ZWEITES KAPITEL

Aufenthalt auf Teneriffa — Reise von Santa Cruz nach Orotava —

Besteigung des Pics

Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwährend so

dunstig, daß trotz der ansehnlichen Höhe der Berge Canarias _(Isla de la

gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die

Kornkammer des Archipels der »glückseligen Inseln«, und man behauptet, was

für ein Land außerhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen

erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im

Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht

worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten

streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von

Lancerota und Teneriffa. Nichts ist für den Geologen anziehender als die

Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen

Bildungen zu den Urgebirgen und den securdären Gebirgen verhalten. Sind

einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so

wird sich zeigen, daß man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer

Hebung durch unterseeische Feuerausbrüche zugeschrieben hat.

Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_

oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwährend unsichtbar. Das

Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse.

Als wir uns der Rhede von Santa Cruz näherten, bemerkten wir, daß der

Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie

fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das

Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, daß man kaum auf ein

paar Kabellängen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren,

zerstreute sich der Nebel völlig, und da erschien der Pic de Teyde in

einem freien Stück Himmel über den Wolken, und die ersten Strahlen der

Sonne, die für uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des

Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses

herrlichen Schauspiels zu genießen, da signalisirte man vier englische

Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir

waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne daß sie uns bemerkt hatten, und

derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr

entrückt, nach Europa zurückgebracht zu werden. Wohl wäre es für

Naturforscher ein großer Schmerz gewesen, die Küste von Teneriffa von

weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerrütteten Boden nicht

betreten zu dürfen.

Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro näherte sich so viel möglich

dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede,

als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Engländer zu landen versuchten, riß

eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der

Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andrès de Perlasca.]

schickte an den Capitän der Corvette den Befehl, alsbald die

Staatsdepechen für die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die

Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich

von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd

gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in

den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen müssen, und mehrere Passagiere,

die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren

gefangen worden.

Die Lage dieser Stadt hat große Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem

besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus

denselben Ursachen sehr groß; aber von außen erscheint Santa Cruz

trübseliger. Auf einem öden, sandigen Strande stehen blendend weiße Häuser

mit platten Dächern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten

Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein hübscher Hafendamm aus gehauenen

Steinen und der öffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die

einzige Abwechselung in das eintönige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich

der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift

der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der

wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am

Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das

vulkanische Gestein mit kräftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie

sogar Völker, welche unter dem schönen Himmel von Griechenland und Italien

wohnen, im östlichen Teil von Teneriffa eine der glückseligen Inseln

gefunden zu haben meinten. Die Ostküste dagegen, an der Santa Cruz liegt,

trägt überall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist

nicht öder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga

zuläuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den

Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die

Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 ½°, während auf dem

Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4° 36’ beträgt. [Der Spitze des

Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.]

Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum

so weit über den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel

aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker

auf der Rhede zum erstenmal sieht, äußerst großartig. Wir sahen nur den

Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, während

schwarze dicke Wolken den übrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Höhe

einhüllten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf

ein röthliches Licht zurück, dem ähnlich, das häufig die Gipfel der

Hochalpen färbt. Allmählich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiß

über, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey

noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit großer Mühe an den Rand des

Kraters gelangen können.

Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, daß

Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich öfter unbewölkt

zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist,

wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz

seiner Kegelgestalt, einen großen Theil des Jahres in Dunst gehüllt, und

zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang

nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklärt sich ohne Zweifel daraus,

daß er westwärts von einem großen Festland und ganz isoliert im Meere

liegt. Die Schiffer wissen recht gut, daß selbst die kleinsten,

niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdieß erfolgt

die Wärmeabgabe über den Ebenen Afrika’s und über der Meeresfläche in

verschiedenem Verhältniß, und die Luftschichten, welche die Passatwinde

herführen, kühlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen.

Die Luft, die über dem hießen Wüstensand ausnehmend trochen war,

schwängert sich rasch, sobald sie mit der Meeresfläche oder mit der Luft,

die auf dieser Fläche ruht, in Berührung kommt. Man sieht also leicht,

warum die Dünste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland

weggeführt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser

gesättigt hatten. Zudem hält die bedeutende Masse eines frei aus dem

atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind

der hohen See zutreibt.

Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des

Statthalters, ans Land gehen zu dürfen. Ich nützte die Zeit, um die Länge

des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der

Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu

18° 33’ 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3–4 Bogenminuten von derjenigen

ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingré, Borda,

Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte übrigens gleichfalls

18° 33’ 36" gefunden und der unglückliche Capitän Blight 18° 34’ 30". Die

Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition

des Ritters Krusenstern bestätigt: man fand für Santa Cruz 16° 12’ 45"

westlich von Greenwich, folglich 18° 33’ 0" westlich von Paris. Diese

Angaben zeigen, daß die Längen, welche Capitän Cook für Teneriffa und das

Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe

Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61° 52’

gefunden. Bonpland und ich fanden 62° 24’, was mit dem Resultat

übereinstimmt, das de Rossel bei d’Entrecasteaux’s Expedition im Jahr 1791

erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem

man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwärts längs

des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen können ein einem von

vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit

Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, daß am Abhang des Vesuvs und im Innern

des Kraters die Intensität der magnetischen Kraft durch die Nähe der Laven

modicirt wird.

Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach

politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen

geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur

Corvette zurückgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefährliche Brandung

es leicht hätte am Hafendamm zertrümmern können. Das erste, was uns zu

Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebräuntes, schlecht

gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hieß. Hinter ihr kamen einige

andere in nicht anständigerem Aufzug; sie bestürmten uns mit der Bitte, an

Bord des Pizarro gehend zu dürfen, was ihnen natürlich nicht bewilligt

wurde. In diesem von Europäern so stark besuchten Hafen ist die

Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als

Anführerin gewählt, und sie hat große Gewalt über sie. Sie läßt nichts

geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht verträgt, sie

fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurückzukehren, und die

Officiere wenden sich an sie, wenn man fürchtet, daß sich einer von der

Mannschaft versteckt habe, um auszureißen.

Als wir die Straßen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiß

vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange

Seeluft geathmet hat, fühlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land

geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthält als die Luft am Land,

wie man irrthümlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den

Gasgemischen geschwängert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe

und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwährend in den

Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse

entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit

längerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind.

Santa Cruz de Tenerifa, das Añaza der Guanchen, ist eine ziemlich hübsche

Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Mönchen und

Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Ländern unter spanischem

Zepter sehen zu müssen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch

nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der

Dominicaner, die kaum ein paar hundert Bände zählt, den Hafendamm, wo die

Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kühle zu genießen, und das

berühmte dreißig Fuß [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht

unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedächtniß ihrer wunderbaren

Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz

ist eigentlich ein großes Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und

Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von

Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der

Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so läßt dagegen die Topographie

der kleinen Städte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu

wünschen übrig.

Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie

in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor

allem ertheilte uns der Generalcapitän die Erlaubniß, die Insel zu

bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes,

nahm uns in seinem Hause auf und überhäufte uns mit Höflichkeit. Wir

wurden nicht müde, in seinem Garten im Freien gezogene Gewächse zu

bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhäusern gesehen hatten, den

Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das

Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den ächten _Platano

arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine

mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale

von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa

sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und

*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird

sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt

beträgt nur 18°.]; aber die Früchte, die man zuweilen zu Cadix sieht,

kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier

Tagen machen. Die Musa, die allen Völkern der heißen Zone bekannt ist, und

die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren

Früchten, wie unsere Apfel- und Birnenbäume. Diese Varietäten, welche die

meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate

verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden.

Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto

längs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit

unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der

Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_,

_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche

ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie

wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, daß diese Inseln Afrika

angehören, und zwar dem dürrsten Striche dieses Festlandes.

Der Capitän der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, daß

wir die Spitze des Pics besteigen könnten, wenn anders der Schnee es

gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der

englischen Schiffe dürften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fünf

Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der

am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Führer zu finden sollten. In

Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt

hätte, und ich wunderte mich nicht darüber. Die merkwürdigsten Dinge haben

desto weniger Reiz für uns, je näher sie uns sind, und ich kannte

Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Nähe gesehen hatten.

Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la

Laguna, die 350 Toisen [682 m] über dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir

konnten diese Höhenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung

hatten in der Nacht nicht an Bord gehen können, um Barometer und

Inclinationscompaß zu holen. Da wir voraussahen, daß wir bei unserer

Besteigung des Pic sehr würden eilen müssen, so war es uns ganz lieb, daß

die Instrumente, die uns in unbekannteren Ländern dienen sollten, hier

keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf läuft an der

rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit

schöne Fälle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner

Rückkehr habe ich gehört, Herr von Perlasca habe hier eine neue Straße

anlegen lassen, auf der Wagen fahren können. Bei der Stadt begegneten uns

weiße Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden

vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der

Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewöhnlich zwei Kisten Havanazucker

auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13

Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die

Kameele nicht sehr häufig, während ihrer auf Lanzerota und Fortaventura

viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika näher und kommen daher

auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent überein. Es ist

sehr auffallend, daß dieses nützliche Thier, das sich in Südamerika

fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt

von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die

Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde,

sind im fünfzehnten Jahrhundert durch die normännischen Eroberer auf den

Canarien eingeführt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies

erklärt sich wohl leicht daraus, daß ein so gewaltiges Thier schwer auf

schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne daß man die Guanchen als

die Ueberreste der Bevölkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben

braucht, sie gehören einer anderen Rasse an als die Westafrikaner.

Der Hügel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehört dem

System von Basaltgebirgen an, die, unabhängig vom System neuerer

vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Gürtel um den Pic von Teneriffa

bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht säulenförmig, sondern zeigt nicht

sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 – 40 Grad

fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhängen

der Pics ausgebrochen wäre. Hat der gegenwärtige Vulkan diese Basalte

hervorgebracht, so muß man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die

Somma neben dem Vesuv besteht, daß sie in Folge eines unterseeischen

Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet

wurde. Außer einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und

Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im südlichen Europa

und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, wächst nichts auf

diesem dürren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf

stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines

alten Pflasters. Bei jedem Schritt stößt man in den Colonien auf Spuren

der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert

entwickelt hat.

Je näher wir Laguna kamen, desto kühler wurde die Luft, und dies thut um

so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiß ist. Da widrige

Eindrücke unsere Organe stärker angreifen, so ist der Temperaturwechsel

auf dem Rückweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man

nähere sich der Mündung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung,

wenn man an der Küste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra

niedersteigt. Nach dem Gesetz der Wärmeabnahme machen in dieser Breite 350

Toisen Höhe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze,

welche dem Reisenden so lästig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder

Guayra betritt, ist daher wohl dem Rückprallen der Wärme von den Felsen

zuzuschreiben, an welche beide Städte sich lehnen.

Die fortwährende Kühle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt für die

Canarier zu einem köstlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene,

umgeben von Gärten, am Fuße eines Hügels, den Lorbeeren, Myrten und

Erdbeerbäume krönen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein

freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren

Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier

periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der überall in der Natur

vielmehr einen früheren Zustand der Dinge als den gegenwärtigen im Auge

hat, zweifelt nicht daran, daß die ganze Ebene ein großes ausgetrockenetes

Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die

Seitenausbrüche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstört haben und

Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zählt nur

noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Mönche in sechs Klöstern. Manche

Reisende behaupten, die Hälfte der Bevölkerung bestehe aus Kuttenträgern.

Die Stadt ist mit zahlreichen Windmühlen umgeben, ein Wahrzeichen des

Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser

Gelegenheit, daß die nährenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das

Korn hieß auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hieß

auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geröstetes

Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel

dieses Volkes, über dessen Ursprung so viele systematische Träumereien

ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, daß die

Guanchen zu den Völkern der alten Welt gehörten, wohl selbst zur

caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier

auf keine Verhandlung über die Existenz der Atlantis ein und erwähne nur,

daß nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten,

weil sie von der übrigen Menschheit getrennt worden, bevor überhaupt

Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstämmen der neuen Welt; die letzteren

kannten vor der Ankunft der Europäer weder Getreide, noch Milch, noch

Käse.

Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die

Stadt Laguna. Umgeben von immergrünen Bäumen auf kleinen Anhöhen, erhöhen

diese Capellen, wie überall den malerischen Reiz der Landschaft. Das

Innere der Stadt entspricht dem Aeußern durchaus nicht. Die Häuser sind

solid gebaut, aber sehr alt und die Straßen öde. Der Botaniker hat

übrigens nicht zudauern, daß die Häuser so alt sind. Dächer und Mauern

sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen

_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die häufigen Nebel geben

diesen Gewächsen Unterhalt.

Anderson, der Naturforscher bei Capitän Cooks dritter Reise, gibt den

europäischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken,

keineswegs auf der Rücksicht, welche manche Heilkünstler die entlegendsten

Bäder wählen läßt, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmäßigkeit

des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf

und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maaßstab, alle

Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz,

der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier

Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das

südliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der

Jahreszeiten sich noch zu stark fühlbar macht. Teneriffa dagegen,

gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von

Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die

Natur die Länder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich

treten bereits mehrere der schönsten und großartigsten Gestalten auf, die

Bananen und die Palmen. Wer Sinn für Naturschönheit hat, findet auf dieser

köstlichen Insel noch kräftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der

Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen

schmerzlich ergriffenen Gemüthe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa

und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die

reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren

Anblick einen in beiden Indien so tief empört, wie überall, wohin

europäische Colonisten ihre sogenannte Aufklärung und ihre Industrie

getragen haben.

Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen

sich häufig über Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man

schließen sollte, daß die mittlere Temperatur der Stadt über 18°,7

(15° R.) beträgt, das heißt mehr als in Neapel. Für streng kann dieser

Schluß nicht gelten; denn im Winter hängt die Erkältung der Wolken weniger

von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der

augenblicklichen Erniedrigung der Wärme, der ein Ort vermöge seiner

besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von

Mexico ist z. B. nur 16°,8 (13°,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren

nur ein einziges mal schneien sehen, während es im südlichen Europa und in

Afrika noch an Orten schneit, die über 19 Grad mittlere Temperatur haben.

Wegen der Nähe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als

es nach der Meereshöhe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit

Verwunderung hörte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava,

Brotfruchtbäume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbäume _(Laurus cinnamomum)_

angepflanzt. Diese köstlichen Gewächse der Südsee und Ostindiens wurden

hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht

beweisen, daß der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada

fortkäme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maaße

gelungen, wenn auch die Früchte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von

Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich

sind örtliche Verhältnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und

die Winde, die in der Blüthezeit wehen, daran Schuld. In andern Ländern,

z. B. bei Neapel, trägt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Früchte,

obgleich die mittlere Temperatur kaum über 18 Grad der hunderttheiligen

Scale beträgt.

Auf Teneriffa ist die mittlere Höhe, in der jährlich Schnee fällt, noch

niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung

leicht auszuführen, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen

versäumt worden; und doch ist diese Bestimmung von großem Belang für den

Ackerbau in den Colonien und für die Meteorologie, und ganz so wichtig als

das Höhenmaaß der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die

Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht

zusammen.

Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhältniß, das heißt die

Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitäten

können Ausnahmen herbeiführen. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr

selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad

der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko

fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] über dem Meere liegt. Dies war seit

mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniß trat gerade am

Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natürlich

dieser Gewaltmaaßregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel

bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan.

Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19° 41’ der Breite nur

tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner

Ankunft in Neuspanien die Straßen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt.

Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte über Esperanza de la Laguna,

dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gärten Brotbäume wachsen,

schneien sehen. Dieser außerordentliche Fall wurde Broussonet von sehr

alten Leuten erzählt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus

callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im

Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist für die

Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heißen Ländern sind die Gewächse

so kräftig, daß ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange

anhält. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut

gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast

auf den Gefrierpunkt fällt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und

Dattelbäume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kälte hat.

Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, daß

Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zärtlich und somit auch für

ungewöhnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als

solche, die in einem Erdreich wachsen, daß ihnen nur wenig Nahrungssäfte

bietet(10)

Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westküste von

Teneriffa kommt man zuerst durch ein hügligtes Land mit schwarzer

thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle

findet. Wahrscheinlich reißt das Wasser diese Krystalle vom anstehenden

Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige

Flötzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen

Schluchten kommen säulenförmige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und

darüber sehr neue, den vulkanischen Tuffen ähnliche Mengsteine. In

denselben sind Bruchstücke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und

wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin;

ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor.

Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land,

von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe

im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist,

reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer

des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schönen Thäler von Mexiko

durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so

anziehendes, durch die Vertheilung von Grün und Felsmassen so harmonisches

Gemälde vor mir gehabt zu haben.

Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Cocosnußbäume; weiter oben

stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig

mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt,

die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüthen bedeckte Orangenbäume,

Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf

freistehenden Hügeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstücke durch

Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzählige kryptogamische

Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren

Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, während der Vulkan mit

Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen

Frühlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme

Kühlung. Die Bevölkerung der Küste ist hier sehr stark; sie erscheint noch

größer, weil Häuser und Gärten zerstreut liegen, was den Reiz der

Landschaft noch erhöht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit

ihrem Fleiße, noch mit der Fülle der Natur im Verhältniß. Die das Land

bauen, sind meist nicht Eigenthümer desselben; die Frucht ihrer Arbeit

gehört dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglücklich

gemacht hat, läßt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blüthe

gelangen.

Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, berühmt

durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Küste wie ein Garten angebaut.

Ich möchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur

ist die Westseite von Teneriffa unendlich schöner wegen der Nähe des Pics,

der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick

dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er

beschäftigt lebhaft des Geist und läßt uns den geheimnisvollen Quellen der

vulkanischen Kräfte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein

Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure

Seitenausbrüche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die

fortwährende Thätigkeit eines nicht erlöschenden Feuers. Der Anblick eines

Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat

indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns,

daß die Vulkane wieder zerstören, was sie in einer langen Reihe von

Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer über die

Fluthen emporgehoben, schmücken sich allmählich mit reichem, lachenden

Grün; aber gar oft werden diese neuen Länder durch dieselben Kräfte

zerstört, durch die sie vom Boden des Ozeans über seine Fläche gelangt

sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und

Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelände von Tacoronte und Sauzal.

Wohl den Ländern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht

mißtrauen darf!

Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer

Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen

Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem

Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank,

Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft

worden. In der neuen Welt weist er gewöhnlich auf eine Niederlage der

Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier

von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen

Märkten als Sklaven verkaufte.

Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht

weit vom Hafen. Wir trafen da den französischen Viceconsul Legros, der oft

auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen

Führer fanden. Er hatte mit Capitän Baudin eine Fahrt nach Antillen

gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden

ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico

beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche

Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluß, sich hier niederzulassen.

Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa’s die ersten genauen Nachrichten

über den großen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den

Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.]

Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr

glücklicher Gedanke, da derselbe sowohl für die wissenschaftliche Botanik

als für die Einführung nützlicher Gewächse in Europa sehr förderlich

werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von

Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die

Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu fördern, von

seinem Vermögen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten

ließ er den Hügel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben,

und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der

Ansicht, daß die Canarien, vermöge des midlen Klimas und der

geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte

beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewächse aufzunehmen, die sich

allmählich an die niedrigere Temperatur des südlichen Europa gewöhnen

sollen. Asiatisch, afrikanische, südamerikanische Pflanzen gelangen leicht

in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die

in Peru und im Königreich Neu-Grenada auf dem Rücken der Cordilleren,

zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshöhe an Orten wachsen, wo der

Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4

Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit

weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien,

Portugal oder Grenada einzuführen, müßte man ihn zuerst in Durasno oder

Laguna anbauen und dann erst die Schößlinge der canarischen China nach

Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr

in Fesseln schlägt, kann der Garten in Teneriffa auch für die starken

Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese

Gewächse gehen häufig, ehe sie unsere Küsten erreichen, zu Grunde, weil

sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwängerte Luft

athmen müssen. Im Garten von Orotava fänden sie eine Pflege und ein Klima,

wobei sie sich erholen könnten. Da die Unterhaltung des botanischen

Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben

der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gärtner, einen

Schüler Aitons, des Vorstehers des königlichen Gartens zu Kew. Der Boden

steigt in Terrassen auf und wird von einer natürlichen Quelle bewässert.

Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem

Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte,

wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus

Linnés _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der

Gewächse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in

manchen europäischen Gärten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In

Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya

aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien.

Wir pflückten reife Samen von mehreren schönen Glycinearten aus

Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg

angepflanzt hat und die seitdem auf den südamerikanischen Küsten wild

geworden sind.

Wir kamen sehr spät in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der

einzige schöne Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel

Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die

Fahrzeuge unter Segel gehen müssen, wenn der Wind stark aus Nordwest

bläst. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der

Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden

aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie

sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei

gründlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist

freudig überrascht, auf einer Inselgruppe an der Küste von Afrika der

liebenswürdigen Geselligkeit, der edlen Wißbegierde, dem Kunstsinn zu

begegnen, die man ausschließlich in einem kleinen Theile von Europa zu

Hause glaubt.

Gerne hätten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der

Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und

Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich

angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genießen. Die quälende

Besorgniß, nicht ausführen zu können, was man den andern Tag vorhat,

erhält einen in beständiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und

Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz

ähnlicher Gemüthsverfassung; da sie die Gegenstände, die Interesse für sie

haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen können, so wird ihnen der Genuß

durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben.

Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans.

Legros, dessen zuvorkommende Gefälligkeit wir nicht genug loben können,

der Secretär des französischen Consulats zu Santa Cruz und der englische

Gärtner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war

nicht sehr schön, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer

sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehüllt. Ein

einziger Weg führt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene

und das Malpays, derselbe, den Pater Feullée, Borda, Labillardière, Barrow

eingeschlagen, und überhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in

Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie

wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muß seinen Führern

nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen

und beschrieben haben.

Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und

der in der Umgegend von Santa Cruz überraschte uns angenehm. Beim kühlen,

feuchten Klima war der Boden mit schönem Grün bedeckt, während auf dem Weg

von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Hülsen hatten, aus

denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der

kräftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir

kamen an zwei kleinen glockenförmigen Hügeln vorüber. Beobachtungen am

Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, daß dergleichen runde

Erhöhungen von Seitenausbrüchen des großen Vulkans herrühren. Der Hügel

Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben;

nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430

statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die

geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum

bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer

interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Dépôt des cartes de la

Marine_ aufgewahrt wird. Sie führt den Titel. _Résumé des opérations

géographiques des côtes d´Espagne et de Portugal sur l´Océan, d´une partie

des côtes occidentales de l´Afrique et des îles Canaries, par le chevalier

de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen

Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor

meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht

veröffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein

zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und

Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstücke von Bimsstein

eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von

Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am

Fuße des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat

langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint dieß

darauf hinzudeuten, daß eine elastische Flüssigkeit durch die geschmolzene

Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muß ich noch

einmal bemerken, daß ich in der ganzen unteren Region des Pics von

Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, überhaupt keinen

vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt wäre. Regengüsse

und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberfläche um, und wenn zahlreiche

Lavaströme sich vereinigen und über eine Ebene ergießen, wie ich es am

Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und

nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an.

Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die

Fülle der Gewässer, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstraßen

fließen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei große Becken gefaßt, treibt

mehrere Mühlen und wird dann in die Weingärten des anliegenden Geländes

geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kühler als am Hafen, da dort

von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei

höherer Temperatur in der Luft aufgelöst hat, schlägt sich häufig nieder,

und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen

(312 Meter) über dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna;

man bemerkt auch, daß dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat

später blühen.

Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines

Hügels; die Straßen schienen uns öde, die Häuser, solid gebaut, aber

trübselig anzusehen, gehören fast durch einem Adel, der für sehr stolz

gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen

an einer sehr hohen, mit einer Menge schöner Farn bewachsenen

Wasserleitung vorüber. Wir besuchten mehrere Gärten, in denen die

Obstbäume des nördlichen Europas neben Orangen, Granatbäumen und

Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig

Früchte als in Terra Firma an der Küste von Cumana. Obgleich wir den

Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte

uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm

dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwähnt wird, weil er

als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fünfzehnten Jahrhundert

so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzten wir auf 50 bis

60 Fuß [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 45 Fuß

[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton

hat gefunden, daß zehn Fuß [3,25 m] über dem Boden der Stamm noch zwölf

englische Fuß [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe

übereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuß 8 Zoll [10,93 m] angibt.

Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwärts ragen

und an den Spitzen Blätterbüschel tragen, ähnlich der Yucca im Tale von

Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus

wesentlich von der der Palmen.

Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder

Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres

Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von

Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuß Durchmesser

haben, wobei sie nicht höher sind als 50 bis 60 Fuß(11). Man muß aber

bedenken, daß die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewächse aus der

Familie der Bombaceen, viel schneller wächst(12) als der Drachenbaum, der

sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui’s Garten trägt noch jedes Jahr

Blüten und Früchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an »die ewige Jugend der

Natur« [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschöpfliche

Quelle von Bewegung und Leben ist.

Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf

Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwürdige Erscheinung in

Beziehung auf die Wanderung der Gewächse. Auf dem Kontinent und Afrika(13)

ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches

Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden,

wo er gar nicht häufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafür, daß in

sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Völkern in

Verkehr gestanden haben?

Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch

einen schönen Kastanienwald _(el Monte de Castaños)_ in eine Gegend, die

mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der

Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Blüthen, mit denen

der Strauch einen großen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab

von den Blüthen des _Hypericum canariense_, das in dieser Höhe sehr häufig

vorkommt. Wir machten unter einer schönen Tanne halt, um uns mit Wasser zu

versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_

bekannt; seine Meereshöhe beträgt nach Borda´s barometrischer Messung 522

Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die

ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg

sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein,

es fiel auf 15°,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare

Quelle. Nimmt man an, daß diese Gewässer ungefähr die mittlere Wärme des

Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Höhe des

Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Küste zu 21° und unter

dieser Zone eine Abnahme der Wärme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen.

Man dürfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren

Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic

bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern

zusammenhängt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwähnte

Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist

desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwärts ausgeführt, [So

hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kälter

gefunden, als sie nach der Höhe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.]

in Gebirgsländern mit steilen Hängen die Quellen eine zu rasche

Wärmeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in

verschiedenen Höhen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das

Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito

sind im Lande berühmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel

des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmäßigkeit

im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden

verschluckt das löcherige, zerklüftete Gestein das Regenwasser und läßt es

in große Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien größtentheils so

dürr, trotzdem daß ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer

fortwährend gewaltige Wolkenmassen über dem Archipel gelagert sieht.

Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber

durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_

verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel

Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eiförmige Grundfläche sich

gegen Nordost verlängert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu

verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im

Lande für besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montaña

Colorada* und die *Urca*, das sind nur Hügel, die sich an den Pic anlehnen

und seine Pyramide maskiren. Der große Vulkan, dessen Seitenausbrüche

mächtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der

Mitte der Insel, und diese Eigenthümlichkeit im Bau erscheint weniger

auffallend, wenn man sich erinnert, daß nach der Ansicht eines

ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater

im Piton die Hauptrolle bei den Umwälzungen der Insel Teneriffa gespielt

hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt

die der Farn. Nirgends in der gemäßigten Zone habe ich _Pteris_,

_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines

dieser Gewächse den Wuchs der Baumfarn, die in Südamerika, in fünf,

sechshundert Toisen Höhe, ein Hauptschmuck der Wälder sind. Die Wurzel der

_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung;

sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter.

Dieses Gemisch wird geröstet und heißt *Gofio*; ein so rohes

Nahrungsmittel ist ein Beweis dafür, wie elend das niedere Volk auf den

Canarien lebt.

Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr dürren Schluchten

(_cañadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein

Gehölz von Wachholderbäumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stürme

sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne,

will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heißt ein

Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten früher als

Mastholz und die königliche Marine ließ im Monte Verde schlagen.] kleine

Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner

Zeit schwefligten Ausdünstungen zuschreibt, die sich von selbst entzünden.

Es ging immer aufwärts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter

diesem Engpaß, zwischen zwei Basalthügeln, betritt man die große Ebene des

Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte

Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen über dem Meere gelegenen

Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des üblen Willens

der Führer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen können.

Das Ergebniß dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider

nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschäft von der Küste an noch

einmal vorzunehmen.

Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um über die Ebene des

Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der

hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen

Sonnenuntergang 13°,8, das heißt 3°,7 mehr als mitten am Tage auf dem

Monte Verde. Dieser höhere Wärmegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes

und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herrühren. Wir litten sehr

vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwährend gehüllt waren. Mitten

in der Ebene stehen Büsche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_

d´Aitons. Dieser schöne Strauch, den de Martinière [Einer der Botaniker,

die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial

selten ist, einzuführen räth, wird neun Fuß hoch, er ist mit

wohlriechenden Blüthen bedeckt, und die Ziegenjäger, denen wir unterwegs

begegneten, hatten ihre Strohhüte damit geschmückt. Die dunkelbraunen

Ziegen des Pics gelten für Leckerbissen; sie nähren sich von den Blättern

des Spartium und sind in diesen Einöden seit unvordenklicher Zeit

verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschätzter

sind, als die Ziegen aus Europa.

Bis zum Felsen Gayta, das heißt bis zum Anfang der großen Ebene des

Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schönem Pflanzenwuchs überzogen,

und nichts weist auf Verwüstungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen

Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des

Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene

betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei

jedem Schritt stößt man auf ungeheure Obsidianblöcke, die der Vulkan

ausgeworfen. Alles ringsum ist öd und still; ein paar Ziegen und Kaninchen

sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stück des

Pics mißt über zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne

gesehen, in Verkürzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein

ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur

wie ein schmaler Gürtel zieht.

Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schründe

und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespülte Schluchten zuerst auf

ein höheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen

sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] über der Küste

liegt, heißt _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil früher die

Engländer den Pik am häufigsten besuchten. Zwei überhängende Felsen bilden

eine Art Höhle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der

bereits höher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren

gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand

erreichen zu können glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es

Sommer war und der schöne afrikanische Himmel über uns, hatten wir doch in

der Nacht von der Kälte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad.

Unsere Führer machten ein großes Feuer von dürren Zweigen der Retama an.

Ohne Zelt und Mäntel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und

die Flammen und der Rauch, die der Wind beständig gegen uns her trieb,

wurden uns sehr lästig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender

Höhe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, daß wir einst in Städten

wohnen würden, die höher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen

vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr

bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des

Stroms, der den Tag über den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt,

und im Maaße als sich die Luft abkühlt, nimmt auch ihre das Wasser

auflösende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit

zu Zeit brach der Mond durch das Gewölk und seine Scheibe glänzte auf tief

dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese nächtliche Scene

etwas wahrhaft Großartiges. Der Pic verschwand bald gänzlich im Nebel,

bald erschien er unheimlich nahe gerückt und warf wie eine ungeheure

Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns.

Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trüben Schein einiger Kienfackeln

nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der

Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach

zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen

_Alta Vista_ heißt. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heißt die

Eingeborenen, die gewerbsmäßig Eis und Schnee suchen und in den

benachbarten Städten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr

gewöhnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta

Vista und die Neveros müssen den Schnee dahin auf dem Rücken tragen. Ueber

diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und

überall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entblößten und mit

Lavabruchstücken bedeckten Landstrich nennt.

Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishöhle* zu besehen, die in 1728

Toisen [3367 m] Höhe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in

dieser Breite. Wahrscheinlich rührt die Kälte, die in dieser Höhle

herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den

Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenäen erhält, und über welche die

Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natürliche

Eisgrube des Pics hat übrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch

welche die warme Luft entweichen kann, während die kalte Luft am Boden

ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhäufung zu

erhalten, und weil der Proceß des Schmelzens durch die bei rascher

Verdunstung erzeugte Kälte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische

Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter

3° beträgt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen,

vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Während des

Winters füllt sich die Höhle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen

nicht über den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwärme nicht im

Stande, den Behälter zu leeren. Die Bildung einer natürlichen Eisgrube

hängt also nicht sowohl von der absoluten Höhe der Felsspalte und der

mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von

der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der

warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft

ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom

sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend

abweicht. Wir werden in der Folge sehen, daß am Chimborazo ungeheure

Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa,

weit unter der Grenze des ewigen Schnees.

Bei der Eishöhe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise

Lamanon und Mongès ihren Versuch über die Temperatur des siedenden Wassers

an. Sie fanden dieselbe 88°,7, während der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie

stand. Im Königreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Nähe

von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89°,9 unter einem Luftdruck

von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand

Caldas 89°,5 für die Temperatur des siedenden Wassers bei einen

Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen könnte man

vermuthen, daß bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner

Temperatur nicht ganz erreicht hatte.

Der Tag brach an, als wir die Eishöhle verließen. Da beobachteten wir in

der Dämmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen häufig ist, die aber

bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend

hervortrat. Eine weiße flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die

niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht

über 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmäßig verbreitet

und lagen so genau in Einer Fläche, daß sie sich ganz wie eine ungeheure

mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks,

die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie

Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Färbung stach grell

vom Weiß der Wolken ab.

Während wir auf den zertrümmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei

wir oft die Hände zu Hülfe nehmen mußten, beobachteten wir eine

merkwürdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in

die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 – 8 Grad über dem

Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwärts zu bewegen, aber

allmählich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation über, die acht

Minuten anhielt. Unsere Reisegefährten, sogar die Führer äußerten ihre

Verwunderung über die Erscheinung, ohne daß wir sie darauf aufmerksam zu

machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und

her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorläufer eines neuen Ausbruchs des

großen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, daß Bouquer und La

Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des

Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Täuschung dauerte nicht lange, und

wir sahen, daß die Lichtpunkte die durch die Dünste vergrößerten Bilder

verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann

schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwärts zu bewegen und

wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei

Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Größe der seitlichen

Verrückung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir

ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und ließ

keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen

Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf

Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, daß die Oscillation

beständig gegen denselben Punkt hinging, nämlich gegen das Stück des

Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und daß, abgesehen von

der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck

zurückkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hörten auf, lange

bevor die Sterne vor dem Tageslicht gänzlich verschwanden. Ich habe hier

genau wiedergegeben, was wir in der Dämmerung beobachteten, versuche aber

keine Erklärung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwölf

Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung

der Dunstbläschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener,

in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten

haben ohne Zweifel zu der Verrückung der Gestirne in horizontaler Richtung

das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken

Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont berührt; aber diese

Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, während die

seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800

Toisen Höhe beobachteten, ganz gut mit bloßem Auge zu bemerken, und

auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen

der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und

die ganze Nacht in 2100 Toisen Höhe auf dem Rücken der Anden, in Antisana,

konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phänomen übereingekommen

wäre.

Ich wünschte in so bedeutender Höhe wie die, welche wir am Pic von

Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu

beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine

solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer,

dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die

Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten

Rand um 4 Uhr 48’ 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der

erste Lichtpunkt der Scheibe berührte unmittelbar die Grenze des

Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heißt einen Strich

Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, daß unter

dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder

11 Minuten 51,3 Secunden später als auf dem Pic hätte anfangen sonnen

aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und

dieß kommt ohne Zweifel von der Ungewißheit hinsichtlich der

Refractionsverhältnisse für einen Abstand vom Zenith, wofür keine

Beobachtungen vorliegen(16).

Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom

Horizont zu lösen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec.

sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es

zeigte sich während des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine

Verlängerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal länger,

als wir in dieser Breite hätten erwarten sollen, und so ist anzunehmen,

daß eine sehr gleichförmig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont

verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrückte. Trotz des Schwankens der

Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des

Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewöhnlich starken Brechung der vom

Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le

Gentil es täglich in Pondichery und ich öffers in Cumana beobachet haben,

erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur

der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresfläche sich erhöht.

Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mußten, ist äußerst

ermüdend. Der Abhang ist steil und die Lavablöcke wichen unter unseren

Füßen. Ich kann dieses Stück des Weges nur mit den *Moränen* der Alpen

vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der

Gletscher liegen; die Lavatrümmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten

und lassen oft Lücken, in die man Gefahr läuft bis zum halben Körper zu

fallen Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel

dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den

Führern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage

geht, daß sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere

canarischen Führer waren träg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns

bereden wollen, nicht über die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie

setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter

uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt

hatten, weg, und es kam heraus, daß noch keiner auf dem Gipfel des

Vulkanes gewesen war.

Nach dreistündigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer

kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der

Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen

Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und

die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal höher ist als

letzteres. Nimmt man die ganze Höhe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an,

so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] über dem Meere. Hier befinden

sich die Luftlöcher, welche bei den Eingeborenen *Nasenlöcher des Piks*

(_Narices des Pico_) heißen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier

in Absätzen warme Wasserdünste; wir sahen den Thermometer darin auf 43°,2

steigen; Labillardière hatte acht Jahre vor uns diese Dämpfe 53°,7 heiß

gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme

der vulkanischen Thätigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung

der Bergwände hindeutet. Die Dämpfe sind geruchlos und scheinen reines

Wasser. Kurz vor dem großen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten

Gay-Lussac und ich, daß das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des

Kraters kommt, Lackmuspapier nicht röthete. Ich kann übrigens der kühnen

Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Naslöcher des

Pic* als die Mündungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden

unter der Meeresfläche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die

Vulkane sorgfältiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in

geologischen Büchern weniger bemerkbar macht, fängt man an den

unmittelbaren beständigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden

des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese

durchaus nicht auffallende Erscheinung erklärt sich wohl sehr einfach. Der

Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch

welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im

Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert

Toisen über der Eishöhle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle

gespeist wird. Alles weist also darauf hin, daß der Pic von Teneriffa,

gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren große

Höhlungen hat, die mit atmosphärischem Wasser gefüllt sind, das einfach

durchgesickert ist. Die Wasserdämpfe, welche die Naslöcher und die Spalten

im Krater ausstoßen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die

Wände, über die es fließt, erhitzt wird.

Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze

bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit

vulkanischer Asche und Bimssteinstücken bedeckten Kegels ist so schroff,

daß es fast unmöglich wäre, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht

einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und

dessen Trümmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Trümmer bilden eine

verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir

erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die

scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten

in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Hügel

zu ersteigen, dessen senkrechte Höhe kaum 90 Toisen [175 m] beträgt. Der

Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, läuft in

einen fast dreimal höheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und

zugänglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der

Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit

loser Asche bedeckt ist.

Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters,

so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die größte Gefahr

bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitän Baudin auf seiner Reise

nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen wäre. Muthig hatte er gegen Ende

Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedlé die

Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Höhe des

Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum

Glück machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, daß er nicht noch weiter

mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist

ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme

hinabgerollt war, erstickt gefunden worden.

Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, daß wir

kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen

kreisförmigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese

Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der

Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenäen.] Der Wind

blies so heftig aus West, daß wir uns kaum auf den Beinen halten konnten.

Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kälte, obgleich der

Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an

eine sehr hohe Temperatur gewöhnt, und der trockene Wind steigerte das

Frostgefühl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche

sich durch die Hautausdünstung um uns her bildete, fortwährend wegführte.

Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten

anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo

und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behält der Piton seine

Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt

und gleichförmig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins

bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man

frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der

Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze läuft

kreisförmig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich

diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar.

Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthümliche Bauwerk über 2000 Toisen

weit mit bloßem Auge, weßhalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses

Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine

Brustwehr um den Krater läuft, so hoch, daß er gar nicht zur *Caldera*

gelangen ließe, wenn sich nicht gegen Ost eine Lücke darin befände, die

von einem sehr alten Lavaerguß herzurühren scheint. Durch diese Lücke

stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die

große Achse läuft von Nordwest nach Südost, etwa Nord 35° Ost. Die größte

Breite der Öffnung schätzten wir auf 300 Fuß [97 m], die kleinste auf 200

Fuß [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin,

Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30

Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat,

schätzt die große Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafür 50 T. an, Odonnell

aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.]

Man sieht leicht ein, daß die Größe eines Kraters nicht allein von der

Höhe und der Masse des Berges abhängt, dessen Hauptöffnung er bildet.

Seine Weite steht sogar selten im Verhältniß mit der Intensität des

vulkanischen Feuers oder der Thätigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen

den Pik von Teneriffa nur ein Hügel ist, hat der Krater einen fünfmal

größeren Durchmesser. Bedenkt man, daß sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel

weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so könnte man versucht

seyn anzunehmen, daß, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei

gleicher Kraft und Thätigkeit, desto größer seyn müßten. Allerdings gibt

es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben,

und man könnte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, daß die

colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben,

wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die großen Vulkane

Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit

Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens

fänden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen

anzuführen, welche einst auf das, was man den äußern Bau der Vulkane

nennen kann, einiges Licht werfen könnten. Dieser Bau ist so mannigfaltig

als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu

geologischen Vorstellungen erheben, die der Größe der Natur würdig sind,

so muß man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des

Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut wären.

Die äußeren Ränder der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich

ungefähr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen

auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der

Lücke in der Umfassungsmauer hinaufläuft. Hitze war nur über einigen

Spalten zu spüren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthümlichen Sumsen

strömte. Einige dieser Luftlöcher oder Spalten befinden sich äußerhalb des

Kraterumfanges, am äußeren Rand der Brüstung, welche den Krater umgibt.

Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er

zeigte ohne Zweifel eine noch höhere Temperatur an; aber wir konnten das

Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns

nicht die Hände verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen

die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man könnte glauben, diese

Dämpfe, die stoßweise hervorkommen, enthalten Salzsäure oder

Schwefelsäure; läßt man sie aber an einem kalten Körper sich verdichten,

zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker

mit Reagentien beweisen, daß die Fumarolen des Pic nur reines Wasser

aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des

Jorullo übereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsäure

in den meisten Vulkanen in großer Menge vorkommt und Bauquelin sogar in

den porphyrähnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsäure gefunden

hat.

Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes

gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene

Lücke hinabsteigt. Nichts merkwürdiger als diese Aufeinanderlagerung von

Lavaschichten, die Krümmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese

ungeheuren Bänke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenförmig

gewunden, und Alles weist darauf hin, daß einst die ganze Masse flüssig

war, und daß mehrere störende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom

seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man

das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle

beobachtet. Der nördliche Rand ist der höchste; gegen Südwest erniedrigt

sich die Mauer bedeutend und am äußersten Rand ist eine ungeheure

verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein

durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont.

Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Dämpfe im Moment, wo die im

Krater aufgestiegene Lava überquoll, hier durchgerissen.

Das Innere des Trichters weist darauf hin, daß der Vulkan seit

Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese

Behauptung gründet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine

großen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten könnte. Die Physiker, die die

Natur selbst beobachtet haben, wissen, daß viele Vulkane in der

Zwischenzeit zweier Ausbrüche ausgefüllt und fast erloschen scheinen, daß

sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender

und glänzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhöhungen,

Auftreibungen durch die elastischen Dämpfe, kleine Schlacken- und

Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von

Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand

geblieben, wie ein Ausbruch ihn zurückläßt. Durch den Zahn der Zeit und

den Einfluß der Dämpfe sind die Wände abgebröckelt und haben das Becken

mit großen Blöcken steinigter Lava bedeckt.

Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen

Hauptthätigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des

Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen

scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens

schätzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fuß [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110

[35,5 m]. Nach dem Augenmaaß hätte ich geglaubt, daß der Trichter nicht

einmal so tief wäre. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine

Solfatara; er ist ein weites Feld für interessante Beobachtungen, aber

imposant ist sein Anblick nicht. Großartig wird der Punkt nur durch die

Höhe über dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region,

durch den unermeßlichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges

überblickt.

Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend,

daß sie uns so reichen Stoff für wissenschaftliche Forschung liefert; sie

ist es noch weit mehr dadurch, daß sie den, der Sinn hat für die Größe der

Natur, eine Fülle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu

schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da

sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermeßlichkeit des Raums und die

Größe, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstände mit

sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs,

die Cataracten der großen Ströme, die gewundenen Thäler der Anden zu

beschreiben hat, so läuft er Gefahr den Leser durch den eintönigen

Ausdruck seiner Bewunderung zu ermüden. Es scheint mir den Zwecken, die

ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den

eigenthümlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet.

Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je

genauer man die einzelnen Züge auffaßt, sie unter einander vergleicht und

so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genüsse nachgeht, die uns das

große Naturgemälde bietet.

Die Reisenden wissen aus Erfahrung, daß man auf der Spitze hoher Berge

selten eine so schöne Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte

beobachtet als auf den Gipfeln von der Höhe des Vesuvs, des Rigi, des Puy

de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der

Montblanc haben eine so große Masse, daß man die mit reichem Pflanzenwuchs

bedeckten Ebenen nur in großer Entfernung sieht und ein bläulicher Duft

gleichförmig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt

und seine eigenthümliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die

Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Höhen sie

bieten. Man überblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren

Meereshorizont, der über die höchsten Berge der benachbarten Inseln

hinaufreicht, man sieht auch die Wälder von Teneriffa und die bewohnten

Küstenstriche so nahe, daß noch Umrisse und Farben in den schönsten

Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die

ihm zur Grundlage dient, erdrückte; er steigt aus dem Schooße des Meeres

dreimal höher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit

Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswürfe wie der

Stromboli der äolischen Inseln, so würde der Pik von Tenerifa dem Schiffer

in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen.

Wir lagerten uns am äußern Rande des Kraters und blickten zuerst nach

Nordwest, wo die Küsten mit Dörfern und Weilern geschmückt sind. Vom Winde

fortwährend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Füßen boten uns

das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den

tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und

dort durch die kleinen Luftströme durchbrochen, welche nachgerade die von

der Sonne erwärmte Erdoberfläche zu uns heraufsandte. Der Hafen von

Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gärten und Weinberge um die

Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick größer

zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine

bewohnte Welt; wir ergötzten uns am lebhaften Contrast zwischen den dürren

Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhängen, seinen

pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes;

wir sahen, wie sich die Gewächse nach der mit der Höhe abnehmenden

Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die

verschlackten, glänzenden Laven zu überziehen; ein Veilchen [_Viola

cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang

des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Höhe, höher nicht allein als die

andern krautartigen Gewächse, sondern sogar höher als die Gräser, welche

in den Alpen und auf dem Rücken der Kordilleren unmittelbar an die

Gewächse aus der Familie der Kryptogamen stoßen. Mit Blüthen bedechte

Retamabüsche schmücken die kleinen, von den Regenströmen eingerissenen und

durch die Seitenausbrüche verstopften Thäler; unter der Retama folgt die

Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Wälder von

Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbäumen liegen zwischen den Heidekräutern und

den mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Geländen. Ein reicher grüner

Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der

Alpenkräuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuß das

Weltmeer zu bespülen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzüge dieser

Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Nähere über die

Pflanzengeographie der Insel Teneriffa.

Daß auf der Spitze des Pics die Dörfchen, Weinberge und Gärten an der

Küste einem so nahe gerückt scheinen, dazu trägt die erstaunliche

Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung

erkannten wir nicht nur die Häuser, die Baumstämme, das Takelwerk der

Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den

lebhaftesten Farben glänzen. Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen

Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthümliche

Beschaffenheit der Luft in den heißen Ländern. Unter allen Zonen erscheint

ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die

Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als

wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdämpfe durch

Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende

Unterschiede werden vom Einfluß der Klimate bedingt; der Spiegel eines

Sees oder eines breiten Flusses glänzt bei gleicher Entfernung weniger,

wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom

Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer

die Luft ist, desto vollständiger wird das Licht bei seinem Durchgang

geschwächt. Wenn man von der Südsee her auf die Hochebene von Quito oder

Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerückt

Gegenstände erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von

Teyde genießt nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen,

aber die Trockenheit der Luftsäulen, welche fortwährend über den

benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch

herbeiführen, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine

Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens,

sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurückstehen.

Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften

unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewächse und steigert

die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine große,

um die Gegenstände verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages

die äußern Sinne ermüdet, so wird der Bewohner südlicher Klimate durch

moralische Genüsse dafür entschädigt. Schwung und Klarheit der Gedanken,

innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden

Luft. Man erhält diese Eindrücke, ohne die Grenzen von Europa zu

überschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die

Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Länder gesehen haben,

die glücklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1. · 第 7 / 16 题