Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie das an?“

„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur von früher her,

weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe.“

„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber das lehnte Heuteufel

ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß Sie energisch auffordern, Ihre

ärztliche Pflicht zu tun!“

Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs

herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. „Manchmal hab’ ich ja

Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was

zu befürchten?“

„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“

„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie

versündigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten.“

„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war

es zuviel.“

„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir den Sekt nicht. Und

dann wegen der Huldigungsadresse.“

„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu

fragen.“

Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir wenigstens, ob ich

Krebs kriegen kann.“

Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer skrofulös und

rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen, dann wären Sie nicht so

aufgeschwemmt.“

Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine

Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die

Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.

„So komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. „Sie sind

noch wie früher.“

Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus

dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tränen in den Augen,

stieß er auf den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist Ihnen

die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?“

Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber aufgeregt hab’

ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht

betrachte, eine befriedigende Erklärung zu verlangen für die gestrigen

Äußerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat für

einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich nichts Verlockendes.“

Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten.

„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in der Absicht, die

ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu

entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.

Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert

Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie

werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestät!“

„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fräulein Klappsch

beschäftigte.

„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!“

rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er am Mittwoch

wieder zum Pinseln mußte. Jadassohn versetzte schneidend:

„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt nämlich eine

Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft nennt und die für

Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes

Interesse hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete ihr,

sie möge verschwinden.

„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich berührt.

„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu erheben.“

„Sie?“

„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,

wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt

habe, war ich bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also

keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde zu vertreten.“

„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“

Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig ...

Übrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie selbst gestern abend sich uns als

Zeugen anboten.“

„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell.

Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden sich an alles wieder

erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete

Diederich sich. Er ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer

spähte.

„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie private Äußerungen

meinerseits –. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen

Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was

mich Ihre Karriere angeht.“

„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn.

„So. Dann sind wir Gegner?“

„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn setzte ihm

auseinander, daß er keinen Grund habe, den Prozeß zu fürchten. Sämtliche

Zeugen der Vorgänge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er

selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit

vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn

schließlich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn

beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die

inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,

wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit

Vorsicht.“

„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und angesichts von

Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme ich dazu, einen anständigen

Menschen wie Lauer ins Gefängnis zu bringen? Jawohl, einen anständigen

Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine

Schande!“

„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorläufig

noch brauchen“, schloß Jadassohn – und Diederich ließ den Kopf sinken.

Dieser jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts

machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder

einmal, daß alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.

Die große Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin

und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der

Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Übrigens lenkte Jadassohn zu

etwas anderem über.

„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns im Gericht ganz

sonderbare Gerüchte umgehen – über das Telegramm Seiner Majestät an den

Regimentskommandeur? Der Oberst soll nämlich behaupten, er habe gar kein

Telegramm bekommen.“

Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. „Aber es hat

doch in der Zeitung gestanden!“ Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht

gar zuviel.“ Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tür

schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, in der Nummer hier

steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestät Bezug hat. Der

Leitartikel beschäftigt sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum

geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das

Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten

über die kaiserliche Familie.“

„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch und verdrehte die

Augen.

„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich: „Sogar so ein

freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung Seiner Majestät anerkennen!“

„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, daß die

Redaktion die Allerhöchste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat –

noch vor ihrer Absendung.“ „Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der

Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch wollte ihn erkennen.

Jadassohn gab zu: „Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren

wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung

könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur

Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der

Präsident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des

Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schließlich haben wir davon

abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben

nicht wissen kann.“

Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:

„Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdächtig vor, aber niemand

will vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ –

sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die

Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht

hat, Ereignis zu werden.“

Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat geträumt. Jadassohn

bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. „Nu,

der Mann hat seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, fremd

und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen.“

Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr

Doktor Heßling denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst genommen

habe. Einen größeren Nörgler als den Major Kunze gebe es überhaupt

nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als

finde er sich plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie

sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich

ebenso verlassen zu können wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich

mir auf das allerbestimmteste verbitten müßte.“

Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll das etwa einen

Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit

gebührender Entrüstung zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür

spähte: „Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf

Wunsch zur Verfügung.“

Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so nicht gemeint habe. Dann

aber zahlte er. Die Verabschiedung war kühl.

Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich nicht

entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Für den Fall, daß

Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß

gegen Lauer! Auf alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte

über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren sind mir gleich

verdächtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch

nicht mit solchen Ohren.“

Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ vor. Da waren

schon die Kaiseranekdoten für die „Netziger Zeitung“ von morgen.

Vielleicht kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz.

Aber er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte sich setzen.

„Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. Diederich starrte die

Buchstaben an, wie ein Märchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter

anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestät

selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er es selbst kaum hörte,

murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“ Das bange Glück sprengte ihn fast.

Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen

würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam

mit –? Die unerhörtesten mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber

das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in

sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen

stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die

Denkmalsenthüllung. Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen, die

dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für seinen vor dem

inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,

hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.

„Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern

telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es! Kein Dementi: eine

Bestätigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er führte die

Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete

das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um

seine Schultern lag Hermelin.

Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung, leider durfte kein Wort

sie verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und

Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.

Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer Zug in den Betrieb

gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller

Diederich dastand, desto affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn

hängend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem dünnen

schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten Umsturzes ... Dies war der

Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.

Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten

Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und

die Hände breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor

sich hin auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer vor Augen

hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen

sich bereitwillig darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei

Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch

oder Louis käs einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;

er habe es in Berlin in den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen

war mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht

haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muß, als ob man was

hat, und hat nichts.“ Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen

trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein,

heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,

sagte schnarrend: „Gnädigstes Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß.

Guste lachte. „Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn

gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr

Leutnant von Brietzen macht es auch so.“

„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle Herren Offiziere.

Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste, sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit

können wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich schon

einer draufgesetzt.“

Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft und sonst

überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich glaube, wir ziehen nach

Berlin.“ Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. „Man soll den Leuten

den Gefallen nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute,

wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“

„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie renommieren kann, ist

alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß

Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In

Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ Diederich bestätigte:

„Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden.“ Leis höhnisch

setzte er hinzu: „Das soll ja ganz leicht sein.“

Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der Sohn vom alten Herrn

Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,

weltmännisch überlegen, auseinander, daß es heute auf Dinge ankomme, die

der Einfluß des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,

großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale

Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit

Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck

zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang

Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der philosophiert und nörgelt, und

im übrigen soll er sich ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine

Mutter war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl er

fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte.

„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.

„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal

leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie.“

„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegähnt

hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll

an, ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu

machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die

gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es

mir jetzt vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit der

Schauspielerin?“

Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder, stark errötet. Um

ein Haar hätte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck

erzählt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir

doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts

für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte

war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks

noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es

bergab geht. Das ist Sünde gegen sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber

Guste hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller

betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von

Ihnen, und Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. Bergab! Wer

mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie sind bloß

neidisch, meinen Sie, ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen

voll Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust gehabt, sich

auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu küssen und dann

die Tränen aus den Augen, – aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle

rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der

Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich stand mit

angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl

seiner Kleinheit.

Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe

ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette

Gans, – und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm

mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte

Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten

wie die Gräfinnen? Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren paßte

freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und

treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Käthchen Zillich vorzuziehen.

Äußerlich Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt,

empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er

kam öfter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor

Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch

sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, die mit

Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß betraf, war Käthchen

Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.

Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn

hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter

die Zeugen jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend

Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, die anderen machten ihn

verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche

wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied

seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes

Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, daß das Gericht dem

Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich

seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den

Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte

es eilig, er mußte im freisinnigen Wählerverein gegen die neue

Militärvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener

sieghaften Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt

geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kühnchen der

kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres

ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen

Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.

„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, „von Ihnen

hört man gar nichts mehr.“

„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen

und sah sich um, wie in einer Schneewüste. „Kein Mensch da!“

„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“ wagte Diederich zu

sagen, aber er kam übel an. „Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der

Major bestellte Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.

Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:

„Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich

würde einmal etwas hören über meine Aufnahme.“

Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. „Ach so. Sie

haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein,

wenn Sie mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“

„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte. „Jawohl, Herr! Ihre! Dem

Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann

vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König haben zu

Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise

zu seinen unbedachten Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem

Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in

Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?

Weiß ich, ob Sie überhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“

Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn

der Major es befohlen hätte. Der Major hielt sich den Militärpaß weit von

den Augen fort. Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also.

Landsturm mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße

wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und

hielt beschwörend die Hand vor sich hin. „Herr Major, ich gebe Ihnen mein

Ehrenwort, daß ich gedient habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur

zur Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“

„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“

„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich noch, mit

fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine

Vorgesetzten.“

„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an. „Ich will Ihnen bloß noch

sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen

anderer Leute den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente

Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, „Sie sollten sich Ihr

Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist

nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem

steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten

verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschäftigungslos,

und wenn ich hier zu Ihnen komme –“ er warf wieder einen Blick wie über

Schneewüsten – „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“

schrie er noch auf der Treppe.

„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher, „ich habe keine

Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Mißverständnis.“ Der Major war schon

draußen, Diederich rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre

Diskretion!“

Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –“

sagte er, mit Tränen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt

alles ein.

Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschläge

begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner

Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,

sah sich zögernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam

er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die Hand, „Sie

sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wär.“ In einem großen

Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die

mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. „Ihnen kann

ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir

verdammt unangenehm.“

„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. „Wenn bei ihm nicht

jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen wäre, hätten wir ihn gleich heute

verhaften lassen müssen.“ Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu:

„Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man Mensch

und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er befestigte seinen Klemmer

und machte sein trockenes Gesicht. „Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn

Lauer an dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja schon

verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen geäußert

hat, die von der Anklage behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge

aufgestellt sind –“

„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts gehört! Kein

Wort!“

„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“

Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man doch nicht, was man

sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,

dann scheint es mir doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren.

Ich besonders.“

„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche.

„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was

er mir darauf geantwortet hat, das könnte ich jetzt nicht mehr beschwören.

Das Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz.“

„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber was hindert Sie

denn, das einfach dem Richter zu sagen?“ Er erhob den Finger. „Ohne daß

ich natürlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen möchte.“

Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich den Streich nicht!“

Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich während der

Szene vorsätzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;

der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb

unzurechnungsfähigen Zustand der Anwesenden mißbraucht und sie von

vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. „Herr Lauer und ich, wir

halten einander für Ehrenmänner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu

verhetzen!“

Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit in

Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich

war zuzugeben, daß Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit

gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der Grund,

weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch

ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk

machen muß, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen

Majestätsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmäht sein

Radikalismus.“

„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich.

„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich

keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches und nationales

Interesse wahrzunehmen glaubt.“

„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber, der mit unseren

heiligsten Gütern spekuliert!“

„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche lächelte befriedigt. Er

rückte näher. „Nehmen wir einmal an, ich wäre Untersuchungsrichter: es

gibt Fälle, in denen man gewissermaßen Grund hätte, sein Amt

niederzulegen.“

„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“, sagte Diederich und

nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmännisches Gesicht. „Aber Sie

begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“

„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen den Komment.“

„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich.“

„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich.

„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren Zeugen mir meine Aufgabe

nicht unnötig erschweren werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust.

„Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um eine große

Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewußt, daß

ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen

nieder. Mit männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“ Dies

schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren schüttelten

einander ernst und verständnisvoll die Hände.

Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen

und stand vor Fritzsche. „Gott sei Dank“, dachte er und machte mit

treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge

schien die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich blieb bei

ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen

„Volksstimme“ nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu höhnischen

Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher

Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige „Netziger

Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter

wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, daß er den Gewinn seines

Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet

hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren

hatten sie außer ihren Löhnen und Gehältern die Summe von 130 000 Mark

unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den

günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern. Sogar

der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein

anzügliches Lächeln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man

mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die

geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,

blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, daß

er für seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,

weil er mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung

auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um solche

Briefe abzufangen, aber Sötbier war immer noch früher da, und das

vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich

schmeiß den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute sollen dann

sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab’ morgen einen

Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – „Ich opfere mich für euch!“ schrie er

die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle

drauf, nur um keinen zu entlassen.“

Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Sötbier

rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht

eingehalten werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung für

den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und er blieb dabei, obwohl

Diederich nach dem Tintenfaß griff. In den Mienen der Übriggebliebenen las

er Mißtrauen und Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte

er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers knotige,

schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über dem Boden, und es sah aus,

als bekäme er sogar Farbe.

Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Eröffnung des

Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor Zillich

über den Text: „Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten Wort.

Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. „Die Rache ist mein,

spricht der Herr“: Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Heßlingschen

Stuhl hinüber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling

schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.

„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da wandte sich alles um,

und Diederich knickte zusammen.

Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie

schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer

Helferich neben Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch,

und sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte Diederich.

„Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“ – „Die fünf Töchter vom

Bruder des Herrn Buck grüßen uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und

Diederich: „Ich werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das laß

gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ Da verlor er die Geduld.

„Ihr? Was gehen euch meine politischen Kämpfe an?“

„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kämpfe!“

„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause

umher, ich rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch nörgeln und

mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den

Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr Kindermädchen werden!“

Und er schlug die Tür zu, trotz Frau Heßlings gerungenen Händen.

So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht

miteinander; Frau Heßling verließ das verschlossene Zimmer, wo sie den

Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen

Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz allein und mit

zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies schenkt Diedel seinen lieben

Schwestern!“ sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie

nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso

verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, daß er

die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat,

abgelehnt hatte, um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte

er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in der Familie war es

eine künstliche Sache, eine Aufwärmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt

wäre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der

Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller hätte er niemand

gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich

vernachlässigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen

Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen

sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren

Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter

verräterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich

passe nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan von seinem

Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. „Ich bin doch

gewiß ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein

wie dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, so daß ich,

ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt habe, nicht werde

bezahlen können.“ Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tränen traten

ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner

sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in das dunkle

Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die

Hände. Draußen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die

Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.

Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschäft und

Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“ Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er

war so unheimlich allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. Die

Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum. Aus Volksliedern,

Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dämmerung, die

sich traulich davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im Kopf ward.

Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über den Scheitel streife. War es nur

ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas.

Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der Heimat ... Es ward

still, und er wußte es nicht – bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war

vergangen! „Das war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus zu

den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da die Schwestern

noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklärte er sie für gemütlos und

steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen.

Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holländers.

Sechstausend Mark für einen neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld

war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein

unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger Widerstand von Menschen und

Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er

mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Für den neuen

Herrn, der die Zügel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,

mußten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge

warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit

anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen

für den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Sötbier: vielleicht

konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor

Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der Predigt, von der

alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,

mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein

Versprechen bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich

allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, daß er

sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken

Lippen wartete, wäre doch ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen

gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! Er

würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er

müsse nun wieder ins Geschäft; und Käthchen kniff die Lippen zusammen,

ohne daß das Jawort zur Verwendung gelangt war.

Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft des Holländers stand

bevor. Diederich sagte zu Sötbier: „Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag

und Stunde zu liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber Sötbier

erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum

lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Übrigens traf die

Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte

Diederich. „Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert, daß er kleiner

sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal

Raum sparen soll!“ Und er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit

dem Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich nicht

beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er zu groß ist!“ Aber Sötbier

klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen

auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan zu

ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn der Monteur? Haben

uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“ Und dann entrüstete er sich.

„Ich habe ihn doch bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu

verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl täglich

zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir

das Unglücksding da nun auf?“

Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies

ihm plötzlich großes Wohlwollen. „Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich

lieber die Überstunden, als daß ich mein Geld für den fremden Menschen

hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ Napoleon Fischer

zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte seine

Schulter. „Sehen Sie mal, lieber Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von

dem Holländer nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er

anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da

die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was

meinen Sie? Halten Sie den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt

liegen.“ Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon mit

Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte er zögernd. Diederich

vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte

er aufmunternd: „Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die

Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in

Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen.“

„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der Maschinenmeister mit

sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wußte, nach

seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie mal

mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon Fischer in

das Wohnhaus, Frau Heßling mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und

Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich

verlaß mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte, würde

die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab’ ich den

Leuten schon in den Rachen geworfen.“

„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister gefällig.

Diederich fragte dringend: „Das meinen Sie doch auch?“

Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem

Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,

daß die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte mit

dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer ältester Konstruktion.

„Also der offenbare Schwindel!“ rief Diederich. Auch brauchte der

Holländer mehr als zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen

wir uns das gefallen lassen, Fischer?“

„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied der Maschinenmeister

und strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn.

Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.

„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer die bei Bestellung

vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt?“

In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein dünnes Lächeln. „Kann

ich“, sagte er. Diederich sah das Lächeln. Um so strammer machte er kehrt.

„Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er einen

energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort

kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue

Patentholländer System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren

Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer

Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der angezahlten 2000 Mark

könne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen

Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener

als das erstemal und drohte mit einer Klage. Büschli & Cie. versuchten

nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie

haben Angst“, sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,

und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können sie nicht brauchen, denn

ihr Holländer ist noch nicht genügend eingeführt.“ „Stimmt“, sagte

Diederich. „Wir haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter

Siegesgewißheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene

Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter

erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine

Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein

Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie

sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um

elf Uhr beim zweiten Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte:

Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und

indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.

An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“ sagte er, „es muß ein Irrtum sein.

Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“

Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken, aber das macht

nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor Heßling ist mein Name. Hier

ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda.“

Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen. „Friedrich Kienast“,

murmelte er. Er war groß, blondbärtig und trug einen braunen wolligen

Jackettanzug. Alle drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn

ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich: „Natürlich. Herr

Kienast frühstückt doch mit uns?“

„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli & Cie., und er

rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte,

während er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.

Diederich fragte ihn, harmlos lachend:

„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“ Herr Kienast lachte

auch. „Bei den Geschäften bin ich immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte.

„Na, dann werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; – und

Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.

Sie errötete.

Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl sonst noch was vor

in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: „Man kann nie wissen.“

Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie

nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“ Und da der andere schwieg, dachte

Diederich: „Sie haben ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie

können keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda und der

Vertreter von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gläser

hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heßling saßen starr

dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich

aber fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben Glück, mein

lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist ausgerechnet unsere

schönste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier

herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch Mensch

ist. Na, und das braucht man.“

Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings Frage, ob er schon

verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie

hatte den Kopf gesenkt.

Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. „Herr Kienast,“ sagte

er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer Verfügung.“

„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda. Kienast ließ sie sich

von ihr anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrüßen zu können, –

wobei er Magda verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er

vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitäten“,

bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie sollten mal unsere Anlagen sehen.“

„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich, genau so verächtlich,

„da ist es kein Kunststück. Reißen Sie mal hier den Häuserblock nieder!“

Und dann rief er im schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit

er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort

kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber

sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,

fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: „Fischer,

ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab

erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark.“ Darauf nickte Napoleon

Fischer kurz und verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann

Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,

es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von

Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens bin ich versichert, aber Zucht muß

sein. Tadelloser Betrieb, wie?“

„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick

auf die Maschinen. Diederich versetzte höhnisch: „Weiß ich, mein Bester.

Aber so gut wie Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er

fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.

Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er

gehe großzügig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei

das Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch

ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge mit zwanzig

Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser machen mich überhaupt

wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach schneidend:

„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends

fertige Ware.“

Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab’

ich an sämtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur

Vollendung meines Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“

Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer war halb

gefüllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half

mit dem Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also.

Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für einen Umgang

zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle schon fünfzig ...

Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja

ewig!“

Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er

lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft sind ...“ Und mit

einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: „Was

sonst noch mit dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht

sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen Sie mir

vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“

„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest.

„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich blitzte. Auf

Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen

und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.

Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln

hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit mit Diederich bekommen!

Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. „Mein

Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll,

ist lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen

Ihrer Äußerung aufmerksam!“

Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, Herr Doktor“, sagte

er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern, das hab’ ich Ihnen schon beim

Frühstück gesagt. Jetzt brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir

den Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rücknahme nicht

denken.“ – Das werde man sehen, erklärte Diederich. Einen Prozeß hielten

Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen

Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch eine besondere

Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er

nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man

einfach hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.

Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lächelte rosig. „Die

Herren sind noch immer nicht fertig?“ fragte sie schalkhaft. „Das Wetter

ist doch so schön, man muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. _A

propos_“, sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast zum

Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse leider danken, lächelte

sie dringlicher. „Und mir würden Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte

bitter. „Ich würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob Ihr

Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. „Herr

Kienast“, brachte er hervor. „Es wird mich freuen. Vielleicht, daß wir uns

auch noch verständigen.“ Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich

weltmännisch erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten. „Wenn mein Bruder

nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte

auch dies noch; – und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem

Prokuristen von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!

Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern

mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich

schamlos. „So macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda. „Ich

werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde gar nichts schaden.

Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – „Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und

Magda schlug ein Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie

sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Heßling hätte

nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die Hände zu ringen: in den

Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Würde.

Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling rühmte den soliden

Eindruck, den er mache. Emmi erklärte: wenn so ein Kommis nicht einmal

solide sein sollte. Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda

behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs

Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment scheine der Herr

freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu

ersetzen. „Aber als tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“

Emmi hielt sich nicht mehr.

„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre, daß ich nicht mit

euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!“

„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er

herrschte Emmi an:

„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass’ uns in Ruh’.“

Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor

Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,

und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten,

in stillem Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier seine

Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen Blick,

zurückgezogen hatte, sagte Diederich:

„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen

mache ich allein.“

„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte Kienast.

„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.

„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf

meine Kappe. Geben Sie den Holländer in Gottes Namen zurück. Ein Defekt

wird sich doch wohl finden.“

Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“ Kienast sagte

sachlich:

„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen

vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!“ bat er, da

Diederich auffuhr. „Und außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine

Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“

„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn

empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. „Herr

Doktor!...“ Diederich faßte sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die

Hand auf die Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten.“

„Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, meinte Kienast besänftigt.

„Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklären“, verhieß Diederich.

Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem schwarzen

Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie

sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren

grau und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und ließ sich zu

seiner Rechten nieder; und als man eben erst saß und sich noch räusperte,

sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: „Jetzt sind die Herren

aber mit den dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien

glänzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute.

„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. „Zwölfhundert

Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die

Kunden.“ Er lud Diederich ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm

und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er

seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hälfte

bewohnte. „Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“

Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das einfachste, Sie

heirateten. Na prost!“

Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem

über. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen

sei? „Ihnen, Herr Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen

später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier jetzt auch

noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte er nachsichtig hinzu.

Diederich wollte seine Großzügigkeit und die Ausdehnungsfähigkeit seines

Unternehmens beteuern, aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht

abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität. Einen

Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. „Wenn

da alles so wohl bestellt ist wie hier –“

Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heßling schon

mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als

sei die Gans eine höchst gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte

trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob sein Blick

wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen Qualm, auf Magdas

durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß er sich los und ergriff sein Glas.

„Und darum: auf die Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau

und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust, um das Blühen

anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stieß Herr

Kienast zuerst mit Magda an.

Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir

in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen

auf.“ Er hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal errötete.

„Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu.“ Er

ließ den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer für

Bescheidenheit gewesen, „besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“

Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann

den Mut nehmen –? Meine Töchter schneidern alles selbst.“ Dies war für

Herrn Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs

eingehender Würdigung.

Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom

Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um

seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr

Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, den

sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“ Magda schmiegte sich, ganz

Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie

rückwärts einen Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort.

„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der Abend vereint uns dann

hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draußen und den Klüngel unserer

sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich, wir haben

an uns selbst genug.“

Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie draußen eine Tür

zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie

sich am mild beglänzten Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich

den Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle still lächelnd

hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich

auseinander, daß er dank dieser Beschränkung auf die stille Häuslichkeit

imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der

Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die Fabrik gehört ihnen

mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner

künftigen Schwäger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“

Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie

fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da

bekam er gerührte Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und

drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespräch

der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie

also glücklich Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und

wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling hinter dem Rücken

der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tür schlich, begriff er,

nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er

tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder

und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt.“ Als er

fertig war, horchte er hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man

eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle

geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: „Im

tiefen Keller sitz’ ich hier.“

Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,

dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im

Wohnzimmer. „Nanu“, sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste

Absichten zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich sage nicht

nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war plötzlich heftig bewegt. Aug’

in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda

herbei. „Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen Sie mein

Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder

haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen.“

Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es ist was passiert.“

Frau Heßling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergroßer

Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt,

wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und löste sich dort in

Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen

war. „Emmi, komm heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf,

zornrot im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon

denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten allein!“ Und sie würde

wieder zugeschlagen haben, hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt

gesetzt. Streng bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene

sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht

einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer

Matinee, mit aufgelösten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst

uns lächerlich“, zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den

Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem Blick. „Mußte das

so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. „Nun, dem Glücklichen schlägt

keine Stunde.“ Kienast sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht,

das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und

stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als nötig; sie entzog sie ihm,

da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf

ihre Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte kehrt und

verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm

griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und

verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.

Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. „Bis Mittag

bezähme gefälligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir

mal ein Wort unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm

die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit – die

Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein

Viertel der Fabrik. – „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf

Diederich: „Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“ Ein

unzufriedenes Schweigen entstand.

Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost Friedrich!“ „Prost

Diederich!“ sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. „Du

hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn du Geld

einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem

großartigen Gehalt!“ Kienast erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber

noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr

eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, da wäre es ein Verbrechen

gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. „Und wenn ich euch mein Geld gebe,

muß ich selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir

entgegenbringe, lieber Diederich –“

Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. „Wenn du

einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf

ihren Anteil am Geschäft verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs

unbedingten Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines seligen

Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie ich arbeite, kann in

einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt

verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu

schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn

ehre ihn, aber mit Großzügigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,

merklich gereizt: er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur

sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des

Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ Kienast trommelte auf den Tisch.

„Ich weiß noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen kann“,

erklärte er. „Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich

zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum

Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich drücken.

Glücklicherweise war Magda noch verführerischer hergerichtet als gestern,

– „wie wenn sie gewußt hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der

sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr

erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen wünschte. „Dein letztes Wort?“

fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der

Tasche.

Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, wo die

Verlobten saßen, und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie

holten ihn zum Spazierengehen. „Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und

Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau

Heßling zu Hause. „Weil es sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte

Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub

fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett hängengeblieben

war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.

Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die

Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestraße

begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem

Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse

Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen angehalten und

ihm auf offener Straße einen Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war

ein schwerer Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf

Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn gegangen! Jetzt

schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, daß er mich in der Hand

hat. Ich werde noch Erpressungen erleben.“ Aber zwischen ihm und dem

Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was

Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich

ließ ihn einfach einsperren. Dennoch haßte er ihn für seine

Mitwisserschaft, daß ihm bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er

sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?

In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich lohne, denn bei

Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und

Inge Tietz, und Magda wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr

beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße war

heute leider wenig los; höchstens daß Major Kunze und Dr. Heuteufel, die

in die „Harmonie“ gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der

Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was Diederich nicht

vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda

beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte

Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor, hier stelle

ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn Kienast vor.“ Der Bräutigam ward

gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei

Schritte zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie ihn denn

hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede

den ihren. Aber dafür solider.“ – „Fangen Sie schon wieder an?“ rief

Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und

seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß wo. Man kommt sich

vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts

Arm hing. Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch bleiben.

Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte er Guste bis an die

Häuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,

dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewährend.

Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da

hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn

Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte

ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – worauf er rot ward und

schnaufte. „Was ist da zu meinen“, brachte er hervor, und Magda lachte.

In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen jemand entgegen. „Ist das

nicht –?“ fragte Diederich, ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich:

dick, offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst elegant,

und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, Wolfgang Buck!“ Er dachte

enttäuscht: „Und Guste stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das

Lügen muß ich ihr austreiben!“

„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. „Das

freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte Diederich, trotz der Enttäuschung

mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.

Buck stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die

beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer Braut?“ bemerkte Diederich.

„Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und

zuckte die Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er

phlegmatisch. „Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder begegnet

bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, nicht wahr – es war so

anregend.“

Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals nur geärgert hatte.

Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. „Ja, meinen Gegenbesuch bin ich

Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer

dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Öde, wie? Zu denken, daß man

hier sein Leben verbringen soll“ – und Diederich zeigte die kahle

Häuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen

Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,

und er machte tiefsinnende Augen. „Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz

langsam. „Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der

Lage, bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es auch hier

welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf

Sensation gemacht.“

„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie wollen schon wieder

nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner

Majestät stehe.“

Der Untertan · 第 15 / 32 题