Überfahrt von Teneriffa an die Küste von Südamerika — Ankunft in
Cumana
Am 25. Juni Abends verließen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den
Weg nach Südamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in
Folge der Gegenströmungen kurze gedrängte Wellen. Die canarischen Inseln,
auf deren hohen Bergen ein röthlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem
Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken,
wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und
wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir,
welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Ländern an der Grenze des
heißen Erdgürtels, wo die Natur so reich, so großartig und so wundervoll
auftritt, auf unser Gemüth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa
verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als hätten wir lange dort
gelebt.
Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem östlichsten Hafen von
Terra Firma, war so schön als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des
Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war,
legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Küste von
Afrika zur Küste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurück. Wir fuhren auf 50
Meilen [225 km] westwärts am Vorgebirge Bojador, am weißen Vorgebirge und
an den Inseln des grünen Vorgebirges vorüber. Ein paar Landvögel, der der
starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach.
Hätten wir nicht unsere Länge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so
wären wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der
afrikanischen Küste.
Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach
den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt
dabei die Breite rasch ab, während man an Länge fast nichts zulegt; hat
man die Zone des beständigen Passatwindes erreicht, so fährt man von Ost
nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen
Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heißt. Wie alle, welche diese Striche
befahren, machten auch wir die Beobachtung, daß, je weiter man gegen
Westen rückt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind
wird.
Hadley(31) hat in einer berühmten Abhandlung die Theorie des Passats
entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist
eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen
Ocean ist die Länge wie die Abweichung der Sonne von Einfluß auf die
Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie
in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad über den Wendekreis hinauf, während in
der Nähe von Afrika die veränderlichen Winde weit über den 28. oder
27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der
Schifffahrt zu bedauern, daß die Veränderungen, denen die Luftströmungen
unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind
als das Verhalten derselben Ströme in einem engeren Meeresbecken, wo die
nicht weit auseinander liegenden Küsten von Guinea und Brasilien ihre
Einflüsse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, daß im
atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfällt, welche
die Passatwinde aus Nordort und die aus Südost scheidet. Diese Linie
liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad
nördlicher Breite, und wenn ihre Lage daher rührt, daß die Sonne in der
nördlichen Halbkugel länger verweilt, so weist sie darauf hin, daß die
Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, daß die
südliche Halbkugel nur um 1/14 kälter ist als die nördliche, so ergibt die
Rechnung für die nördliche Grenze des Ost-Süd-Ost-Passats 1° 28’.] sich
verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft über der Südsee die
Rede ist, werden wir sehen, daß westwärts von Amerika der Südost-Passat
nicht so weit über den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean.
Der Unterschied in der Luftströmung dem Aequator zu vom einen und vom
andern Pol her kann ja nicht unter allen Längengraden derselbe seyn, das
heißt auf Punkten der Erdkugel, wo die Festländer sehr verschieden breit
sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken.
Es ist bekannt, daß auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von
Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel
zu legen brauchen. Man fährt in diesen Strichen, als ginge es auf einem
Flusse hinunter, und es ist zu glauben, daß es kein gewagtes Unternehmen
wäre, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter
westwärts aber, an der Küste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico
weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32)
Je weiter wir uns von der afrikanischen Küste entfernten, desto schwächer
wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese
Windstillen wurden regelmäßig durch elektrische Erscheinungen
unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost
zusammen; man konnte meinen, es sey eine Bö im Anzug und man werde die
Marssegel einreffen müssen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind
wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog
sich, ohne daß man hatte donnern hören. Es war interessant, während dessen
die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief
durch das Zenith liefen. Man spürte, wie der Wind allmählig stärker oder
schwäcker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstbläschen sich
näherten oder entfernten, ohne daß die Elektrometer mit langer
Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine
Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen,
mit Windstillen wechselnden Böen gelangt man in den Monaten Juni und Juli
von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Küsten von
Südamerika. Im heißen Erdstrich lösen sich die meteorologischen Vorgänge
äußerst regelmäßig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der
Schifffahrt lange denkwürdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix
nach Cumana gingen, unter 14° der Länge und 48° der Breite umlegen mußten,
weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch
bedeutende Störung im regelmäßigen Lauf der Luftströmungen muß man
annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der
ohne Zweifel auch den regelmäßigen Gang des Barometers in seiner
stündlichen Schwankung gestört haben wird!
Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den
Antillen und zur Küste von Terra Firma als den von Christoph Columbus
zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte
nicht gerade nach Süd steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf
einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Länge und Breite
zugleich vorrücken. Dieser Weg, der die Fahrt abkürzt, da man den
Wendekreis etwa 20° westwärts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe
gewöhnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glück
eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von
Trafalgar einen rühmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen
Wege mehrere Tage vor der französischen Flotte nach St. Domingo, obgleich
er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen
von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten müssen.
Diese neue Verfahren kürzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um
ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Länge die
Tropen betritt, so läuft man Gefahr, länger mit den veränderlichen Winden
zu thun zu haben, die bald aus Süd, bald aus Südwest blasen. Beim alten
Verfahren wird der Nachtheil, daß man einen längeren Weg macht, dadruch
ausgeglichen, daß man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf
einem größeren Stück der Ueberfarht benützen zu können. Während meines
Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an
kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten
und ausnehmend rasch herübergekommen waren; nur nach wiederholten
Versuchen wird man sich bestimmt über einen Punkt aussprechen können, der
zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei
der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll.
Nichts geht über die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen
Weltmeer. Während der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei
Tage auf 23–24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser
glücklichen Erdstriche in der Nähe des Aequators voll zu empfinden, muß
man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Küsten von Chili nach
Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den stürmischen Meeren in
nördlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe
herrscht! Wenn die Rückfahrt aus Mexiko oder Südamerika nach den
spanischen Küsten zu kurz und so angenehm wäre als die Reise aus der alten
in die neue Welt, so wäre die Zahl der Europäer, die sich in den Kolonien
niedergelassen, lange nicht so groß, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem
die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen
Breiten nach Europa zurückfährt, führt bei den Spanier den seltsamen Namen
_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die
See nicht gewöhnt sind, und lange einsam in den Wäldern von Guyana, in den
Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben,
fürchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die
Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie übertreiben in der
Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich
ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszuführen, das
ihnen gewagt erscheint, und meist überrascht sie der Tod, während sie sich
zur Rückreise rüsten.
Nördlich von den Inseln des Grünen Vorgebirges stießen wir auf große
Bündel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_,
die nur bis zu 40° nördlicher und südlicher Breite auf dem Gestein unter
dem Meeresspiegel wächst. Diese Algen schienen hier, wie südwestlich von
der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Strömungen anzuzeigen.
Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewächsen
bedeckten Strecken, welche Columbus mit großen Wiesen vergleicht und die
der Mannschaft der Santa Maria unter 42° der Länge Schrecken einjagten,
sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler
Schiffstagebücher habe ich mich überzeugt, daß es im Becken des nördlichen
Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die
nichts miteinander zu tun haben. Die größte derselben(33) liegt etwas
westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen
35 und 36° der Breite. Die Meerestemperatur beträgt in diesem Strich
16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind,
treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum
20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung
nach Europa zurückfahren, kommen über diese Fucusbank, die nach den
spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen
Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten können darnach ihre
Länge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter
22 und 26° der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der
Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stößt auf sie
auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden.
Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fuß [260 m] langen Stengeln [_Fucus
giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese
Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel
darüber, daß in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am
Meeresboden haften, sondern in einzelnen Bündeln auf dem Wasser schwimmen.
In diesem Zustand können diese Gewächse nicht viel länger fortvegetiren
als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon
geben, wie es kommt, daß bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an
denselben Stellen befinden, so muß man annehmen, daß sie vom Gestein
73 bis 92 m unter der Meeresfläche herkommen und der Nachwuchs fortwährend
wieder ersetzt, was die tropische Strömung wegreißt. Diese Strömung führt
die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Küsten von Norwegen und
Frankreich, und die Algen werden südwärts von den Azoren keineswegs vom
*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es wäre zu
wünschen, daß die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen
häufiger das Senkblei auswärfen; man versichert, holländische Seeleute
haben mittelst Leinen aus Seidenfäden zwischen der Bank von Neufoundland
und der schottischen Küste eine Reihe von Untiefen gefunden.
Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme
das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darüber ist man noch nicht
im Klaren. Wir wissen nur nach den schönen Beobachtungen von Lamouroux,
daß die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend
fest am Gestein hängen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit,
wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht
abzureißen sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange
benagen, mögen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu lösen.
Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresfläche mit fliegenden Fischen
[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fünfzehn, ja achtzehn
Fuß [4,5, ja 6 m] in die Höhe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich
scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu berühren, von dem
die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der
Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den
Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie
sich ganz besonders damit beschäftigen. Die Natur ist eine unerschöpfliche
Quelle der Forschung, und im Maß, als die Wissenschaft vorschreitet,
bietet sie dem, der sie recht zu befragen weiß, immer wieder eine neue
Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte.
Ich erwähne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure
Größe ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll
langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 3½ Kubikzoll [60 ml] Luft
enthält. Die Blase nimmt über die Hälfte vom Körperinhalt des Thieres ein,
und trägt somit wahrscheinlich dazu bei, daß es so leicht ist. Man könnte
sagen, dieser Luftbehälter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum
Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen,
daß dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der
Bewegung an die Wasserfläche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei
einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als
Flügen diesen, der Luft bereits eine Oberfläche von 3 7/10 Quadratzoll
dar. Wir haben gefunden, daß die neun Nervenstränge, die zu den zwölf
Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven
der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen
die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fünfmal kräftiger
auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben
Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fuß [6,5 m]
weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die
Meeresfläche wieder berührt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen
Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fuß hoch über die
Wellen hüpft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die
Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, daß das Thier während des
Sprungs die Luft schlägt, das heißt, daß es die Brustflossen abwechselnd
ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden
Seescorpion auf den japanischen Flüssen, der gleichfalls eine große
Schwimmblase hat, während sie den meisten Seescorpionen, die nicht
fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_,
Delaroche.]. Die Exocoetus können, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich
lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das
heißt der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen.
Sie bringen einen großen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr
elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das
Meer, um den gefräßigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der
Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Vögeln, die sie im Flug
erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia
Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser flüchten, am
Ufer die Beute der Jaguars.
Ich bezweifle indessen, daß sich die fliegenden Fische allein um der
Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den
Schwalben schießen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die
Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man häufig am Ufer
eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische,
die somit nichts zu fürchten haben können, sich über die Wasserfläche
schnellen, als machte es ihnen Vergnügen, Luft zu athmen. Warum sollte
dieses Spiel nicht noch häufiger und länger bei den Exocoetus vorkommen,
die vermöge der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen
Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher
auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus
exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so große Schwimmblasen
haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des
Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spaß ein Stück
der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den
bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint.
Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche
_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des
Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlaßt, daß
unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas
enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich überrascht, als
ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94
Stickstoff und 0,02 Kohlensäure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der
mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Röhren gemessen
wurde, [Anthracometer, gekrümmte Röhren mit einer großen Kugel.] schien
constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch
einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachi´s und Delaroche´s
interessanten Beobachtungen muß man annehmen, daß der von Broddelt secirte
Schwertfisch in großen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu
94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen.
Am 1. Juli, unter 17° 42’ der Breite und 34° 21’ der Länge stießen wir auf
die Trümmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit
schwimmendem Tang überzogen war. In einem Strich, wo die See beständig
ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben.
Vielleicht daß diese Trümmer aus den nördlichen stürmischen Meeren kamen,
und infolge der merkwürdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen
Meeres in der nördlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck
zurückwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen.
Am dritten und vierten fuhren wir über den Theil des Oceans, wo die Karten
die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht änderte man den
Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft
ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es wäre wohl klüger
gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von
sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind,
größtentheils aber sich von optischen Täuschungen herschreiben, die auf
der See häufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich
gefährlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von
Schiffern gesehen worden, die ihre Länge nur auf ein paar Grade kannten,
und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn
man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir
dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere
Bewegung bemerken, als ein Strömung nach Nordwest, die uns nicht so viel
in Länge zurücklegen ließ, als wir gewünscht hätten. Die Stärke dieser
Strömung nimmt zu, je näher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch
die Bildung der Küsten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die
Gewässer des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker
behaupten.
Seit unserem Eintritt in die heiße Zone wurden wir nicht müde, in jeder
Nacht die Schönheit des südlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter
wir nach Süden vorrückten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken
aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefühl wird in
einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus
der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf
kennt, immer tiefer hinabrücken und endlich verschwinden sieht. Nichts
mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner
Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der großen
Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstraße
wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben
dem Südhimmel eine ganz eigenthümliche Physiognomie. Dieses Schauspiel
regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen
Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewöbe aufblicken, wie man
eine schöne Landschaft oder eine großartige Aussicht bewundert. Man
braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den
heißen Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse
hat, wer von Flamsteads und Lacaille’s Himmelskarten nichts weiß, fühlt,
daß er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs
oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht.
Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctialländern drückt sich der Stempel
des Fremdartigen auf.
Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfüllt. Erst
in der Nacht vom vierten zum fünften Juli, unter 16° Breite, sahen wir das
südliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien
von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das
Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es
einem Reisenden gestattet ist, von seinen persönlichen Empfindungen zu
sprechen, so darf ich sagen, daß ich in dieser Nacht einen der Träume
meiner frühesten Jugend in Erfüllung gehen sah.
Wenn man anfängt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der
Seefahrer zu lesen, so fühlt man für gewisse Länder und gewisse Klimate
eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft
zu geben vermag. Eindrücke der Art äußern einen nicht ungebedeutenden
Einfluß auf unsere Entschlüsse, und wie instinkmäßig suchen wir
Gegenständen, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft für uns
gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschäftigte,
nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu
lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes
Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene
herrlichen Sternbilder am Südpol zu erblicken, das schien mit sehr hart.
Im ungeduldigen Drange, die Aequatorialländer kennen zu lernen, konnte ich
nicht die Augen zum Sterngewölbe aufschlagen, ohne an das südliche Kreuz
zu denken und mir die erhabenen Verse Dante’s vorzusagen, welche sich nach
den berühmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35)
Jo mi volsi a man destra e posi mente
All´ altro polo, e vidi quattro stelle,
Non viste mai fuor ch´ alla prima gente.
Goder parea lo ciel di lor fiammelle,
O settentrional vedovo sito,
Pio che privato se di mirar quelle!
Unsere Freude beim Erscheinen des südlichen Kreuzes wurde lebhaft von
denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt
hatten. In der Meereseinsamkeit begrüßt man einen Stern wie einen Freund,
von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern
steigert sich diese gemüthliche Theilnahme noch durch besondere Gründe:
religiöses Gefühl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das
Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Väter in den Einöden der neuen
Welt aufgepflanzt.
Da die zwei großen Sterne, welche Spitze und Fuß des Kreuzes bezeichnen,
ungefährt dieselbe Rectascension haben, so muß das Sternbild, wenn es
durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen
Völkern jenseits des Wendekreises und in der südlichen Halbkugel bekannt.
Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen
Jahreszeiten das südliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine
Uhr, die sehr regelmäßig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner
anderen Sterngruppe läßt sich die Zeit mit bloßem Auge so genau
beobachten. Wie oft haben wir unsere Führer in den Savannen von Venezuela
oder in der Wüste zwischen Lima und Truxillo sagen hören: »Mitternacht ist
vorüber, das Kreuz fängt an sich zu neigen!« Wie oft haben wir uns bei
diesen Worten an den rührenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an
der Quelle des Fächerpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen
und der Greis beim Anblick des südlichen Kreuzes sie mahnt, daß es Zeit
sey zu scheiden!
Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so günstig, als das milde
Klima und die ruhige See hoffen ließen. Nicht die Gefahren der See störten
uns in unserem Genusse, aber der Keim eines bösartigen Fiebers entwickelte
sich unter uns, je näher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es
furchtbar heiß und der Raum sehr beschränkt. Seit wir den Wendekreis
überschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen,
mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der
Küste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen,
die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen
Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die kräftigsten,
delirirten schon am zweiten Tage und die Kräfte lagen völlig darnieder.
Bei der Gleichgültigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt
wird, was mit der Führung des Schiffes und der Schnelligkeit der
Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitän nicht daran, gegen die
Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde
nicht geräuchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt
verordnete Aderlässen, weil er das Fieber der sogenannten Schärfe und
Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und
wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen;
unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit,
und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, daß es an Bord eines
spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen könne.
Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zügen lag,
durch einen Zufall, der der Erwähnung wohl werth ist. Seine Hängematte war
so befestigt, daß zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll
[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmöglich die
Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen hätte das
Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze
Mannschaft dabei seyn müssen. Man schaffte daher den Kranken an einen
luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines
viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem
Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer übermäßig heißen,
stockenden, mit Miasmen erfüllten Luft in eine kühlere, reinere,
fortwährend erneuerte gebracht, so kam er allmählich aus seiner Betäubung
zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden,
fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen
zu Stützen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch
diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzündung des
Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlässen,
abführende und asthenische Mittel aller Art bestärkt. Wir bekamen bald die
verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als
je nach dem Augenblick, wo wir die Küste Amerikas betreten könnte.
Seit mehreren Tagen war die Schätzung der Steuerleute um 1° 12’ von der
Länge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied
rührte weniger von der allgemeinen Strömung her, die ich den
»Rotationsstrom« genannte habe, als von dem eigenthümlichen Zuge des
Wassers nach Nordwest, von der Küste von Brasilien gegen die kleinen
Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe
abgekürzt wird.(36) Am zwölften Juli glaubte ich ankündigen zu können, daß
Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns
jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10° 46’ der Breite und 60° 54’
westlicher Länge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen bestätigten die Angabe
des Chronometers; aber wir wußten besser, wo sich die Corvette befand, als
wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den französischen,
spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den
genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden
Längen waren damals noch nicht bekannt gemacht.
Die Steuerleute verließen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines
Chronometers; sie lächelten zu der Behauptung, daß bald Land in Sicht
kommen müsse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es
gereichte mir daher zu großer Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen
sechs Uhr Morgens hörte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land,
jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr
stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in großen
Tropfen und Alles deutete auf ungestümes Wetter. Der Capitän des Pizarro
hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu
laufen, und da er wußte, daß unsere Corvette sehr langsam wendete, so
fürchtete er gegen Süden unter dem Wind und der Mündung des Dragon nahe zu
kommen. Wir waren allerdings unserer Länge sicherer als der Breite, da
seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach
doppelten Höhen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte,
befanden wir uns in 11° 6’ 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach
der Schätzung. Die Gewalt, mit der der große Orinocostrom seine Gewässer
in den Ocean ergießt, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der
Strömungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der
Mündung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger
gesalzen, so ist dieß ein Mährchen der Küstenpiloten. Der Einfluß der
mächtigsten Ströme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des
Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in
weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt.
Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hinlänglich bewies, daß
das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern
Tabago, steuerte der Capitän dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere
Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schöner Karte des atlantischen
Oceans fünf Minuten zu weit südlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben,
daß an Küsten, welche von allen Handelsvölkern besucht werden, so
auffallende Irrthümer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten
könnten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke
ich hier nur, daß sogar auf der neuesten Karte von Westindien von
Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen
erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und
Trinidad um 6–11 Minuten falsch angegeben sind.
Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag wurde die Breite, wie ich
sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen bestätigt. Es blieb kein
Zweifel mehr über den Schiffsort den Inseln gegenüber, und man beschloß,
um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel
und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita
loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von
Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glück war die See sehr
unruhig und ein kleiner, englischer Kutter überholte uns, ohne uns nur
anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang,
seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, daß wir nicht
nach Europa zurückgebracht wurden.
Der Anblick der Insel Tabago ist höchst malerisch. Es ist ein sorgfältig
bebauter Felsklumpen. Des blendende Weiß des Gesteines sticht angenehm vom
Grün zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln
krönen die Bergkämme und geben der tropischen Landschaft einen ganz
eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, daß er eine
amerikanische Küste vor sich hat: denn die Cactus gehören ausschließlich
der neuen Welt an, wie die Heidekräuter der alten. Der nordöstliche Theil
der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Höhenwinkeln, die ich mit
dem Sextanten genommen, scheinen indessen die höchsten Gipfel an der Küste
nicht über 140–150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am südlichen
Vorgebirge senkt sich das Land und läuft in die »Sandspitze« aus, die nach
meiner Rechnung unter 10° 20’ 13" der Breite und 62° 47’ 30" der Länge
liegt. Wir sahen mehrere Felsen über dem Wasserspiegel, an denen sich die
See mit Ungestüm brach, und beobachteten große Regelmäßigkeit in der
Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60°
nach Südost fallen. Es wäre zu wünschen daß ein geübter Mineralog die
großen und kleinen Antillen von der Küste von Paria bis zum Vorgebirge von
Florida bereiste und die ehemalige, durch Strömungen, Erderschütterungen
und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte.
Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles
gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte.
Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr
kleines Vermögen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen
Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu
rühren, und es zeigte sich bald, daß man eine Menge einzelner Klippen für
Segel angesehen hatte.
Wir fuhren über die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der
See war nicht merkbar verändert, aber ein paar Zoll unter der Oberfläche
zeigte der Thermometer nur 23°, während er ostwärts auf hoher See unter
derselben Breite und gleichfalls an der Meeresfläche auf 25°,6 stand.
Trotz der Strömung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe
an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde
der Wind schwächer, und je näher der Mond zum Zenith rückte, desto mehr
klärte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Nächten fielen
wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so
häufig als gegen Süd, über Terra Firma, an deren Küste wir jetzt
hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, daß diese
Meteore, über deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von
örtlichen Ursachen abhängig seyn mögen.
Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die
Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem
Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fünf
Meilen von der Küste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, daß
eine eigenthümliche Strömung die Corvette nach Süd trieb. Durch den Zug
des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von
Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenströmung. Man warf das Senkblei aus und
fand 36–43 Faden Tiefe über einem Grund von grünlichem, sehr feinem Thon.
Nach Dampiers Grundsätzen hätten wir in der Nähe einer von sehr hohen,
steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Küste keine so geringe Meerestiefe
erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden
überall erhöhten Meeresgrund, dessen Umriß das Streichen der ehemaligen
Meeresküste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier
23–24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heißt
jenseits der Ränder der Bank.
Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im
August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65° 4’ 5" der Länge.
Es erschien uns um so höher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehüllt
waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders
ihre meist runden Umrisse ließen uns vermuthen, daß die Küste aus Granit
bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein
Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man über die
Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt.
Wir benützten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die
Intensität der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu
bestimmen. Wir fanden sie größer als auf hoher See ostwärts von Tabago, im
Verhältniß von 257 zu 229. Während der Windstille trieb uns die Strömung
rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie
nahm zu, je näher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von
Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging,
bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder stärker und es
stürzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heißen Erdstrich eigen sind und
wir auf unsern Zügen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben.
Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit
wir uns nahe der Küste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei
Nacht regelmäßig zwischen 22 und 23°, bei Tag zwischen 24 und 27°. Die
Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das
Daniederliegen der Kräfte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir
waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle
Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen
von Cumana, die für sehr gesund gelten, ans Land bringen könnte.
Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfüllung. Der jüngste Passagier bekam
das bösartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glück das einzige
Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn
einer armen Wittwe. Mehrere Umstände machten den Tod des junge Mannes, aus
dessen Gesicht viel Gefühl und große Gutmüthigkeit sprachen, ergreifend
für uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine
Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit unterstützen wollen, aber diese
hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht,
daß ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten,
der auf Cuba lebte, sein Glück machen könnte. Der unglückliche junge Mann
verfiel rasch in Betäubung, redete dazwischen irre und starb am dritten
Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera
Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer,
noch jüngerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und
bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit
seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im
Hause des Verwandten einführen lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung
gesetzt hatten. Es war herzzerreißend, wie der, welcher den Freund
überlebte, sich seinem tiefen Schmerze überließ und die unseligen
Ratschläge verwünschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun
allein und verlassen dastand.
Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trüben Gedanken. Es war kein
Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen
einen bösartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer
gebirgigen, wüsten Küste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken
fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein;
man hörte nichts als das eintönige Geschrei einiger großer Seevögel, die
das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort;
aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen
Gefühlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke
geläutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und
ließen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende
Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als
Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen
im Gefühl gemeinsamen Unglücks einander näher bringt. In der Nacht
schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die
Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer
geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der römischen
Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des
jungen Mannes rührte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund
gesehen hatten.
Der eben erzählte Vorfall zeigte uns, wie gefährlich dieses bösartige oder
atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von
Cumana nach Havana verzögerten, so mußte man besorgen, daß es viele Opfer
fordern könnte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs
machen einige Todesfälle gewöhnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in
einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines
Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe
Reiseziel haben, sich nähere Beziehungen knüpfen. Die Passagiere auf dem
Pizarro spürten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit,
beschlossen aber doch, das Fahrzeug am nächsten Landungsplatz zu verlassen
und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach
Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des
Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs
erwiesen schien, daß das Fieber durch Berührung anstecke, hielt ich es
doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien
mir wünschenswerth, Neuspanien erst nach einem längeren Aufenthalt an den
Küsten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglückliche Löffling
nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen können. Wir
brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewächse, die Bose und Bredemeyer
auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der
Gewächshäuser zu Schönbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden
zu sehen. Es hätte uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen,
ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu
betreten.
Der Entschluß, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten
Juli faßten, äußerte einen glücklichen Einfluß auf den Verfolg unserer
Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra
Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro wären wir nie an den Orinoco,
an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am
Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer
Reiserichtung, daß wir während eines so langen Aufenthaltes in den
Aequinoctialländern so gesund blieben.
Bekanntlich schweben die Europäer in den ersten Monaten, nachdem sie unter
den glühenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr großer Gefahr.
Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den
Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena überstanden haben. Diese Meinung
ist nicht unbegründet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, daß Leute,
die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der
folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Fähigkeit, sich zu
acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhältniß zu stehen mit dem
Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heißen Zone und der des
Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil
die Lufttemperatur den mächtigsten Einfluß auf die Reizbarkeit und die
Vitalität der Organe äußert. Ein Preuße, ein Pole, ein Schwede sind mehr
gefährdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein
Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des südlichen Frankreichs.
Für die nordischen Völker beträgt der Unterschied in der mittleren
Temperatur 19–21 Grad, für die südlichen nur 9–10. Wir waren so glücklich,
die Zeit, in der der Europäer nach der Landung die größte Gefahr läuft, im
ausnehmend heißen, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer
Stadt, die für sehr gesund gilt. Hätten wir unsern Weg nach Vera Cruz
fortgesetzt, so hätten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des
Paketboots *Aleudia* theilen können, das mit dem *Pizarro* in die Havana
kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostküste von
Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete.
Am 15. Morgens, ungefähr gegenüber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir
von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten
die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbüsche gestalteten Anhänge, wie
sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rückkehr aus Chili beobachtet und in
einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_
beschrieben hat. Ein glücklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine
Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung
dargeboten hatte. Die Bündel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte,
waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Gefälligkeit der
gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter
dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, daß diese angeblichen
Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfäden eine neue Gattung
Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche
Ruiz für Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten
Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhängen, daß man
sie gar wohl für bloße Rippen halten könnte; aber mit einem sehr dünnen
Messer gelingt es, sie abzulösen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die
nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie
vertrocknen, weiß und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit
Säuren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit
den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der
Südsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der
tropischen Seetraube dieselben Anhängsel gefunden, und eine sehr
sorgfältige Untersuchung überzeugte uns, daß sich hier ein Zoophyt an den
Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen
weiblicher Blüthen beschriebenen Organe sind über zwei Linien lang, und
schon diese Größe hätte den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen
lassen sollen.
Die Küste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr
hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenförmigen Umrissen. Es
dauerte lange, bis wir die hohe Küste der Insel Margarita zu sehen
bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer,
und ob es gefährlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen.
Sonnenhöhen, die wir unter sehr günstigen Umstängen genommen, hatten uns
gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am
15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66° 1’ 15" der Länge
befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita,
während wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans über das
westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66° 0’ der Länge
gesetzt ist, bereits hätten hinaus seyn sollen. Die Küsten von Terra Firma
wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufügen,
vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig
gezeichnet, daß für die Schifffahrt daraus hätten Gefahren erwachsen
können, wenn nicht das Meer in diesen Strichen beständig ruhig wäre. Ja
die Fehler in der Breite waren noch größer als die in der Länge, denn die
Küste von Neuandalusien läuft westwärts vom _Capo de tres Puntas_ 15–20
Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen
Karten angegeben ist.
Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf
dem sich einige Sanddünen erhoben. Durch das Fernrohr ließ sich keine Spur
von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen
cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien
sich wellenförmig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die
Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die
auf einer stark erhitzten Fläche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, daß
in allen Zonen Wüsten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen.
Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der
Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Während man
beschäftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in
Uebereinstimmung bringen zu können, signalisirte man vom Mast einige
kleine Fischerboote. Der Capitän des Pizarro rief sie durch einen
Kanonenschuß herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Ländern,
wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf
Vergewaltigungen gefaßt machen zu müssen. Die Boote ergriffen die Flucht
nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei
unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand
an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so
schien doch die Nähe eines kaum ein paar Fuß hohen Eilandes
Vorsichtsmaßregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu,
und warf eilends den Anker aus.
Küsten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder
Beobachter die Gegenstände erblickt, die seine Einbildungskraft
beschäftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den
Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich
in eitlen Muthmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianerhütten
und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mußte;
andere sahen die Ziegenheerden, welche im dürren Thal von San Juan so
häufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in
Wolken gehüllt schienen. Der Capitän beschloß einen Steuermann ans Land zu
schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das
Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte.
Da die Küste ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Corvette
schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde.
Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an
der Küste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuß an, und
obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur
zögernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem
Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der
Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr
Körperbau zeugte von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein
Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich
dasaßen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie für Bronzestatuen
halten. Dieß war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff
entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthümlichen
Körperbildung und der großen Körperschwäche der Eingeborenen gemacht
hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die
Grenzen der Provinz Cumana nicht zu überschreiten, wie auffallend die
Guayqueries äußerlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind.
So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja
derselben Race angehören, so unterscheiden sich doch die Stämme nicht
selten bedeutend im Körperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln
Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei
andern ein unheimliches Mittelding von Trübsinn und Wildheit spricht.
Sobald die Piroguen so nahe waren, daß man die Indianer spanisch anrufen
konnte, verloren sie ihr Mißtrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir
erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die
Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen
Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich zwischen
derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar
einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal
südlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals
häufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer für ein
feindliches Fahrzeug angesehen. Die südliche Durchfahrt hat allerdings
bedeutende Vortheile für Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie
hat weniger Wassertiefe als die nördliche, weit schmalere Durchfahrt, aber
man läuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos
und Moros del Tunal hält. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird
durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die
Bank an der Punte de Mangles eingeengt.
Die Guayqueries gehören zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den
Küsten von Margarita und in den Vorstädten von Cumana wohnen. Nach den
Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schönste Menschenschlag in
Terra Firma. Sie genießen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten
Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewährt haben.
Der König von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben »seine
lieben, edlen und getreuen Guayqueries«. Die Indianer, auf die wir in den
zwei Piroguen gestoßen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht
verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowäldern [_Cedrela odorata_
Linné] holen, die sich vom Cap San José bis über die Mündung des Rio
Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnüsse und einige
Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern
konnten. Welche Schätze enthielten in unseren Augen die Kähne der armen
Indianer! Ungeheure Vijaoblätter [_Heliconia bihai._] bedeckten
Bananenbüschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_,
_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als
Trinkgefäße dienen, Naturkörper, die in den europäischen Cabinetten zu den
gemeinsten gehören, hatten ungemeinen Reiz für uns, weil sie uns lebhaft
daran mahnten, daß wir uns im heißen Erdgürtel befanden und das
längstersehnte Ziel erreicht hatten.
Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu
bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein
ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in
lebhafter Wißbegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen
Gewächsen abgegeben. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß der erste
Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen
Bekanntschaft unseren Reisezwecken äußerst förderlich wurde. Mit Vergnügen
schreibe ich in dieser Erzählung den Namen Carlos del Pino nieder, so hieß
der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zügen längs der Küsten
und im inneren Lande begleitet hat.
Gegen Abend ließ der Capitän der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die
Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verließen, bestimmte ich die Länge des
östlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66° 11’ 53". Westwärts
steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz
öde ist, früher aber durch Perlenfischerei berühmt war. Hier hatten die
Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem
Namen Neucadix gegründet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und
Toledo, wie auf den großen Messen von Augsburg und Brügge bekannt. Da
Neucadix kein Wasser hatte, so mußte man es an der benachbarten Küste aus
dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich weiß nicht warum,
beschuldigte, daß es Augenentzündungen verursache. Die Schriftsteller
jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus,
den sie getrieben; jetzt erheben sich Dünen von Flugsand auf der
unbewohnten Küste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum
verzeichnet.
In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im
Westen der Insel Margarita majestätisch am Horizont aufsteigen. Nach den
Höhenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, mögen diese Gipfel
500–600 Toisen absolute Höhe haben. Nach Louis Berthoud´s Chronometer
liegt Cap Macanao unter 66° 47’ 5" Länge. Ich nahm die Felsen am Ende des
Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West
fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Länge, die ich für
Macanao gefunden, und die, welche ich oben für die Ostspitze der Insel
Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden
ab.
Der Wind war sehr schwach; der Capitän hielt es für rathsamer, bis zu
Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von
Cumana einzulaufen, und ein unglücklicher Zufall, der vor kurzem eben hier
vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte
Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuzünden; man
hielt es für ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben
Feuer darauf. Dem Capitän des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und
er starb wenige Tage darauf in Cumana.
Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische
Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewächsen seines Landes. Wir
hörten zu unserer großen Freude, wenige Meilen von der Küste sey ein
gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Kälte
herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile
[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale
[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die
Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, ließ
uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald
die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht
daran, daß diese Thiere über ungeheure Landstriche zerstreut sind, und
hofften, sie gleich in den Wäldern bei Cumana beobachten zu können. Nichts
reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern
eines Landes, das er betreten soll.
Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine grüne, malerische Küste vor
uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert,
nach Süden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schloß erschien
zwischen Gruppen von Cocosbäumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig
Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die
Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu
laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten.
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31 Daß fortwährend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und
ein unterer von den Polen zum Aequator geht, dieß ist, die Arago
dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierüber
entwickelte der berühmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr
1686. »Ich glaube,« fügt er hinzu, »daß sich mehrere Erscheinungen
in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus
Polarströmen erklären lassen.« Hadley führt diese interessante
Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde
selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der
sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen
sollen.
32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in
Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von
Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau
und umwölkt.
33 Phönicische Fahrzeuge scheinen in »in 30 Tagen Schiffahrt und mit
dem Ostwind« zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern
und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heißt. Ich habe anderswo dargetan,
daß diese Stelle im Buche des Aristoteles »_De Mirabilibus_« sich
nicht wohl, wie eine ähnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die
Küste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, daß das Gras
bedeckte Meer, das die phönicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt,
das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, daß die
Alten im Atlantischen Meer über den 30. Grad westlicher Länge vom
Meridian von Paris hinausgekommen seyen.
34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die
nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa
Anna, westlich von den Azoren, die grüne Insel (unter 14° 52’
Breite, 28° 30’ Länge) und die Insel Fonseco (unter 13° 15’ Breite,
57° 10’ Länge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von
Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen
kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von
leichtgläubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder
drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit
welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen läßt, daß
zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel
werde entdeckt werden, so könnte man sie einer strengen Rechnung
unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit
dreihundert Jahren jährlich das atlantische Meer befahren, und wenn
man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen
Strichen berüchsichtigte. Befände sich der Maalstrom, nach
Van-Keulens Angabe unter 16° Breite und 39° 30’ Länge, so wären wir
am 4. Juli darüber weggefahren.
35 Rechts an des andern Poles Firmament
Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken,
Die nur dem ersten Paar zu schaun vergönnt.
Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzücken:
O mitternächt´ger Bogen, so verwaist,
Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken!
(Nach Kannegießers Uebersetzung).
36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt
erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwürdige
Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa
unter 57° der Länge. Sollte an diesem Punkt, noch östlicher als
Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel
liegen?