IV.

Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen

verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war

bedeutend genug, daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr

schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die

Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als

er erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier

vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete

Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mädchen

auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen.

Sötbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik

heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen

sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wäre.“ Während er

dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal

sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man

müßte das verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch

herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der

Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward Diederich

furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er

war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die

Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und

stampfte, daß die Gläser klirrten. Frau Heßling flehte wimmernd, die

Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.

„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig

Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!

Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?

Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist

–“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“

Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach,

und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und

sagte: „Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als

wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren

Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den

neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft

nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das überlaßt

gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß Herr sein.

Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich dazu. Sötbier ist

dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,

dann wird er ausgeschifft.“

Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner

Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab

Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik

Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen

Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den Brief

offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand Sötbier vor seinem

Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er:

es tropfte auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen“,

sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:

„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er

stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er

angefangen, und mit ihm ist er groß geworden ...“

„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß

zu werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte.

„Unser alter hat uns noch immer genügt.“

„Mir nicht.“

Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur

durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart

blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie mal

her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem Menschen. Ich

verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier berief sich auf das

Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet

habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfähig

unser Holländer ist!“ Diederich wollte nicht hören, er lief hin und her,

überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.

Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten

Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den

alten Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ.

Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu

kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich

schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn

Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte ihm,

ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt

alle Vorzüge des neuen Patent-Holländers, vor allem seine höchst bequeme

Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.

„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“

Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich

sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit

sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die

ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie er. „Bezahlen!

Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir

einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht

wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte Aussichten auf

baldige Ausdehnung des Geschäftes haben – über die ich mich heute noch

nicht äußern will.“

Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.

Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,

mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.

„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da

sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie sollten

erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken

aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor

Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und ließ ihn warten.

Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und

Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor

Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: „Nun, Sie

kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre

Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten

läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“

„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;

Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind

bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und

ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den

Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit männlicher

Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen

gesprochen.“ Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.

„Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen

Beziehungen festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte

Heuteufel. „Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er

einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines

wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng

nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte

dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch

hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als

Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem gelben

Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortwährende

Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben über

Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte

Diederich, heiser vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“

Heuteufel tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des

Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt

nach.

„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“

„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem

für mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur

Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich

nicht.

„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“

„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“

„Das gebe ich nicht auf Befehl.“

„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise

aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit

Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses

vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie

und biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In

höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten

entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!“

Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein

Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“

Der Untertan · 第 14 / 32 题