hauptsächlich darthun, daß der Zug der Gewässer gegen Südost, von Kap
St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen
Bewegung ist, in der sich die Oberfläche des Ozeans an seinem Westende
befindet. Wir erwähnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter
dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Südwest
nach Nordost gegen die Küsten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung
des Stromes wird sehr reißend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat.
Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorüberstreicht, wirft er alle Jahre
an die Westküsten von Irland und Norwegen Früchte von Bäumen, welche dem
heißen Erdstrich Amerikas eigenthümlich sind. Am Strande der Hebriden
findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina
bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem
benachbarten Festland. Die Strömung treibt nicht selten wohl erhaltene
Fässer mit französischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen
Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen
der Gewächse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschäftigen. Die
Trümmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war,
wurden an der schottischen Küste gefunden. In denselben Strichen kommen
zuweilen verschiedene Arten von Schildkröten vor, welche das Meer der
Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den
hohen Breiten eine Strömung, die von den Küsten von Grönland und Labrador
bis nordwärts von Schottland gerade nach Ost-Süd-Ost gerichtet ist. Wie
Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864,
amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes
aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Strömung zu den
orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr
Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die
Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewässer des
Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstämme über
die Erde zu verbreiten.
Das Wenige, was wir bis jetzt über die wahre Lage und die Breite des
Golfstroms, so wie über die Fortsetzung desselben gegen die Küsten von
Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufälligen Beobachtung
einiger unterrichteten Männer, welche in verschiedenen Richtungen über das
atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiß der Strömungen zu Abkürzung
der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so wäre es von so großem Belang
für die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn
Schiffe mit vorzüglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im
nördlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz
eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der
Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluß der
verschiedenen Winde südlich von der Mündung des Mississippi und ostwärts
von den Vorgebirgen Hatteras und Codd hält. Dieselben könnten zu
untersuchen haben, ob der große Strom von Florida beständig am östlichen
Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel
zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Länge die Gewässer, die von Ost
nach West strömen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am
nächsten gerückt sind. Die Lösung der letzteren Frage ist desto wichtiger,
als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten
Hoffnung nach Europa zurückgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben
der Richtung und Geschwindigkeit der Strömungen könnte sich eine solche
Expedition mit Beobachtungen über die Meerestemperatur, über die Linien
ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der
magnetischen Kraft beschäftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen
hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch
bestimmt ist. Auch in den von Europäern am starksten besuchten Meeren,
weit von jeder Küste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft
wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist
von geringerem Interesse, als die Kenntniß der Gesetze, welche um eine
Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen.
Denkt man den Ursachen der Strömungen nach, so erkennt man, daß sie viel
häufiger vorkommen müssen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewässer des
Meeres können durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen
äußern Anstoß, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch
das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maaß
der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser
Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte
Effekte hervor. Schwache, aber beständig in einem gnazen Erdgürtel wehende
Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwärts, wie wir sie
selbst bei den stärksten Stürmen nicht beobachten, weil diese auf ein
kleines Gebiet beschränkt sind. Wenn in einer großen Wassermasse die
Wassertheilchen an der Oberfläche specifisch verschieden schwer werden, so
bildet sich an der Fläche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am
kältesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und
schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthält. In den Meeren unter den
Wendekreisen zeigt der Thermometer in großen Tiefen nicht mehr als
7 – 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Dieß ergibt sich aus zahlreichen
Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die
Lufttemperatur nie unter 19 – 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem
Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerückten
Kältegrad nicht an der Oberfläche angenommen haben. Die Existenz solcher
kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin,
der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf
hin, daß die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers verändern,
im Ocean so vertheilt sind, daß sie die von der Verschiedenheit im
Wärmegrad abhängigen Wirkungen nicht aufheben.
Bedenkt man, daß in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je
nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man
voraussetzen, daß jede von Süd nach Nord gehende Strömung zugleich nach
Ost, die Gewässer dagegen, die vom Pol zum Aequator strömen, nach West
abgelenken müßten. Man sollte ferner glauben, daß diese Neigung den
tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen,
andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis
schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwärts
regelmäßig einstellt, eine andere Richtung geben müßte. Sehr alte
nautische Beobachtungen, die ich bestätigen Gelegenheit hatte, indem ich
die vom Chronometer angegebene Länge mit der Schätzung des Schiffers
verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden
Hemisphären weichen die Polarströme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach
Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der
Beständigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen.
Ueberdieß bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben
Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die stärksten Meereströmungen,
die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuß in der Secunde zurück; es ist
demnach höchst wahrscheinlich, daß das Wasser, indem es durch verschiedene
Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und daß
die Umdrehung der Erde ohne Einfluß auf die Richtung der Strömungen
bleibt.
Der verschiedene Druck, dem die Meeresfläche in Folge der wechselnden
Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der
Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, daß die
Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei
auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten.
Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als
am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks
erheben, und diese örtliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind
das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht
rühren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten
»Seiches«, eben davon her. In der heißen Zone können die stündlichen
Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresfläche
hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks
entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das
Quecksilber am höchsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie überhaupt
merkbar sind, können keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge
haben.
Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der
Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein
unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten
Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewässer der
Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in
Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhält, wenn die
Vorwärtsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf,
Folge eines äußern Anstoßes ist. De Fleurien führt in seinem Bericht über
die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, daß
das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewöhnlich
annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in
der Folge zu beschäftigen haben werden, bemerken wir nur, daß, wenn der
äußere Anstoß ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die
gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von
Meeresfläche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muß. Eine
solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange
an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die große Tiefe hinzudeuten,
welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht,
sogar mitten in den Sandbänken an den Nordküsten der Vereinigten Staaten.
Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fünfzig Tagen vom
24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurückgelegt, trotz der bedeutenden
Winterkälte in der gemäßigten Zone, kaum 3 – 4 Grad von seiner
ursprünglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Größe der Masse
und der Umstand, daß das Wasser ein schlechter Wärmeleiter ist, machen,
daß die Abkühlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf
dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine
Gewässer bis in beträchtliche Tiefen in Bewegung sind, so müssen sie auch
in ihren untern Schichten eine höhere Temperatur behalten, als unter
derselben Breite Meeresstriche ohne Strömungen und Untiefen zeigen. Diese
Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis
mit Thermometer zu lösen.
Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den
canarischen Inseln gerathe man in die Strömung und dieselbe treibe vom
39. Breitegrade an die Schiffe nach Südost. Auf unerer Fahrt von Corunna
nach Südamerika machte sich der Einfluß dieses Zugs der Wasser noch weiter
nördlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich;
sie betrub täglich im Mittel zwölf Meilen, das heißt usnere Corvette wurde
in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140
Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar
schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, daß in diesen Strichen
das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst
entspricht, sondern einem nördlicher gelegenen Punkte in der Verlängerung
einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie
läuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit
der Richtung der Gewässer. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist
für die Physiker, die sich mit der Bewegung der Flüssigkeiten
beschäftigen, nicht ohne Interesse, daß in diesem Stück des rückläufigen
Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze
Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz
ruhiger See zeigen sich an der Oberfläche schmale Streifen, kleinen Bächen
gleich, in denen das Wasser mit einem für das Ohr des geübten Schiffers
wohl hörbaren Geräusch hinströmit. Am 13. Juni, unter 34° 35’ nördlicher
Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir
konnten die Richtung derselben mit dem Compaß aufnehmen: die einen liefen
nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, daß der allgemeine Zug
der See, wie die Vergleichung der Schätzung mit der chronometrischen Länge
angab, fortwährend nach Südost gieng. Sehr häufig sieht man eine stehende
Wassermasse von Wasserfäden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen
strömen; solches kann man täglich an der Oberfläche unserer Landseen
beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner
Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der
sich über ungeheure Räume erstreckt und sich immer in derselben Richtung,
wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich
kreuzenden Strömungen beschäftigen unsere Einbildungskraft, wie der
Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in beständiger Unruhe
erhalten, sich zu durchdringen scheinen.
Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen
[360 km] Entfernung vorüber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht
mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Nähe des
Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See
sichtbar seyn. Verhält es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen
(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) höher als der Vesuv. Es ist
auffallend, daß die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte
unterhält, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn
kommenden Schiffe richten müssen; nach keinem anderen Punkte wird mit so
viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm
des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit
sichtbar, daß man sie gar nicht rechnen kann. Dazu wäre das
Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu
einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der
Garonnemündung.
Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir
außer Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen
gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am
11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns höchlich überraschte, das
wir aber später in der Südsee häufig genossen. Wir gelangten in einen
Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das
Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Südost,
viermal rascher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe
dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem
großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde
des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist?
oder machen sie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben die
Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem
Wasserspiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahr 1732 nordwärts von der Insel
Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so läßt sich
annehmen, daß diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir
befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben
der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht
Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der
_M. hysocella_ nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat.
Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, daß die
Tentakeln länger sind als der Körper. Manche dieser Meernesseln hatten
vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre
violett und purpurn schillernde Färbung hob sich vom Blau der See äußerst
angenehm ab.
Unter den Medusen fand Bonpland Bündel der _Dagysa notata_, eines
Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen
gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Säcke, durchsichtig,
walzenförmig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 – 3 [0,5 bis
0,7 mm] im Durchmesser. Diese Säcke sind an beiden Enden offen. An der
einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck.
Diese Cylinder sind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und
bilden 6 – 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnüre. Umsonst versuchte ich die
galvanische Elektricität an diesen Weichthieren; sie brachte keine
Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks
erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehören.
Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei sie sich zu Schnüren an
einander hängen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen.
Am 13. Juni Morgens unter 34° 33’ Breite sahen wir wieder bei vollkommen
ruhiger See große Haufen des letzterwähnten Thiers vorbeitreiben. Bei
Nacht machten wir die Beobachtung, daß alle drei Medusenarten, die wir
gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstieß. Diese
Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_
beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa
pelagica_ Löflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune
Körperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller
und schlägt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon
durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen,
so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die
Kette schließt, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht
unmittelbar berühren. Die Finger, mit denen man es berührt, bleiben ein
paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehäuse
der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Körper einer Meduse und
leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer
wieder, wenn man mit der trockenen Hand über das Holz fährt. Ist derselbe
wieder verschwunden, so läßt er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn
auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem
Falle die Reibung oder der Stoß? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft
etwa eine kleine Temperaturerhöhung den Schein hervor, oder kommt er
wieder, weil man die Oberfläche erneuert und so die Theile des Thiers,
welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der
atmosphärischen Luft in Berührung bringt? Ich habe durch Versuche, die im
Jahre 1797 veröffentlicht worden, dargethan, daß Scheinholz in reinem
Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und daß der Schein
wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten
läßt. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anführen
werden, bahnen uns den Weg zur Erklärung des Meerleuchtens und des
besonderen Umstandes, daß das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem
Wellenschlag in Zusammenhang steht.
Zwischen Madera und der afrikanischen Küste hatten wir gelinde Winde oder
Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich
mich bei der Ueberfahrt beschäftigte, sehr gefördert sah. Wir wurden nicht
satt, die Pracht der Nächte zu bewundern; nichts geht über die Klarheit
und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns über die
ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je
weiter wir nach Süden kamen, desto häufiger wurden sie, besonders bei den
canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht
zu haben, daß diese Feuermeteore überhaupt in manchen Landstrichen
häufiger vorkommen und glänzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer
so viele als in der Nähe der Vulkane der Provinz Quito und in der Südsee
an der vulkanischen Küste von Guatimala. Der Einfluß, den Oertlichkeit,
Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen,
trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich
dem Weltraume außerhalb unseres Luftkreises angehören. Nach den
übereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in
Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] über
der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m]
hoch war. Es wäre zu wünschen, daß dergleichen Messungen, die nur
annähernde Resultate ergeben können, öfters wiederholt würden. In den
heißen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen
einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist
es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im
allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im nördlichen
Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer
Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Häufig haben die
Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies
ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac
und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem
langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschäftigten, sehr ähnlich waren.
Das Wesen dieser Meteore hängt vielleicht ab von der Beschaffenheit von
Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und
Strahlenbrechung an der Erdoberfläche, wie sie an den Küsten von Calabrien
und Sicilien vorkommen.
Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu
Gesicht. Gerne hätte ich die Länge dieser Inseln berichtigt und von den
vulkanischen Bergen nordwärts von Funchal Höhenwinkel genommen. De Borda
berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine
Höhe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, daß nach
neueren Messungen der höchste Gipfel von Madera 5167 englische Fuß oder
807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages,
auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben
nicht 200 Toisen senkrechter Hähe. Es scheint mir von Nutzen, die
Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst
einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung öfter Erwähnung geschieht
und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf
ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Höhenwinkel, die man mit
guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlänglicher Genauigkeit
ermitteln läßt, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von
einer gebirgigen Insel befindet.
Als wir 40 Meilen [180 km] ostwärts von Madera waren, setzte sich eine
Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so müde, daß sie sich leicht fangen
ließ. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen
Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu
fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine
Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weißen Vorgebirge; das war aber
Ende Oktobers, und Labillardière war der Meinung, sie komme eben aus
Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte
kein Sturm das Meer aufgerührt. Ich betone den letzteren Umstand, weil
kleine Vögel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die
hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Südsee, westwärts von der
Küste von Mexiko, beobachten konnten.
Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben großen
Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Engländer die Rhede von
Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel,
welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die
mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wußten, keine großen Stücke auf die
Länge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich
zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich
am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20° 26’ der Breite
waren, änderte der Capitän den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich
bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam
Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fünf
Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich
vor uns, daß ich den Höhenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der
majestätisch die anderen Gipfel überragt und den wir für den großen Vulkan
hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so große Verwüstungen
angerichtet hat.
Die Strömung trieb uns schneller gegen die Küste, als wir wünschten. Im
Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die
vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel
Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht
zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel
von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhänge wie Silber schimmerten.
Antares glänzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad über dem
Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir
nicht weit von der afrikanischen Küste und der Grenze der heißen Zone
waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18°. Es war,
als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse
vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizölligen Sextanten von
Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer
Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefährten waren
Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die
Schönheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere
Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schöne Sternbild
des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren
wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt rüsteten. Wir hatten auf der
Reise fortwährend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und
diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche
Pedro Guttierez, ein Page der Königin Isabella, in der denkwürdigen Nacht,
da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah.
Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen.
Desto schärfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor.
Die Feuchtigkeit erhöht die Durchsichtigkeit der Luft und rückt zugleich
scheinbar die Gegenstände näher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der
Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der
Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem
Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und
Montaña Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande nördlich von
Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu,
als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehört, so schlecht
gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786
veröffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen
Angaben. Da die Strömungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so
mag die für die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier
stehen, daß die Lage der fünf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa,
Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von
Borda und im Atlas von Tofiño genau angegeben ist, welcher letztere sich
dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der
Fregatte Boussole ziemlich übereinstimmen.
Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten
befahren, machte die Gestaltung der Küsten den eigenthümlichsten Eindruck
auf uns. Wir glaubten uns in die euganäischen Berge im Vincentinischen
oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die
Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese
erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der
Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die
vielleicht früher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die
Abstufung der Klimate abhängt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden
Hemisphären die nämlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder
Hornblende einschließen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer),
Grünsteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie
in der Auvergne, im böhmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den
Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der
Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen
vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden
niedrigen Kuppe gekrönt sind.
Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Nähe sahen, hat
ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwüsteten
Landes. Alles ist schwarz, dürr, von Dammerde entblößt. Wir erkannten mit
dem Fernrohr Basalt in ziemlich dünnen, stark fallenden Schichten. Mehrere
Hügel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und
Aschenhügeln, welche am Fuße des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht
aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbé Viera wurde auch
im Jahre 1730 mehr als die Hälfte der Insel völlig umgewandelt. Der »große
Vulkan«, dessen wir oben erwähnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan
von *Temanfaya* heißt, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute
Gebiet; neun Dörfer wurden durch die Lavaströme völlig zerstört. Ein
heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke
Stöße wurden noch mehrere Jahre nachher gespürt. Letztere Erscheinung ist
um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal
nach dem Ausfluß der geschmolzenen Stoffe die elastischen Dämpfe durch den
Krater haben entweichen können. Der Gipfel des großen Vulkanes ist ein
runder, nicht genau kegelförmiger Hügel. Nach den Höhenwinkeln, die ich in
verschiedenen Abständen genommen, scheint seine absolute Höhe nicht viel
über 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und
die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis
134 m] hoch. Man wundert sich, daß Gipfel, die sich auf hoher See so
imposant darstellen, nicht höher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher
als unser Urtheil über die Größe der Winkel, unter denen uns Gegenstände
ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Täuschung derart ist es
zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap
Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den
Seefahrern für ungemein hoch galten.
Die Insel Lanzerota hieß früher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der
Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch
Merkmale höherer Kultur aus. Sie hatten Häuser aus behauenen Steinen,
während die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Höhlen
wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der
nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist übrigens die Vielmännerei
nicht so häufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft mißbilligt.]
Eine Frau hatte mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des
Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur während
eines Mondumlaufs anerkannt, sofort übernahm ein anderer das Amt und jener
trat in das Hausgesinde zurück. Es ist zu bedauern, daß wir von den
Geistlichen im Gefolge Johanns von Béthencourt, welche die Geschichte der
Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines
Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Bräuche herrschten. Im fünfzehnten
Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander
unabhängige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen
man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmäler, die den
Nationalhaß überleben.
Wegen des Windes mußten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montaña
Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal
gewesen war, so mußte das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund
bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische
Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, daß wir lange nicht wußten, ob
wir sie für einen Zoophyten oder für eine Tangart halten sollten. Auf
einem bräunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blätter mit
gezahntem Rand. Sie sind hellgrün, lederartig und gestreift wie die
Blätter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Fläche ist mit steifen,
weißlichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in
einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkührlicher Bewegung,
von Irritabilität daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem
Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus
einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und
Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewächsen nachgewiesen
sind, so wäre nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege
hätte ermitteln wollen, ob dieser organische Körper dem Pflanzen- oder dem
Thierreich angehöre. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblättern sehr
nahe kommt, so stellten wir ihn vorläufig zu den Tangen und nannten ihn
_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewächs bedeckt ist, kommen
bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch
aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die drüsigen
Körper in Häufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen
_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man
Tange, die vermöge ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen
Paranchym noch keine Spur von Körnern zeigen.
Ich hätte diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte
gehören, hier übergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattähnlichen
Blättern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse
beobachten ließe. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuß
tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blätter so grün wie
unsere Gräser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180
Fuß Wasser hindurchgeht, im Verhältniß von 1 zu 1477,8 geschwächt. Der
Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis für den Satz, daß Gewächse im
Dunkeln vegetiren können, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln
eingeschlossenen Keime mancher Liliengewächse, der Embryo der Malven, der
Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige
mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewächse, die man in
Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff
enthält, sind grün ohne Lichtgenuß. Diese Thatsachen berechtigen zu der
Annahme, daß der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller
grün färbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich
nicht bloß unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewächse
bildet.
Turner, der so viel für die Familie der Tange geleistet hat, und viele
andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der
Meeresfläche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem
32. der Länge sich dem Seefahrer als eine weite überschwemmte Wiese
darstellen, wachsen ursprünglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der
Oberfläche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen
losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu läugnen, daß die
Familie der Seealgen große Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben
festhält, daß Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht
ist; denn wie sollte man voraussetzen können, daß so viele Arten von
Ulvaceen und Dictyoteen mit grünen Stengeln und Blättern auf Gestein
unmittelbar unter der Meeresfläche gewachsen sind?
Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitän
des Pizarro sich einem kleinen Fort nördlich von Teguise, dem Hauptort von
Lancerota, gegenüber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen für ein
Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf
das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des
vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Engländer in der
Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, daß
das Land, das wir für einen Theil der Küste von Lanzerota gehalten, die
kleine Insel Graciosa sey und daß es auf mehrere Kilometer in der Runde
keinen bewohnten Ort gebe.
Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlußpunkt einer
weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefühl des
Naturforschers, der zum erstenmal einen außereuropäischen Boden betritt.
Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenständen in Anspruch genommen,
daß man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag.
Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkörper vor sich zu haben,
und in der Aufregung erkennt man häufig Dinge nicht wieder, die in unseren
botanischen Gärten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten
gehören. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der
Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die
Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Mühe, seiner
habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am
einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des
Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von
ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota
durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in
den Hafen los Colorados zu führen, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von
Tenerifa erkundigen könnten; da er aber zugleich versicherte, seit
mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so
beschloß der Kapitän, geradezu nach Santa Cruz zu steuern.
Das kleine Stück der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den
aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre
del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Bäume und Gebüsche, meist ohne Spur
von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen
hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche
bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem
afrikanischen Boden hemmt die große Hitze und die lange Trockenheit die
Entwicklung der cryptogamischen Gewächse.
Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel,
aber er Wind war zu schwach, als daß wir unseren Weg nach Teneriffa hätten
fortsetzen können. Die See war ruhig; ein röthlicher Dunst umzog den
Horizont und ließ alle Gegenstände größer erscheinen. In solcher
Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im
Anblick einer wilden, großartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa
zeigten fünf, sechshundert Fuß [160 bis 200 m] hohe senkrechte Wände. Ihre
Schatten, die auf die Meeresfläche fielen, gaben der Landschaft einen
schwermüthigen Charakter. Gleich den Trümmern eines gewaltigen Gebäudes
stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit
entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die
Festländer zertrümmerten. Alles umher verkündete Verwüstung und
Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des
Bildes die Küste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit
verstreuten Baumgruppen gekrönten Hügeln, zog sich ein kleiner bebauter
Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte
reife Korn. Selbst die Wüste belebt sich, sobald man den Spuren der
arbeitsamen Menschenhand begegnet.
Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal
zwischen Alegranza und Montaña Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit
hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen.
Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Strömung nahe zu einem Riff,
an dem sich die See ungestüm brach, und das die alten Karten als
»Infierno« bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellängen vom
Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, daß es eine drei, vier
Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Höhlungen und bedeckt mit
Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der
entschwefelten Steinkohle ähnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe
Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels)
nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar früher
weit höher gewesen seyn; denn die »neue Insel« der Azoren, die zu
wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719,
war 354 Fuß [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 – 8 Meilen
(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder
eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gänzlich
verschwand, daß man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief
fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein
Ereigniß bestätigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben
Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich
vom Meeresboden zwei pyramidale Hügel von steiniger Lava und verschmolzen
nach und nach mit der Insel Lanzerota.
Da der schwache Wind und die Strömung uns aus dem Canal von Alegranza
nicht herauskommen ließen, beschloß man, während der Nacht zwischen der
Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Dieß hätte beinahe sehr
schlimme Folgen für uns gehabt. Es ist gefährlich, sich bei Windstille in
der Nähe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Strömung ausnehmend
stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Strömung
gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden
Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette
gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fürchtete man zu
stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten
im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese
Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen,
sind übrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Südsee,
namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem
Maßstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Flüssigkeit und der
Felsmasse vermag den Zug der Strömung zu ihnen hin nicht zu erklären, und
wie sollte man es glaublich finden, daß sich das Wasser am Fuße der
Klippen in die Tiefe stürzt, und daß bei diesem fortwährenden Zug nach
unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufüllen suchen
(7)?
Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus
dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und
jetzt bemerkten wir im Gestein große Spalten, durch welche wahrscheinlich
die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren
die kleinen Inseln Alegranza, Montaña Clara und Graciosa aus dem Gesicht.
Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie
jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist übrigens weniger
gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem nördlichen Europa
kostbare Farbstoffe liefern. Montaña Clara ist berühmt weger der schönen
Canarienvögel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Vögel wechselt nach
Schwärmen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten
Landstrichen häufig ein anderer ist. Auf Montaña Clara gibt es auch
Ziegen, zum Beweis, daß das Eiland im Inneren nicht so öde ist als die
Küste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von »La Joyeuse«, wie
die ersten Eroberer der Canarien, zwei normännische Barone, Jean de
Béthencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste
Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der
Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stück gesehen, beschlossen sie,
sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemächtigen, und wurden von
Guadarfia, dem Häuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie
Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkönig, der keine anderen Schätze
hatte als seine Ziegen, wurde so schmählich verraten, wie der mexikanische
Sultan.
Wir fuhren an den Küsten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die
zweite scheint früher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese
geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem
Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, König
Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei
derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese
einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien für die
beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria
der Alten erklärt.
Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von
Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig
werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas
letzte trigonometrische Messung angibt, so muß sein Gipfel auf 43
Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und
die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob
der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2° 29’
oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey.
Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der königlich spanischen
Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro
ein Schifftagebuch in Händen gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa
sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim südlichen Vorgebirg von
Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der
Gipfel unter einem so großen Winkel, daß der Beobachter, Don Manuel
Bazuti, glaubt, der Vulkan hätte noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden
können. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter.
Rechnet man 15 Fuß als Erhöhung des Auges über der See, so finde ich, daß
man, um die Erscheinung zu erklären, eine Refraction gleich 0,158 des
Bogens anzunehmen hat, was für die gemäßigte Zone nicht außerordentlich
viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die
Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, daß sie an der
Küste von Afrika diese äußersten Grenzen erreichen, woran ich sehr
zweifle, so könnte unter gewissen Umständen der Pic vom Verdeck eines
Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden.
Seeleute, die häufig diese Striche befahren und über die Ursachen der
Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, daß der Pic de Teyde und der
der Azoren(8) zuweilen in sehr großer Entfernung zum Vorschein kommen, ein
andermal in weit größerer Nähe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel
klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstände
verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge
auf der Rückreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge
harren, um ihre Länge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon
entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter
in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mußten, nicht
sehen können. Der Zustand der Atmosphäre hat den bedeutendsten Einfluß auf
die Sichtbarkeit ferner Gegenstände. Im Allgemeinen läßt sich annehmen,
daß der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem
Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, daß er dagegen im Januar
und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige
Stunden vor einem starken Regen in außerordentlich großer Entfernung zu
Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben
bemerkt, in erstaunlichem Maaße erhöht zu werden, wenn eine gewisse Menge
Wasser gleichförmig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht
wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die
Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten können. Der Pic
ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt
Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton*
oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings
vieles Licht zurück, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von
weißlicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel mißt nur ein
Zwanzigtheil der ganzen Höhe. Die Wände des Vulkans sind entweder mit
schwarzen, verschlackten Lavablöcken oder mit einem kräftigen
Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurückwirft, als
die Baumblätter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen
größeren Umfang haben als die beleuchteten Theile.
Daraus geht hervor, daß der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu
den Bergen gehört, die man, wie Bouguer sich ausdrückt, auf weite
Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der
äußersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur
gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches
die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters
fortpflanzen, von verschiedener Intensität sind. [Aus den Versuchen
desselben Beobachters geht hervor, daß, wenn dieser Unterschi8ed für
unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben
soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil stärker seyn muß als
das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der
Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weißes
Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur
80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so
hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse
auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht
wahrscheinlicher ist, daß man in See den Pic erst dann als ein Wölkchen
über dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton
heraufzurücken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu
100 Toisen [200 m] an, so findet man, daß der kleine Kegel in 40 Meilen
Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3
Minuten erscheint. Dieser Winkel ist groß genug, um einen Gegenstand
sichtbar zu machen, und wenn der Piton beträchtlich höher wäre, als in der
Basis breit, so dürfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner
seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere
Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß eine Minute nur
dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstände nach allen
Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten
Ebene einzelne Baumstämme mit bloßem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25
Secunden beträgt.
Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von
der Lichtmenge abhängt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine
am Berg endet, während die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortläuft,
so folgt daraus, daß, je weiter man vom Gegenstand wegrückt, desto kleiner
der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der
vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, daß nicht sehr hohe
Berggipfel, wenn sie sich über dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs
dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr große Entfernung sieht.
Ebenso hängt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird,
nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere
meteorologischen Beobachtungen beschränkt sind, sondern auch von der
Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der höheren Regionen;
denn das Bild hebt sich desto besser ab, je stärker das Licht in der Luft,
das von den Grenzen der Atmosphäre herkommt, ursprünglich ist, oder je
weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht
es bis zu einem gewissen Grade erklärlich, warum bei gleich heiterem
Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der
Erdoberfläche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind,
des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich würde man
sogar den Vulkan nicht häufiger sehen können, wenn die Höhe des
Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateröffnung befindet, ein
Viertheil der ganzen Berghöhe wäre, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die
Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark
zurück als der Schnee der Anden. Sie macht, daß der Berg bei sehr großem
Abstand sich nicht hell, sondern weit schwächer dunkelfarbig abhebt. Sie
trägt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten
Lichtes, deren veränderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder
weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit
Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los
Pajonales_, von _paja_, Gras. So heißt die Zone der grasartigen Gewächse,
welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind,
treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als
Gegenstände, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine
gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau
des Himmels abheben.
Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die über die Grenze des
ewigen Schnees hinausragen, wirken alle günstigen Umstände zusammen, um
sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen,
daß der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen
[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu
Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter
der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] höher liegt als
der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des
ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghöhe ein, und die Basis dieser
Zone ist, von der Südsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich
aber der Chimborazo um zwei Drittel höher ist als der Pic, sieht man ihn
doch wegen der Krümmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im
Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glänzt
sein Schnee so stark, daß man glauben sollte, er müßte sehr weit in der
Südsee sichtbar seyn. Glaubwürdige Schiffer haben mich versichtert, sie
haben ihn bei der Klippe Muerto, südwestlich von der Insel Puna, auf 47
Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die
Angaben unzuverlässig, weil die Beobachter ihrer Länge nicht gewiß waren.
Das in der Luft verbreitete Licht erhöht, indem es auf die Berge fällt,
die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Stärke desselben
vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenständen, die, wie der
Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer
hat auf theoretischem Wege gefunden, daß nach der Beschaffenheit unserer
Atmosphäre Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden
können. Die Erfahrung — und diese Bemerkung ist wichtig — widerspricht
dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist häufig auf 36, 38, sogar auf 40
Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln
hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee
darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt
das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und
was noch merkwürdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der
nur negativ sichtbar ist.
Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu
sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik
beziehen, auf die Schwächung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch
die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind.
Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha,
der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der
St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den
Küsten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht
hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen,
gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser
natürlichen Bojen zusammenhängt, ist für die Sicherheit der Schifffahrt
von Belang.
------------------
1 Ich muß hier bemerken, daß ich von einem Werke in sechs Bänden, das
unter dem seltsamen Titel: »Reise um die Welt und in Südamerika, von
A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg«, niemals Kenntniß
genommen habe. Diese in meinem Namen verfaßte Reisebeschreibung
scheint nach in den Tageblättern gegebenen Nachrichten und nach
einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des
französischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um
das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator für
angemessen, einer Reise in einige Länder des neuen Kontinentes den
anziehenderen Titel einer »Reise um die Welt« zu geben.
2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphären
anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in
den Werken von Cook, Lapérouse, d´Entrecasteur, Vancouver,
Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach
schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Strömung unter den
Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen
0,3 und 1,2 Fuß in der Secunde.
3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfältig
vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die
Temperatur des Wassers an der Oberfläche unter verschiedenen
Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Wärme in
den über eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluß der
Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der
Strömungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewässer der
einen Zone durch ruhenden Gewässer der andern hindurchführen.
4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange
zuweilen eingesalzen ißt, lebten hier nicht vor der Eroberung der
Inseln durch die Béthencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten
sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, daß sie
verwildert waren und man Jagd auf sie machen mußte. Man schoß ihrer
mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde
auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet
schön.
5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet
gewesen seyn, das 203mal stärker ist als das Mondlicht, also gleich
der Hälfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuß Entfernung
verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium
saticum_ beim glänzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum
merkbar grün.
6 Ich bemerke hier, daß diese Klippe schon auf der berühmten
venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, daß aber mit
dem Namen Infierno, wie auch auf der ältesten Karte des Picigano,
Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic
als den Eingang der Hölle ansahen.
7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nützlichen, unter den
Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des
_Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der
Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug
schwer von der Küste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von
dieser selbst angezogen.
8 Die Höhe dieses Pics beträgt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m],
nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maaße
sind nur annähernde Schätzungen. Der Capitän des Pizarro, Don Manuel
Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, daß er den Pic der
Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er
seiner Länge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiß war. Der Vulkan
wurde in Süd 4° Ost gesehen, so daß der Irrthum in der Länge auf die
Schätzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluß haben
konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren
erschien, so groß, daß Cagigal der Meinung ist, der Vulkan müsse auf
mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues
setzt eine Höhe von 1431 Toisen [2789 m] voraus.
9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand über 2598
Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer
zufälligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlässigem Wege
erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, daß ein
Berggipfel unter 19° Breite, der wahrscheinlich über 2500 Toisen
hoch ist, von Schnee ganz entblößt wird. Die starke Abplattung des
Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte
Lage im Weltmeer und die Häufigkeit gewisser Winde, die durch den
aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, mögen die
vornehmsten Ursachen seyn. Es läßt sich nicht wohl annehmen, daß
sich Capitän Marchand in der Schätzung des Abstandes, in dem er am
10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt
habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und
nach der Bewegung der Gewässer und den Mondsbeobachtungen am
10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53
Meilen. Ueberdieß berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, daß
der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis
36 Meilen zu sehen sey.