Hand, hatte der rothaarige Leutnant noch eine andre Überraschung: eine
ziemlich neue Nummer einer Südwestafrikanischen Zeitung. Da sie in
seinem Lager schon von Hand zu Hand gegangen war, war sie schon sehr
schmutzig und lappig geworden; doch griff unser Leutnant eilig danach
und breitete das Blatt aus und sah, von ungefähr oder nicht, auf die
Stelle, wo neue Dekorierungen standen: da sah er plötzlich auf, mit
zusammengebissenen Zähnen, und sah nach dem Gebannten, der ein wenig
seitwärts von uns saß und nach seiner Weise vor sich hin auf die Erde
sah, nannte seinen Namen und sagte: »Kamerad, sehn Sie mal hier!« Der
fuhr aus seinen Gedanken auf und kam und kniete hinter ihm und sah auf
die Stelle, die jener zeigte und atmete kurz und schwer. Der Leutnant
sah uns an und sagte leise: »Er ist zur Dekorierung eingegeben.« Da
konnte der Gebannte sein heftiges, innerliches Schluchzen nicht mehr
zurückhalten; er weinte sehr; wir aber umdrängten ihn und schüttelten
ihm die Hand, die meisten mit feuchten Augen. Dann schrieb er eine
Postkarte an seine Frau und Kinder, und wir alle mußten unterschreiben:
ein Leineweber aus Oberschlesien, ein Schornsteinfeger aus Berlin, ein
Knecht aus Oldenburg, ein Graf aus Bayern, ein Schlossergesell aus
Holstein und andre. Wir waren noch alle in Fahrt und Aufregung über
diese Begebenheit, da kam der Posten vom Viehkraal her und meldete:
»Herr Leutnant, die bunte Kuh will kalben und kann nicht.« Der rote
Leutnant sah ganz perplex darein: »Was?« sagte er, »kann nicht?
Natürlich kann sie.« Da lachten wir über ihn und waren sehr gemütlich;
und der Knecht aus Oldenburg half der Kuh. Dann ritten wir weiter. Von
einer guten Wasserstelle wußte der Rote nichts; er sagte, man müsse
sich das Trinken abgewöhnen.
Nachmittags, auf dem Rückweg zu unsrer Abteilung, überholten wir eine
Proviantkolonne, mit deren Führer sich unser Leutnant eine Zeitlang
unterhielt. Die andern sprachen derweil mit der übrigen Bedeckung. Ich
aber konnte meine Augen nicht von einem Treiber abwenden, der, die
lange Peitsche über der Schulter, mit langen, würdevollen Schritten
neben seinen Ochsen herging. Hinter ihm ging seine Frau, ein kleines
zweijähriges Kind im Tuch auf dem Rücken; dann kamen, weiter im
Gänsemarsch, nach der Größe abgestuft, noch drei halbwüchsige Kinder.
Eine Scheckpfeife, die gemeinsames Eigentum der Familie war, ging vom
Mann die Reihe entlang bis zum letzten kleinen Achtjährigen, der sie,
nachdem er einige Züge getan hatte, im Trab vorlaufend, seinem Vater
wiederbrachte. Nur das kleinste hatte für den Tabaksgenuß noch kein
Interesse; es versuchte -- und ich glaube mit Erfolg -- von seinem
Sitz auf dem Rücken der Mutter, nach ihrer Brust zu langen, die lang
und schlaff auf den Leib herunterhing.
Als ich noch in Betrachtung dieses Bildes dahinritt, rief mich der
Leutnant und sagte mir, daß, nach der Aussage des Kolonnenführers,
der oberste von unsern Ärzten, selbst krank, und mit einem einzigen
kranken Begleiter und einem schwarzen Diener, vor etwa drei Stunden
diese Pad gezogen wäre, um unsre Abteilung zu erreichen; nun wäre aber
seine Spur nicht zu finden und es wäre zu befürchten, daß er eine andre
Pad gezogen wäre, die ihn nicht zu einer Wasserstelle führen würde.
Ich sollte mit zwei Mann reiten und sehn, ob ich ihn fände und ihn zu
unsrer Abteilung geleiten.
Ich war sehr froh über den Auftrag und vollführte ihn mit besonderem
Glück; denn als wir etwa eine Stunde zurückgeritten waren, wobei ich
jede Spur, die über die Pad lief, wie ein alter Jäger betrachtete,
entdeckte ich zu meiner großen Freude, daß die drei Reiter an einer
Stelle, die sandig genug war, die Spur deutlich zu zeigen, nach rechts
von der Pad abgebogen waren, um den Versuch zu wagen, das Lager auf
dem kürzesten Weg quer durch den Busch zu erreichen. Wir verfolgten
nun also ihre Spur und sahn die drei einsamen Reiter bald vor uns in
sehr dünnem Busch, wie sie auf sehr müden Pferden dahinzogen. Links
ritt der Doktor, an seiner kurzen, kräftigen Figur zu erkennen; ich
hatte ihn vor dem letzten Gefecht mehrmals gesehn. Sein Begleiter, der
zur Linken ritt, hing im Sattel als wenn er schliefe; dann und wann
langte der Doktor nach ihm, um ihn zu halten oder ihn aufzurütteln.
Der schwarze Diener ritt als Wegführer einige zwanzig Meter voran. Ich
schüttelte den Kopf darüber, daß der Arzt mit so geringer Begleitung
und Bedeckung von Lazarett zu Lazarett kreuz und quer durch dies
weglose, durstige und von feindlichen Horden durchstrichene Land reiten
mußte, und setzte mein müdes Pferd in Trab. Da sah sich der schwarze
Diener auch schon um und meldete uns. Der Doktor gab seinem Begleiter
wieder einen Knuff, wandte sein Pferd und nahm sein Gewehr aus dem
Schuh. Da viele Feinde unsre Uniform trugen, auch unsre Schlapphüte,
unter denen unsre verbrannten Gesichter fast schwarz aussahn, zumal
ja die Sonne fast senkrecht herunterschien, so hielt er uns vorläufig
für Feinde. Als wir aber die Hüte abnahmen, erkannte er uns. Da sah
ich denn, daß sein Begleiter schwer krank war und sich nicht recht
mehr im Sattel halten konnte, und daß der Doktor selbst, der beim
Gefecht, vor vier Wochen, noch stattlich und frisch ausgesehn hatte,
sehr zusammengefallen war und müde und fiebrig aus tiefliegenden Augen
sah. Er war seit sechs Wochen von Abteilung zu Abteilung geritten
und hatte gestern und heute siebzig Kilometer gemacht und in zwanzig
Stunden nicht geschlafen. Während er mich nach woher und wohin fragte
und aus meinem Wassersack trank und, dazwischendurch, den Schwarzen
auslümmelte, der aus lauter Gleichgültigkeit und Faulheit den
Wassersack nicht gefüllt hatte, halfen die Kameraden dem Begleitsmann
vom Pferd und führten ihn abseits, daß er sein Bedürfnis verrichtete.
Dann hoben wir ihn mit aller Macht aufs Pferd, und ritten langsam
weiter.
Spät abends kamen wir todmüde zu unsrer Abteilung, die an vertrockneten
Wasserlöchern die Nacht zubrachte. Es war eine sehr kalte,
unfreundliche Nacht. Ein scharfer, schneidender Wind fuhr über die
Steppe und jagte feinen, dürren Sand über die verdurstenden Menschen
und Tiere.
Am folgenden Tag kamen Gewitter über uns hin. Wie von allen Seiten
stieg dunkles Gewölk auf; Donner rollten gewaltig über die weite
Ebene, glühende Peitschen zuckten lang über den Himmel; Regen fuhr
nieder. Aber nach einer Stunde war alle Feuchtigkeit wieder weg und
ein stürmischer Wind blies uns den Sand ins Gesicht, daß wir Augen und
Mund nicht öffnen konnten. Wir schützten uns abends im Biwak vor der
schneidenden Kälte, indem wir Zeltbahnen als Windschirme aufstellten;
in deren Schutz kochten wir mit schlechtem Wasser bei kümmerlichem
Feuer unsre alltägliche Mahlzeit, zähes Fleisch und Reis, und redeten
stumpf und wenig. Fern im Osten standen mächtige Rauchwolken, von Feuer
durchglüht. Der Feind verbrannte auf seinem Rückzug in die Wüste die
spärliche, trockne Weide.
Am andern Tag, vor Mittag, sollten wir an einer Stelle im trocknen
Flußbett Wasser finden. Wir fanden auch Löcher; sie waren aber leer.
Da stiegen zwanzig Mann hinein und gruben sie tiefer; aber es kam kein
Wasser. So konnten wir also weder trinken noch kochen. Auch die Pferde
konnten, ungetränkt, nicht weiden; die vertrocknete Schleimhaut konnte
das trockne, grobe Gras nicht verarbeiten. Es blieb nichts übrig als
weiter zu ziehn. Wir stiegen ab und führten die Pferde und gingen im
tiefen Sand und heißer Sonne, mit ausgedorrtem Halse, gegen wehenden
Sand an, ein langer, müder Zug. Ab und zu strauchelte ein Pferd; der
Reiter riß es hoch und redete ihm zu, freundlich oder barsch. So wurde
es Nacht und dunkel. Der Boden wurde steinig und hart, und wir konnten
die Spur nicht mehr sehn. Da machten wir Halt, stellten Wachen rund um
uns, zündeten einige Feuer an und lagen dumpfschlafend auf der Erde.
Die Pferde standen und lagen neben uns an den Feuern.
Gegen Mitternacht stieg langsam der Mond auf über der weiten Steppe.
Wir zogen die Wachen ein, sattelten und zogen weiter, und kamen
nach drei Stunden zu der Wasserstelle, welche unsre Patrouillen
ausgekundschaftet hatten. Der Mondschein war so hell, daß wir schon
von weitem die Wasserlöcher sahen, die als dunkle Stellen auf der
kalkigweißen, gespenstisch hellen Fläche lagen. Zur Seite standen hier
und da einzelne schöne, hohe Bäume. Zwei Termitenhügel standen grau
und hellbeschienen unter ihnen. Es sah aus wie ein schön geebneter,
marmorbelegter Platz in einem herrlichen Park, Statuen zur Seite unter
hohen, stillen Bäumen. Die Pferde hoben die Köpfe; ihr Schritt wurde
munterer; die verschlafenen, verfrorenen und verhungerten Reiter
wurden lebendig. Nun waren die ersten am ersten Wasserloch. Aber ihre
Pferde wandten sich ab und gingen zum zweiten, und gingen zum dritten.
Da kamen auch wir heran und spürten den aasigen Geruch, der wie ein
böses, schreckliches Ungeheuer platt und gierig auf der ganzen schönen,
mondbeschienenen Lichtung lag. Die Löcher waren voll von verwesendem
Vieh. Da standen die Pferde mit hängenden Köpfen da, und wir neben
ihnen, die aufeinander gelegten Hände aufs Gewehr aufgestützt. Und
mancher wankte, verschlafen und ausgehungert, im Stehn.
Wir mußten weiter, den Rest der Nachtkühle auszunutzen. In dieser
nächtlichen Stunde hat mancher gedacht: ›Wärst Du zu Hause geblieben!
Könntest Du jetzt zu Hause sein; nie wieder gehst Du in die Fremde.‹
Aber sein stolperndes Pferd weckte ihn aus seinem Traum. Und wenn
das Pferd nach einigen stolpernden Schritten zitternd stand und dann
plötzlich vorn in die Knie fiel und sich stöhnend auf die Seite legte
und die nachfolgenden gleichmütig an ihm und seinem liegenden Pferd
vorbei weiter zogen und es dann hieß: »Nun, steh nicht so lange!
Schnell die Packtasche ab und häng' sie Dir um!«, dann wurde mancher
ganz wach; dann hieß es: »Hinter Dir und zu beiden Seiten unter den
dürren Büschen trabt und läuft der Tod. Nur nach vorn ist Leben und
Heimkehr.« Er bückte sich nach der Packtasche, warf noch einen langen
Blick in die Augen seines Pferdes und trabte voran. An der Pad entlang
lag eine Menge kleiner, erloschener Feuerstellen; daneben allerlei
liegengelassenes Gut, eigenes und gestohlenes, besonders Kleider und
Sättel; auch christliche Bücher, welche die Missionare ihnen geschenkt
oder verkauft hatten. Der ganze Weg war voll von gefallenem Vieh. Wir
hatten den Fluchtweg des Feindes erreicht. Eine Patrouille kam mit der
Nachricht, daß unsre andere Abteilung einen Teil des Volkes überrascht,
mit Granaten beworfen und auseinander gesprengt hatte.
Am andern Tag erreichten wir endlich eine gute Wasserstelle und
vereinigten uns hier mit der andern Abteilung. Vereint wollten wir
nun den Feind, der an der nächsten und letzten Wasserstelle saß,
angreifen und ihm den Garaus machen. Es war allgemein der Glaube, daß
es ein Gefecht werden würde wie das vor vier Wochen, ebenso schwer und
verlustreich.
Der General wollte seine Soldaten, die er nun vereint hatte, in Reih
und Glied sehn, auch in Erwartung des Gefechts den Geist heben; also
befahl er für den andern Tag Parade und Gottesdienst.
Da nahmen wir denn auf der weiten Lichtung Aufstellung: die Reiter,
und die zu Fuß gehn mußten, und die Artilleristen bei ihren Kanonen.
Die Ochsen, die schwarzen Treiber, die Kapwagen und der Himmel über
der weiten Steppe sahen zu. Wir standen schön in Reih und Glied und
großartig klang es: »Guten Morgen, Soldaten!« -- »Guten Morgen,
Exzellenz!«, aber die Pferde waren mager, zottig und müde; und die
Kleider und Stiefel zerrissen; und Hunger und Krankheit stand vielen im
Gesicht.
Am Nachmittag um vier traten wir zum Gottesdienst an. Der Pastor war
immer bei einer andern Abteilung gewesen, so daß ich ihn erst vor
einigen Tagen zum erstenmal gesehn hatte. Er war ein großer, starker
Mann und trug die Uniform und die hohen Stiefel wie wir, und saß mit
Gewehr und Patronengurt im Sattel. Auch jetzt, da er vor der Kiste
stand, die mit einem roten Tuch bedeckt war, trug er die Uniform und
die Reiterstiefel; er hatte aber ein goldenes Kreuz vor der Brust
hängen und trug am Arm eine blauweiße Binde mit rotem Kreuz. Es
wurde zuerst das Lied gesungen: »Wir treten zum Beten vor Gott den
Gerechten«; dann fing er an zu sprechen und sagte, ein Naturvolk
habe sich gegen die Obrigkeit erhoben, die Gott ihm gesetzt hätte;
dazu habe es sich mit entsetzlichem Morden befleckt. Da hätte die
Obrigkeit uns das Schwert in die Hand gegeben; das sollten wir morgen
wieder brauchen. Möchte jeder von uns als ein braver Soldat es redlich
führen. Es wäre eine ernste Stunde; es möchte wohl geschehen, daß der
eine oder andre morgen den Abend nicht erlebe. Wir wollten Gottes
Angesicht suchen, daß er uns etwas von seiner Heiligkeit und Ewigkeit
schenke; dem, der sich ihm ergebe, habe er eine ewige Ruhe und Frieden
vorbehalten. Wir merkten, daß es dem Pastor Ernst mit seinen Worten
war, und daß er ganz und gar an sie glaubte; und wir wußten alle,
es ginge in ein ernstes Gefecht und vielleicht in raschen Tod oder
jammervolle Verwundung und traurigen Transport; und dann noch stand
uns allen das bevor: schwerer, weiter, mühsamer Weg durch schreckliche
Krankheiten und heißen Hunger und quälenden Durst, bis wir wieder nach
der fernen Heimat kamen. Darum hörten auch alle mit großem Ernst zu.
Dann nahmen wir die Hüte ab zum Gebet.
Abends um zehn Uhr machten wir uns auf. Das Land war leicht wellig, mit
dünnem Busch bedeckt. Wir zogen oben auf der Höhe einer Welle entlang
und sahen im Mondschein die weichen, schönen Linien der Hügel; unten
in der Niederung lief ein breiter, heller Streifen, das Sandbett eines
Flusses. Es wurde vier Uhr und es wurde Morgen; vom Feinde war nichts
zu sehen. Aber wir dachten: wenn wir die Höhe vor uns erreicht haben,
werden wir den Feind sehen. Es ging trotz der heißer werdenden Sonne
weiter. Die Spitze erreichte die Höhe und verschwand. Kein Schuß. Die
vordere Kompanie erreichte die Höhe. Kein Schuß. Wir sahen, wie die
Artilleristen die Staubkappen von den Geschützen nahmen. Weit von
vornher fielen einige Schüsse. Nun erreichten auch wir die Höhe. Vom
Feinde war nichts zu sehen, als unten in der Ferne eine ungeheure
schwere Staubmasse, die rasch durch die Steppe vorwärtszog.
Da war es klar, daß dem stolzen Volke aller Mut und alle Hoffnung
vergangen war; daß sie lieber den Tod in der Wüste wollten, als weiter
mit uns kämpfen.
Wir ruhten ein wenig an der vom Feinde verlassenen Wasserstelle und
an seinen noch brennenden Feuern; dann zogen wir auf müden Pferden
weiter. Gegen Abend, als wir am Flusse entlang zogen, kamen wir zu
einer Stelle, wo Wasser sein sollte. Wir fanden auch einige alte
Wasserlöcher, daneben Hunderte von neuen, welche die Feinde gestern
gemacht hatten. Sie waren bis vier Meter tief und tiefer; aber Wasser
hatten sie nicht.
Es kam aber die Meldung, daß ungefähr fünf Reitstunden weiter noch eine
letzte Wasserstelle wäre, an welcher Haufen Feinde säßen. Da wurde
beschlossen, daß wir sie da noch vertreiben müßten und wollten. Wenn
wir sie von dort verjagt hatten, dann blieb ihnen nichts weiter als das
Sandfeld.
Um ein Uhr in der Nacht traten wir an und zogen, müde Pferde und
Reiter, sieben Stunden. Da kamen wir zu der Stelle; aber Wasser war
nicht da. Von einer Anhöhe aus sahen wir, wie zwei mächtige Staubwolken
eilig nach Osten und Nordosten zogen, hinein in den Dursttod. Aber
auch wir waren am Ende. Der vierte Mann war an Ruhr oder Typhus krank;
die anderen überangestrengt. Von unseren Pferden waren über die Hälfte
gefallen; unsere Kleider und Sättel waren zerrissen. Und wir waren
sieben Stunden von der nächsten dürftigen Wasserstelle entfernt und
vierundzwanzig von der besseren. Es war die Gefahr nicht fern, daß wir
hier am Rande der Wüste hängen blieben. Darum befahl der General, die
Verfolgung abzubrechen.
Doch sollten einige Patrouillen versuchen, noch einige Stunden weit
vorzustoßen. Es meldeten sich, wie zu allen Patrouillenritten, so auch
jetzt zu diesem letzten schweren, Freiwillige genug. Da ich ein guter
Reiter war, bekam ich das Pferd eines Unteroffiziers, der eben krank
aus dem Sattel geglitten war, und ritt mit der einen Patrouille aus dem
Lager. Ein Oberleutnant, der aussah wie ein Gelehrter, führte uns. Wir
ritten und ritten; wir rasteten eine Stunde. Dann zogen wir weiter.
Wenn wir zehn Minuten schwerfällig getrabt hatten, sprangen wir ab und
führten die Pferde, und zwar so, daß einer zwei Pferde zog und der
andere sie von hinten her antrieb. So ging es ziemlich rasch vorwärts.
Dem Oberleutnant wurde die Stimme in der vertrockneten Kehle heiser von
dem Kommandieren: »Absitzen ... Aufsitzen ... Trab!«
Einige Male sahen wir von einer kleinen Erhöhung die Staubmasse, die
sich langsam vorwärts schleppte; aber wir kamen ihr wenig näher.
Wir dachten, sie sollten rasten; dann wollten wir sie mit unserer
letzten Kraft erreichen und durch unsere Erscheinung und unser
Gewehrfeuer aufschrecken und noch weiter in die Öde jagen. Die Sonne
brannte entsetzlich heiß auf das weite, dürre Land. Mein Hals war so
ausgetrocknet, daß ich jedesmal, wenn ich dem Drange zu schlucken
folgte, vor Schmerz leise stöhnte. Ich hatte zuweilen ein plötzliches
Gefühl der Angst, daß ich aus dieser schrecklich dürren, heißen Luft
herausmüßte und weg von dieser stechenden Sonne, sonst würde sich mein
Verstand plötzlich, mit einem schrecklichen Aufschrei, verwirren.
Ich konnte nicht widerstehen und trank das letzte Wasser im Sack und
befeuchtete mit dem feuchten Sack meine brennenden Augen. Bald danach
fing einer von uns zwanzig an, im Sattel zu wanken und vor sich hin
zu murmeln; als ich mich nach rückwärts umsah, wie es mit den anderen
stand, hingen zwei oder drei bleich und stumpf im Sattel, andere ritten
mit tiefliegenden geschlossenen Augen. Der Unteroffizier sah mich mit
einem Blick an, als wenn er sagen wollte: »Es ist ein Wahnsinn, daß wir
noch weiter reiten.«
Gleich darauf ließ der Oberleutnant auch Halt machen und ließ fünf
absteigen und sich hinlegen. Wir deckten sie vor der Sonne mit ihren
Mänteln zu und zogen weiter. Aber nach ungefähr einer Stunde konnten
fünf oder sechs die Pferde nicht mehr führen; die Glieder waren ihnen
wie Blei. Zwei zitterten an allen Gliedern und erbrachen sich. Wir
ließen sie sich hinlegen und deckten sie zu; sie lagen noch nicht, da
schliefen sie schon wie Tote.
Ich merkte, daß der Oberleutnant sich sehr ärgerte, daß er nicht weiter
konnte, obgleich er selbst kaum mehr sprechen konnte. Er stand und
sah mit dem Glase nach der Anhöhe hinauf, hinter der die Staubwolke
verschwunden war -- es lag noch wie ein Dunst über der Höhe --; er
wollte gern, daß wir uns da oben zeigten, wenn etwa die Feinde jenseits
der Höhe Halt gemacht hätten, in der Hoffnung, die deutschen Truppen
wären nun endlich umgekehrt. Ein Schutztruppler, der mit dabei war,
trat an ihn heran und sagte, daß er und sein Pferd wohl noch kräftig
genug wären, ein bis zwei Stunden zu reiten, zumal es gegen den Abend
ginge. Da trat auch ich heran und bot mich an, mit ihnen zu reiten. Wir
machten mit den andern ab, daß sie zu den ersten fünf zurückkehren und
dort bis zehn Uhr auf uns warten sollten. Kämen wir bis dahin nicht, so
sollten sie den Rest der Nachtstunden benutzen, zum Lager zu kommen.
Ich hatte die heimliche Meinung, daß die beiden ihren Plan nicht eher
aufgeben würden, als bis sie vor Übermüdung zusammenbrächen. Da wollte
ich bei ihnen sein; denn ich hielt mich für stärker als sie.
Nach einer halben Stunde machten wir uns auf. Das Führen der Pferde
gaben wir auf; wir blieben im Sattel. Nach einer Weile kamen uns drei
Kühe entgegen; sie waren entsetzlich mager und brüllten kläglich;
dem einen Tier war mit einem Messerschnitt die Seite aufgeschnitten,
wohl um das hervorquellende Blut zu trinken. Wir ritten eine Weile
weiter; da lag eine Ziege am Weg und neben ihr ein Knabe mit magern,
merkwürdig langen Gliedern, als hätten sie sich im Sterben gereckt.
Wir bogen kaum aus mit unseren Pferden, daß sie ihn nicht traten; es
ist merkwürdig, wie gleichgültig uns Mensch und Menschenleben ist,
wenn es von anderer Rasse ist. Nach einer halben Stunde oder mehr
näherten wir uns der Höhe; der Schutztruppler ritt voran, das Gewehr
zur Hand; der Oberleutnant und ich hinterher. Es ging sehr langsam. Da
spähte ich von ungefähr nach einigen Büschen hinüber, die, in einer
Entfernung von ungefähr fünfzig Metern, dichter beieinanderstanden als
die andern, und sah zwischen und unter den Büschen, Schulter dicht an
Schulter, Menschen sitzen in Klumpen, ganz unbeweglich. Einige hatten
die Köpfe ganz tief auf der Brust, die Arme lang herabhängend, als
wenn sie schliefen; andre saßen an Busch oder Nachbar angelehnt, mit
offenem Mund, rasch und trocken atmend und sahen uns mit blöden Augen
an; einige, Frauen und Kinder, hatten sich schräg zur Seite auf die
Beine und den Schoß der Sitzenden gelegt. Ich hatte den beiden andern
leise gesagt, was ich sah; sie warfen einen langen Blick hinüber,
sagten aber nichts. Wir ritten weiter. Der Schutztruppler zeigte noch
zwei- oder dreimal in die Büsche; ich sah darüber hin. So erreichten
wir die Höhe und spähten über die Steppe, die wie ein gelblich graues
Meer in unendlicher Weite und lautloser Stille zu unseren Füßen lag.
Die langen Strahlen der untergehenden Sonne lagen wie Streifen dünnen
hellglänzenden Tuchs drüber.
Wir sprangen von den Pferden und lockerten die Gurte und legten uns
auf die Erde. Das Pferd des Schutztrupplers fing an, über sein Gesicht
zu schnuppern; er merkte es nicht, er war schon eingeschlafen. Der
Oberleutnant stand wieder auf und sagte mit mühsamer, heiserer Stimme:
»Stehn Sie auf. Wenn wir einschlafen, verschlafen wir die Nacht; und
dann sind wir verloren.« Ich stand auf und wir beide standen eine Weile
in dumpfem Sinnen zwischen Wachen und Schlafen. Die Sonne versank in
der roten Glut; es wurde kühler; die Pferde wurden etwas muntrer und
fingen an mit müden Schritten einige Büschel abzureißen. Nach einer
Weile erwachte der Schutztruppler und fragte mit kläglicher Stimme, ob
nicht ein einziger Tropfen Wasser da wäre. Ich sagte: »Nein.« Er sagte:
»Der Oberleutnant hat etwas.« Ich sagte: »Nein.« Da sagte er, er könne
es nicht mehr aushalten ohne Wasser; er hätte sich zuviel zugetraut; er
müsse hier sterben.
Der Oberleutnant, der sich am Sattel seines Pferdes haltend, im Stehn
halb geschlafen hatte, war bei einem Schritt seines Pferdes aufgewacht
und tröstete ihn: »Ermuntern Sie sich; wir brechen gleich auf. Dann
geht es nach Haus; der Krieg ist ja nun zu Ende.« »Ja,« sagte der
Schutztruppler, »der ist zu Ende: vierzigtausend von ihnen sind tot;
all ihr Land gehört nun uns. Aber was hilft es mir; ich muß hier
sterben.« Er bat kläglich: »Haben Sie nicht einen einzigen Tropfen
Wasser?« Der Oberleutnant schüttelte den Kopf: »Sie wissen, daß ich
nichts habe. Ruhen Sie noch ein wenig; die Nacht ist da; die wird uns
frischer machen.«
Der Schutztruppler stand schwerfällig auf und ging mit gekrümmtem
Rücken seitwärts die Anhöhe hinunter, wo einige Büsche standen. Ich
sagte: »Was will er? Ich glaube, er ist von Sinnen; er will Wasser
suchen.«
In dem Augenblick kam aus dem Busch, in dem der Schutztruppler
verschwunden war, ein kurzes Geräusch von Schelten, Laufen und
Springen. Gleich darauf erschien er und hielt einen baumlangen, magern
Schwarzen in europäischer Kleidung an der Hüfte und riß ihm das Gewehr
aus der Hand und schalt in fremder Sprache auf ihn ein, und zerrte ihn
zu uns heran und sagte: »Ein deutsches Gewehr hat der Lump; Patronen
hat er nicht mehr.«