Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in meiner Intention.“

„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er,

denn in der Tür erschien Frau Heßling oder eine Dame, die ihr ähnlich sah.

Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so

lauter sprach Wulckow.

„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie sich diesmal nicht

’rausreden. Wenn er damals den städtischen Arbeitsnachweis durchgedrückt

hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache.“

Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke

nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut

genug. Die Dichterin bemerkte:

„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch Parvenüs.“

Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese

Zustände in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,

die erklärte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft werden,

und die das Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte,

verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille, die ihr Auftreten

bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.

„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.

Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?“

Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:

„Ottochen, um Gottes willen!“

„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen sie mal zischen!“

Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister zu:

„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert

ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar

Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei

vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach

der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine

Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen

Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“

Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die

Fabrikantenfamilie durfte nichts hören.

„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von

mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen

andere sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen Geburt

schuldig bin!“

Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tränen

fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin ihnen hatte entquellen lassen.

Aber die fortgewischten Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte:

„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso Hochgeborenen.“

Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow

grollte: „Dafür, daß es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.

Mein Geld ist mein Geld.“

Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm mit einem Kratzfuß zu

danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.

„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir gelungen.“

„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich fest. Da Magda

und Emmi das Klavier und die Türen zuschlugen, ergänzte er: „Und

hochdramatisch.“ Hierauf nach der anderen Seite:

„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt für Lauer und Buck

junior. Gut, daß der von selbst geht.“ Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur

dafür, daß anständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger

Zeitung‘ gut stehen.“

Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte mich vorläufig noch

zurück, Herr Präsident. Für die nationale Sache ist es besser.“

„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend

an. „Sie möchten sich wohl selbst wählen lassen?“ fragte er.

„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen Körperschaften haben zu

wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlässig sind.“

„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“

„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“

„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“

„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant, „kann nicht dulden,

liebe Magda, daß dieses Mädchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd

ist, irgendwie mißhandelt wird.“

Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gräfin

hätte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer

vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung ist

aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, der tatsächlich

verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen

der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah sich gefährdet.

„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen Geist –“ Wulckow

unterbrach ihn.

„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen können Sie, wenn’s nichts

kostet.“

Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen zwischen

Kaisertreuen und Umsturz!“

Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine Herren! Verkennen Sie mich

nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,

denn bei uns hier bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig

wählen, sozialdemokratisch wählen.“

Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom

Büfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.

„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht

werden!“

„Aber womit?“ sagte Wulckow.

Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:

„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der demselben edlen

Stamme entsprossen ist!“

„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob

er es sieht.“

„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen einander doch

schon an den besseren Manieren.“

In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi

und Magda samt Frau Heßling einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich

behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der

Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Töchter Buck, Frau Cohn

und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog

sich das Fett von den Fingern und sagte:

„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“

Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem

Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht

länger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer;

sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die

Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief

fieberhaft über die Schulter:

„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“

„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr Gatte. „Na, also,

Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?“

„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs Herz. „Netzig wird

kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!“

„Schön“, sagte Wulckow.

„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator, den ich als

erstklassig bezeichnen möchte: jawohl, erstklassig“, wiederholte er und

umfaßte mit dem Wort alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“

Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste

Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell. Impulsiv.“

„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die Knie und glotzte

dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen

Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, daß er sie von

unten schief ansah.

„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will Ihnen mal was sagen.

Ich glaube, der Reichstag wird aufgelöst.“

Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe vor, sie wisperten.

„Herr Präsident wissen –?“

„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter

Herrn von Quitzin.“

Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er wußte selbst nicht was.

Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein

hatte er eine Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er sie nur

wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: „Ich räume die ganze Bude aus!“

Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es überlief

ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:

„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie

die Militärvorlage nicht schlucken, ist Schluß“; – und Wulckow strich sich

mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen.

Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig! Das ist ganz sicher

die persönliche Initiative Seiner Majestät!“ Doktor Scheffelweis war

erbleicht. „Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,

daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ Er erschrak noch mehr.

„Das heißt, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn

Richter ...“

„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser Geselle!“ Er

rollte die Augen. „Herr Präsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den

Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr

Bürgermeister!“ „Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.

Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden gerückt,

und jemand ließ sich die große Tür öffnen: Kühlemann selbst war es. Der

Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.

Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr verfallen.

„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn

überstimmt“, sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: „Nierensteine

führen wohl schließlich zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,

und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“

Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß die Augen auf. Er

näherte sich dem Ohr des Präsidenten und raunte:

„Sein Testament!“

„Was ist damit?“

„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis

wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“

„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck

können Sie sich wohl nicht denken?“

„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. „Wieviel Pinke hat er

denn?“

„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister, und er

beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu machen wäre, daß –“

„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich.

Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von

dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich

Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das

Büfett zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger

Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ machte ihr Gatte und

stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit

nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich, du

dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant den Kaffee kriegt.“ Eine andere

Stimme verbesserte „Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb bei

ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfaßt, daß ein

Mißverständnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Übrigens griff der

Leutnant mit Glück ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich

bitte um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter

annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das Publikum! Es ist und bleibt

eine Bestie!“ knirschte sie.

„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an.

Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man einander versteht, Herr

Präsident, dann nicht.“

Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu

widmen. Mochte der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und

sich für die Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!

„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich. „Ich werde ihr

nachher die Meinung sagen!“

Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme Ding, sie tut, was sie

kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unerträgliche

Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das

Ideale begeistert!“

Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese bittere Erfahrung machen

Sie nicht allein. So ist es überall im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte

an die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß mit dem

Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren.

„Schließlich triumphiert doch die gute Sache!“ stellte er fest.

„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus Wolken brach. „Das

Gute, Wahre, Schöne.“

Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein Freund, wir

verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks bewußt, drückte kühn die

Lippen darauf, mit einem Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und

brachte gepreßt aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“

Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten

sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter erkannt, wußten nun, daß sie

einander bestimmt waren, und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz,

wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig stolz,

von der Sonne der Majestät beschienen sein würden ... Da hörte Diederich

die Dichterin aufseufzen.

„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre hier doch sehr den

Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehört –. Und nun –.“

Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen. Dieser Blick in die

Tragik der Großen erschütterte ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau

Gräfin!“ sagte er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind

also –“ Er erschrak und schwieg.

Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, dem Präsidenten zu

verraten, daß Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und daß die

Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow

darin einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange noch niemand

die Auflösung des Reichstages erwartete ...

Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:

„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?“

Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schränkte die

Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton

erklärte sie:

„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist

wohl unmöglich, daß die jungen Leute zusammen glücklich werden.“

„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl

gekränkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. „_Fi donc!_ Das würde zur

Folge haben, daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen

ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant

damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant

das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? In Ihren

Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht möglich.“

Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die

sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch“, setzte er

hinzu. Die Dichterin lächelte milde.

„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die

heimliche Gräfin und heiratet die Fabrikantentochter.“

„Magda?“

„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer. So wollen es die

höheren Mächte, lieber Herr Doktor, denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte

sich ein wenig – „uns nun einmal zu beugen haben.“

Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber nicht. Der Leutnant

hätte die heimliche Gräfin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde

Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.

Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.

Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,

dann spendete es um so wärmeren Beifall dem Dienstmädchen und dem

Leutnant, die, es ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick,

nicht hoffähig zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.

„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.

Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem

Bürgermeister:

„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“

Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. „Na,

Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?“

„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die Präsidentin hielt ihm

die Hand zum Kuß hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow

selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig

erobern!

Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche

entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,

Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,

wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für Quatsch hielten.

Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen über den durchaus großzügigen

dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen

diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin wußte, denn

Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. „Wenn Sie aber

Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um

die Ohren!“ – worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor

Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem

Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens hätten Se nu aber unserm

Klatschdirektor ooch noch erzählen können!“ Der Redakteur, der sich nennen

hörte, kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die herrliche

Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon mal ist vorausgeahnt

worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe

in seiner Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das

Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“

Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von Kühnchens Entdeckung,

fand es aber unnötig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,

mit flatternden Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er vor Frau

von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden

Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch

Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie da

bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die

Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“ fragte sie und rümpfte

mißtrauisch die Nase. Kühnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.

„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute Heim‘ einen Roman von

mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind

sämtlich Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis – „wollen

böswilligen Gerüchten entgegentreten.“

Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich

erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen Erbarmens, an Nothgroschen,

der mit seiner gefährlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen

stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.

Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verändert:

nicht nur die Präsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war

erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,

daß sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit

beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran

und wollte es nicht gewesen sein. So groß war, noch nach schweren

Erschütterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!

Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger Weise hinter der

Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß Wulckow

schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein in

dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ

seine weiße Hand merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu

Diederich hinauf.

„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht

kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder

Tränen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr

Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas von

Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis

nach Ehrlichkeit erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.

„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht

nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln

wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die

Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die

Verzeihung für den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche

Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so viel

Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen

die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu

weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man

komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß: Sie

suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“

Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn

wieder hervorholte, begriff Diederich, daß etwas Neues kam.

„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft“, sagte der

Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich wohl geändert?“

Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine heimlichsten

Berechnungen enthüllt.

Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunächst

verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie

Ihr Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit

warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er hinzu, und mit einem

Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim zu errichten.“

„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf den Tod seines besten

Freundes!“ Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow

vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.

„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück geb’ ich nicht her!“

Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein Versucher“, sagte er.

„Ihre Pietät ehrt Sie.“

„Esel“, dachte Diederich.

„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden

Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen

wir uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher

Richtung zu wirken scheint.“

Er stand auf.

„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung.“

Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und

tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen

Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich

verkriechen? Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen und

korrekt seinen Dank abzustatten.

„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn schlägt Brücken von jung

und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind.“

Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und über das Geschlecht von

einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er

lächelte den jungen Mädchen in Reifröcken zu und zugleich auch einer

seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht

dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem

Stadttor schritt, bemerkte Diederich die große Ähnlichkeit der beiden. Der

alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.

„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der

Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine

ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet

zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns

die ‚Harmonie‘ hinterließen.“

„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der

Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Übergang gemacht von den

Geschäften zum sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat heraus“,

dachte Diederich.

Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich

eingehängt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt

hatte. „Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“

Guste behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel schöneres

Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu

ablehnende Miene. „So?“ sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor

plötzlich seinen harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie,

weinerlich empört. „Was hast du nun wieder?“

Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich schleunig zum alten

Buck zurück. Der schwatzte weiter.

„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon

recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner

Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im

Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun

nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin wäre dann selbst der letzte

Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und

der uns zu vertilgen dachte.“

Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei

der Hand.

„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?“

Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es

nicht, er war nun einmal aufgeräumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte

Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei

Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme öffnete, und

jenseits eines Baches eine Schäferin, die sich anschickte,

hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: „Was meinen Sie, werden die beiden

zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ Er sah

sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich öffnete er eine kleine Tür,

die man nie gefunden haben würde. Die Schäferin auf der Tür bewegte sich

dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln

mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,

das er aufgedeckt hatte. „Es heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von

irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte den

Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die

nach wer weiß wie langer Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und

dann schloß er die kleine Tür.

Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah etwas kommen, das

weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn

er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, und

er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet und wenn auch ohne

Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der

Vogtei saß. Wo er mit Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten,

hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte, lugte verstohlen

nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, daß er in der Sache etwas

tun müsse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben

ahnungslos, fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß;

Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah

nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so steif, daß sein Rücken

sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt auf den Mann, der seine

Tochter entführt hatte.

„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut.

Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter war dort unten,

Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“

„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ – und der Alte wies, ohne den

anderen aus den Augen zu lassen, über die Wände. Seine Haltung machte

Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten.

Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, die einige

Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben würde. Er repräsentierte das alte

Ansehen, er allein für die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon

ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,

manche Sympathien ... Diederich hörte ihn noch sagen, förmlich und klar:

„Ich habe es durchgesetzt, daß unser moderner Straßenzug eine andere

Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie

haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das

seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst

zu dauern.“ Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche.

Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die

„Heimliche Gräfin“ geäußert habe. Diederich dachte nach, und er mußte

gestehen, er habe das Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.

Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, und gerade sie

hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein Käthchen“, sagte er recht

laut. „Was denken Sie über den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter:

„Der grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins Gesicht. „Sie

sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte er stirnrunzelnd. „Ich fühle

mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“

„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise hörte

Pastor Zillich nicht.

„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug

erzählt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie.“

Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für Liebhaber schöner Ohren

war auch noch Jadassohn da.“ Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu:

„Das nächste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht

Stimmung.“

„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“ Dabei drückte Käthchens

Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, daß Diederich den Entschluß

faßte, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der

Pflanzengruppe. „Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die Schäferin über den

Bach springen und den Schäfer glücklich machen?“

„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin und tastete an der

Wand umher. Nun hatte er die Tür. „Sehen Sie? Sie springt.“

Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime

Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und war ganz drinnen. Diederich warf die

Tür zu, er fiel stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.

„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte kreischen. Aber

sie mußte lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer näher brachte.

Der Kampf mit ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends

außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ Bei jedem Strich

Boden, den er gewann, wiederholte er: „Jetzt kommt was. Bin ich noch ein

Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat

ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“ Mit einem letzten

Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte sie; und vor Lachen erstickend:

„Was kommt denn jetzt?“

Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen

Gaslicht, den das kahle Fenster hereinließ, beschien ihre Unordnung; und

ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür

gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte

entgeistert her, Käthchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem

Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, sie

ging entschlossen auf Käthchen zu.

„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern.

„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da schnappte Guste nur noch

nach Luft. Von Käthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß

ihr Blick sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein Guste,

es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam schlecht an, Guste brach

los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen kann ich es mir denken.“

„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie stand auf, indes

Guste ihr noch näher rückte. Diederich seinerseits ergriff die

Gelegenheit, gab seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter

sich die Sache erledigen zu lassen.

„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und Käthchen: „Du hast gar

nichts gesehen! Wozu siehst du es dir überhaupt an?“

Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste

schwieg. Käthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück

und sagte: „Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter

auf dem Kopf hat wie du!“

Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte sie gedehnt. „Was

tu’ ich denn?“

Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt

ward.

„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“

„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend.

„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“, sagte Käthchen und

rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. „Nun bitte ich es mir aber aus!

Was habt ihr alle?“

Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal

verlassen.“ Aber Guste stampfte auf.

„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen Abend merke ich

schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt

habe.“

Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei froh, daß sie dich

nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang.“

„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“

In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.

Auf einmal hatte sie begriffen. „So eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt.

Über Käthchens Mienen breitete sich ein Lächeln des Genusses aus.

Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus

gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! Ihr seid mir

neidisch wegen meinem Geld!“

„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was

dabei ist.“

„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich fiel sie vornüber

auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott, ach Gott, was haben wir da

angerichtet.“

„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid.

Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. „Fräulein

Guste, Sie wollen doch nicht, daß die Leute kommen.“ Er suchte nach einem

Trost. „So was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“

Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum

Angriff über. „Du – du bist überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie

Käthchen zu. „Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“

„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiß

jeder, daß ich anständig bin.“

„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“

„So gemein wie du –“

„Bist bloß noch du!“

Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber,

Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und

die Büsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften

gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom

Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. „Ich sag’ es doch!“

Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’ aber schnell, sonst

komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß nicht du, sondern ich hier die Tür

hab’ aufgemacht und hab’ euch beide ertappt.“

Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Käthchen,

plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun ja, das bin ich mir doch

schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an.“

Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte sich mit ihr und

glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den

sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich

ritterlich, und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie

sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes Schulter geneigt, sagte

Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt Sie aber lange allein.“ – „Ach der“,

erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf

ihre Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog sich so

unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, daß ihre

Lage sich wesentlich verändert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es

war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie

einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: „An der Stelle

Ihres Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen.“

Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte

zurück, den Finger auf den Lippen.

„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube

ich.“

„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich:

„Na, dann sitzen wir in der Falle.“

Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort.

Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.

„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der

Herr Buck den ganzen Straßenzug verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich

sie ihm einreiße! Bloß erst Stadtverordneter sein!“

Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz

gemütlich. Jetzt können wir machen, was wir wollen.“ Und sie sprang über

das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb

aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte sich an ihn. Er

zwinkerte beiden zu. „Also was machen wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen

Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir

auch nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.

Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel seh’ ich aus wie

meine tote Großmutter.“

„Er ist ganz schwarz.“

„Und ganz bekritzelt.“

Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und

Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen

verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar

über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ sagte Käthchen.

„‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?

Die waren wohl verrückt.“

„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein Guste, Sie

haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit

einer Inschrift und ließ die Mädchen das Werk enträtseln. Da sie sich

kreischend abwandten, sagte er stolz: „Wozu heißt dies das

Liebeskabinett.“

Der Untertan · 第 19 / 32 题