Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. „Ihr
seliger Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders häufig
damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
großen Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
durch Ihren Hof fließt.“
Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
erzählt, daß er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren könnten, nur
Ihnen verdankt.“
„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zuständen unseres
Gemeinwesens, an denen aber –“ der alte Herr Buck erhob seinen weißen
Zeigefinger, er sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse
Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“ Stärker und mit Pathos:
„Der Feind steht vor dem Tore, es heißt zusammenhalten.“
Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
einer ähnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern?
Sie haben Pläne?“
„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
Endlich sagte er: „Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten mit der städtischen
Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im Magistrat zu tun
habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem
Schreibtisch liegt.“
Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines Grundstückes, samt dem
dahinter gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
ein Lächeln der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte er, „daß
keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und auf Diederichs Danksagungen:
„Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, außer den
Tyrannen.“
Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
faltete die Hände. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
wie ein Großvater. „Als Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte
er.
Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches beendet sei.
„Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen, „wie ich als kleiner Junge
hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
spielte.“
„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“
„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt.“
„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von Ihrer praktischen
Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
habe.“
„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiß nicht, ob er General werden
soll oder sonst ein großer Mann.“
„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der Alte sah aus dem Fenster.
Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.
„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufsätze.
Und was er mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich
gern der erste Arbeiterführer wäre....“
„Davor behüte Gott die Arbeiter.“
„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt.
„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut
bekommen.“
„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich.“
„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom
Stuhl auf. „Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
eigenen Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil
die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
Überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
zugerufen. Was würde er heute sagen!“
Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: „Ach
ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“
„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir närrisch genug waren, an dieses Volk
zu glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
dachten es mächtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung,
deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
Zeit gab es allzu viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren
Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen
Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht haben
eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich
– auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!“
„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich, leise
triumphierend.
„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur
faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger
von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
selbst bezahlt, was ich gewagt hatte.“
„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“, sagte Diederich,
wieder eingeschüchtert.
„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität der
Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen
die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein Mensch, der selbst am
Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?“
Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen nicht länger schweigen dürfe. Er
sagte: „Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu.“ Der
Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der Zimmerdecke.
„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber,
junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch
wenn wir besiegt worden sind.“
„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie immer noch der
mächtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn
Buck.“
„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ Er
atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache, Sie werden sie
allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
Wir werden nämlich jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren
junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
ihnen Straßen bauen müssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“
Diederich lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“
„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann
zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.
„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
Hoffnung, daß wir in allem einig gehen werden.“
Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler Mann!“
„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten von Wulckow. Er ist
der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
unterhält nur die unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst
habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“
„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert.
Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu
überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich
und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
Glanz in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! Es sind meine
‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – damals.“ Und er schob Diederich
sanft hinaus.
Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich schnaufte
nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betäubung empfunden
hatte, stellte sich allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe
verblüffen lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte er der
Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
war, ebensoviel Hochachtung und ein ähnliches Grausen einflößte wie der
Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich denn ewig so weich
bleiben? Ein anderer hätte sich nicht so behandeln lassen!“ Auch konnte es
peinliche Folgen haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden
geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
Antworten zurecht, für das nächste Mal. „Das Ganze war eine Falle! Er hat
mich einfangen und unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“
Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß man sich noch mit ihm
verhalten, aber wehe, wenn ich der Stärkere bin!“
Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu gestrichen, und die
Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein nettes Stubenmädchen empfing ihn.
Über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Möbel ein kleiner
Teppich lag, ward Diederich in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem
Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister und noch
ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor Scheffelweis reichte
Diederich seine weißliche Hand hin und musterte ihn dabei über den Klemmer
weg. Trotzdem wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte
mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
Fälle sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem anderen Herrn:
„Finden Sie nicht?“
Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung auf, denn er
sah stark jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor
Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
vollwertige Begrüßung nötig machte.
„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister, „wir fangen gerade
an.“ Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
„Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“
Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorläufig nur für das
Stubenmädchen Augen. Während sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ sich nicht
unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurück,
denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
Mühe mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte einen Likör
aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine Güte von den Gästen bestätigen
und fuhr fort, eintönig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
Vormittage zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück, seine Miene immer
besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch könne so nicht weitergehen; und
nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.
„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein Haus liegt ja nicht in
nächster Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich
finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“
Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen
hatte. „Es würde herauskommen“, dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
„Tatsächlich habe ich mir erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster
Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
eine so große Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –“
„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister nickte mit
Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter unseren verdienten Bürgern und
übt daher einen zweifellos legitimen Einfluß aus.“
„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr
von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
Bürgermeister hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich
schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
verlangte, brachte er etwas hervor von „eingefleischtem Respekt“ und
führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, daß
er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfüllt
die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
Staatsanwaltschaft. Dieser ließ Diederich fertig stammeln, wie einen
Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man sich ihn abgewöhnt.“
Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen
Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit blassem Lächeln und einer
versöhnlichen Geste:
„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich
persönlich ganz besonders an ihm schätze. In meiner Stellung freilich bin
ich genötigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
da muß ich denn sagen: einerseits ...“
„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor Jadassohn. „Für
mich als Vertreter einer staatlichen Behörde wie als überzeugten Anhänger
der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
Mördergrube, ich halte das nicht für deutsch. Volksküchen gründen,
meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung.
Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“
„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der Bürgermeister machte
beschwichtigende Zeichen. „Meine Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn
wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller
bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits doch –“
„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng.
„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen
Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu
bedenken bitte, daß die ungewöhnliche Schärfe des Herrn
Regierungspräsidenten von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“
„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf Jadassohn ein.
Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
muß ich sagen –“
„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten Wünschen
der Regierung verschließt, darf allerdings nicht darüber erstaunen, daß
ihr die kalte Schulter gezeigt wird.“
„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich, „könnte man in der halben
Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben ständen.“
Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Plötzlich sah er sie an mit einem
dünnen Lächeln.
„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß es eine zeitgemäßere
Gesinnung gibt als die von den städtischen Behörden bekundete. Glauben
Sie, bitte, daß es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, während der
vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ...“
„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“, stellte Jadassohn
fest.
„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“, verlangte Diederich. Der
Bürgermeister erhob die Arme.
„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
Magistrats und muß leider seine Beschlüsse ausführen. Ändern Sie die
Verhältnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt,“ – der
Bürgermeister kniff ein Auge zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“
Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
Nase, als genügte ihm das Gehörte. Aber Diederich konnte nicht länger an
sich halten. „Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen unsere
Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
Verantwortung auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier
blitzte Diederich. „Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung nötiger als je, und
darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
es führt. Ich erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“
Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit, von
erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. „Einer soll
Herr sein! Auf allen Gebieten!“ Diederich legte das vollständige
Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß
mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
aufgeräumt werden müsse.
„Jetzt kommt eine neue Zeit!“
Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis er alles herausgesagt
hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in
Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter: „Die
aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher ansehen. Es wird sich
zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Söhne
verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
Tochter soll ja –“
Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und rötete sich blaß. Vor
Vergnügen platzte er aus: „Und die Herren wissen noch gar nicht, daß der
Bruder des Herrn Buck pleite ist!“
Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den fünf eleganten Töchtern! Der
Vorsitzende der „Harmonie“! Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen
sie aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals
Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte plötzlich nicht mehr, daß
ein Umschwung bevorstehe. „In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“
Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
Wahlkomitee!“
Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit
dem Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte
der Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß die
„Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, sich im freisinnigen
Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ sagte Jadassohn. Wohingegen das
regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber der
alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide Blätter. Es
schien Diederich nicht unmöglich, durch ihn, der in der „Netziger Zeitung“
Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst
das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
Netzig“, sagte der Bürgermeister und schmunzelte. Da trat das
Zimmermädchen ein und verkündete, sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen
decken; die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch die Frau
Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
Bürgermeister sich sofort. Wie er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er
den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn war zurückgeblieben,
und man hörte das Mädchen leise kreischen. An der Haustür läutete es
schon.
„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, „Sie haben mich
doch nicht mißverstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das
Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverständlich ganz fern,
irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den
Körperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“
Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
die Damen das Haus, und der Bürgermeister ließ Diederichs Ärmel los, um
ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die Kinder trennen, die
einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf höher und noch
jugendlich, musterte streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste.
Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man kleiner
werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
Diederich vollführte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Straße
umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und plötzlich kehrte er um. Er
mußte mehrmals und heftig läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die
Herrschaften standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich
schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister
wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß im Vorstand der
Bethlehemstiftung für gefährdete Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie
abwechselnd mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
„Einerseits ...“, sagte er.
Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach vielen
Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
flüsterte bebend: „Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran,
Mißverständnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein
durchaus liberaler Mann bin.“
Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon gerade so
überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
er abgerufen, und Diederich verließ, ein wenig erleichtert, das Haus.
Jadassohn erwartete ihn grinsend.
„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
stärksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel, wir
können uns ein Stück vorwagen.“
„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit Zurückhaltung, „daß
ich in der Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin.“
Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“ fragte er. Und als
Diederich sich erstaunt umwandte: „Wie geht es denn meinem alten Freund
Wiebel?“
„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“
„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“
Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schüttelten
einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ Und Arm in Arm gingen sie in den
Ratskeller, Mittag essen.
Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet,
und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über
seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn die Februarkrawalle
mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
„Seine Majestät hat einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem
schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott, geglaubt –.“ Er
stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um über die
entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gläser. „Gestatte
mir“, sagte Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und Diederich: „Werde zu
Hause davon zu rühmen wissen.“
Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
Nörgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
war unser herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit, von
erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. Diederich
glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
sagte sich, daß das Äußere eines Menschen zuweilen trüge, und daß die
deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge. Sie
leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und
Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.
So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig. Sie waren sich einig
darin, daß der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt,
kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät selbst gesagt
hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich“,
hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog leider noch die Partei,
die gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar – dies war
Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
angehörte, übernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
Persönlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
bester Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ Unvermittelt und schon ziemlich
gerötet, rief er aus:
„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese Demokraten uns
verekeln!“
Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen vor Wut, er
stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –“
„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.
„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Hätten sie
ihn wenigstens geköpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
sein!“
„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug.
„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –, „daß ich all seinen
lästerlichen Unfug nur angehört habe, um mich darüber zu unterrichten, wes
Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund bin und seine
infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
Zeugen, daß ich gleich heute protestiert habe!“
Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genießen sollte ...
Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
quadratisches Buch, und stieß ein Hohngelächter dabei aus.
„Dichten tut er auch!“
Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
Republik! und Am Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ...
Stimmt, so waren die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung schlapp. Da stehen
wir, Gott sei Dank, anders da.“
„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der Verbindung haben wir
Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich das
Dichten.“
„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. „Das ist etwas für
meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schläfchen hinter sich, wir
können losgehen.“
Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte
auch dem Fräulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken.
Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig nach Berlin beträchtlich still
wirke. „Die Damenwelt ist auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges
Fräulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
spazierengehen könnte, und kein Mensch würde merken, daß Sie aus Netzig
sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
ein dort gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen könne. „Unsre
lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie ham’n“ ... Da sie einen dreisten
Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender Käfer“
sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er
klagte, daß der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde.
„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
dem Küster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen.
Die anderen hatten Influenza.“
Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
die die herrschende Partei den kirchlichen und religiösen Dingen gegenüber
einnimmt, muß man sich über die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des Doktors Heuteufel?“
Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschäumen, so sehr
schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er
hervor. „Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
Händen anflehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
würde er eines Tages genötigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob
ich mir einen Anzug bestelle.“ – Der Pastor lachte vor Erbitterung.
„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
im Schutz eines Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein
Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklären,
daß für mich die Ehe tatsächlich ein Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:
„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“