seinen Sohn holt.“ Und in das Tischtuch hinein, das sie
faltete, sagte Magda: „Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die
Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. „Bin ich
denn hier unter Räuber und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging
in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich kann euch
natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklären, daß ich mit euch
nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging
ab.
Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmäßigem Verhalten
freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. „Mit
gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Härte;
Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze
Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
Komment hatte, heiratete solch ein Mädchen noch. Diederichs eigenstes
Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend
Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit wäre
günstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken
mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
Männer. Was lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich hatte
es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur noch des fünften Glases
bedurfte es, und sein Entschluß stand fest.
Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse für die Toiletten der
Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt bei
Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große Inanspruchnahme dieses
Mädchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot
sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück begab er
sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im Wohnzimmer das Gespräch nicht
gestört ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
fielen, zeigten sie sich entsetzt und ungläubig. Frau Heßling beklagte es
am lautesten, daß Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die
Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
Soeben komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
geradezu verlangt habe, daß ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
Wände tatsächlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein
Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.
Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß das gesunde
Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umständen ein Faktor sei, den man
billigen und sogar benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei der Satiniermaschine
ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach dem städtischen Krankenhaus
telephonieren. Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
er selbst dabei, während der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
häuslichen Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlägerig; das Mädchen
ernährte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
Jahre alt. – Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens seien
die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. „Sie hat sich
das Unglück selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“
sagte er milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“
Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann man brauchen auf den
Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß?
Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für genügend?“
Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: „Sie wollen sagen, ich
kann es auf einen Prozeß ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
zahle gleich.“
Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes gelbes Gebiß, und
Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das könnte bloß
der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich lasse mich
freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren und mache dadurch
meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
soziale Gesinnung zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause. „Und
darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die ganze Zeit, die es im
Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“
fragte er rasch.
„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer.
„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf Wochen liegen ...
Ewig natürlich geht es nicht.“
„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von unten. „Sie kann
Schadenersatz verlangen.“ Diederich erschrak, er schnaufte.
Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
geballt war. Diederich zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt Ihnen wohl nicht in
den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich
lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große
Reden über Herrn Buck.“
Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
„Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“ fuhr er fort, „wenn jemand
seinen Sohn ausgerechnet das Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er
selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“
In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.
„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus nicht
einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die städtischen Behörden
aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. „Mir hat man schon
nachgesagt, daß ich den Prozeß gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“
Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher zu dem anderen hin.
„Na, und weil ich Ihren Einfluß kenne, Fischer ...“
Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche lagen drei große
Goldstücke.
Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals nein! Meine Überzeugung kann ich
nicht verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!“
Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er
dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“
kreischte Napoleon Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen: Das
können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
Klassen ...“
Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. „Fischer,“ sagte er
eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen dafür, daß mein Name in der Sache
nicht genannt wird.“ Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
erschien in seiner Miene.
„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“
„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. „Ich wußte
schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker sind. Und darum, wegen des
Mädchens, ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben
mit meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
getan ...“
Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor sagen, daß ich
ein großer Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
reden. Intimitäten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als
–“
„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie denken immer als
Politiker.“
„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit, Herr Doktor.“
Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß die proletarische
Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die
Tasche.
Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
umher, bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös auf den
Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist doch Zeit!“ Aber Diederich
war fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß
Lauer. Die ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
Nochmals sagte Frau Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
Frau bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur, Kinder!“ Und
sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, die kühl abwehrten. Denn sie
wußten, daß die Mutter bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts
weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
sie selbst schuld war.
Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks und Daimchens!
Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
sind.“ Magda sagte ruhig: „Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß
es wahr ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das ihre Sache
ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich auch nicht“, setzte
Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
gehört, Fräulein Tietz.“
Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe man den Skandal
denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, daß sie sich das Ganze ausgedacht
habe. „Die Bucks haben schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
das wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, sagte
Diederich, während er einen kleinen Stoß erwiderte, den Magda ihm mit dem
Knie gab. Dann mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße mit der tief gelegenen alten
Riekestraße verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
Ballschuhe wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil höher gelegt
wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen können? Das historische
Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen – als ob die Stadt nicht die
Mittel gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts
anhatte. „Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst brechen wir
ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blaß
geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lächelte auf dem Geländer
aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Bürgermeister,
der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.
In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal
zu spähen – und plötzlich wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die
Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und brach in
Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte:
„Es geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fräulein
Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten
erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
Nebenräume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Präsidentin vor
und blieb ratlos stehen. „Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“,
sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
Lack der Wände zeigte launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die
Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloß eine kleine
Tür, durch die jemand einzutreten schien, eine Schäferin mit ihrem
bebänderten Stab. Sie schloß die Tür ganz vorsichtig, damit nur die
Vorstellung nicht gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.
„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. „Finden Sie
nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
einen Reifrock anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl und nach vorn
gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, und Frau von Wulckow trug
einen Zwicker.
„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ... Frau Gräfin“,
verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln belohnt für seine kühne
Schmeichelei. Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran
erinnert haben, daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!
„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, daß dies Haus
seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
ist, sondern nur für die guten Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig.
„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem Kratzfuß. „Aber
heute können sich zweifellos nur Frau Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“
„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete Frau von Wulckow; und da
Diederich es bestätigte, erklärte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch
nicht ganz versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst
trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. Sie wies mit dem Fächer
nach der Bühne. „Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
Verständnis gebracht.“ Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
denn er hatte sich gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit
fliegender Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, mit dem
Kunze sich unterhielt, war seine natürliche Tochter, also eine
Grafentochter, weshalb das Stück denn auch „Die heimliche Gräfin“ hieß.
Gerade klärte Kunze sie, bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf.
Auch eröffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er
abgegangen war, laute Freude bei dem Mädchen und ihrer Pflegemutter, der
braven Pächtersfrau.
„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich, bevor er es
bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.
„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
für die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr.“
Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
gemeint. „Das Fräulein Nichte ist ganz reizend“, beteuerte er schnell und
blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
Schultern saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent hat sie aber
auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
„Passen Sie nur auf“ – und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
Welch eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und trug in seinem
imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
behandschuhten Hände, als plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und
tatsächlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“
„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung.
„Kennen Sie denn mein Stück?“
„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“
Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott
verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
gebieterisch, daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls er sie
als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen werde.
„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie ist doch seine
Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm:
„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß aus den
Gütern machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch
der einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gräfin ist das natürlich
tragisch.“
„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. Dieser
aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
Neigung fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.
„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. Aber da
zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
Geräusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“,
stöhnte die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“
Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die Nichte samt der
komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den
tobenden Bekundungen seiner gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je
mehr das Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tür
um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
nur, weil die Tür kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor
den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu trösten. „Es hat
nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?“ Sie horchte
durch die geschlossene Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die
Zähne schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
Leutnant, wissen Sie.“
„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich achtungsvoll.
„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß
er die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“
„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem eigenen
Interesse.“
„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“
„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gräfin,
den hätten Sie nicht mitspielen lassen sollen“, sagte Diederich
vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“
Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:
„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie
nun, daß es ein Mißerfolg wird?“
„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz. „Ein Stück wie die
‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht Umzubringen!“
„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die künstlerische
Bedeutung an.“
„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluß“ – und
Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.
Frau von Wulckow rief flehend aus:
„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gräfin dient dort als Stubenmädchen.
Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat er
sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag, den sie
natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie könnte sie!“
Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen.
„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
Leutnant, der –“
„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend die Hände vor, ganz
erregt durch so viele Verwicklungen. „Wie kommen Sie nur auf all die
Geschichten?“
Die Dichterin lächelte leidenschaftlich.
„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß man es nicht mehr.
Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich muß es
geerbt haben.“
„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“
„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre die Schlacht bei
Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß, ob ich die ‚heimliche Gräfin‘
geschrieben haben würde. Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“
Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuß, und er wagte
nichts mehr zu fragen.
„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von Wulckow. „Hören Sie
etwas?“
Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür noch Wände. „Jetzt
schwört der Leutnant der fernen Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie.
„So“; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte. Die Tür
ward von drinnen geöffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf
gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der
Schwiegermutter des Bürgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsrätin
Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte sie: „Herr Assessor Jadassohn
ist als Staatsanwalt unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“
Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
Plötzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns
Ohren herfielen. „Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur
Jadassohns Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im zweiten Akt nicht
mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
Daimchen auf Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn soll
eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“ Diederich sagte
mißbilligend: „Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und
dabei überwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
war vergessen. Vom Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor
Kühnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da die
Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
sich her, und jetzt verstand man es deutlich: „Eine ausgewachsene
Affenschande ist es!“
Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort sprechen sie auch davon“,
sagte sie geheimnisvoll.
„Wovon?“ stammelte Diederich.
„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß ich auch.“
Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben Sie denn?“ fragte Guste.
Buck, der durch die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte
phlegmatisch:
„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern mit an, daß
der Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann.“
Sofort ward Diederich dunkelrot.
„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
ausdenken!“
Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens scheint es Tatsache
zu sein, denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich
einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand.“
Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären natürlich nie darauf
gekommen.“ Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
blitzte. „Aha!“ sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er
drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu
der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein
Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die Schwiegermutter des
Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr
Haus künftig nur noch von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
Entgleisung bei einem bewährten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
ausgeschlossen erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, daß
ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefährde. Selbst Doktor
Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen veranstaltete,
machte die Bemerkung, an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus,
habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele dafür liegen Ihnen
allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, um das Geld in der Familie zu
erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
verheiraten, das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte
Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren.“
Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
schickte ihr Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrüßte
sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt mit
Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es hieß, sich über die
öffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie
vielleicht getäuscht und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor
Daimchen aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
Geständnis hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine
legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!...
„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. Tatsächlich, wen
wollte dieser Herr glauben machen, daß er über die neue Schande, die seine
Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zögern, die
schmutzige Wäsche seiner Schwester und seines Schwagers öffentlich vor
Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
den es noch immer drängte, seine eigene Haltung im Prozeß nachträglich zu
verbessern, erklärte: „Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“
Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
anfechtbare Überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
„Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu
Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich sich
zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
alles hörte.
Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte
man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Mädchen. Es schien, er
erklärte ihnen die Malereien an den Wänden, das Leben von ehemals, das
verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gärten und den Menschen
allen, lärmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
hingetäuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt lärmte ...
Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen und der Alte, den
Figuren nach. Gerade über ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
in Perücke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Häupten
der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz voller Blumen aber, das damals
wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm
helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und wollten ihn damit
umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
glückliches Gesicht. So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der
alte Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und war von ihnen
gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
Grade abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „_Unsere_ Töchter
sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte Frau Warenhausbesitzer
Cohn. „Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine
jungen Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende eines leeren
Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit
obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
zwei!“... „Das ist ja der reinste Rattenfänger!“ murrte es; und drüben:
„Ich sehe es nicht noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen dem
allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
Ziel pünktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte
die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
Genugtuung, als sie wieder anlangten! „Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte
die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.
Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den alten Sünder und
verglich ihn mit dem Grafen im Stück der Präsidentin. Freilich, Guste war
keine heimliche Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin zu
gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens waren sie dort
noch erträglich, denn die Gräfin sollte nur ihren Vetter heiraten, während
Guste –!
Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine künftige
Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und Diederich
sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
hier einen Körper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
galt dem alten Herrn Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs
Kindertagen, dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres
Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
Herzen fühlte Diederich ein Sträuben gegen sein Unterfangen. Auch schien
es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst
nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mußte Diederich
darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die
Familie, die bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter auf Reisen mit
einem Liebhaber, und von den Söhnen einer verbauert, der andere verdächtig
durch Gesinnung und Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male,
selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
Nebenräume zu besuchen.
Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stieß er mit der
Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen
Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
verhindern, daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität decke. „Mit deiner
Autorität als Bürgermeister, einen solchen Skandal!“ Sie war heiser vor
Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen einander an und
wiederholten flüsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
wußte. Angesichts so wichtiger Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen,
blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister
gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
„Mein lieber Doktor Heßling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
Fest, wie?“
Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte.
„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
lassen über gewisse Dinge, die –“
„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.
„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der Bürgermeister bat um
Erbarmen. „Ich weiß doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“,
flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.
„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr Bürgermeister:
es betrifft Sie selbst.“
„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“
Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
dahinten im Gedränge.
„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte Diederich sachlich.
„Sie sind entlarvt und rächen sich.“
„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf.
„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
gerichtet. Kein Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
politischen Kämpfe –“
Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
bekam Diederich die Stimme des Gerichts.
„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
darauf vorbereitet, daß ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muß
man heut sein! Sie waren gewarnt!“
Doktor Scheffelweis stand Rede.
„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestät bin. Unser herrlicher
junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“
„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich streng.
Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ... Aber ich in meiner
Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!“
„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät glatt
zerschmettert!“
„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
beglückwünscht.“
„Mir nicht bekannt.“
„Wenigstens im stillen.“
„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majestät
haben es selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere
Bürger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung
der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“
Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
reckte sich Diederich.
„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und seine Frage klang in
einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
entschloß, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
Erscheinung, blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: „Einerseits – andererseits“ –
und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie
wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!
Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
genoß einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
und im Geiste eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger als er,
aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er gethront. „Nächstens
haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an“,
äußerte er gnädig und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der
öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt –“
Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich bin ganz Ihrer
Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde des Herrn Buck dürfen nicht
mehr gewählt werden.“
„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr Bürgermeister! Könnten Sie es heute
überleben, daß die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
wiederholte Diederich, ermutigend: „Es kommt nur auf Sie an.“ – Der
Bürgermeister murmelte: „Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“
„Meine hochanständige Gesinnung!“
„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn, mein junger Freund.
Die Stadt ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
werden?“
Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und machte einen
Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow.
Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
haben Sie wohl hinausgeworfen?“ – worauf Doktor Scheffelweis bleich
mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, die
noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der Präsident von
drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu, infolge
deren der Präsident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
zu Diederich: „Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“
Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, Herr Präsident, macht
mich glücklich.“
Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst noch allerlei. Wir
müssen mal drüber reden.“ Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
seiner Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
befriedigen. Er bürstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber
sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
und sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ Und in der Mitte
zwischen Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht
die Vorstellung zu stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:
„Ach Gott, Ottochen!“
„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
„Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
Reitergeist, meine beste Frieda!“
„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst.“ Zu den
beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie geläufig, wenn auch bebend.
„Ich weiß wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“
„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie im voraus gewonnen
ist.“ Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit
dem Fächer.
„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während des ersten Aktes hier
draußen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Schöne, er gibt einem
sogar nützliche Winke.“
„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße machte, setzte der Präsident hinzu:
„Bleiben wir lieber gleich beim Büfett.“
„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von Wulckow. „Um so mehr,
als ich jetzt festgestellt habe, daß man hier eine kleine Tür nach dem
Saal öffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten
Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_.“
„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den Hummersalat sollten
Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
„In der Sache mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“
Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam zu – indes Diederich
neben Frau von Wulckow nach der Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling
Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte sie
feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast dürfte das nicht
sehen“, dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fühlte er sich
gekränkt. Er äußerte:
„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer zu naturalistisch
spielt?“