Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank saß eine Dame;
Diederich ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
und dann erkannte er Agnes Göppel.
„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort.
„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
großen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café
hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen Kaiser! Kanonen sollte man
auffahren!
„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern. „Es sind ja auch
Menschen.“
„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere Feind sind sie!“
Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.
„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des Packs alle Straßen
abgesperrt werden müssen.“
Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
gehabt, und wie sie zurück nach der Blücherstraße wollte, ging kein
Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden
bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde sich ängstigen; was
sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, er werde es schon machen. Sie
gingen zusammen weiter. Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und
wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
kahlen Bäumen und nassem alten Laub. Wo waren die männlichen Hochgefühle
von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
sprang, ausriß und verschwand. Gerade sagte Agnes: „Sie haben sich aber
sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
geschrieben?“
Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mußte
Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er
damals plötzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.
„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“
Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn völlig in
Anspruch genommen. Dort herrsche nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und
dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt.“
„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
sind Sie wohl schon Doktor?“
„Das soll jetzt kommen.“
Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
alle seine wohlerworbene Männlichkeit: für sie war das nichts? Sie
bemerkte es gar nicht?
„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
ganz dünne Röte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den
Sommersprossen.
„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
werden.“
Diederich bereute.
„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden sind“ – und er
betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
Herausfordernd sagte er:
„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“
Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe, wär’s mir gleich.“
„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz gut heiraten.“
„Wennschon.“
„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“
„Woraus schließen Sie das?“
„Er schenkte Ihnen immer etwas.“
„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“ sie sah auf den Weg,
auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann hätte ich auch Ihre Geschenke nicht
annehmen dürfen.“
Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß etwas Schweres
geschehen war, und schwieg auch.
„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich heraus, „ein paar
Blumen.“ Und mit wiedergekehrter Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein
Armband geschenkt.“
„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
brachte hervor: „Und wenn es von mir gewesen wäre?“
Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:
„Dann ja.“
Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
erfüllt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig
belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nämlich schenkte, war
mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
grüner Junge.“
Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
zitterten. „Das ist schrecklich. Können Sie mir das verzeihen?“
Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.
„Nein, nein“, sagte sie verstört.
Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. „Es tut
mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen
lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie könnten mit
hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im Trockenen. Aber natürlich, eine
junge Dame darf das nicht.“
Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind so edel.“ Und da
sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?“
„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation schulde“, erklärte
Diederich.
Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand darin. „Legen Sie doch
so lange ab“, sagte Diederich gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
und trat, während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den anderen.
„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er wandte sich schon
nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
küßte sie! „Aber Fräulein Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und
legte ihr, wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Körper,
als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht
an. Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und plötzlich kam
ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer Not. Sie
antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstöße, und
er fühlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfließen schien.
Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir nicht bös, Agnes“, bat
Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.
„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so lange auf dich
gewartet.“
„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte. „Warum deckst du
es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schön?“
Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen
bewußt.“
„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
geliebt. Du wußtest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!“
Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies das Schicksal der
leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich
ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich
hast du geliebt?“
„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa eine Reise
mit mir machen mußte.“
„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
wieder an sich.
„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“
Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ Agnes schien ihm
verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, daß sie
ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man
nicht alles glauben.
„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen war doch wohl los mit
ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
von seinem Glück.
Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
los ist“, meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
und er schon die Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie wieder. Mir
ist, als sollte ich heute nacht sterben.“
„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort ließ
sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
seiner und von den Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen und sagte:
„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange. Ich hab’ dich
geliebt, nun ist alles gleich.“
Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:
„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig: du verstehst, ich verdiene noch
nichts, ich muß erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
einleben ...“
Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
gemacht:
„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau werden könnte.“
Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:
„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts machen, denn ich muß
zu Hause doch erzählen, daß ich dir begegnet bin und daß wir im Café
zusammen gewartet haben, bis die Straßen wieder frei waren.“
„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt bestimmt kommen.“