Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
bedeutend genug, daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr
schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
er erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier
vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mädchen
auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen.
Sötbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wäre.“ Während er
dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal
sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man
müßte das verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der
Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward Diederich
furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die
Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
stampfte, daß die Gläser klirrten. Frau Heßling flehte wimmernd, die
Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig
Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
–“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“
Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach,
und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
sagte: „Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren
Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das überlaßt
gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß Herr sein.
Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich dazu. Sötbier ist
dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
dann wird er ausgeschifft.“
Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab
Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen
Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den Brief
offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand Sötbier vor seinem
Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er:
es tropfte auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen“,
sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:
„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er
stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
angefangen, und mit ihm ist er groß geworden ...“
„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß
zu werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte.
„Unser alter hat uns noch immer genügt.“
„Mir nicht.“
Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur
durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart
blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie mal
her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier berief sich auf das
Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet
habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfähig
unser Holländer ist!“ Diederich wollte nicht hören, er lief hin und her,
überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.
Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten
Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den
alten Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ.
Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu
kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich
schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn
Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte ihm,
ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
alle Vorzüge des neuen Patent-Holländers, vor allem seine höchst bequeme
Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.
„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“
Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich
sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit
sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie er. „Bezahlen!
Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht
wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte Aussichten auf
baldige Ausdehnung des Geschäftes haben – über die ich mich heute noch
nicht äußern will.“
Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.
„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da
sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie sollten
erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken
aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und ließ ihn warten.
Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: „Nun, Sie
kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten
läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“
„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit männlicher
Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
gesprochen.“ Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
„Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
Beziehungen festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
Heuteufel. „Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er
einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines
wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte
dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem gelben
Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortwährende
Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben über
Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte
Diederich, heiser vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“
Heuteufel tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des
Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt
nach.
„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“
„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem
für mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
nicht.
„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“
„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“
„Das gebe ich nicht auf Befehl.“
„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
und biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In
höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!“
Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein
Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“