Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“

„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um zu seinem großen

Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:

„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen Sie auch das eine zu,

das ich nicht erst zu nennen brauche?“ Triumphierend sagte Diederich dies,

vollkommen sicher, daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter

den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht vorauszusehenden

Zynismus.

„Na ja doch“, sagte Lauer.

Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah

umher: ob er denn recht gehört habe. Die Gesichter bestätigten es ihm. Da

brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für

den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung

in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder

auf, der verschwunden gewesen war, man wußte nicht wohin.

„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“, sagte er sofort.

„Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von

Bedeutung sein könnte.“ Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich

tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den

Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt haben wir ihn in der Hand!“

„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.

Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer Herr mit grimmiger

Miene. Er grüßte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den

Vertretern des Umsturzes zu stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.

„Herr Major Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein und

deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im

Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor,“ sagte er, „daß das

tatsächlich behauptet wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat der

Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lächelte unbedeutend und

bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende Erklärung an. Aber der

Major bedauerte; für eine solche Äußerung gebe es einfach keine Erklärung;

und seine Miene ward von erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch

mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden

Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es

und folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: „Herr

Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“

Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander mit Aufbietung

aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. „Herr

Doktor,“ sagte der Major, „Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man

scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte

voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte

sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm

vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er stehe,

was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun auch

schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“

„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt beim hiesigen

Bezirkskommando.“

„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte mit den Fingern

darauf – „und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekämpfen. Mit

Feuer und Schwert!“ schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im

selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer Cohn tief

den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst

noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen

Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter. „Herr Major, der

Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.

„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“

Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich höhnisch nach

Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaßen und beschämt ihre

Biergläser anstarrten.

„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort drüben sind sich

dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten

geschossen hat. Sie machen Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun

selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte, daß

er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen eine Anzeige gegen den Herrn

Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. „Und ich werde dafür

sorgen,“ versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird. Ich

persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,

daß ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst

nicht beigewohnt habe.“

„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte Diederich, und er

fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich

gesinnten Männer sich vor allem stützen müßten. Der Major nahm eine

Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente

seinem König immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich

zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kräftigung

erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen

auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,

behördlicherseits zu viel Rücksicht auf die in Netzig gegebenen

Verhältnisse. Er selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt

worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger

gesehen haben, dafür garantierte er. „Aber da mein König mir die

Möglichkeit leider genommen hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten,

frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich

und raunte: „Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und

kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren.“

Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem Herrn

Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen

getroffen.“ Und da der Major die Augen aufriß:

„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir

Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon.“

„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“

„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen die subversiven

Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind stärker, denn wir haben

einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“

„Bravo!“

„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig,

die Forderung aufgestellt, daß die Bürger endlich aus dem Schlummer

erwachen mögen! Und das wollen wir auch!“

Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem

sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der

Major schrie: „Zu uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die

Herren, auf die ich mich verlassen kann!“

„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn die Kirche der

Fürsten bedürfen wird –“.

Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich längst geleert,

Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren

Bogengewölben brannte schon kein Gas mehr.

„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot auf, der

Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich.

„Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner

erhabenen Führung sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“

„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat gesagt, jeder, der

ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht

auf mich nicht mitbeziehen?“ fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig

leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:

„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu

früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins

Gesicht. Er wird mich noch mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich

denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons zu

schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“

„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner Schreistimme aus

unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewölbe entstieg ein kleiner

Greis mit flatternden weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine

Brillengläser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der Herr

Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht’s ja zu wie

dunnemals in Frankreich. Ich sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä

paar Jahre länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor

Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,

darüber äußerte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher

hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä bißchen

eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt.“

Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getränke noch nichts

genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre

gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ schrie er, und aus

seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene

Bande! Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’ steifen

Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. Bloß weil ich ihm mit

meim Säbel ä kleenes bißchen die Kehle abschneiden wollte. So eene

Gemeinheit von dem Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte

Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle freilich mischten

sich mit Schrecken, er mußte sich in die Lage des Franktiröhrs denken: der

kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die

Klinge an den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.

Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor Kühnchen, einander

überschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber

Kühnchen schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es

zum Schweigen gebracht hatte und ungestört aufschneiden konnte. „Nee,

alter Freund, Sie sein ä anschlägscher Kopf. Wenn Sie die Treppe

’runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem

Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat Kühnchen angelegt, da

gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene Kriegslist gebraucht und hab’ mich

totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht

gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des

Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß noch ’raus, bloß noch

Soofgipöh! Da hätten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer

hammer sie weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge

hamse gemacht wie die Garniggel!“

Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,

indes die Tafelrunde dröhnend lachte.

Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch

gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die

franzeeschen Weiber, das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser

hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, tut das eene

Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder aus’m Fenster und wollten ooch

noch von uns, daß wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit

unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die

Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen Finger gekrümmt wie um einen

Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand

aufzuspießen. Seine Brillengläser funkelten, er log weiter. „Zuletzt kam

eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum

versuchte se mal, ob’s nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit

Kühnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die

Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in

ihren dicken franzeeschen –“

Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:

„Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte in ädlen Worten meiner Klasse.

Die Jungen solln wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“

Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung des jungen

Geschlechts nur befördern könne, und man stieß an mit Kühnchen. Vor lauter

Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch

getreten war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen Mann im

Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. „Na, man immer ’ran, Herr

Nothgroschen!“ Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus.

„Wer sind Sie?“

Der Fremde dienerte.

„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“

„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. „Verkommene

Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!“

Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.

„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. „Na, setzen Sie

sich!“

Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer

Haltung. Nüchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren

Selbstbewußtsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so

sehr gesteigert worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete

geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch

hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt doch fertig machen“, erklärte er

darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in

der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter.“

„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie saugen sich das ja

doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“

Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben zu, wie alle

durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. Als der Lärm sich legte,

setzte er an. „Da der Herr dort –“

„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf.

„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin den Namen des

Kaisers erwähnten, wird es die Herren interessieren, daß wieder eine

Kundgebung vorliegt.“

„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich. Der Redakteur duckte

sich und legte die Hand auf die Brust. „Es handelt sich um einen Brief des

Kaisers.“

„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den

Schreibtisch geflogen?“ fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd

die Hand vor sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung

bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die

Druckfahne!“

„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich rief: „Wieso, Doktor?

Sind Sie Doktor?“ Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man

entriß dem Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der noch

ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich zum positiven

Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte so heftig, daß sich Schluckauf

einstellte. „Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher

Wissenschaftler, huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen sie

sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’ Theologie

studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die Blätter hoch in der Luft.

„Meine Härn! Wenn ’ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als

Aufsatzthema gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“

Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich

möchte mal sehen, wer das leugnet!“ Und er blitzte umher. Nothgroschen

krümmte die Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr Diederich

fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug

Gottes war, dann weiß Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“

„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach

auch sonst niemand, denn Diederich war zum Äußersten entschlossen. An den

Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser

herrlicher junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete

es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker.“

Diederich war nicht befriedigt.

„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“

Es ward angenommen.

„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät von unserem Beschluß

telegraphisch in Kenntnis setzen!“

„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich stellte fest:

„Einmütige begeisterte Annahme!“ und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen

und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie

lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.

„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“

„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie fuhren fort:

„Versammlung national gesinnter Männer –“

„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich.

„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, leise

flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“

Da ward Diederich zornig.

„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl

handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?“

Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht beteuerten, war

Diederich sofort wieder ruhig und sagte: „Prost!“ Dagegen schrie der

Major, als sollte er platzen. „Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät

sich verlassen kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.

„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich

gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät ihre einmütige begeisterte

Huldigung angesichts von Eurer Majestät erhebendem Bekenntnis einer

geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem

Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig

erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung, daß Eure

Majestät nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Große das

Werkzeug Gottes ist.“ Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt.

„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer der Herren noch etwas zu

bemerken?“ Nothgroschen räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller

gebührenden Bescheidenheit.“

„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich

Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.

„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab’ mir

sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schießen da.“

„Na also.“

„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“

„Selbstverständlich! Fall Lück!“

„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir wissen doch alle, daß

der Kaiser ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich

nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß Sie,

Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden Sie es

gerade nicht.“

„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich.

„Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der

Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir

’reingefallen.“

Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der

Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir nationale Männer?“ Und er

unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte

gleich als Zweiter drankommen.

„Aufs Telegraphenamt!“

Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und

man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender

Hoffnungen. „Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu

Scherl!“

Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange

Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“

Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel

von der Menge gesteinigt. Kühnchen schwärmte von Blutbädern in den Straßen

von Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand einen

Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: „Der alte Buck soll sich

hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“

Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoß einer

unvermutet ein Stück vorwärts. Mit ihren Stöcken strichen sie tosend über

die herabgelassenen Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen

sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,

aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas,

Männeken?“ rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir

telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude ward Pastor Zillich,

der den schwächsten Magen hatte, von einem Unglück betroffen. Indes die

anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den

Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,

betrachtete er Diederich zögernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar

an, daß er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr

ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des

Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete

und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche überbrachte.

Diederich fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Säbel an

seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der Telegraphist hielt es

für eine Reklamation und zählte ihm das kleine Geld nochmals vor.

Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein

Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.

Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und

winkte weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim

Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung sei

doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der Major fort, und Diederich

gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstraße. Vor dem

Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in

der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen, eine Dame, die dort

Feuer sprühen sollte. Diederich mußte ihm ernstlich vorhalten, daß dies

nicht die Stunde für solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen

das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger Zeitung“

erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine aufhalten! Das Telegramm

der nationalen Männer muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh

in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden Nachtwächter. Da

packte Diederich ihn fest am Arm.

„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise. „Ich habe noch ein

anderes.“ Er zog ein Papier aus der Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein

alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft

werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann wäre sonst in

seiner Stellung bedroht.“

Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier

dabei anzusehen:

„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem

Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für

Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche

ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum

Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – und Diederich reichte dem Redakteur

das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie

entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,

der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.

„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen. „Sie haben so viel

Ähnlichkeit mit – mit –.“

Der Untertan · 第 13 / 32 题