„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie ich, ganz allein
und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
nach dem großen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
Fritzenauge, sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“
„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“ Bucks Mund und Wangen
sanken schwer melancholisch herab. Diederich stieß Luft durch die Nase.
„Ich weiß schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit.
Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“
„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso gut wie er –. Wenn
auch weniger begünstigt von den äußeren Umständen.“
Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es für jeden persönlich
ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern
daß wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur
Talent nötig, und das hat er.“
Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind hier zwar unter uns,
die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
weiß doch nicht –“
„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich hätte an seiner Stelle
den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
genommen. Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst wenn es
einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn er sich sagen
müßte, daß die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern höchstens
eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“
„Oho!“ machte Diederich.
„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und
dabei außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch Worte und
Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? Was ist Ernstliches geschehen?
Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
den wir meinen, wäre am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“
„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“ rief Diederich. „Und
dann sollen Sie sehen, daß alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
Kaiser stehen!“
„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln. „Das ist die übliche
Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte laßt ihr euch von ihm
vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor allem leben, und die Tat ist
so lebensgefährlich.“
Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
vielleicht in Verbindung bringen mit –?“ „Ich habe kein moralisches Urteil
ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt,
die uns alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den auf der
Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgeführt.
Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
Geschichte als den repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“
„Den Kaiser!“ sagte Diederich.
„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“
Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das Brautpaar
auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
wehte eisig hinüber; sie gingen weiter.
„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich sagen können, wie
Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
zu tun.“ Er klopfte Buck auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst
dabei?“
Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. „Ich? Ach nein“,
sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstraße unzufrieden
geschwiegen hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
bin.“
„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“
„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
Lauer übernommen.“
„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich den Atem, er blieb
stehen.
„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert Sie das? Seit kurzem
bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
Vater Ihnen nicht davon gesprochen?“
„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“ Diederich verlor sich in
Gestammel. „Dann müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon
ganz hier?“
„Nur vorläufig – glaube ich.“
Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe Sie schon öfter
nicht ganz verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
mir durch halb Netzig gehen.“
Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
könnten auch umgekehrt verteilt sein.“
„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht auf seinem Platz.
Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –“
„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“
Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
meine Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig.“
„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward beängstigend ironisch.
Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“ dachte Diederich
schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß nur Kienast nichts merkte! Buck
schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders
zu Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’ ich mehr Lust
auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch. „Darauf scheinen Sie immer
Lust zu haben.“ Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
Buck um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine Braut: die gehört
auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“ Und da Diederich „wieso“ fragte:
„Wenn ich nämlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß ich das? Für –
andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten könnten, habe ich nun
drüben in Berlin noch eine zweite Verbindung ...“
„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete für Buck, der
das so zynisch eingestand. „Das heißt,“ stammelte er, „ich will nichts
gesagt haben.“
„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, daß ich
vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie
ich müßte. Möchten Sie sich da nicht des guten Mädchens ein wenig
annehmen?“ fragte er harmlos und gelassen.
„Ich soll –“
„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, worin ich Wurst
und Kohl am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch draußen
beschäftigt bin. Wir haben doch Sympathie füreinander.“
„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine Sympathie allerdings
nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
über das Leben.“ Und er ließ Buck stehen.
Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine würdelose
Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
man nicht klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“
Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden
Überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
Niedergangs!“ Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend
reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben“,
sagte er unvermittelt und lachte. „Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“
Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Heßling hin. „Nun? Wo
ist die Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie
mußte zugeben, daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er
sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn.“ Aber
Diederich ließ keine Beschönigung gelten. „Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da
sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß Magda ihre Spitzenbluse selbst
gemacht haben soll? Das könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob
Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
„Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
steckt mit dem Dienstmädchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“
Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
behauptete, er sei bloß darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief zurück: „Ich
brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war Diederich hinterdrein. „Gib
bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um
deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr schön war. Du bist
überhaupt bloß Zugabe!“
Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jäh verstummt,
die Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
überwog. Die Krisis war vorüber.
In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspätung bei
Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschäftigt, für einen kaum
erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
brach in ein solches Geheul aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er
selbst gestimmt war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und
betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn
Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was
das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue. Jadassohn
erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch kümmern müßten!“ und war schon
draußen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl
eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
Räderwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
übergroßer Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen
verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
wieder dem Privatleben gehörte! Diederich versprach sich, fortan ganz
seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
auch das beste. Die fünf Töchter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß
ihres Schwagers Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Bürgermeister
Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen ließ den Bürgermeister nicht
los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, daß sie
ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade
erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim Anblick der
zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten
können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten hatte,
herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück:
Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck
umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
darunter Lackschuhe, die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich,
wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut küßte er sie.
Es werde sehr schön werden, verhieß er; der Staatsanwalt sei gut
disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
Zeugen, um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man,
denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
tapfer sei! „Was ist dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
Stimme. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer sagte: „Gewiß
nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
begrüßten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
Augen zu lesen.
Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
worden. Buck zog ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. „Liebe
Judith, ich weiß nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
Doktor Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau Lauer lachte
nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß nicht, sie sah ihn nur an mit
rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
und ward noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie das
Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: „Der Herr
Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da
zogen in dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken.
Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig
geöffnet ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
Publikum ward von dem besten überwältigt. Die Unterröcke der fünf
Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
letzter hinein und mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte von dort oben die Sitzung
für eröffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
Landgerichtsrat Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er werde
sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das viele Geld, wenn er
starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
werde seine Millionen für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. „Der gibt auch
nach’m Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muß das Seine
zusammennähm, und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ der
Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
Fensternische ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte ich, was er sagt.
Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!“ Vergebens versuchte er
gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zähne: „Na warte nur,
mein Schibbchen, dir wer’n mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die
allgemeine Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der
Gerichtsdiener. „Herr Doktor Heßling!“
Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger Haltung an den
Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand drohend
aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
von Diederichs eine so leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die
Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten auf den fetten
Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd
anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch saßen auch
Herren ...“
Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal räumen
lassen. „Sonst wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu
bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen hätten sich ihm
die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. „Dann werde ich Ihnen zur
Auffrischung des Gedächtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
vorlesen“ – und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen. Daraus
erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
gemacht, daß von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber zu äußern habe. „Es kann
wohl sein,“ stammelte er; „aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
der Angeklagte war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte sich über den
Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
Zeugen werden bekunden, daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
sind und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ –
„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam
der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geöffnet, um
loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: „Sie waren an
dem Abend wohl stark angetrunken?“ Sofort fielen Staatsanwalt und
Vorsitzender über ihn her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“
rief Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius, „Sie haben
nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
meine Sache!“ Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluß darüber,
ob ihm gemäß der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit
den vier Richtern rückwärts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hände wie zum Applaus;
aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte
seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem
Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine
weiche, weiße Hand zu geben. „Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er.
„Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich in
seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des großen
Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
fiel es Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte! Und auch
sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
hatte. Die politischen Gespräche hatte er augenscheinlich nur geführt, um
sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. „Soll ich mich hier
noch lange von allen Seiten anöden lassen?“
Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit
dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht
der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
gehörig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig nicht,“ sagte
Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
zu entlassen.“ Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
Stimme. „Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen soll, wie die
Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den Angeklagten früher war.“ Diederich
erschrak – im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
bewilligt, was er wollte.
Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
über die kritische Nacht berichten. Er erklärte, die Eindrücke hätten sich
damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer bedrängt, denn
just an jenem Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn
auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“ entschied
Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspräsident Herr von
Wulckow, im Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
Hinterhältigkeit: „Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
zu machen.“ Da knickte Zillich ein und gab zu, daß er die dem Angeklagten
vorgeworfene Äußerung allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf
und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den Namen des Kaisers gar
nicht genannt! Ich habe mich gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
einem Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß nur die
provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling den Angeklagten zu seinen,
hier falsch wiedergegebenen Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er
den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob er
nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die Hetzereien
des Zeugen Heßling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
„Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
Hauptbelastungszeugen Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine
Tochter –.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig, und auf der Tribüne
entstand ein mißbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
Regierungspräsident beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte
deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“
Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in
den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine
Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie
sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
herrliche Brief Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven
Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da hab’ ’ch grade ä bißchen
geschlummert.“ – „Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!“
verlangte der Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal von
unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t. Die Franktiröhrs! hab
’ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ä
Franktiröhr draufgebissen, bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes
bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!“
Und Kühnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“
krächzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.
Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den Eid leistete er in
einem Ton, als stieße er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
erklärte er kurzweg, daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur sagen, das
Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir nach Denunziantentum.“
Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wußte,
woher es kam, auf der Tribüne mißtraute man einander und rückte, das
Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon längst auf seiner
Brust lag, rührte sich im Schlaf.
Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgänge
berichtet hätten, seien doch nationale Männer gewesen, erwiderte der Major
nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht
gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
sich darüber äußern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
geliehen hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
Jadassohns Kühnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
aus und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung der
Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt gewesen, auch seine
eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestät gemeint. – Hier
hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig
findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“ Sofort hackte Sprezius nach ihm.
„Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ –
„Eben das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache selbst
behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, daß der
Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“
rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch als
wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
Almanachs darüber als Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche
Fürsten jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein dröhnender Baß
sagte: „Unerhört!“ Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon
erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, dann verkündete der
Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge zum
Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche Meinung
einlenkte und ganz leise denen näher kam, die geschickter waren und die
Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.
Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig war er plötzlich
da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles,
belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, als sage
er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen den Absätzen der
Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
der „Netziger Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: „Wir
sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist
–.“ Er mußte sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck nahm
eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der Zeuge eine etwas
sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet.“ Aber Nothgroschen war
nicht einzuschüchtern. „Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte
hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ sich nicht bitten; und er entließ
den Redakteur in Gnaden.
Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, daß der
Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts halte.
Er ward aufgerufen – und kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle
Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergrößerte
sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei
Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte.
Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von dem Zeugen Heßling
gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
selbständig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die Fritzsche
an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachprüfen können, stand
außer allem Zweifel. Daß der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ... Und
der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
hinunter. Auch der Angeklagte hatte persönlich einen eher günstigen
Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts fähig?“ fragte Sprezius.
Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich
beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben.“
„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende streng.
Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche
Wirksamkeit gewöhnt, Autorität mit fortschrittlichen Neigungen zu
verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik
berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, daß er
in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung des Arbeiters von seiten
des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt – seinen politischen
Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch
einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ.
Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum,
durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
noch seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
Hände des Angeklagten waren krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt,
und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten Mundes, wie
abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwäche. Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat
sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu
bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
zusammen, sein stark gerötetes Gesicht entleerte sich so jäh vom Blut, daß
der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte.
Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geübt? Und das
protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang
Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
einer Miene, als müßte er sich erbrechen.
Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, die nicht
unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert.
Die Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
Frau des Angeklagten zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach
ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu überlassen.
Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen Zillich schickte einen
raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu
dem Haupt der Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich
hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“
Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
’rein!“ Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
schnupperte in die Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er.
„Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den Augen
unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrängt saß. Dagegen
war auf den unteren Bänken freier Raum, und der freieste um den
Regierungspräsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
unter den auswärtigen Journalisten, die dort hinten verstaut saßen. Aber
Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
Rockkragen.
Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen. Sprezius ließ ihn eine
Weile reden, dann räusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
Hand. „Zeuge Cohn,“ begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: „Geben Sie zu, daß
gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
Lokalitäten durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit dämonischer
Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
außerordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die
alte Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht meinetwegen
getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
mich schon einmal kaputt gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch
der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war Cohn
erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
geradeheraus: „Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
Geschäft, wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel, daß
Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört das wirklich zur
Sache?“ Aber Jadassohn war allem gewachsen. „Herr Vorsitzender, die
Anklagebehörde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge
sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, besonders
aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit
des Zeugen ist danach zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand
mit gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; und Sprezius
entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter rückten unter den Blicken der
Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder
gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
wohlwollend um Ruhe und ließ sich den Zeugen Heuteufel kommen.
Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.
„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
das Delikt der Majestätsbeleidigungen darstellenden Äußerungen durch seine
Zustimmung begünstigt und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel erwiderte:
„Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: „Ich beantrage
Gerichtsbeschluß darüber, daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch schneidender:
„Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
gehört zu den von Seiner Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten
vaterlandslosen Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen
Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet,
der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
gegenüber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
sind.“ Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lächelte skeptisch und
meinte, die religiösen Überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
offenbar von mönchischer Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß
er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht aber werde wohl
anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person beantragte
er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein
aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände
in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts
in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.
In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er
hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
rechtzeitig, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf
Heuteufel den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob spendete.
Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der
Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis des Familienlebens schöpft, und
ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
Klein-Berlin heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß die
Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
noch zu antworten: „Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine
Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal
zu bleiben“, entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht
ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“ Heuteufel äußerte:
„Ich meinerseits bin aufgeklärt über den Betrieb hier und würde es
vorziehen, das Lokal zu verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark
hundert.
Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in
diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnütz verbraucht;
und das Gähnen der vom Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die
Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts
Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die
Nachmittagssitzung zu beantragen. „Da der Herr Staatsanwalt es zum System
erhebt, die Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
ersten Männer von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr.
Scheffelweis wird dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten
bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow wird nicht umhin
können, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
bestätigen.“
„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck
strengte seine Stimme an.
„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine sämtlichen
Arbeiter eintreten.“
Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr
Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“ Die Richter berieten
flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters Dr.
Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er sogleich
aufgerufen.
Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
einander widersprechen mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich
verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
bürgerlichen Öffentlichkeit betätigte? Dr. Scheffelweis wußte Gutes
darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den städtischen
Kollegien eingesetzt für die Wiederherstellung des altberühmten
Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
Saalbau der „Freien Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar
viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der Angeklagte die
allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen
eingewendet ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet waren.
„Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“, erwiderte
Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“ fragte der
Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: „Andererseits gewiß.“
Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei
Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte
Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte
mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bänken
herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon vorgetreten,
festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, daß er seine im
Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten könne; und er
wiederholte sie, aber verschärft und erweitert. Er fing mit der
Erschießung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen vergessen
hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen über die blutbetropfte
Kaiser-Wilhelm-Straße bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten
herausfordern auf Leben und Tod.
„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn
herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
nur meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen, mögen
mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher Beziehung selbst noch
mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen, mag ihm
angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
vorhin mit meiner Aussage noch zögerte, war es nicht nur, wie der
Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des
Gedächtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestät unser
erhabener Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend
weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den Atem nahm.
Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe
hängen und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
eines feindlichen Entzückens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“, rief
Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
gewiegt haben, und nicht bloß dem Staat und seinen Organen die Bekämpfung
der umwälzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren Richter, da sollte ich
zögern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
in den Staub zu ziehen ...“
Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
freilich nicht mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.
In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
Widerhall gefunden! Hier verschloß man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
verharrte in den veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen
Demokratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden der göttlichen
Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
großzügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der
modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“
Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
dem Angeklagten, als er nörgeln wollte, mit aller Entschiedenheit
entgegenzutreten. Ich habe ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache
willen. Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – er
blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
sind der Ausfluß eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
auf Ehre hält und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“
Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
die er ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd
und wankend, stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte
rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche Stimmen, voll
erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
rauhe Laute gegen Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der Vorsitzende, daß
der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf
einmal bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung
sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
erfolgreichen Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine
Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er
zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prüfend und traurig, so
traurig, daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
nachsah.
Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht entblödeten, ihm
Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine nach der anderen,
von oben bis unten und erklärte ihnen, streng und abweisend, es gäbe
Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
ließen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
Blick hin, der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen
Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber.
Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspräsident, Herr
von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
Diederich auf die Schulter. „Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
Gesinnung. Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf seinen kotigen
Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
hinterließ, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttätiger
Männlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau
und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf
das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzählen
lassen, was vorging. Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen Tränen.
Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
nur Geringschätzung gehabt für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun
als so glänzend erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des
Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte ihnen, der heutige
Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. „Die
fünf Damen Buck werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können
froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung des Lauer war, so
versicherte Diederich, nur mehr eine Formalität. Sie war entschieden, und
mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und er
nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte es schief gehen
können, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann wäre
ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda
erbleichte, klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“ Und das
Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit: „Welch eine Wendung durch Gottes
Fügung!“ Er ordnete an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau
Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
nicht dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
sich besiegt! Die Stadt wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage
zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis in die vorderen
Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier fand, Kühnchen und
Kunze trugen Sorge, daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
lese. Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen: junge
Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
Mädchen, die unheimlich schöne Farben im Gesicht hatten; und alle
tauschten Grüße mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
auf seine Frau! „Wenn er meint, daß sie noch kommt!“ dachte Diederich.
Aber da kam sie: noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit
einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.
Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach einigen Sätzen fand
er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
Stadttheaters lächelten einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es,
er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
überschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Mädchen fielen
auf die Brüstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn
Sprezius nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das
Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte Wulckow,
und auch Sprezius wußte es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
geräuschvoller er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis
beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak auf, mit einem
Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“
Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
Tribüne murmelten beifällig, was Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel
in Ruhe abwartete. Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem in
zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
Unrecht die Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge
drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt hätten,
irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, daß sie auf geradezu
glänzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
wahrheitsliebend bekannte Männer nur durch eine Erpressung –. Weiter kam
er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte
die ihm zur Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle hier
doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heßling habe
offen eingestanden, daß er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling,
durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen Hilfe eines
anderen und unter bewußter Ausnutzung seiner Erregung vollführt habe. Der
Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung mit
dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
ward schwül. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
wieder.
Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück
des Zeugen Heßling, den er als das Opfer eines weit Höheren betrachte.
„Warum häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
Majestätsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge wie die
Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
diese Vorgänge begleiten.“ Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den
Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht stören; er
machte sein Organ männlich und stark.
„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen Seite zeitigen
Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich ist,
ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
Majestätsbeleidigern.“
Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, daß Sie
an Worten des Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen.“
„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, sagte Buck, und die
Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. „Ich werde also
nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn
gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von
Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn
standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet
hatten.“
Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht?
Es wäre seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann ließ er in
öffentlicher Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, dem
berufsmäßigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte seine herablassende
Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das
Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die
Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei
Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch kleineren
niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben einen Anstrich
schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie
von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
wird gezogen für einen Begriff wie den der Majestät, den doch kein Mensch
mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte
Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer schmeckten es mit. Die
Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig. Den anderen
sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
„Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“ Durch das Publikum lief eine
Bewegung. Wie Buck den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen,
Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mädchen
gewesen.
„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person des Monarchen
genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das
Gericht, feststellen, daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der
sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrückt und
darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges bekommt. Ich will den Kaiser –
und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
unterbrechen – einen großen Künstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
kennen nichts Höheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, daß
jeder mittelmäßige Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag
einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, mag reden,
ohne daß wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
Haß imaginärer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“
Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen,
als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte?
Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die Mundwinkel fallen, grau
schien es um ihn her zu werden.
„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war nicht gestürzt, er
hatte wieder Boden unter den Füßen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
und man lächelte sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte seine
Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, daß ihr gestriges Gespräch
auf der Straße hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
dem offenen Hohn des Redners.
„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaßen, für
die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
Das ästhetische Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten
Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren hat, kann durch
Kräfte wie den Zeugen Heßling nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen,
meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
bürgerliche.“
Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
zum Pathos.
„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht auf die
mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
ist. Mehr Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer
Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen
Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens
selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu
scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
unberechtigter Berufung auf einen noch Höheren wird er lärmend und
unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen
Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung einen
Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet sich, was daran zu
verdienen ist. Meine Herren Richter!“
Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
trug die gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was
er hatte.
„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste und stärkste. In
Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie können ihn in das Leben
schicken oder ihn sittlich töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der
Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermeßliche
Verantwortung, ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse füllen
und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende Teil der Nation sein
sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit!
Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
Nächsten so sehr sich selbst achtet, sollte fähig sein, von der Person des
Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?“
Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der
die Stirn in die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, als hätte
Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an
Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen.
Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. „Das
Erwachen des Bürgers!“ rief er aus. „Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
stille Tat eines Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst
eines gekrönten Künstlers!“
Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten
die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe ließ
der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche.
Jadassohn verneinte geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich mit
Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. „Gott sei
Dank!“ sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. „Man sollte nicht
glauben, daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“ Sie wies auf
Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
Schauspieler beglückwünschten.
Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil:
sechs Monate Gefängnis – was allen die natürlichste Lösung schien. Dazu
war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
erkannt worden.
Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine beleidigende Absicht
zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
Gegenteil: daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
Angeklagten, daß er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für
hinfällig befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich – namentlich bei ihrer
Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
Angeklagten – die Ansicht aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den
Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich wohl gehütet habe,
eine Majestätsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“
Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
günstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
halben Jahr, das er absitzen mußte, aus seinem Geschäft werden! Infolge
des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat, war der
Denkzettel zu gönnen. Man sah sich nach der Frau des Sträflings um; aber
sie war verschwunden. „Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
Verhältnisse!“
Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
nach dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort
oben in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und –
ein auffallendes Zusammentreffen!
Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum noch
nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
auszuforschen: man wußte Bescheid! Der Skandal war so groß, daß die
„Netziger Zeitung“ eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen durch
Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, daß er im Gefängnis das
sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er
durch seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.
Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch in anderer, sehr
bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
Heßlingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte sich sofort,
daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war beteiligt an der
Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand ließ,
fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die
Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Daß
Diederich durch seine Zeugenaussage den Präsidenten auf sich aufmerksam
gemacht hatte, mußte der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in
die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über
die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
unruhig. „Er möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber so
billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er ’ne Ahnung von
meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe
ihn einfach!“ sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor Aufregungen!“ höhnte
Diederich. „In Ihren Jahren, Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie
manches geleistet für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer war
schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt hätte ich ihn nötig für
die ‚Netziger Zeitung‘. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
mehr.“
Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte auch ein Brief
des Majors Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mißverständnis
aufzuklären und teilte mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn
Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt
durch seinen Triumph, hätte am liebsten gleich die beiden Hände des alten
Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß
der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! Der
Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
sich gewundert, den Doktor Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
es inne, was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er antwortete
auf die private Eröffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
den Verein und forderte den persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch;
Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, die er absichtlich auf
diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
Adresse, von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, daß er, mit glänzender
Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
kaisertreue Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
beizubringen. Aus einem unter den größten persönlichen Opfern geführten
Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
Tränen in der Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob
entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
so sei dies, nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene
Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch
Kunze und Kühnchen, waren bewegt. Es war ein großer Abend. Diederich
stiftete einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die
Schwierigkeiten berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage
begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief Diederich aus, „sichert
unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
Seiner Majestät des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestät
ist nicht zu spaßen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“
Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im
selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich auf dem
Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten
nicht bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das Wort erregte
Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
war, hätte er nicht mehr sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht
doch vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort auf ihn ein, als
wäre es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der „Netziger Zeitung“
und schon am Abend im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter
verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.