Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“

Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind

Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern

haben mir schon erzählt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind

doch meine besten Freundinnen.“

Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, in der „Harmonie“. „Aber

Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja

mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“

Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,

die man aus dieser rein zufälligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein

Daimchen sei übrigens verlobt.

„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht, sie ist so gräßlich

kokett.“

Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe sie Guste in

Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.

Käthchen verzog den Mund.

„Na und die Erbschaft –.“

Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte

dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen

Kirche in Netzig einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von

seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da

die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Käthchens

Hals überfallen. Sie sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner

in Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm

peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen einfach los und verschwand.

Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat

nichts gemerkt, und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich.

An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen,

der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter

sich. „Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche

unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das

gewisse Haus darin.“

„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.

„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und noch einmal mit

der Gebärde heiligen Zornes, so daß mehrere Leute sich umsahen:

„Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der

Magistrat will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet noch

eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung – „und

der lässet seiner nicht spotten.“

Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht spotten lasse.

Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her

Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte

schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so weißblond war

und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich war es

gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine

handliche Breite aus. „Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man

eine Ohrfeige.“ Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie

außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es für

Diederich entschieden: Die oder keine!

Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt.

„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?“ fragte

der Pastor; und er setzte hinzu: „Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete

Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fräulein

Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute sagen, sie habe eine Million

geerbt.“

Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu erklären. Diederich

widersprach; er kenne die Verhältnisse, der verstorbene Onkel habe mit

Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so

lange, bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht in

Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,

zufriedengestellt.

„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur an die Bucks, will

sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich wollte auch hierüber besser

unterrichtet sein. „Fräulein Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier

angekommen“, sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn. „Darf

man etwa gratulieren?“ Diederich hob die Achseln wie bei einer

Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der

junge Buck –.

„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in Berlin täglich zusammen.

Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“

Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz

gelangte, sah er streng hinüber. Er versetzte:

„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem

dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem

Platz, und unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang,

wo einige Mitglieder des Theaters standen – „streifen mit dem Ärmel an

Buhldirnen!“

Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich –

während Jadassohn sich über die „Netziger Zeitung“ entrüstete, die

frohlockt hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche

Kinder vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt!

Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und hatten verschiedene

Herren zu grüßen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief

gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte

Jadassohn:

„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen

Unfug noch mitmachen. Seine Majestät mißbilligt ihn entschieden.“

„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefährlichste

Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor.

„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein Mensch, der sich nicht

entblödet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles

zuzutrauen!“

„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, daß Herr

Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein

königlicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt

Cohn“, machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.

Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er brach ab und erklärte,

dann begreife er allerdings, daß diese Leute vor Gericht immer recht

bekämen. „Sie halten zusammen und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich

murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten

und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber

Jadassohn lächelte bedeutsam:

„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster

hinein.“ Und Diederich nickte beifällig zu dem Gebäude der Regierung

hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf

und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven

Burschen blinken sieht!“ rief Diederich aus. „Damit halten wir die Bande

in Schach.“

Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich

Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedränge.

Jadassohn schlug einen Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die

Ecke. Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war

Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier

brachte, seinen heißen Dank aussprach für die segensreiche Arbeit, die er

in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte zwar

doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er nachts nicht schlafen

können, sondern seine Sünde Gott so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte

und ihn durchprügeln konnte. Von da kam das Gespräch auf die Beamten der

Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte und von denen er berichten

konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte

sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fräulein

Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines

christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: „Wer von meinen Leuten nicht

’rein will, fliegt!“ Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem

Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich

in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden

Gefährten im Laufe des Tages erreicht hatten.

„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf den Tisch, „soll so viel

von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg’ meine Kirche

doch wieder voll!“

„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich.

„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand der Pastor. Da

sagte Jadassohn schneidend: „Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er

nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.

Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestät selbst eingegriffen

hatte. „Sorgen Sie dafür,“ hatte er einer Abordnung der städtischen

Behörden gesagt, „daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden sie

gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,

der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich für

die tiefe Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß.

„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht

einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das

knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem

schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: „Der

Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel von Laufenden: auf einmal

griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus.

Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen

Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der

Freimaurerloge. Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht

nach unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin so munter

auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.

Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund

offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes er sein Gewehr beim

Lauf hielt und es am Boden schleppen ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern

und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine

Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe Stille ein.

Diederich und Jadassohn verständigten sich durch einen blassen Blick über

das Kritische des Augenblicks.

Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mädchen, dessen

Rock wehte und das schon von weitem rief:

„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“

Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann.

„Auf! Steh doch auf!“

Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,

Arme und Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es

gellte, daß alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten

vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den

Wagen, die halten mußten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden

Gedränge arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten Haaren,

die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei

kam, aber man hörte es nicht, der Lärm verschlang es.

Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück,

sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte

ihr auf den Füßen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach

Hilfe um.

Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster auf, ein großer Bart

erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Baßstimme, die

jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen

hörte wie fernen Kanonendonner.

„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“

„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt sich hier vor

meinem Hause Lärm zu machen?“ Und da es schon ruhiger ward:

„Wo ist der Posten?“

Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein Schilderhaus

zurückgezogen hatte: so tief wie möglich, und nur der Gewehrlauf stand

hervor.

„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben. „Du hast deine Pflicht

getan. Er hat dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich

belohnen. Verstanden?“

Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Mädchen. Um so

ungeheurer dröhnte er.

„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“

Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lösten sich

los, zögerten – und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen.

Der Regierungspräsident rief noch hinunter:

„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“

Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward

es lebendig. Plötzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge

Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum

ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine

Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen drüben

auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor

Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut, ging

rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn

um, öffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem

Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das

Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie

unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es

dies Herz, das nun stillstehen sollte.

Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte er. Gleichzeitig

bemerkte er das Mädchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand

schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:

„Karl.“ Noch leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte: „Was

soll mit dem Mädchen geschehen?“

Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft“,

sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt

hat, liegt Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt

hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“

Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen schon an. Doktor

Heuteufel erhob die Stimme: „Herr Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der

Zustand des Mädchens seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen

Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: „Herr Fabrikbesitzer

Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Maßnahmen!“

Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.

„Oh!... Ah!... Aber das ist –.“ Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine

Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute:

jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor Heßling mein Name. Beide waren

bis heute in meiner Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen

öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“

„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das ist fürwahr der

Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen

Spitzbart heftig gerötet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom

Zorn.

„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr

Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreißen lassen,

weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,

vielleicht auch Kinder.“

„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich, seinerseits entrüstet.

„Ich weiß es von ihm selbst.“

„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. „Sind wir

denn schon so weit,“ rief er, „daß es nichts ändert, ob das sittliche

Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?“

Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und im Augenblick, wo

jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche

Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit

in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitätswagen

angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber

hineinschob, fuhr das Mädchen aus seiner Starrheit empor, stürzte sich

über die Bahre, entriß sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie

niederfiel – und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter

gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit großer Mühe ward sie

von dem Leichnam gelöst und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,

der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.

Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern

weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. „Einen

Augenblick, bitte. Sie äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher

Billigung – ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck war –

also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich möchte

fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde

bedeuten sollte.“

„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten Sie wohl auch

abführen lassen?“

„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, „mache ich

Sie darauf aufmerksam, daß das Verhalten eines Postens, der ein ihn

belästigendes Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich im

Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und

durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich

vor einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“

„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen habe ich bis

jetzt nur meine Mißbilligung des Herrn dort mit dem gefährlichen

Schnurrbart.“

„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der

Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,

daß er herausgefordert war.

„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“ sagte er fest. „Es

ist die deutsche Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit

einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz fördert.“

Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,

Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und

neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –

da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Straße

ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung hatte,

forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie

sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand

schüttelte.

„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen kommen nun

Hauptmann, Major und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl

Geldgeschenke machen.“

„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn.

„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren, verständigen wir uns doch.

Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß

verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er entwaffnet den

Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, seinen Kameraden, einen armen

Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und

nachher kommen die großen Worte.“

Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Mäßigung. Da sagte

Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:

„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der kaiserlichen Macht ist mit

einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“

„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand

auf der Brust:

„Wenn es auch meins wäre!“

Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging, versuchte Diederich

dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen

zu erklären. „Für mich“, sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat

der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da

einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf

offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn

kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“

„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.

„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu eine religiöse

Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, daß es höhere Dinge gibt,

Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem

Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät sich mit so

phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich

sage nur –“ Da die übrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob

Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden hätte vom

Militär absperren und in uns alle hätte ’reinschießen lassen, immer feste

’rein, sag ich ...“

„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.

„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte zu blitzen. „Ich

hoffe doch, wir empfinden alle national!“

Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber

zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:

„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche

Witze?“ Diederich maß ihn.

„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben

die Herren gehört?“ Er lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee

Seiner Majestät des Kaisers!“

Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich

betonte mit abgehackter Kommandostimme, daß er keinen Schattenkaiser

wünsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung

geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine

Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu uns?“ ward Diederich

von Doktor Heuteufel gefragt. „Schließlich sind wir wohl alle liberale

Männer.“ Da stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich

gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für mich gibt es da nur

zwei Parteien, die Seine Majestät selbst gekennzeichnet haben: die für ihn

und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch der

Herren für mich kein Platz ist.“

Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren

Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe

saßen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des

Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drüben ward

geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat

Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,

Jadassohn und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus.

„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte Jadassohn. „Er hat die

Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte:

„Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein

gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fürchten.“

Aber Pastor Zillich schien betreten. „Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte

er. „Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er

Gott weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. Doktor

Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,

als er vom Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen

Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er

konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete Diederich

sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals

gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach ihm

aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.

Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen

Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militär und die Junker, die es

befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem

eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug waren, verstiegen sich die

Herren dazu, für das Bürgertum, das tatsächlich alle Leistungen liefere,

auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte zu wissen, was

die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.

„Nicht einmal die Rasse“, behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet,

die Fürstenhäuser einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich meinen

Freund Cohn nicht kränken will.“

Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch

ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter

den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:

„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den

Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen Meinung verjudet sind, auch

deutsche Fürstenhäuser verstehen.“

Der Untertan · 第 12 / 32 题