Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
einmal sähe –: willst du denn nicht, daß ich wiederkomme?“
O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden, bis er sein
Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: „So ein Weib ist
scheußlich raffiniert. Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit
Unlust, daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
Hause, er wußte nicht, warum. Als er dann die Tür seines Zimmers hinter
sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
Plötzlich reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht nach oben und
sagte in einem langen Aufatmen:
„Agnes!“
Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. „Ich bin ganz
furchtbar glücklich“, dachte er, und: „So schön kommt es im ganzen Leben
nicht wieder!“ Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser
Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich
bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde gehalten hatte? Sie waren
Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet und
endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, daß er,
bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt
habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn beschämten, und
niemand, den er liebte – bis Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja
gar nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen. Er fühlte,
daß er es nie wieder so werde sagen können wie in dieser Stunde, und er
schrieb einen Brief. Er schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf
sie gewartet habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er sich das mit Mahlmann nur
eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und
nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich auf,
Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will Dir mein ganzes
Leben weihen!“ – Er weinte, drückte das Gesicht in das Diwankissen, worin
er ihren Duft noch spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
ein.
Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein, ein süßer Stoß ging durch sein
Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, daß er sich
peinliche Übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte einen auch wirklich
aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem großartigen
Mädel ein Verhältnis hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte
zärtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Göppel ihn ab ...
Diederich verschloß den Brief im Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich
gestern überhaupt nicht gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück
bringen. „Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ Er zündete eine Zigarre an
und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt
in Worte – denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem – lieber in
Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich plötzlich
mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
„Das Mädchen kann nicht vom Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund
sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.
„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot.
„Das von Mahlmann?“
„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“
Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner
Zimmer auf. Herr Göppel wandte sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“
Aber kaum erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.
„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heßling!“
Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: „Siehst du? Der merkt
es, daß ich kein dummer Junge mehr bin.“
„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich fest und begrüßte
Herrn Göppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
beträchtlich gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter
benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
nun größer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, „die Zeit
vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder.“
„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen und mit Geringschätzung,
indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
ihm gegenüber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewußt hatte, daß
Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
hatte, erklärte ihm, daß diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die
quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
und niedergedrückt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
entsprechend, erhöht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
des Besitzers.
Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich sah ihre schönen blonden Augen
verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes
Mitgefühl mit ihr, eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der
Tür:
„Marie! Der Krehm!“
Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das haben Sie früher auch
schon gemacht. Sie sind doch hier wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“
Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er
mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
wohlwollend die Verwandten ihm zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an.
Was für gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn! Er verdiente
so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
nachher mit Herrn Göppel zu sprechen.
Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
wir endlich den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren,
brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet uns noch die
Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlaßt, im Namen der
Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
Nörgeleien auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten es
selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Dabei
versuchte Diederich zu blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab.
„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß jeder seinen Mann
stehen.“ Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.
„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch nur hart, wenn wir
uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab’ mich mit meinen
Arbeitern noch immer vertragen.“
Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr Göppel.
Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloß
am Karfreitag gehe. „Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da sah man
Diederichs Miene hoch überlegen werden.
„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
für richtig halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich Ihnen
nur sagen.“
Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich auf Diederichs Seite.
Herr Göppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
dazwischen. „Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte
Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig.“