* * * * *
*Der Salomon des Nordens*
wird ~Friedrich der Grosse~ zuerst in ~Voltaires~ "Ode an die Preussen
bei der Thronbesteigung Friedrichs" (1740) und später oft in den
Briefen genannt.
~Voltaires~:
*Ecrasez l'infâme*
findet sich in seinem Briefwechsel mit einigen ihm befreundeten
Freigeistern in dem Zeitraume von 1759-68. Man trifft diesen Ausdruck,
und ähnliche, in seiner Korrespondenz mit Friedrich dem Grossen,
Helvetius, Diderot, d'Alembert, Marmontel, Thieriot, dem Advokaten
Christin, dem Grafen d'Argental, Marquis d'Argens, Madame d'Épinay und
Damilaville. Namentlich zeichnete Voltaire seine Briefe an d'Alembert
oft und an Damilaville, den anonymen Verfasser eines "Enthüllten
Christentums", einen seiner zuverlässigsten Freunde, gewöhnlich statt
mit seinem Namen mit Écr. l'inf... oder auch wohl Écrlinf, so dass die
mit der Eröffnung staatsgefährlicher Briefe betrauten Beamten dies für
den Namen des Absenders hielten. Der Ausdruck "L'infâme" findet sich
zum ersten Mal in einem Briefe Friedrichs des Grossen an den Marquis
d'Argens vom 2. Mai 1759, dann in einem Briefe, den der König am 18.
Mai 1759 aus Landshut an Voltaire richtet, und zuletzt in einem Brief
Voltaires am 27. Jan. 1768 an Damilaville. Das Wort scheint später aus
Voltaires Korrespondenz zu verschwinden, weil es eine ihm gefährliche
Berühmtheit bekommen mochte. Aus sämtlichen Stellen geht hervor, dass
"infâme" als weibliches Eigenschaftswort zu denken ist, zu dem man
daher ein entsprechendes Hauptwort zu ergänzen hat. Voltaire wünschte,
das zu ergänzende Hauptwort solle "superstition", Aberglaube, sein,
was sich aus vielen seiner Briefe ergiebt, z.B. 1) aus einem vom 23.
Jan. an d'Alembert, 2) aus einem vom 29. Aug. 1762 an den König, 3) aus
einem vom 28. Nov. 1762 an d'Alembert, und 4) aus einem vom 21. Juni
1770 an denselben. Voltaire meinte mit "Aberglauben" die Kirche (nicht
die Religion).--
* * * * *
*Séide, Seïde,*
der Sklave Muhameds, ist durch ~Voltaires~ Tragödie "Le fanatisme ou
Mahomed le prophète" (1739) die Bezeichnung für einen fanatischen
Nachbeter und Anhänger geworden.--
Ebenda 2, 4 spricht Mahomed das Wort aus, das Beaumarchais zum Motto
nahm:
*Ma vie est un combat,*
Mein Leben ist ein Kampf.
Dieser Gedanke war nicht neu; denn nach der Vulgata lautet ~Hiob~
7, 1 "Militia est vita hominis" ("des Menschen Leben ist ein
Kampf", nach Luther: "Muss nicht der Mensch immer im Streit sein
auf Erden?"); ~Euripides~ ("Die Hülfeflehenden" 550) sagt:
"πάλαισμά θ' ἡμῶν ὁ βίος" ("Unser Leben ist ein Kampf") und
~Seneca~ schreibt im 96. Briefe: "Vivere militare est", "leben heisst
kämpfen" (vrgl. "Gefl. Worte aus lateinischen Schriftst." und 1. Tim.
6, 12; 2. Tim. 4, 7 sowie ~Goethes~ "Denn ich bin ein Mensch gewesen
u.s.w.").--
* * * * *
In ~Voltaires~ "Discours sur l'homme", 6, lesen wir:
"Mais malheur à l'auteur qui veut toujours instruire!
*Le secret d'ennuyer est celui de tout dire".*
Doch wehe dem Poët, der lehrt in jeder Zeile!
Wer Alles sagt, besitzt die Kunst der Langenweile.--
* * * * *
*Le style, c'est l'homme,*
Wie der Stil, so der Mensch,
ist eine Umänderung der Worte des Grafen George Louis Leclerc de
*Buffon* (1707-88) in seiner Antrittsrede in der Akademie: "Recueil
de l'Académie" (1753, S. 337) "le style est l'homme même". Die Lesart
späterer Ausgaben lautet aber: "le style est de l'homme même".--
* * * * *
*Où peut-on être mieux
Qu'au sein de sa famille?*
Tout est content, le coeur, les yeux.
Vivons, aimons comme nos bons aieux!
(Wo kann man besser weilen, als im Schosse seiner Familie? Alles ist
befriedigt, das Herz, die Augen. Leben wir, lieben wir, wie unsre
guten Voreltern!)
ist aus Jean François *Marmontel*s (1723-99) am 5. Januar 1769 zuerst
aufgeführten, von Grétry komponierten "Lucile".--
*Ils sont passés, ces jours de fête,*
Sie sind vorbei, des Festes Tage,
stammt aus *Anseaume*s am 20. Sept. 1769 zuerst aufgeführten Oper "Le
Tableau parlant".--
* * * * *
*Les extrêmes se touchent*
ist in Louis Sebastien *Mercier*s (1740-1814) "Tableau de Paris" (Amst.
1782-88) die Überschrift vom 348. Kapitel des vierten Bandes. Es kommt
ferner vor bei ~Anquetil~ in "Louis XIV, sa Cour et le Régent", (Paris
1789) 1. Bd. (1674-80).-- ~Labruyère~ ("Caractères", 1687) sagt: "Une
gravité trop étudiée devient comique; ce sont comme des extrémités qui
se touchent", und ~Pascal~ ("Pensées", 1692): "Les sciences ont deux
extrémités qui se touchent".
~Epiphanius~ (4. Jahrh.) "Adversus haereses" I. 3, t. 2 führt
als berühmten Ausspruch heidnischer Philosophen an: "αἱ
ἀκρότητες, ἰσότητες, extremitates, aequalitates". In des Aristoteles
"Moral. Eudemiorum" lib. 3, c. 7, 1234 steht: ἔστι δ' ἐναντιώτερον
τοῖς ἀκροῖς τὸ μέσον ἢ ἐκεῖνα ἀλλήλοις, διότι τὸ μὲν μετ'
οὐδετέρου γίνεται αὐτῶν τὰ δὲ (τὰ ἄκρα) πολλάκις μετ' ἀλλήλων.
(Extrema frequenter una habitant.) Der Commentator zu ~Cassiani~ (†
um 448) "Collationes", c. 16, ~Alardus Gazaeus~ sagt: "videtur haec
sententia (nimitates aequalitates) proverbialis locutio ex Aristotele
desumpta II, Ethik 6".--
* * * * *
Évariste Vicomte de *Parny* (1753-1814) singt ("Poësies", Par. 1777,
Lettre 4):
"La peine est aux lieux qu'n habite
Et le bonheur où l'on n'est paso".
"Die Qual ist überall, wo wir auch hausen,
Und wo wir nicht sind, ist das Glück".
Dies citieren wir mit der Schlusszeile von "Des Fremdlings Abendlied",
das ~Schmidt von Lübeck~ 1808 im "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen"
veröffentlichte, in folgender Form:
*Da, wo du nicht bist, ist das Glück!*
~Zelter~ komponierte das Lied und dann ~Schubert~, der es aber
veränderte und "Der Wanderer" betitelte. Bei ihm schliesst es:
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!"--
* * * * *
Jean François *Collin d'Harleville*s (1755-1806) stolze Redensart in
"Malice pour malice" (1793), 1, 8:
Impossible est un mot que je ne dis jamais,
"Unmöglich" ist ein Wort, dass ich nie ausspreche,
mochte ~Napoléon I.~ vorschweben, als er aus Dresden am 9. Juli 1813
(s. "Correspondance") an den Kommandanten von Magdeburg, Grafen
Lemarois, schrieb: "'Ce ~n'est pas possible~', m'écrivez-vous: ~cela
n'est pas français~"--"'Es ist nicht möglich', schreiben Sie mir: Das
ist unfranzösisch". Hieraus entsprang das geflügelte Wort
*Impossible n'est pas un mot français.--*
* * * * *
Anthelme *Brillat-Savarin* (1756-1826) begann seine "Physiologie du
goût" (1825) mit den "Aphorismes du professeur", deren viertes lautet:
*Dis-moi ce que tu manges, je te dirai ce que tu es.*
Sage mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist.