Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
nur wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin beim nächsten
Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. Emmi und Magda sollten Rollen
bekommen. Freudegerötet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus
gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie
mit ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen einen
unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schön genug.
Das Wohnzimmer lag voll von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen
verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
Daimchen.
„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert“,
sagte sie und versuchte gönnerhaft zu lächeln; aber ihre Augen gingen
besorgt über die Bänder und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme
Stück?“ fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist unerhört
dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es doch sagen, weil du nicht
mitspielst.“ Und Diederich erklärte: „Damit entschuldigt er sich dafür,
daß Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste lachte
geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
wir gerade.“ Diederich fragte: „Wollen Sie den ersten Eindruck des
Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an.
„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
Gesellschaft nicht gerade nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah,
sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei Dank,
mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi: „Aber Herr Buck ist
interessanter. Neulich bei seiner Rede hab’ ich geweint, wie im Theater.“
– „Und überhaupt!“ rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese
Tasche geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient
mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber
Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch nicht länger
stören“, sagte sie.
Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß ich noch einen Blick in die Fabrik
tun. Gleich wird Schicht gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste.
Um ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der großen
Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?“ Und mit
Wichtigkeit erläuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
Zylindern, worüber hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß:
zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende der Maschine lief auf
großen Rollen das fertige Papier ... Guste schüttelte den Kopf. „Nein so
was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit
seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
schrien gegen den Lärm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
Diederichs geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters
immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
Angelegenheit des Holländers erinnerte und die offene Verleugnung jeder
Autorität war. Je heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward
der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend öffnete
Diederich die Tür zum Packraum und ließ Guste eintreten. „Der Mann ist
Sozialdemokrat!“ erklärte er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu
legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!“ Und da Guste
ihn bewundernd ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für
einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
Güter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn einer
vor Gericht schöne Reden hält.“
Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier ist es kühler,“
bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle nebenan kommt. Die Frauen hier
können froh sein.“ – „Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im
Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis
fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
arbeitenden Hände, die im endlos über sie hingehenden Papier sich
aufzulösen schienen: Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
Guste gähnte – indes Diederich erklärte, daß diese Weiber, die im Akkord
arbeiteten, sich schändliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er
wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art von Trotz: „Sie brauchen
sich übrigens nicht einzubilden, daß Käthchen Zillich sich für Sie
besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere
Leute“, setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie doch bitten“, wiederholte
er. Darauf nahm Guste ihre gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem
Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so eine.“ Jetzt lachte Guste laut,
so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit
Jadassohn?“ forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine auf, die
Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, und über den Hof
entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. „Was
Fräulein Zillich macht, läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den
alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie sich doch selbst!“
Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister zu, der
vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade ward der Lumpensaal weit
geöffnet für die Fortgehenden. „Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber
romantisch!“ Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung lauter bunte
Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte
sie im Nähertreten. „Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
sind ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog das Gesicht.
Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
sich auf den Säcken ausruhten. Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt
war, strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, schnaubte er.
„Wärme schinden auf meine Kosten! Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein
Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
Männerschuhen hinaus, schwerfällig wie eine Herde und umgeben von dem
Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat die Dicke da unterm
Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das
ist nur, weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden den Rücken
wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich hätte eine erwischt. Sie
stehlen nämlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da
Guste die Nase rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“
Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und küßte es gierig, im
Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch gleich gedacht,
was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben.“ Diederich machte ein
herausforderndes Gesicht. „Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen
heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so ohne bin? Freilich
Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
Gericht.“ Darauf sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie
werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre Augen sagten etwas
anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit
Ihnen! Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst
und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – „Jetzt lügen Sie“, sagte Guste
vernichtend; aber Diederich war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug
Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, Sie hätten
eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend Mark ist solch ein feiner
Mann nicht zu haben.“ Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurück, so
gefährlich sah es aus. „Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie
komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo ich bare
dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu liegen hab’, in richtiggehenden
Papieren! Fünfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt,
den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte Tränen in den Augen; Diederich
stammelte Entschuldigungen. „Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!“ rief
sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
eingedrückte Nase war ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen
Sie doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu bedenken. Sie
biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte sie mit einem Blick von unten,
schmollend und unsicher. „Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch
schon Geld.“
Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. „Ich bin wirklich
ganz echauffiert von Ihrem Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie
mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?“ Er
nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem
Lumpensack.“ – „Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den Säcken
hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen ertappt, wie sie gerade:
Sie verstehen. Natürlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
selben Abend –“ er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen, und das
Mädchen ist verrückt geworden.“ Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott,
das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen über die Säcke, als suchte sie Blut
darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie
einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen
Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie atmeten hörbar einander
an. Guste schloß, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
schon beide auf die Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
seien sie dort unten am Ertrinken.
Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an dem er sie festhalten
wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, daß es krachte. Als
Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen Sie mit ’ner andern
versuchen! Wie komm’ ich überhaupt dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’
Ihnen doch gesagt, daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich
bewegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff zugebe. Aber
Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
Stadt gehen?“ Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
rief ihm nach: „Daß gefälligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
morgen die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Händen,
und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tränen. Diederich blieb
stehen, hörte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch nichts geschehen“,
wiederholte er. Guste stand auf. „Das wäre auch noch schöner“, – und sie
musterte ihn mit Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam
braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und Guste: „Wenn schon!“ –
wobei sie sich auf die Lippen biß.
Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
sich, indes Guste ihre Kleider glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine
Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter
den Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck lieben, das glaub’
ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und
ohne Pause fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“
Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
Lumpen; Knöpfe und so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute
haben natürlich wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte
sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir mehrere Säcke
Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ fragte Guste und griff rasch hin,
nach etwas, das glänzte. Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“
Sie ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was finden, ist Ihr
Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte zweifelnd: „Den muß ich natürlich
abliefern.“ Sie lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ Er
lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
ausfindig machen, wer uns das geliefert hat.“ Guste sah ihn von unten an.
„Sie sind schön dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein!
Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
kleinen Finger. „Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie
erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. „Na, sollen ihn
andere Leute finden!“ – und unvermutet warf sie den Knopf zurück in die
Lumpen. „Sind Sie verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich
und ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
sieht. Der steckt ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht
so dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn wahrscheinlich
wäre der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umständen brauche
ich es nicht für inkorrekt zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder
auf ihren Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht Ihnen so
gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?“
Er stammelte: „Sie haben ihn ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte
Guste. „Das wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich, voll
banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt ...“ Und mit einem
plötzlichen Blick: „Weil er nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete
Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.
„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich spät sein.
Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr,
ich hab’ bei einem Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie öffnete ihren
goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. „Also adieu ... Aber Sie
sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen
tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter seinem Kinn;
ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er
hielt den Atem zurück. „So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich
drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie doch!“ – „Ich warte
schon“, antwortete sie von draußen; – aber als er auf den Hof trat, war
sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ Er schüttelte
sorgenvoll den Kopf über das ewige Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste
verkörpert war.
Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit Guste, freilich
ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozeß gruppierten,
hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts
mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wußte nicht
wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin. Nur dauerte alles zu
lange für Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
Man quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in jeden Tag, der
anfing, hätte man das alles auf einmal ergießen wollen; und wenn er aus
war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich.
Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß die lange Gäbbelchenstraße,
mit den vorstädtischen Gasthäusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht
von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
nicht hatte träumen lassen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte
Diederich. „Wie man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den
Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht
ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine
Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein
Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.
Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem Hügel mit der
Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heßling
das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
Gausenfelder Straße ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
zögernd, denn es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: die große Papierfabrik zog
ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte
nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines Abends
ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den
Graben zu kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen,
drückte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr
begehrliches Funkeln hätte ihn verraten können.
Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
„Grüne Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, schmutzig
und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewölbten Gang eine
Frauensperson. Diederich, von jäher Abenteuerlust gepackt, drang
hinterdrein. Wie sie das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
mußte, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. „Guten Abend,
Fräulein Zillich!“ – „Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide
mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die etwas
hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, daß
Käthchen in einer noch viel verdächtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
also, seine Anwesenheit im „Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach
vor, dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Käthchen
weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier. „Prost!“
sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß sie
bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
sich beinahe verlobt hätten. Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und
blaß und verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
geschoben und saß breit davor. „Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“
sagte er gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er da und
sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. „Also
doch!“ dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Ähnliches zu denken;
keiner der Herren fand Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und
Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hörte ihr
mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung fallen, gewisse
Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch auf
Diederich.
„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach. Fräulein Zillich
sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr.“
„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte Jadassohn
schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem auch nicht.“
Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es aufgegeben zu weinen,
sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen
von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind“, setzte sie hinzu,
indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Käthchens
anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute lernt man Sie aber
gründlich kennen!“ rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen
ihr Damengesicht zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“
Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
treten wollen!“ – „Ich meine nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt
Fräulein Zillich mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie mir nicht halb so
gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein Gelächter, ganz frei aus dem
Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend auf ihren
Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.
„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst kommt Papa vor mir nach
Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
Bilder.“ Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. „Da haben
Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die Sünderin Magdalena, Diederich das
Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. „Also bleibt es bei dem
Schaf“, entschied sie, und man zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt.
Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
Käthchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen,
und verschwand in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu,
der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und plötzlich
nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, daß
dies alles nur ein zufälliger Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts
Mißverständliches vor, das möchte ich feststellen.“
„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“, sagte Diederich.
„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug hätte, von der Familie
Zillich für eine nähere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
Vorfall würde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
wenn ich dies ausspreche.“
Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
würdigen.“ Darauf schlugen die Herren die Absätze zusammen, schüttelten
einander die Hände und trennten sich.
Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im „Grünen
Engel“ zusammenfinden. Er öffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte
ihn, weil er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig
aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
für Jadassohn. Auch er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern
verständigte man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes Gesicht, die
Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
war, dies tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
Grunde seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie ein Blick ins
Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
außerhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.
Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heßling nahm
ihren Mut zusammen. „Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt
einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit Käthchen Zillich
verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn ansahen, errötete er und stieß
drohend aus: „Sie ist eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund;
und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
schienen sie nicht weiter aufzuregen. „Du sprichst wohl von Jadassohn?“
fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren also
eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mußte sich die Stirn
trocknen. Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf Diederich, um sein
Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoß gab, daß alle aufkreischten.
Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du brauchst ja nur deine
Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich
an; er blinzelte, und er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach was,“ entschied er und richtete
sich stramm auf, „euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
Frau habe, die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
dachten auch sie mit ihrem Lächeln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
Guste vor sich, weißblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
fleischigen Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm „Adieu Schaf!“ zurief,
und Guste, die ihr im Typus so ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge
und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!
Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber begreiflich ist es ja,
wenn man so lange warten muß und keiner kommt.“
Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn Käthchen sich mit
irgendeinem Kienast begnügt hätte, würde sie wohl auch nicht mehr warten.“
Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben, blähte einfach ihre
Bluse auf und schwieg.
„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. „Wie kannst du
das gleich glauben, was die Männer von Käthchen reden. Das ist
abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“
Empört ließ sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
die Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
Übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei
einer so langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte er, „wo es
nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.
„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir Mädchen haben ebensogut
wie ihr das Recht, unsere Individualität auszuleben! Die Männer sollen
froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“
Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause nicht hören“, sagte er
ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.
Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem Diedel weiß ich ganz
genau, daß er so eine niemals heiraten wird;“ – sie streichelte ihn
tröstend. Er versetzte mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter,
daß ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“
Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
Kauf, worüber die Leute reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick
schwatzte sie angstvoll weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. „Na ja,“ erklärte
sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
zu früh.“
Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter den Ofenschirm
zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. „Das ist
das Neueste!“ riefen Emmi und Magda. „Also wie war die Geschichte!“
Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn wir
deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die Schwestern und suchten
ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah händeringend in das
Handgemenge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
geschenkt.“
„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
aus! Daher die goldenen Taschen!“