Umsonst verlängerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des

Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glückseligen Inseln(18)

würden übersehen können. Wir sahen zu unseren Füßen Palma, Gomera und die

Große Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei

gewesen waren, hüllten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die

gewöhnliche Refraction vorausgesetzt, übersieht das Auge bei hellen Wetter

vom Gipfel des Vulkans ein Stück Erdoberfläche von 5700 Quadratmeilen

[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberfläche Spaniens. Oft

ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die

afrikanische Küste sehen könne. Aber die nächsten Striche dieser Küste

sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun

der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten beträgt,

so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen

Meereshöhe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei

Cap Bojador sind, sowie der Pic südlich von diesem Vorgebirge, den die

Seefahrer Peñon grade nennen. Wäre der Gipfel des Vulkans von Teneriffa

zugänglicher, so ließen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen

die Wirkungen ungewöhnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte

spanischer und portugiesischer Schriftsteller über die Existenz der

fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, daß in diesen

Strichen vorzüglich der feuchte West-Süd-Westwind Luftspiegelungen zur

Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, »daß durch das

Spiel der irdischen Refraction die Inseln des grünen Vorgebirges, ja sogar

die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden

können.«

Die Kälte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war für die

Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte

entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heiße Dämpfe ausstoßen, im

Schatten 2°,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen

großen Teil des Jahres Teneriffa die heiße Luft zuführt, die über den

glühenden Wüsten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von

Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22°,8 war, so nahm die Wärme auf

94 Toisen Höhe um einen Grad ab. Dieses Ergebniß stimmt vollkommen mit dem

überein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna,

obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons

Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des

Pics um 9° von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die

Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den

Vortheil, daß man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht über

einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die

Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht,

denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist

indessen zu bemerken, daß die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen

der Verdunstung weniger Wärme den hohen Luftschichten zusendet als die

Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer kälter

als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen

Einfluß auf die Abnahme der Luftwärme, da die Temperatur der tiefen

Regionen in der Nähe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist.

Anders verhält es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der

Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhöht nicht selten

die Temperatur der höchsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des

Antisana im Königreich Quito sah ich in 2837 Toisen Höhe den Thermometer

auf 19° stehen; Labillardière beobachtete am Kraterrand des Pic von

Teneriffa 18°,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um

den Einfluß zufälliger Ursachen auszuschließen. Da die Temperatur der

Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28° war, so betrug der Unterschied

zwischen der Luft an der Küste und der auf dem Pic 9°,3 statt 20°, die

einer Wärmeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im

Schiffstagebuch von l´Entrecasteaux´s Expedition, daß damals in Santa Cruz

der Wind Süd-Süd-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind stärker in den

hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme

Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardières

Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer

Alpen hat man die Beobachtung gemacht, daß der Temperaturunterschied

zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle

diese Schwankungen im Maß der Temperaturabnahme haben auf die Messungen

mittelst des Barometers nur insofern Einfluß, als die Abnahme in den

dazwischenliegenden Schichten nicht gleichförmig ist, und von der

arithmetischen gleichmäßigen Progression, wie die angewandten Formeln sie

annehmen, abweicht.

Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht müde, die Farbe des blauen

Himmelsgewölbes zu bewundern. Ihre Intensität im Zenith schien uns gleich

41° des Cyanometers. Man weiß nach Saussures Versuchen, daß diese

Intensität mit der Verdünnung der Luft zunimmt, und daß dasselbe

Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39° und auf der

Spitze des Montblanc 40° zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen höher als

der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem

das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so rührt dies wohl von der

Trockenheit der afrikanischen Luft und der Nähe der heißen Zone her.

Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika

chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, daß, als wir

sie nach zehn Tagen öffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach

mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Röhre des Fontanaschen

Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger

Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da

die Methode jetzt für ziemlich unzuverlässig gilt. Der Krater des Pics hat

so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, daß schwerlich

mehr Stickstoff darin ist als an der Küste. Wir wissen überdem aus

Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, daß die Luft in den höchsten

Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthält.(21)

Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder

andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man

hie und da ein hautflügligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die

von schwefligter Säure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen

auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Blüthen des _Spartium

nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwärts in diese Höhe

getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem

Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Kälte zu

Grunde, während die Bienen auf dem Pic geröstet werden, wenn sie

unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich wärmen wollen, zu nahe kommen.

Trotz dieser Wärme, die man am Rande des Kraters unter den Füßen spürt,

ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt.

Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube große Höhlungen, ähnlich

denen unter den Gletschern in der Schweiz, die beständig eine niedrigere

Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind,

der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fuße des Piton Schutz zu

suchen. Hände und Gesicht waren uns erstarrt, während unsere Stiefel auf

dem Boden, auf den wir den Fuß setzten, verbrannten. In wenigen Minuten

waren wir am Fuß des Zuckerhuts, den wir so mühsam erklommen, und diese

Geschwindigkeit war zum Theil unwillkürlich, da man häufig in der Asche

hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die

Natur in ihrer ganzen Großartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die

canarischen Inseln noch einmal besuchen zu können, aber aus dem Plan wurde

nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen.

Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavablöcken tritt man

nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwärts

äußerst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, daß man sich

beständig nach hinten überbeugen muß, um nicht zu stürzen. Auf der

sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22°,5, und dieß schien

uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschüttelt, eine erstickende

Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Führer hatten nicht allein den

kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans

verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefäße zerbrochen.

Zum Glück war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben.

In der schönen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir

endlich einiger Kühlung. Eine dicke Wolkenschicht hüllte uns ein; sie

hielt sich in 600 Toisen Höhe über der Niederung. Während wir durch diese

Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die

uns später am Abhang der Cordilleren öfters vorgekommen ist. Kleine

Luftströme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach

entgegengesetzten Richtungen. Dieß nahm sich aus, als ob in einer großen

stehenden Wassermasse kleine Wasserströme sich rasch nach allen Seiten

bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken rührt wahrscheinlich von

sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, daß der Anstoß

dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen

Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Wärme strahlen, in

einem auf irgend einem chemischen Proceß beruhenden Temperaturunterschied,

oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstbläschen.

In der Nähe der Stadt Orotava trafen wir große Schwärme von Canarienvögeln

[_Fringilla Canaria_. La Caille erzählt in seiner Reisebeschreibung nach

dem Cap, auf der Insel Salvage fänden sich diese Vögel in so ungeheurer

Menge, daß man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen könne, ohne

Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Vögel waren ziemlich

gleichförmig grün, einige auf dem Rücken gelblich; ihr Schlag glich dem

der zahmen Canarienvögel, man bemerkt indessen, daß die, welche auf der

Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota

gefanden werden, einen stärkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben.

In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene

Sprache. Die gelben Canarienvögel sind eine Spielart, die in Europa

entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa

in Käfigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Häfen gekauft.

Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schönsten Gesang

hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit

liebt, daß er sich niemals zähmen ließ. Ich bewunderte seinen weichen,

melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe

genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehört.

Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitän Cook auf

Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die

einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch

Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so

glaube ich doch kaum, daß in der alten über dem 28sten Grad nördlicher

Breite welche vorkommen.

Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten

daselbst die unerwartete Nachricht, daß der Pizarro erst in der Nach vom

24. zum 25. unter Segel gehen werde. Hätten wir auf diesen Aufschub

rechnen können, so wären wir entweder länger auf dem Pic geblieben(22)

oder hätten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden

Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fühlten wir recht, daß

der Aufenthalt auf Teneriffa nicht bloß für den Naturforscher von

Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik,

welche den Reiz europäischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche

verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den

übrigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein.

Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem ländlichen Feste in Herrn

Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten

Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen

Trümmern bedeckten Hügel angepflanzt und an diesem köstlichen Punkt einen

englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die

Pyramide des Pics, auf die Dörfer an der Küste und die Insel Palme hat,

welche die weite Meeresfläche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit

der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der

Großartigkeit der Massen und der Fülle des Pflanzenwuchses steht Orotave

über beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf

einmal ein eigenthümliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel

die Spanier eingeführt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die

Hirten die Johannisfeuer angezündet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom

Winde gejagten Rauchsäulen hoben sich an den Seiten des Pics vom

Dunkelgrün der Wälder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns

herüber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen

einsamen Orten unterbrach.

Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus näher an der Küste als das eben

beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthümer gegeben, bezeichnet den

Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch

besonderes Interesse für uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier

bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen

Ebene in der Nähe hat er die Standlinie zur Messung der Höhe des Pics

abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der große

Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter

Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer

Repetitionskreise vornehmen, so müßte er die Standlinie nicht bei Orotava,

sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante* genannt, messen; nach

Broussonet ist keine Ebene in der Nähe des Pics so groß wie diese. Wir

botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf

basaltischem, von der See bespülten Gestein. Die Orseille der Canarien ist

ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von

Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza,

sogar von Canaria und Hierro.

Am 24. Juni Morgens verließen wir den Hafen von Orotava; in Laguna

speisten wir beim französischen Consul. Er hatte die Gefälligkeit, die

Besorgung der geologischen Sammlungen zu übernehmen, die wir dem

Naturaliencabinett des Königs von Spanien übermachten. Als wir vor der

Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den

Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir,

er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa

stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick

zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein

ein; unsere Reisegefährten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach

Amerika gingen.

Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf

die Geschichte des Landes.

Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den

ersten schriftlichen Urkunden über die Ausbrüche des Pics von Teneriffa

um. Diese Seefahrer hielten sich ängstlich an die Küsten, sie liefen jeden

Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan

wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet

indessen von leuchtenden Strömen, die sich in das Meer zu ergießen

schienen; jede Nacht haben sich auf der Küste viele Feuer gezeigt, und der

große Berg, der *Götterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die

bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwärts von der Insel

der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem

sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem

vulkanischen Ausbruch herrührten, oder von dem bei so vielen Völkern

herrschenden Brauch, die Wälder und das dürre Gras der Savannen

anzuzünden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die

Expedition unter Controadmiral d´Entrecasteaux mitmachten, ihrer Sache

nicht gewiß, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen.

Auf der Küste von Caracas sah ich mehrere Nächte hinter einander röthliche

Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich täuschend wie Lavaströme

ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme

theilten.

Obgleich in den Reisetagebüchern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns

erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von

Recht auf die canarischen Inseln beziehen ließe, ist es doch sehr

wahrscheinlich, daß die Carthager und auch die Phönicier den Pic von

Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten,

Heeren, hält die glückseligen Inseln Diodors von Sicilien für Madera und

Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Gerüchte davon

zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Küste von

Afrika jenseits der Säulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert

war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der

riphäischen Gebirge bei den Hyperboräern [Die Vorstellung vom Glück, der

hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die

Griechen, die indischen Völker und die Mexicaner mit einander gemein.],

später südwärts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt,

dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glückselige

Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado*

bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glück an das Ende der

Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenuß in einer idealen Welt jenseits

der Grenzen der Wirklichkeit sucht.

Es ist nicht zu verwundern, daß vor Aristoteles die griechischen

Geographen keine genaue Kenntniß von den canarischen Inseln und ihren

Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See

befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese

entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses hüllten. Der

carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese

Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unfälle; so

sollten für die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika für die

Europäer bei ihren bürgerlichen und religiösen Zwistigkeiten geworden ist.

Die Römer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung näher mit den

canarischen Inseln bekannt. Ein bloßer Privatmann wollte den Gedanken

verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefaßt. Nach

seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, müde des Waffenlärms, eine

sichere, ruhige Zufluchtsstätte. Er wählt die glückseligen Inseln, von

denen man ihm an den Küsten von Bätika eine reizende Schilderung entwirft.

Er sammelt sorgfältig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber

in den wenigen Stücken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und

in den umständlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals

von Vulkanen und vulkanischen Ausbrüchen die Rede. Kaum erkennt man die

Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt,

am Namen *Nivaria*, der einer der glückseligen Inseln beigelegt wird. Man

könnte darnach annehmen, daß der Vulkan damals kein Feuer gespien habe,

wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schließen

ließe, von denen wir nichts besitzen als Bruchstücke und trockene

Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden

über die ältesten Ausbrüche des Pics; er findet nirgends welche außer in

der Sprache der Guanchen, in der das Wort »Echeyde«(25) zugleich die Hölle

und den Vulkan von Teneriffa bedeutete.

Die älteste schriftliche Nachricht von der Thätigkeit des Vulkans, die ich

habe auffinden können, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.

Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im

Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge

eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwährend

gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als

Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals

nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, daß kein

Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Mündung des Pics von weitem

sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es wäre

vielleicht zu wünschen, daß der Schlund der *Caldera* sich weiter öffnete,

die Seitenausbrüche würden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe

hatte weniger von Erdbeben zu leiden.

Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hören, ob anzunehmen sey, daß der

Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thätigkeit treten

werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie

halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs

im Innern mit Gebüsch bewachsen. Alles verkündete die tiefste Ruhe, und

dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln

zu wollen schien, zwanzig Jahre später Feuersäulen und ungeheure Massen

Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thätig, als er im Jahr

1500 gewesen war. So könnte möglicherweise auch der Krater des Pics sich

eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, ähnlich der

friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch

thätigen Vulkans gelegen.

Die Ausbrüche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und

solche lange Pausen scheinen charakteristisch für sehr hohe Vulkane. Der

kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in beständiger Thätigkeit.

Beim Vesuv sind die Ausbrüche seltener, indessen häufiger als beim Aetna

und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi

und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thätigen

Vulkanen scheint die Häufigkeit der Ausbrüche im umgekehrten Verhältniß

mit der Höhe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic

nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte

Ausbruch durch eine Seitenöffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem

Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen.

Ich habe anderwo ausgeführt, daß der genze gebirgigte Theil des

Königreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700

Quadratmeilen Oberfläche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen,

Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe

der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das

Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur

Teneriffa trägt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater

auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten

Lavaströme ergießt. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen

Ausbrüche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort

keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thätigkeit gebunden

wäre. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller

Orten unterhöhlt, und die Lavaströme, die auf Lanzerota und Palma

ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch überein,

der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte.

Es folgt hier die Liste der Ausbrüche, deren Andenken sich bei den

Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts

erhalten hat.

*Jahr 1558.* — Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal

von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan öffnet

sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_.

Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der

einen hundert Toisen breiten und über 2500 Toisen langen Lavastrom

ergießt. Die Lava stürzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des

Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe

Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina

auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches

wurde im erloschenen, mit Wasser gefüllten Krater gefunden.]

*Jahr 1646.* — Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma

bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die

sich aus diesen Spalten ergießen, machen die berühmte Quelle Foncaliente

oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa

herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames

Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus

Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so

ungeheure Masse Schnee, daß das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von

Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, daß die Thätigkeit

der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird.

*Jahr 1677.* — Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras

wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden,

Schlacken und Asche aus.

*Jahr 1704.* — Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen

Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk

Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705

thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von

Icore auf. Die Lava ist so stark, daß sie das ganze Thal Fasnia oder Areza

ausfüllt. Dieser zweite Schlund hört am 13. Januar zu speien auf. Ein

dritter bildet sich am 2. Februar in der Cañada de Araso. Die Lava in drei

Strömen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen

Felsgrat aufgehalten, der einen unübersteiglichen Damm bildet. Während

dieser Ausbrüche spürt die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von

den neuen Schlünden trennt, starke Erdstöße.

*Jahr 1706.* — Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von

Teneriffa. Der Schlund bricht ab südlich vom Hafen von Garachico, damls

dem schönsten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende

Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei

Lavaströme zerstören sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der

Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel

Erdreich hineingeführt, wurde so ausgefüllt, daß die sich aufthürmenden

Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings

um Garachico, wurde das Erdreich völlig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen

Hügel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die

häufigen Erdstöße der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben

nackst stehen. Nur die Fischer ließen nicht vom heimathlichen Boden.

Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein

Dörfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein.

*Jahr 1730.* — Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen

zerstört den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet

sich bei Temenfaya. Die Lavaströme und die Erdstöße, welche den Ausbruch

begleiten, zerstören eine Menge Dörfer, worunter die alten Flecken der

Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Stöße dauern bis 1736 fort,

und die Bewohner von Lancerota flüchten sich großen Theils auf die Insel

Fortanventra. Während dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel

die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsäule aus der See aufsteigen.

Pyramidalische Felsen erheben sich über der Meeresfläche, die Klippen

werden immer größer und verschmelzen allmählich mit der Insel selbst.

*Jahr 1798.* — Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am

Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf

dem Ausbruch stattfand, heißt Chazajañe.] an einem völlig unbebauten Ort.

Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher für eine

erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhält sich

aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die

_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der

Ausbruch des Chahorra währte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die

Schlacken wurden aus vier Mündungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei

bis vier Toisen hoch aufgethürmte Lava legte drei Fuß in der Stunde

zurück. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa

erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr

lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und

Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo

Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht

und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben,

von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung

einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent

ist mir mit der Veröffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so

verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les îles

fortunées._ Ich beschränke mich hier darauf, Einiges über die Höhe

mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstücke aus den Oeffnungen des

Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zählte während des Falls der

Steine 12–15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar über 15

Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte,

bis er auffiel.] das heißt er fing im Moment zu zählen an, wo sie ihre

höchste Höhe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht

hervor, daß die Felstücke aus der Oeffnung über dreitausend Fuß hoch

geschleudert wurden.

Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrüche gehören

den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor

dem sechzehnten Jahrhundert die übrigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer

heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen läge

mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der

Großen Canaria bei Arguineguin. Es wäre aber wichtig zu erfahren, ob sich

an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer

von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen.

Die rein seitliche vulkanische Thätigkeit des Pics von Teneriffa ist

geologisch um so merkwürdiger, als sie dazu beiträgt, die Berge, die sich

an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings

kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die großen Lavaströme auch nicht aus

dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im

umgekehrten Verhältniß mit der Höhe, in der sich die Spalte bildet, welche

die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch

immer damit, daß der Krater, das heißt die eigentliche Spitze des Bergs,

Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit

Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798

blieb der Krater vollkommen unthätig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt,

während nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die

größere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untrügliches Zeichen

ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht.

Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen

des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmählich mit einer

Pflanzendecke überzogen haben, wie die Gewächse an den steilen Abhängen

des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der

canarischen Inseln zukommt.

Im nördlichen Theile des gemäßigten Erdstrichs bedecken cryptogamische

Gewächse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren

Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen

phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heißen Erdstrichs und

zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche

Reisende sagen mögen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an

feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den

zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in

Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica

vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Ländern in

der Nähe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie

in Guinea und an den Felsenküsten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die

den Grund zur Dammerde legen, Gewächse, deren mit unzähligen Oeffnungen

und Hautgefäßen versehenen Blätter der umgebenden Luft des darin

aufgelöste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen

Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich

die Lavaströme überziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder

eine glänzende Oberfläche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von

Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es

vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf wächst. Nur wenn die

Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen

Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung

auszeichnet, und schmücken sie sich mit einer üppigen glänzenden

Pflanzendecke.

In seinem gegenwärtigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das

*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europäer durch Corruption

*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fünf Pflanzenzonen, die

man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der

Fichten, der Retama, der Gräser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des

Pics wie Stockwerke über einander und haben 1750 Toisen senkrechte Höhe,

während 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenäen der Schnee bereits zu

1300–1400 Toisen absoluter Höhe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die

Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so rührt dies nicht

daher, weil ewiges Eis(27) und die Kälte der umgebenden Luft ihnen

unübersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven

des Malpays und der dürre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewächse

nicht an den Kraterrand gelangen.

Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in

2–300 Toisen Höhe; sie ist die am stärksten bewohnte und die einzige, wo

der Boden sorgfältig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von

Orotava und überall, wo die Winde freien Zutritt haben, hält sich der

hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag

auf 15–17°; im Sommer steigt die Hitze nicht über 25 oder 26°, ist also um

5–6° geringer als die größte Hitze, die jährlich in Paris, Berlin und

St. Petersburg eintritt. Dieß ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggi´s

in den Jahren 1795–1799. Die mittlere Temperatur der Küste von Teneriffa

scheint wenigstens 21° (16°,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der

Mitte zwischen dem von Neapel und dem heißen Erdstrichs. Auf der Insel

Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach

Heberden, 17°,7 und 23°,8, in Rom dagegen 5°,6 und 26°,1. Aber so ähnlich

sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewächse

er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von

Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in

Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, während der _Cheiranthus

mutabilis_ von Madera dort im Freien überwintert. Die Sommerhitze dauert

auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa.

In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien,

Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes

verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere

Gewächse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen

Blättern und der blaugrünen Färbung den Typus der Vegetation Afrikas

tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der

Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem

gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europäischen

Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von

Ende März bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des

Otaheite´schen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums

aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf

mehreren Punkten der Küste hat das Land ganz den Charakter einer

tropischen Landschaft. Chamärops und der Dattelbaum kommen auf der

fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Küste von Genua und in der

Provence bei Antibes unter 39–44 Grad der Breite ganz gut fort; einige

Dattelbäume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer

Temperatur von 2°,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem südlichen

Europa nur erst ein geringes Theil von Schätzen zugetheilt ist, welche die

Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die

unter derselben Breite liegt wie Egypten, das südliche Persion und

Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmückt, welche den

Landschaften in der Nähe des Aequators ihre Großartigkeit verleihen.

Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewächse vermißt man ungern die

Bäume mit den zartgefiederten Blättern und die baumartigen Gräser. Keine

Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum

Archipel der Canarien vorgedrungen, während sie auf beiden Continenten bis

zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia

uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Wälder

von Virginien verbreitet; in Afrika wächst die _Acacia gummifera_ auf den

Hügeln bei Mogador, in Asien, westwärts vom caspischen Meer, hat v.

Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt

gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der

Küste von Marocco am nächsten liegen, genauer untersuchte, könnten sich

doch unter so vielen Gewächsen der afrikanischen Flora leicht ein paar

Mimosen finden.

Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von

Teneriffa; es ist dieß auch die Region der Quellen, die aus dem immer

frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Wälder krönen die an den

Vulkan sich lehnenden Hügel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus

indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Bäumen

wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica

Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende

Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die

_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_),

der größte Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend

schönem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergrüne Baume aus der

Familie der Myrten. Winden und ein vom europäischen sehr verschiedener

Epheu (_Hedera canariensis_) überziehen die Lorbeerstämme, und zu ihren

Füßen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum,

A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes

canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei

Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in

der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad

überzogenen Boden prangen überall die Blüthen der _Campanula aurea_, des

_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer

strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_

und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien

bilden einen weiten Gürtel um das Gebiet der Quellen, welches das grünste

und lieblichste von allen ist.

Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Höhe, da wo die letzten

Gebüsche von Erdbeerbäumen, _Myrica Faya_ und des schönen Heidekrauts

stehen, das bei den Eingeborenen Texo heißt. Diese 400 Toisen breite Zone

besteht ganz aus einem mächtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets

_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife

Blätter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da

wir ihre Früchte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese

Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den

achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt

kennen. Nach der Ansicht eines berühmten Botanikers, dessen Reisen die

Pflanzengeographie Europas sehr gefördert haben, de Candolle,

unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus

atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28)

die dem Becken des mittelländischen Meeres angehört und nicht über die

Säulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir

am Pic etwa in 1200 Toisen Höhe über dem Meer. In den Cordilleren von

Neuspanien, im heißen Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu

2000 Toisen Höhe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben

Pflanzengattung im Bau übereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem

Fortkommen einen bestimmten Grad von Wärme und Verdünnung der umgebenden

Luft. Wenn in den gemäßigten Landstrichen und überall, wo Schnee fällt,

die constante Bodenwärme etwas höher ist als die mittlere Lufttemperatur,

so ist anzunehmen, daß in der Höhe des Portillo die Wurzeln der Fichten

ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der

Thermometer höchstens auf 9 bis 10 Grad steigt.

Die *vierte und fünfte Zone*, die der Retama und der Gräser, liegen so

hoch wie die unzugänglichsten Gipfel der Pyrenäen. Es ist dieß der öde

Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertrümmerter

Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den

blühenden Büschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede,

welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewächse,

_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf

bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten

Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ dürre Strecken; die Hirten zünden

sie häufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel

des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des

verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten

Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thätigkeit organischer

Kräfte.

Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, daß die

ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbäumen und Fichten

erscheint, der kaum an seinen Rändern von Menschen urbar gemacht ist, und

in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschließt, das weder zum

Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung läßt sich der

Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift

Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro

und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von

einander ab. Die ostwärts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura,

haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und

diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent

getrennter Länder. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu

denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und

_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den

Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land

höher, stärker bewaltet, und besser von Quellen bewässert.

Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewächse, die auch in

Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika

vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa,

Porto-Santo und Madera eigenthümlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_,

_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein

nördlicher ansprechen läßt, der der Kreuzblüthen, [Von den wenigen

Cruciferen in der Flora von Teneriffa führen wir an: _Cheiranthus

longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_,

_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit

seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Süden, im tropischen

Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur über 22° ist,

verschwinden die Kreuzblüthen fast gänzlich.

Eine Frage, die für die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des

organischen Lebens auf dem Erdball von großer Bedeutung erscheint, ist in

neuerer Zeit viel besprochen worden, nämlich, ob polymorphe Gewächse auf

vulkanischen Inseln häufiger sind als anderswo? Die Vegetation von

Teneriffa unterstützt keineswegs die Annahme, daß die Natur auf

neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhält. Broussonet,

der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, veränderlich

Gewächse seyen nicht häufiger als im südlichen Europa. Wenn auf der Inseln

Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr

von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herrühren, als davon, daß die

Vegetation jung ist?

Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa

einiges Licht über Gegenstände verbreitet zu haben, die bereits von so

vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, daß die

Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld

darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie

England, Frankreich, Spanien, Dänemark und Rußland zu ihrem Ruhme

unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie

dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, müßten sie genau

beschrieben seyn; sie haben vergessen, daß das Innere von Neuholland

geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und

Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr für Jahr

ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Länder Europas. Es wäre

wünschenswerth, daß einer und der andere, den ächte Liebe zur Wissenschaft

beseelt und dem die Verhältnisse eine mehrjährige Reise gestatten, den

Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des grünen

Vorgebirgs und die Nordwestküste von Afrika bereiste. Nur wenn man die

atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben

Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt

man zur genauen Kenntniß der geologischen Verhältnisse und der Verbreitung

der Thiere und Gewächse.

Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue übersetze, habe ich einen

Gegenstand zu berühren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich

auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhängnisse

bezieht, durch welche ganze Volkssstämme vom Erdboden verschwunden sind.

Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser

Länder hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den

Guanchen geworden ist, deren in Höhlen versteckte, vertrocknete Mumien

ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fünfzehnten Jahrhundert

holten fast alle Handelsvölker, besonders aber die Spanier und

Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Küste von

Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten,

welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um

Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten

nach dem Jahr 1530 fallen müßten.] Die christliche Religion, die in ihren

Anfängen die menschliche Freiheit so mächtig förderte, mußte der

europäischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen

wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man

noch nicht zu beweisen gesucht, daß der Neger ein Mittelding zwischen

Mensch und Thier ist; der gebräunte Guanche und der afrikanische Neger

wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt

nicht über die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der

Sklaverei verfallen sollen.

Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich

gegenüber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhängigen

Fürsten unterworfen, wie in der Südsee und überall, wo die Cultur noch auf

tiefer Stufe steht. Die Handelsvölker befolgten damals hier dieselbe

arglistige Politik, wie jetzt auf den Küsten von Afrika: sie leisteten den

Bürgerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und

dieser verkaufte jenen den Europäern; manche zogen den Tod der Sklaverei

vor und tödteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevölkerung der

Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenräuberei der Piraten,

besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste

erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der

Guanchen raffte im Jahr 1494 größtentheils die berühmte Pest, die

sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die

Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein

halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande

neben einer civilisirten Nation leben muß, so sucht es sich in den

Gebirgen und Wäldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere

Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des

siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; außer ein paar alten

Männern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr.

Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß die Weißen es nicht immer verschmäht

haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen

Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Isleños* heißen, haben

triftige Gründe, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen

Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der

Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa

niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann

die Hautfarbe der Weißen durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar

verändert worden seyn. Es ist Thatsache, daß gegenwärtig kein Eingeborener

von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind

im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke,

schnellfüßige Guanchen zu Führern gehabt zu haben. Allerdings wollen

einige canarische Familien vom letzten Hirtenkönig von Guimar abstammen,

aber diese Ansprüche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder

laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust

bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Königs von Spanien

umzuthun.

Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms

erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemüthsart der Guanchen zu

rühmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti

gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glänzender als wahr.

Wenn die Völker, erschöpft durch geistige Genüsse, in der Verfeinerung der

Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen

Reiz in der Vorstellung, daß in weit entlegenen Ländern, beim Dämmerlicht

der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen,

ungestörten Glückes genießen. Diesem Gefühl verdankt Tacitus zum Theil den

Beifall, der ihm geworden, als der den Römern, den Unterthanen der

Cäsaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefühl gibt den

Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen

Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den

unbeschreiblichen Reiz.

Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark

gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer

Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir

unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war

diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeiführt und sie nicht enden

läßt, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk:

»Achaman, der große Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys,

geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln

hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses jüngere

Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das

höchste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu

seyn, und habe kein Eigenthum nöthig.« Eine solche Ueberlieferung mußte

den reichen Vasallen der Hirtenkönige ungemein behagen; auch stand dem

Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und

ein Gesetz verordnete, daß jeder Achimencey, der sich herbeiließe, eine

Ziege mit eigenen Händen zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte.

Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des

homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfängen der

Cultur die nützliche Beschäftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit

Verachtung gebrandmarkt sieht.

Die Guanchen waren berühmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die

Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber übertrieben ihre

Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm

am Südende von Amerika eine colossale Körpergröße zuschrieb. Mumien von

Guanchen habe ich nur in den europäischen Cabinetten gesehen; zur Zeit

meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man müßte sie aber in

Menge finden, wenn man die Grabhöhlen, die am östlichen Abhang des Pics

zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmännisch

aufbrechen ließe. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, daß ganze Körper

mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heißt

ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich großen Individuums, von

dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schädelbildung ähnelt

einigermaßen der der weißen Race der alten Egypter, und die Schneidezähne

sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese

Zahnform ist rein künstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung

der alten Guanchen haben geübte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta

collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, daß sie

im Jochbein un dim Unterkiefer von den ägyptischen Mumien bedeutend

abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel

aromatischer Kräuter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_

vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnüren geschmückt, an denen

kleine Scheiben aus gebrannter Erde hängen, die als Zahlzeichen gedient zu

haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen

Aehnlichkeit haben.

Da im Allgemeinen die Bevölkerung von Inseln den umwandelnden Einflüssen,

wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die

Bevölkerung der Festländer, so läßt sich annehmen, daß der Archipel der

Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm

bewohnt war, den die normännischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das

einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen

kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert

fünfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der

verschiedenen Inseln bedeuten. Außer diesen Worten, die man sorgfältig

gesammelt, hat man in den Namen vieler Dörfer, Hügel und Thäler wichtige

Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und

alle sehr alten Völker, benannten die Oertlichkeiten nach der

Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen,

deren Höhlen ihnen als Wohnstätten dienten, nach den Baumarten, welche die

Quellen beschatteten.

Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine

Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch

Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden

und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den

slavischen Völkern, in Nordafrika über eine ungeheure Strecke verbreitet

sind, hat man gefunden, daß in der Sprache der Guanchen und in den

Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben.

Wir führen folgende Beispiele an:

+-------------+----------------+----------------+

| | Guanchisch | Berberisch |

+-------------+----------------+----------------+

| Himmel, | *Tigo*, | *Tigot.* |

+-------------+----------------+----------------+

| Milch, | *Aho*, | *Acho.* |

+-------------+----------------+----------------+

| Gerste, | *Temasen* | *Tomzeen.* |

+-------------+----------------+----------------+

| Korb, | *Carianas* | *Carian.* |

+-------------+----------------+----------------+

| Wasser, | *Aenum* | *Anan.* |

+-------------+----------------+----------------+

Ich glaube nicht, daß diese Sprachähnlichkeit ein Beweis für gemeinsamen

Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, daß die Guanchen in alter Zeit

in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die

Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des

Atlas durch das Harudjé und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah

sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von

*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche

Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Völker, welche die

Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in

seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs

mit langen Haaren beschreibt, so erinnert dieß an die körperlichen

Eigenschaften der canarischen Guanchen.

Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht,

desto mehr zeigt sich, daß keine ganz allein steht; diesen Anschein würde

auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem

Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wüßte, Elemente, welche von

größerer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhält sich mit

gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der

Reihe der natürlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen

nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine

größere Masse von Bildungen überblickt, wo dann die vermittelnden Glieder

hervortreten.

Gelehrt, die überall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt,

Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die

Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, ächter Atlanten, zu

denen die Tibbos und Tuarycks der Wüste gehören. [Hornemanns Reise von

Cairo nach Mourzouk.] Es genügt hier aber an der Bemerkung, daß eine

solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und

dem Coptischen, das mit Recht für ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen

gilt, unterstützt wird.

Das Volk, das die Guanchen verdrängt hat, stammt von Spaniern und zu einem

sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstämme

drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet

sich dennoch der letztere durch weißere Haut aus. Die Nachkommen der

Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de

Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch

ziemlich häufig vor. Die Canarier sind ein redliches, mäßiges und

religiöses Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in

fremden Ländern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner,

wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und

in Amerika überall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem

la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man großentheils die

Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum

160,000 Einwohner, und der *Isleños* sind vielleicht in der neuen Welt

mehr als in ihrer alten Heimath.

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

| | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. |

| | Seemeilen | | | |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Teneriffa | 73 | 1790 | 70,000, | 958 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Fortaventura | 63 | 1790 | 9,000, | 142 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Die große | 60 | 1790 | 50,000, | 833 |

|Canaria | | | | |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Palma | 27 | 1790 | 22,600, | 837 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Lancerota | 26 | 1790 | 10,000, | 384 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Gomera | 14 | 1790 | 7,400, | 528 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

|Ferro | 7 | 1790 | 5,000, | 714 |

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20–24,000 Pipes, worunter 5000

Malvasier; jährliche Ausfuhr von Wein 8–9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte

des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht

diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die großentheils von Mais,

Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und

der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel

sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung,

die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster.

Auf nationalökonomische Erörterungen über die Wichtigkeit der canarischen

Inseln für die Handelsvölker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich

beschäftigte mich während meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana

lange mit statistischen Untersuchungen über die spanischen Colonien, ich

stand in genauer Verbindung mit Männern, die auf Teneriffe bedeutende

Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben über den

Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte

nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu

Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken,

die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich

beschränke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die

ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag.

Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Ländern,

welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, über das Maaß

gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von

Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der

Hesperiden; sie können das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen

Anbau nicht genug rühmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten mußten,

sahen in den glückseligen Inseln nichts als ein kahles, dürres, von einem

elenden, geistesbeschränkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, daß

die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und

vulkanischen Ländern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die

canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich

Quellen finden, wo künstlich bewässert wird oder häufig Regen fällt, da

ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleißig,

aber es entwickelt seine Thätigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als

auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stößt, die eine kluge

Verwaltung allmählich aus dem Wege räumen könnte. Die Auswanderung wird

abnehmen, wenn man sich entschließt, das unangebaute Grundeigenthum des

Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Ländereien, welche zu

den Majoraten der großen Familien gehören, zu verkaufen und allmählich die

Feudalrechte abzuschaffen.

Die gegenwärtige Bevölkerung der Canarien erscheint allerdings

unbedeutend, wenn man sie mit der Bevölkerung mancher europäischen Länder

vergleicht. Die Insel Madera, deren fleißige Bewohner einen fast von

Pflanzenerde entblößten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als

Teneriffa, und doch doppelt so stark bevölkert; aber die Schriftsteller,

die sich darin gefallen, die Entvölkerung der spanischen Colonien mit so

grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen

Hierarchie suchen, übersehen, daß überall seit der Regierung Philipps V.

die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist.

Bereits ist auf den Canaren die Bevölkerung relativ stärker als in beiden

Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerückt

stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flächeninhalt

hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zählt.

Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten

bevölkert sind, Getreide ausführen, während Teneriffa gewöhnlich nicht

zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den

Schluß ziehen, daß auf letzterer Insel die Bevölkerung aus Mangel an

Lebensmitteln nicht zunehmen könnte. Die canarischen Inseln sind noch auf

lange vor den Uebeln der Ueberbevölkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus

so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um

vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingeführt ist und man

angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen.

Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und

ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, muß man sie

nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Fleiß auf gewaltige Hemmnisse

stößt; man muß sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem

Rücken der Anden, auf den glühenden Ebenen der Philippinen, überall wo

sie, einsam in unbewohnten Ländern, Gelegenheit finden die Kraft und die

Thätigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind.

Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des

europäischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die

castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des

*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und

Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte

Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist,

und es ist zu hoffen, daß die glückseligen Inseln, wo der Mensch wie

überall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst

einen eingebornen Dichter finden, der sie würdig besingt.

------------------

10 Die Schwäche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbäumen, die

auf magerem sandigen Boden in der Nähe des baltischen Meeres gezogen

werden. Die Spätfröste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbäumen

in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem

Gefrierpunkt kräftige Orangenbäume nicht um. Diese Bäume, die

weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst

bei –10° der hunderttheiligen Scale.

11 Adanson wundert sich, daß die Baobabs nicht von andern Reisenden

beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynäus, daß

schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Bäume

spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig

sagt: _»eminentia altitudinis non quadrat magnitudini.«

Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap

Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen,

deren Stamm 56 bis 60 Fuß im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fuß

Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen.

12 Ebenso verhält es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_,

die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fuß

über dem Boden noch 15 7/10 Fuß im Durchmesser hatten. Die Taxus,

die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die

Bombax, die Mimosen, die Cäsalpinen, die Hymenäen und die

Drachenbäume sind, wie mir scheint, die Gewächse, bei denen in

verschiedenen Klimaten Fälle von so außerordentlichem Wachsthum

vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr

1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux,

sieben Lieues von Abbéville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum

von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traullée hatt

der Stamm der Eiche 14 Fuß Durchmesser.

13 Schousboue (Flora von Marocco) erwähnt seiner nicht einmal unter den

cultivirten Pflanzen, während er doch vom Cactus, von der Agave und

der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen

Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und

auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die

Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d’Aitons ist eine

_Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem

Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren

Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen

Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehören, unter denen sich

einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenklöstern

Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefärbt sind, und

die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren

sollten.

14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im

Brauch. Edens, der alle spanischen Wörter verdreht, wie noch heute

die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station

des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhöhen

hervorgeht. Diese Höhen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5

Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien,

während er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch

stand.

15 In den meisten Erdhöhlen, z. B. in der von Saint George, zwischen

Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwänden selbst im Sommer

eine dünne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung

gemacht, daß der Thermometer alsdann in der Luft der Höhle nicht

unter 2 – 3° steht, so daß man das Frieren des Wassers einer

örtlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat.

16 In der Rechung wurden für 91° 54’ scheinbaren Abstands vom Zenith

57’ 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang

auf dem Pic von Teneriffa um so viel früher, als sie braucht, um

einen Bogen von 1° 54’ zurückzulegen. Für den Gipfel des Chimborazo

nimmt dieser Bogen nur um 41’ zu. Die Alten hatten so übertriebenen

Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem

Gipfel hoher Berge, daß sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg

Athos drei Stunden früher sichtbar, als am Ufer des ägeischen

Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur

713 Toisen hoch.

17 Diese Frage ist mit großem Scharfsinn von Breislack in seiner

_Introduzzione alle Geologia_ erörtert. Der Cotopaxi und der

Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah,

liegen weiter vom großen Ocean und dem Meere der Antillen als

Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann

es allerdings nicht als einen bloßen Zufall ansehen, daß man keinen

thätigen Vulkan entdeckt hat, der über 40 Seemeilen von der

Meeresküste läge; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von

den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt würde, scheint mit

sehr zweifelhaft.

18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom

Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3°,5 ab,

Salvage dagegen nur 2° 1’. Die Insel Madera, die 4° 29’ entfernt

ist, wäre nur dann zu sehen, wenn ihre Berge über 3000 Toisen hoch

wären.

19 »_La refraction de par todo._« Wir haben schon oben bemerkt, daß die

amerikanischen Früchte, welche das Meer häufig an die Küsten von

Ferro und Gomera wirft, früher für Gewächse der Insel San Borondon

gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen

Erzbischof und sechs Bischöfen regiert wurde, und das, nach Pater

Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der

Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom König von

Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung

desselben rüstete.

20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am

2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf

13°,8, in der Sonne auf 20°,5; Unterschied oder Wirkung der

Sonne: 6°,7.

21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont

Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und

zerlegten sie im Volta´schen Eudometer. Sie enthielt keinen

Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser

Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten.

22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die

Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel

Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht

unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Engländer sich der

Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des

Pics und zur Rückkehr in den Hafen 21 Stunden; nämlich von Orotava

zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da

nach der Caldera 3 ½. Für die Rückkehr rechne ich 9 Stunden. Es

handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt,

keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des

Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von

Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava.

23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal

eine große menschenähnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt

sie als durchaus behaarte Weiber, und als höchst bösartig, weil sie

sich mit Nägeln und Zähnen wehrten. Er rühmt sich, ihrer drei die

Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die

Insel der Gorillas an die Mündung des Flusses Nun, aber nach dieser

Annahme müßte der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden

sah, unter 35½ Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika.

_ 24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex

semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist

gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und

mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer

der hesperischen Inseln, wie Abbé Viera und nach ihm verschiedene

Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die

folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierüber: Herodot IV, 184.

Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor

von Sicilien III.

25 Der Berg hieß auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin.

Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach

Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist höchst

zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den

orientalischen Völkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in

*Daran*, wie die arabischen Geographen den östlichen Theil des

Atlasgebirges nennen.

_ 26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et

inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus

conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta

vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a

longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in

medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim

mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter

flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui

capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad

terras incognitas c. 8._

27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit

Schnee bedeckt, könnte der Vulkan doch die seiner Breite

entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz

schneefrei ist, so könnte dieß nur von der freien Lage des Berges in

der weiten See, von der Häufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde

oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herrühren.. Beim

gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel

nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der

Pyrenäen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die

Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt

worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0°,

20°, 45°, 62° und 71° nördlicher Breite bekannt sind, unendliche

viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr

mangelhaft durch Rechnung ergänzt werden. Ohne es bestimmt zu

behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, daß unter 28° 17’

die Schneegrenze über 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der

Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Höhe des Montblanc beginnt,

bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heißen Erdstrichs,

rückt der Schnee nur 100 Toisen herab; läßt sich demnach annehmen,

daß 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein

tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen

sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rückte vom 20. bis zum

45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den

Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der

Breite des Pic erst bei 2050 Toisen über der Meeresfläche an, somit

550 Toisen höher als in den Pyrenäen und in der Schweiz. Dieses

Ergebniß wird noch durch andere Beobachtungen unterstützt. Die

mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in

Berührung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem

Aequator ein paar Grad über dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 28½

Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz

der Wärmeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee

in 2058 Toisen über einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von

21°, wie sie der Küste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben muß.

Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme

einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der

Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute

Höhe 1781 Toisen beträgt, ist beständig mit Schnee bedeckt; da aber

die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so

trägt dieser Berg, der unter 37° 10’ der Breite liegt, zur Lösung

des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von

Teneriffa mitten auf einer nicht großen Insel kann die Curve des

ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter

auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer

weniger heiß, und die Höhe des Schnees hängt nicht sowohl von der

ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere

Wärme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon

bei 1500 Toisen oder selbst etwas tiefer, was bei einem unter 37½°

der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der

Nähe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwährend aus

dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der

Unterschied zwischen Inseln oder Küsten und dem inneren Lande höchst

auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjöckull, unter 65° der

Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen,

unter 67°, fern von der Küste in 600 Toisen Höhe, und doch sind hier

die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur

geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als

wahrscheinlich, daß Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie

annehmen, daß der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen

Schrees erreiche. Unter 28° 17’ der Breite ergeben sich für diese

Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem

Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet.

Dieser Punkt wird vollständig ins Reine gebracht werden, wenn einmal

der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 31½

Grad Breite ewiger Schnee liegt.

_ 28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hieße diese Fichte,

die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien

gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei

vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum

in den Fichtenwäldern des südöstlichen Frankreichs, wo sie von Gonan

und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist.

29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das

schöne _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die

Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia

Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39° der Breite vorkommt,

wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der

Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild,

Hofmannsegg hat sehr alte Stämme gesehen, es bleibt aber

zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch

oder eingeführt ist. Denkt man über die Wanderungen der Gewächse

nach zieht man in Betracht, daß es geologisch möglich ist, daß

Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch

nunmehr im Meer versunkene Länder zusammengehangen habe, so

erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum

mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den

Azoren vorkäme.

30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende

Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Völker:

Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan;

*Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *König*

bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der

Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der

Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen über Amerika,

S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_,

Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in

letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1. · 第 8 / 16 题