Das Bild

*der rote Faden*

wird in ~Goethes~ "Wahlverwandtschaften" (1809), II. 2, also erklärt:

"Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen

Marine: Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis

zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, ~dass ein roter Faden

durch das Ganze durchgeht~, den man nicht herauswinden kann, ohne

alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind,

dass sie der Krone gehören.

Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und

Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet".

~Goethe~ citiert den roten Faden noch einmal in den

"Wahlverwandtschaften", II, 4 zur Einleitung eines Stücks von Ottiliens

Tagebuch: "Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden

wohl zu erkennen sein."

"Dieser rote Faden" schrieb Lothar ~Bucher~ ("National-Zeit." 8. Juli

1865 Morgenbl.), "sieht in Wirklichkeit gar nicht rot aus, sondern

gelb". Das war aber damals nur bei den in Chatham angefertigten

Tauen der englischen königlichen Marine der Fall, während die aus

Portsmouth rot, die aus Plymouth blau und die aus Pembroke grün

gekennzeichnet wurden. Jetzt ist der rote Faden allein üblich, was zu

Goethes Zeit sich ebenso verhalten haben wird. Seit 1776 besteht der

Brauch in Englands Flotte. Als Unterscheidungszeichen für Zwillinge

kommt "der rote Faden" 1. Mos. 38, 28 u. 30 vor.--

*Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen*

(d.h. in der Region der Ideale) steht im Tagebuche Ottiliens

("Wahlverwandtschaften", II, 7) und wird oft vergeblich in ~Lessings~

"Nathan" gesucht. Dort sagt I, 6 der Tempelherr zu Daja: "Weib macht

mir die Palmen nicht verhasst, worunter ich so gern sonst wandle".--

* * * * *

*Nur der Lump ist bescheiden*

entlehnen wir ~Goethes~ Versen aus dem zuerst 1810 im "Pantheon"

gedruckten, von Zelter komponierten Gedichte "Rechenschaft":

Nur die Lumpe sind bescheiden,

Brave freuen sich der That.

Goethe mag hierauf, wie Schopenhauer ("Par. u. Paral." 2, 496; Lpzg.

1877) bemerkte, durch ~Cervantes~ gekommen sein, welcher in den seiner

"Reise auf den Parnass" angehängten Verhaltungsregeln für Dichter auch

diese giebt: "Jeder Dichter, den seine Verse lehrten, dass er einer

sei, achte und schätze sich hoch, indem er sich an das Sprichwort

halte: ein Lump sei, wer sich für einen Lump hält" ("ruin sea el que

por ruin se tiene!").--

* * * * *

*Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun*

ist der 1. Vers von ~Goethes~ am 26. März 1810 nach Berlin gesandtem

und in den "Gesängen der Liedertafel", 1811, No. 44, zuerst gedrucktem

Liede: "Ergo bibamus" (s. auch "Geflügelte Worte aus der Geschichte").

Das Lied sollte, wie Reinhold ~Steig~ (Goethe-Jahrbuch XVI, S. 186 ff.)

aus den Akten der Singakademie nachwies, den Geburtstag der ~Königin

Luise~ post festum verherrlichen. "Wunderlichst in diesem Falle!" Als

"Ein Spätling zum 10. März" ist es wirklich in der Handschrift vom

Dichter bezeichnet. ~Zeller~ setzte es in Musik.--

* * * * *

Das in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit seinen

Verwandten ~genial~ oder, wie man damals sagte, ~genialisch~

entstandene Wort:

*Geniestreich*

hat seine schriftstellerische Weihe durch ~Goethe~ im 1814

geschriebenen 3. Teile, im 19. Buche, von "Dichtung und Wahrheit"

gefunden, wo er kurz nach der Definition: "Genie ist die Kraft des

Menschen, welche durch Handeln und Thun Gesetz und Regel giebt", sagt:

"Wenn einer zu Fusse, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die Welt

lief, so hiess dies eine Geniereise, und wenn einer etwas Verkehrtes

ohne Zweck und Nutzen unternahm, ein Geniestreich".

Als ältere Stellen sind anzuführen:

Alman. de belletr. 1782 S. 100, wo es von den Sturm- und

Drang-Dichtern (nach Grimm) heisst: "die Herrn samt ihren

Geniestreichen ... sind beinahe vergessen"; dann erschien 1786 ein

Buch unter dem Titel "Folgen einer akademischen Mädchenerziehung, mit

unter einige Geniestreiche. Kein pädagogischer Roman"; und endlich

schrieb Schiller am 1. Nov. 1790 an Koerner über die wahrscheinliche

Verheirathung Goethens mit "Mamsell Vulpius", es könnte ihn doch

verdriessen, "wenn er mit einem solchen Geniestreich aufhörte".--

* * * * *

Das häufige Zurückweisen auf Shakespeare bezeichnen wir mit dem Titel

eines im "Morgenblatt für gebildete Stände", 1815, No. 113, am 12. Mai

erschienenen Aufsatzes von ~Goethe~:

*Shakespeare und kein Ende.--*

* * * * *

~Goethes~ zuerst für die Ausgaben von 1815 vereinigte Sammlung

"Sprichwörtlich" liefert uns den Vers:

*Alles in der Welt lässt sich ertragen,

Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen;*

was bei ~Luther~ (B. 57, S. 128) "Gute Tage können wir nicht vertragen"

lautet; und das aus dem "Epilog zum Trauerspiel Essex" abgelöste, von

~Goethe~ am 18. Okt. 1813, dem Schlachttage von Leipzig gedichtete:

*Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,

Ein letztes Glück und einen letzten Tag.--*

Aus dem Abschnitt "Sprüche" (zugleich auch aus dem "Westöstlichen

Divan. Buch der Sprüche") citieren wir das nach Ev. Joh. 9, 4 (s. Kap.

I dieses Buches) gebildete:

*Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann!

Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.--*

In ~Goethes~ "Sprüchen in Prosa", Abt. 2 heisst es:

"Es giebt

*problematische Naturen,*

die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen

keine genug thut".

Hiernach gab Friedrich Spielhagen einem seiner Romane den Titel

"Problematische Naturen" (1860). ~Goethe~ schrieb auch in der

"Geschichte der Farbenlehre" (III. Abt. "Bacon v. Verulam"): "Man

durchsuche Dictionnaire, Bibliotheken, Nekrologe, und selten wird

sich finden, dass eine problematische Natur mit Gründlichkeit und

Billigkeit dargestellt worden ..." und er wandte das Wort noch einmal

an, als er in Jena am 8. Okt. 1827 zu Eckermann ("Gespräche" III,

143) vom Kuckuck sagte: "Er ist eine höchst problematische Natur, ein

offenbares Geheimniss, das aber nichtsdestoweniger schwer zu lösen,

weil es so offenbar ist".--

* * * * *

Aus ~Goethes~ "West-östlichem Divan" (1819) stammt das beliebte

Aufsatzthema:

*Mach't nicht so viel' Federlesen!

Setz't auf meinen Leichenstein:

Dieser ist ein Mensch gewesen

Und das heisst ein Kämpfer sein.*

Eigentlich aber sagt dort im "Buch des Paradieses" in dem Gedichte

"Einlass" der Dichter zur Huri:

Nicht so vieles Federlesen!

Lass mich immer nur herein:

Denn ich bin ein Mensch gewesen

Und das heisst ein Kämpfer sein.

(vrgl.: "Ma vie est un combat".) Man hat wohl den Schlussreim des

unter "Epigrammatisch" befindlichen, 1815 erschienenen ~Goethe~schen

Gedichtes "Grabschrift" beim Citieren damit verschmolzen:

"Auf deinem Grabstein wird man lesen:

Das ist fürwahr ein Mensch gewesen".

vrgl. 1. Tim. 6, 12: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife

das ewige Leben ..." und 2. Tim. 4, 7: "Ich habe einen guten Kampf

gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten".--

~Goethes~ "Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des

West-östlichen Divans" (1819) tragen das Motto:

"Wer das Dichten will verstehen

Muss ins Land der Dichtung gehen;

*Wer den Dichter will verstehen

Muss in Dichters Lande gehen".*

In den "Noten" selbst sagte Goethe, unter "Eingeschaltetes": "Der

Dichter steht viel zu hoch, als dass er Partei machen sollte"; ein

Ausspruch, der durch ~Freiligraths~ Gedicht "Aus Spanien" (1841) zu dem

geflügelten Wort wurde:

*Der Dichter steht auf einer höhern Warte

Als auf den Zinnen der Partei.*

Hierauf antwortete ~Herwegh~ mit dem Gedichte "Die Partei", dessen

Schlussverse lauten:

~Ich~ hab' gewählt, ich habe mich entschieden,

Und ~meinen~ Lorbeer flechte die ~Partei~!--

* * * * *

Aus dem 2. Buche der ~Goethe~schen "Zahmen Xenien" (1823) wurde üblich:

*Im Auslegen seid frisch und munter!

Legt ihr's nicht aus, so legt was unter;*

aus dem 4.:

*Liegt dir Gestern klar und offen,

Wirkst du heute kräftig frei,

Kannst auch auf ein Morgen hoffen,

Das nicht minder glücklich sei;*

aus dem 5.:

*Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n,

Musst nicht Knopf auf dem Kirchturm sein,*

und:

*Jeder solcher Lumpenhunde

Wird vom zweiten abgethan;*

aus dem 6. (zuerst in Wendts Musen-Almanach für 1831, S. 42, "Die

vereinigten Staaten"):

*Amerika, du hast es besser,*

und aus dem 7.:

*Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis,

Wenn man ihn wohl zu pflegen weiss.--*

* * * * *

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 150 / 438 题