XII.

Geflügelte Worte aus der Geschichte.

Hellas.

*Die Schiffe hinter sich verbrennen*

pflegt man zu sagen, um damit auszudrücken: sich die Möglichkeit des

Zurückweichens abschneiden. ~Plutarch~ "Über die Tugenden der Frauen"

erzählt unter "Trojanerinnen" (vrgl. Polyaenus: "Strat." 8, 25, 2),

wie nach Trojas Fall (12. Jahrh. v. Chr.) Flüchtlinge zu Schiff in die

Tibergegend verschlagen und dort dadurch sesshaft wurden, dass ihre

klugen Weiber die Schiffe verbrannten (κατέφλεξαν τὰ πλοῖα).

Schon ~Dionys von Halikarnass~ 1, 52 erwähnt diese That und ~Vergil~

("Aen." 5, 605 u. 659 ff. u. 793-5) verlegt deren Schauplatz nach

Sicilien und lässt die von Juno angestiftete Iris den ersten Brand

schleudern und die Trojanerinnen zur Nachahmung aufreizen. Dass

Ferdinand ~Cortez~ am 26. Juli 1519 in Mexiko bei Entdeckung einer

Verschwörung die Schiffe zerstören liess, um jede Verbindung nach

aussen abzuschneiden, ist erfunden. (Duro: "Las Joyas de Isabel la

Católica, las Naves de Cortès y el Salto de Alvacado". Madrid 1882).--

* * * * *

*Nemo ante mortem beatus*

(Niemand ist vor seinem Ende glücklich zu preisen)

ist die lateinische Abkürzung der Worte *Solon*s († 559 v. Chr.):

"πρὶν δ' ἂν τελευτήσῃ, ἐπισχεῖν, μηδὲ καλέειν κω ὄλβιον, ἀλλ'

εὐτυχέα". (~Herodot~ I, 32; ~Arrian~, 7, 16, 7; s. auch ~Sophokles~,

Oedip. tyr. 1497-1500, Trach. 1-3 u. Ovid, Met. 3, 136-7 und Jesus

Sirach 11, 29), die er zu dem lydischen Könige

*Krösus*

sprach, dessen Name uns nach ~Herodot~ I, 50 ff. und ~Ovid~ Trist. 3,

7, 42 zur Bezeichnung eines schwer Keichen dient.--

* * * * *

~Aristoteles~ überliefert ("De partib. animal." I, 5), dass *Heraklit*

(um 500 v. Chr.), als er sich in einem Backofen wärmte, seine

Besucher getrost eintreten hiess (ἐκέλευσε αὐτοὺς εἰσιέναι

θαῤῥοῦντας), denn auch hier seien Götter (εἶναι γὰρ ἐνταῦθα

θεούς). Dies citieren wir in der lateinischen Form:

*Introite, nam et hic Dii sunt!*

Tretet ein, denn auch hier sind Götter!

die man in der Vorrede zu Aulus Gellius unverbürgt las, bis Salmasius

dafür den heraklitischen Spruch "Vielwisserei belehrt den Geist nicht"

richtig setzte, und die uns als Motto von Lessings "Nathan" geläufig

wurde.--

* * * * *

~Plutarch~ ("Themistokles" 3, "Aussprüche von Königen und Feldherren",

"Politische Aussprüche" 4, "Über den Forschritt in der Tugend",

"Vom Nutzen, den man aus seinen Feinden schöpfen kann"), ~Cicero~

("Tusculanae" 4, 19) und ~Valerius Maximus~ (8, 14, externa 1)

überliefern die Worte des *Themistokles* (527-460):

*Der Sieg des Miltiades* (_bei Marathon_) *lässt mich nicht

schlafen.--*

* * * * *

*Xanthippe,*

die Frau des Sokrates (um 469-399), ist die Bezeichnung einer ihren

Ehemann durch Gezänk plagenden Frau und überhaupt eines zänkischen

Weibes geworden. Das Volk macht daraus mit Betonung der ersten Silbe:

*Zanktippe.*

Diese *Xanthippe* hat nach ~Cicero~ ("Tusc." 3, 15, 31; vergl. "de

off." 1, 26, 90) am Sokrates gerühmt, sein Gesichtsausdruck (vultus)

sei beim Ausgehen und beim Wiederkommen

*Semper idem*,

*Immer derselbige,*

gewesen, und der Erzähler fügt hinzu: "Jure erat semper idem vultus,

cum mentis, a qua is fingitur, nulla fieret mutatio" ("Mit Recht war

der Ausdruck immer derselbe, weil der Geist, durch den er entsteht,

unverändert blieb"). Uns wurde das aus dem Satzgefüge gelöste "semper

idem" zum Wahlspruch der Beständigkeit.--

*Θάλαττα, θάλαττα!*

Die See! die See!

war nach ~Xenophons~ "Anabasis" 4, 7, 17 der Freudenruf der nach

der Schlacht von Kunaxa (401 v. Chr.) übriggebliebenen zehntausend

griechischen Söldner des jüngeren Cyrus, als sie unter Xenophons

Führung heimziehend, das Meer wiedererblickten. Dies "Thalatta!

Thalatta"! machte erst ~Heine~ durch sein Gedicht "Meergruss" (1826-6.

"Nordsee" 2. Cyklus No. 1) weiteren Kreisen zum geläufigen Wort.--

* * * * *

*Dionys der Ältere* (Tyrann von Syrakus 405-367) kurierte den

Schmeichler ~Damokles~, der ihn wegen seines Wohllebens für den

glücklichsten Sterblichen erklärt hatte, dadurch von seinem Wahn, dass

er ihn die Freuden der Königstafel kosten, aber über seinen Sitz ein

blinkendes Schwert an einem Pferdehaar von der Decke herab hängen

liess und ihm also bald klar machte, wie wenig glücklich der sei, über

dessen Haupt der Schrecken schwebe (vergl. ~Cicero~ "Tusc." 5, 21 u.

~Gellert~ "Fabeln" B. 1). Danach wurde uns das

*Damoklesschwert*

ein Sinnbild mitten im Genuss drohender Gefahr.--

* * * * *

Der Cyniker *Diogenes* (412-323), erzählt ~Diogenes Laërtius~ (VI, 2

n. 6, 41), zündete sich am Tage eine Laterne an, ging umher und sagte:

"Ich suche einen Menschen". Obschon ~Phaedrus~ (B. 3, 19) das Wort dem

~Aesop~ beilegt, so ist der

*Diogeneslaterne*

doch ihr Recht verblieben.

Auch das choragische Monument des Lysikrates zu Athen pflegt so

bezeichnet zu werden. Eine Nachbildung dieses Monuments stellte der

Architekt ~Fontaine~ in den ersten Jahren des 1. Empire auf einen

südlich vom Schlosse St. Cloud bis Mitte Jan. 1871 befindlichen Turm,

der damals vom Mont Valérien aus zerstört wurde. Jeder Pariser kannte

sie unter dem Namen "Diogeneslaterne".--

* * * * *

Dem *Demosthenes* (385-322 v. Chr.) wirft sein Feind ~Aeschines~ ("geg.

Ktesiph." 52) eine Anzahl neugebildeter Wörter und Redensarten vor,

worunter auch (für "Geld")

τὰ νεῦρα τῶν πραγμάτων,

*nervus rerum,*

Thatennerv.

Wenn also der Philosoph ~Bion~ (bl. um 270 v. Chr.) sagte, "τὸν

πλοῦτον νεῦρα πραγμάτων", "Reichtum sei der Thatennerv" (s.

Diog. Laërt. IV, 7 n. 3, 48), so ist er ebensowenig der Urheber des

Wortes, wie es ~Krantor~, der Schüler Platos, war, der (nach Sext.

Empiricus "adv. Ethic." S. 557. Imm. Bekker) den "Reichtum" sagen

lässt: "ἐν μὲν εἰρήνῃ παρέχω τὰ τερπνά, ἐν δὲ πολέμοις νεῦρα τῶν

πράξεων γίνομαι", "im Frieden verschaffe ich Freuden, im Kriege

werde ich zum Thatennerv". Doch wandte ~Krantor~ das Wort zuerst auf

den Krieg an. Auch ~Cicero~ nannte ("Philipp." 5, 2) "nervos belli

pecuniam", "Geld die Nerven des Krieges", und ("De imp. Cn. Pomp." 7,

17) "vectigalia nervos rei publicae", "Steuern die Nerven des Staates"

und Vespasians Feldherr ~Mucianus~ (s. Tacitus "Hist." 2, 84) sagte

oft, dass Gelder "belli civilis nervos", "die Nerven des Bürgerkrieges"

seien. ~Plutarch~ ("Agis et Cleom.", 27) meint, dass der Mann wohl eine

tiefe Einsicht ins Kriegswesen gehabt habe, der da zuerst sprach:

"τὰ χρήματα νεῦρα πραγμάτων", "Geld ist der Thatennerv".

Auch fand der Gedanke dauernden Anklang. Wir begegnen ihm wieder

bei den ~Scholiasten~ zu ~Pindars~ "Olymp." 1, 4, bei ~Libanius~,

4. Jahrh. n. Chr. (Orat. 46, Vol. II, p. 477 ed. Reiske. Altenb. u.

Lpzg. 1791-7), bei ~Photius~, um 250 n. Chr. ("Lexik." unter Μεγάνορος

πλοῦτον), bei ~Suidas~, um 1000 n. Chr. (II, 1, 173 n. 970) u.s.w.

Dann sagte der deutsche Kaiser ~Heinrich V.~ (1106-25) zum polnischen

Gesandten, stolz auf das Gold und Silber seines Schatzes deutend:

"Dieser

*nervus rerum agendarum*

soll euch (Polen) schon zu Paaren treiben" (vrgl. Arth. Kleinschmidt

"Zur Gesch. des Adels, bes. in Deutschl." in "Uns. Zeit" 1874. I, 147),

und der Marschall ~Trivulzio~ sprach zu Ludwig XII. (1498-1515):

*Zum Kriegführen sind dreierlei Dinge nötig, Geld, Geld, Geld!*

(vrgl. "Kurtzweil. Zeitvertreib." o. O. 1668. S. 49-50).

~Macchiavelli~ hingegen bestreitet, dass Geld der Nerv des Krieges

sei ("Discorsi" 1518 u. 1522, Überschr. d. 10. Kap. vom 2. B.) und

führt das Wort auf Quintus Curtius zurück, der es auf den Krieg

zwischen Antipater und Sparta bezogen habe, wovon sich jedoch in

dem uns von Curtius noch Vorliegenden nichts findet. Ohne Angabe

der Quelle citieren das Wort ferner ~Agricola~ (No. 281 s. Sprichw.

1529: "Nervi bellorram pecuniae") und ~Rabelais~ ("Garg. u. Pant." 1,

46. Ao. 1533: "Les nerfs des batailles sont les pécunes"), während

~Champollion~ (1576 "De repbl.") wiederum meint, "Geld sei der

Staatsnerv" ("rei publicae nervos in pecunia consistere") u.s.w.--

Der Richtereid in Athen enthielt die Stelle (s. ~Demosthenes~ "in

Timocr." 149-151 u. "de corona" z. A.): "ἀκροάσομαι τοῦ τε κατηγόρου

καὶ τοῦ ἀπολογουμένου ὁμοίως ἀμφοῖν", "ich will anhören

den Kläger und den Verklagten, Beide gleicherweise". Auch findet

sich dieser Gedanke oft bei den Alten (s. Leutsch u. Schneidewin

"Paroemiogr. graec." II, 759) in der Form:

"μήτε δίκην δικάσῃς, πρὶν ἀμφοῖν μῦθον ἀκούσῃς

"Richte nicht, ehe du nicht in Verhör nahmst beide Parteien!"

Im Euripides (Heraclid, 179-180) heisst es:

τίς ἂν δίκην κρίνειεν, ἢ γνοίη λόγον,

πρὶν ἂν παρ' ἀμφοῖν μῦθον ἐκμάθῃ σαφῶς;

Wer mag zur Einsicht kommen, wer erkennt zu Recht,

Bevor er Beider Rede nicht genau erforscht?

Seneca ("Medea" 2, 2, 199-200) schöpfte hieraus wohl sein:

"Qui statuit aliquid, parte inaudita altera,

Aequum licet statuerit, haud aequus fuit".

"Wer etwas beschliesst, ohne die andere Partei gehört zu

haben, handelt nicht billig, selbst wenn er Billiges beschlossen

hat".

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 366 / 438 题