*Baedeker,*
indem der Koblenzer Buchhändler Karl ~Baedeker~ (1801-59) im Jahre
1836 Prof. J. A. ~Kleins~ "Rheinreise von Mainz bis Köln, Handbuch
für Schnellreisende" (Fr. Röhling, Koblenz 1828) in zweiter Auflage
neubearbeitet herausgab, welches Buch der Keim ward zu den jetzt
allbeliebten Baedekerschen Reisehandbüchern für Europa und den Orient,
die nach des Begründers Tode von dessen Söhnen fortgesetzt worden
sind.--
* * * * *
Wir lesen in einem Aufsatze "Ungewöhnliche Charaktere" in den "Neuen
Preussischen Provinzialblättern" (hrsg. v. A. ~Hagen~, B. VI, S.
228) von einem 1839 in Königsberg gestorbenen alten, überstudierten
Kandidaten und Hospitaliten ~Johann Wilhelm Fischer~. Seine armselige
Gestalt zog ihm, der viel auf den Strassen lag, erst die allgemeine
Aufmerksamkeit und bald den allgemeinen Anruf:
*Guten Morgen, Herr Fischer!*
zu, der ihn so verdross, dass er wiederholt bei der Polizei und selbst
bei dem königlichen Throne um Abhilfe bat. (S. "Der Königsberger
Freimütige", 4. Febr. 1852, No. 29).--
* * * * *
*Der beschränkte Unterthanenverstand,*
diese Blüte bureaukratischer Überhebung, entstand folgendermassen: 1837
hob der König von Hannover die Verfassung seines Landes auf. Sieben
Göttinger Professoren protestierten dagegen, unter ihnen Professor
~Albrecht~ aus Elbing. Von vielen Seiten erhielten diese Professoren
beistimmende Adressen; auch wurde eine, die von ~Prince Smith~ verfasst
war, von Einwohnern Elbings an ~Albrecht~ gerichtet. ~Jakob~ van
~Riesen~ in Elbing sendete dem preussischen Minister des Innern ~von
Rochow~ eine Abschrift davon ein, worauf folgende Antwort erfolgte,
deren Original in der Elbinger Stadtbibliothek liegt:
"Ich gebe Ihnen auf die Eingabe vom 30. v. M., mit welcher Sie
mir die von mehreren Bürgern Elbings unterzeichnete Adresse an
den Hofrath und Professor Albrecht überreicht haben, hierdurch
zu erkennen, dass mich dieselbe mit unwilligem Befremden erfüllt
hat. Wenn ich auch annehmen will, dass es nur Gewissenszweifel
gewesen sind, welche den Professor Albrecht bewogen haben, die ihm
angesonnene Eidesleistung für unstatthaft zu halten, so bin ich
doch so weit entfernt, die in der Erklärung des Albrecht und seiner
Göttinger Amtsgenossen ausgesprochene Beurtheilung des Verfahrens
Sr. Majestät des Königs von Hannover dadurch gerechtfertigt oder
auch nur entschuldigt zu finden, dass ich solche vielmehr für
eine ebenso unbesonnene als tadelnswerthe und nach diesseitigen
Landesgesetzen selbst strafbare Anmassung halte. Die Unterzeichner
der Adresse an den Professor Albrecht laden daher mit Recht denselben
Vorwurf auf sich, indem sie jene Erklärung billigen und loben und
dadurch die Gründe derselben zu den ihrigen machen. Es ziemt dem
*Unterthanen*, seinem Könige und Landesherrn schuldigen Gehorsam zu
leisten und sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der
Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte
Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, die Handlungen
des Staatsoberhauptes *an den Massstab seiner beschränkten Einsicht*
anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil
über die Rechtmässigkeit derselben anzumassen u.s.w. u.s.w.
Berlin, den 15. Januar 1838.
Der Minister des Innern und der Polizei,
von ~Rochow~".
Aus den Worten des dritten Absatzes des mitgeteilten Schriftstückes:
"Es ziemt dem Unterthanen nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes
an den Massstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen", ist unser Wort
gemacht worden. ~Georg Herwegh~ wendete es in seinem im Dez. 1842 aus
Königsberg an ~Friedrich Wilhelm IV.~ von Preussen gerichteten Briefe
an.
In den "Erinnerungen" von J. D. H. ~Temme~ (Feuilleton der
"Frankfurter Zeitung", 2. April 1879) steht: "Jener bekannte Satz
des preussischen Polizeiministers ~von Rochow~, vielmehr seines
Geheimrates ~Seiffart~: der beschränkte Unterthanenverstand" u.s.w.
In einer Fussnote wird hinzugefügt: "Auch der Geheimrat Seiffart
war nicht der Vater der berüchtigten Phrase vom beschränkten
Unterthanenverstande. Ein mir befreundeter Rat des Rochowschen
Ministeriums teilt mir folgendes über die kleine Geschichte mit:
-- -- -- Die Angelegenheit gehörte zu dem Decernat des Herrn
Seiffart. Herr Seiffart hatte einen Hilfsarbeiter, einen hochmütigen,
übermütigen jungen Assessor; -- -- er hatte auch den Bescheid
auf den Elbinger Bericht abzufassen, und er hatte darin jene
Phrase angebracht. Dem Herrn Seiffart war sie wohl aus der Seele
geschrieben; er liess sie stehen; auch der Herr von Rochow, wie
feine Umgangsformen er auch besass, war nicht der Mann, der sie
hätte unterdrücken mögen. Mein Freund nannte mir auch den Namen des
jungen Assessors; ich erinnere mich desselben aber nicht mehr mit
Bestimmtheit und mag daher hier nicht Gefahr laufen, vielleicht einen
unrichtigen zu nennen".--
* * * * *
Die grüne Patina, welche so wirkungsvoll edle alte Bronzen überzieht,
und dann im allgemeinen jeden altertümlichen Reiz, nennen wir mit
*Friedrich Wilhelm IV.* (reg. 1840-1861):
*den verschöne*(_r_)*nden Rost der Jahrhunderte;*
denn dieser König sprach bei der Huldigung in Königsberg am 10.
September 1840:
"So wolle Gott unser preussisches Vaterland sich selbst, Deutschland
und der Welt erhalten, mannigfach und doch Eins, wie das edle Erz,
das, aus vielen Metallen zusammen geschmolzen, uns ein einziger
Edelstein ist,--keinem andern Rost unterworfen, als dem verschönenden
der Jahrhunderte."--
* * * * *
~Friedrich Wilhelm IV.~ empfing 1842 den jugendlichen Dichter ~Herwegh~
mit den Worten:
*Ich liebe eine gesinnungsvolle Opposition.--*
Er sagte in der am 11. April 1847 vor dem Vereinigten Landtage
gehaltenen Thronrede:
"Möchte doch das Beispiel des einen glücklichen Landes, dessen
Verfassung die Jahrhunderte und eine
*Erbweisheit*
ohne Gleichen, aber kein Stück Papier gemacht haben, für uns
unverloren sein und die Achtung finden, die es verdient".
Am 15. April citierte Freiherr ~Vincke~ das Wort mit dem Zusatze:
"Erbweisheit der Engländer". Doch war es so nicht gemeint gewesen.
~Eberty~ ("Gesch. d. preuss. Staats", VII, 265) sagt: "Von den
Eingeweihten aber erfuhr man nachträglich, dass Mecklenburg gemeint
war".--
* * * * *
*Zwischen mich und mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen*
ist umgestaltet aus den Worten ~Friedrich Wilhelms IV.~ (in derselben
Rede): "Es drängt mich zu der feierlichen Erklärung -- -- --,
dass ich nun und nimmermehr zugeben werde, dass sich zwischen unsern
Herr Gott im Himmel und dieses Land ein ~beschriebenes Blatt~,
gleichsam eine zweite Vorsehung eindränge..."--
* * * * *
*Rechtsboden*
ist auf diejenige Stelle derselben Thronrede zurückzuführen, an welcher
der König den Landtag anruft, ihm zu helfen, "den Boden des Rechts (den
wahren Acker der Könige) immer mehr zu befestigen und zu befruchten".--
* * * * *
In der am 21. März 1848 erschienenen Proklamation ~Friedrich Wilhelms
IV.~ "An mein Volk, an die deutsche Nation" kommen die Worte vor:
*Preussen geht fortan in Deutschland auf!--*
* * * * *
*Auf den breitesten Grundlagen*
steht zuerst in einer am 22. März 1848 einer Deputation der Städte
Breslau und Liegnitz erteilten Antwort des Königs, deren Beginn lautet:
"Nachdem ich eine konstitutionelle Verfassung auf den breitesten
Grundlagen verheissen habe..." Das Wort wurde in dem königlichen
Propositionsdekret vom 2. April an den vereinigten Landtag wiederholt.
Es findet sich dann in dem Manifeste (datiert Schönbrunn, 6. Okt.
1848) wieder, wodurch Kaiser ~Ferdinand~ seine zweite Abreise von Wien
ankündigte.--
* * * * *
~Friedrich Wilhelm IV. ~führte den Ausdruck:
*Racker von Staat*
oft im Munde (s. "Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen
von Ense", Lpz. 1840, S. 274). W. ~Hoffmann~ erzählt darüber in
"Deutschland einst und jetzt im Lichte des Reiches Gottes" (Berl. 1868,
S. 299):
"Ein Bauer aus dem Regierungsbezirk Merseburg, dem der König eine
unbillige Forderung, die er mündlich vorbrachte, nicht gewähren
konnte und sich dabei auf den 'Staat und dessen Ordnung' berief,
hatte nämlich geantwortet: 'O! ich wusste wohl, dass nicht mein
geliebter König mir entgegensteht, sondern der Racker von Staat'.
Dieses Bauers Wort gebrauchte der König im Scherze, oft auch in
Ironie".--
* * * * *
*Heinrich LXXII.*, Fürst Reuss zu Lobenstein und Ebersdorf, hat durch
einen seiner wunderlichen Erlasse der deutschen Sprache:
*Auf einem Prinzip herumreiten*
und das daraus gebildete
*Prinzipienreiter*
zugeführt. Dieser Erlass stand im "Adorfer Wochenblatt", wurde vom
"Halleschen Courier" nachgedruckt, ging aus letzterem in die "Vossische
Zeitung" (18. Sept. 1845) über und lautet:
"Ich befehle hiermit Folgendes in's Ordrebuch und in die
Spezial-Ordrebücher zu bringen. Seit 20 Jahren ~reite Ich auf einem
Prinzip herum~, d.h. Ich verlange, das ein jeglicher bei seinem
Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit
ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thlr. festsetzen, der in Meinem
Dienste ist, und einen Andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei
seinem Titel oder Charge nennt".
Schloss Ebersdorf, den 12. Oktober 1844.
~Heinrich LXXII.~--
* * * * *
*Rühmlichst abwesend*
nannte die amtliche Zeitung den Prinzen ~Waldemar von Preussen~, der,
in Ostindien weilend, dem Begräbnis seiner Mutter in Berlin am 18.
April 1846 nicht beiwohnen konnte. So berichtet ~Varnhagen~ in seinem
Tagebuche unter dem 18. April 1846 und unter dem 22. April sagt er, der
Verfasser jener amtlichen Anzeige sei der Geheimrat und Archivdirektor
~Georg Wilhelm~ *von Raumer* († 1856).--
* * * * *
In einer Sitzung der Kurie der drei Stände des Vereinigten Landtages
am 5. Juni 1847 (s. "Der erste Preuss. Landt. in Berl." Berlin 1847,
2. Abt., 10. Heft, S. 1387) sprach der Abgeordnete ~Hermann~ *von
Beckerath* (1801-1870) das oft citierte Wort:
*Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters.--*
Am 8. Juni 1847 sagte ebenda ~David~ *Hansemann* (1790-1864) (s. die
soeben citierte Samml., 2. Abt., 13. Heft. S. 1507):
"Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf",
was gewöhnlich in der Form citiert wird:
*In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf.*
~Lessings~ Anton im "jungen Gelehrten" (3, 12) bemerkt schon: "Ich bin
ein wenig hitzig, zumal in Geldsachen."--
* * * * *
Auf einer Äusserung des Fürsten *Metternich* (1773-1859), die sich in
dessen Brief vom 19. Nov. 1849 an ~Prokesch~ (vrgl. "Aus d. Nachlasse
d. Grf. Prokesch-Osten. Briefwechsel mit Herrn v. Gentz u. Fürsten
Metternich". Wien, 1881; Bd. II, S. 343) findet, beruhen die Worte:
*Italien ein geographischer Begriff*
und:
*Deutschland ein geographischer Begriff.*
Metternich sagt daselbst: "Ich habe in meiner Controverse mit Lord
Palmerston in den italienischen Fragen im Sommer 1847[81] den Ausspruch
gefällt, dass der nationale Begriff 'Italien' ein geographischer
sei, und mein Ausspruch: l'Italie est un nom géographique, welcher
Palmerston giftig ärgerte, hat sich das Bürgerrecht erworben. Mehr oder
weniger--wie dies auf alle Vergleiche passt--gilt derselbe Begriff für
das Deutschland, welches bei der Menge in der zweiten Linie der Gefühle
und der Strebungen steht, während es von reinen oder berechnenden
Phantasten (also von ehrlichen und kniffigen) auf die oberste Stelle
erhoben wird".--
[Fußnote 81: Nach Karl ~Hillebrands~ "Gesch. Frankr. v. Ludw. Phil. bis
Nap. III." 1879. II, 689 enthielt schon Metternichs Memorandum an die
Grossmächte vom 2. Aug. 1814 dieses Wort.]
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*Uhland* schloss am 22. Jan. 1848 im Frankfurter Parlament seine Rede
gegen die Erblichkeit der Kaiserwürde und den Ausschluss Österreichs
mit den Worten: "Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über
Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen
*Tropfen demokratischen Öls*
gesalbt ist".--
* * * * *
*Viribus unitis*