Erst gegen Mitternacht wurde es stiller. Wir reichten uns von Hand

zu Hand ein wenig Zwieback. Dann kam die völlige Dunkelheit und

das Schießen hörte auf. Was hatte der Feind vor? Hier lagen wir,

vierhundert Mann, in dunkler Nacht, übermüde, halb verdurstet, und

vor uns und um uns ein wildes, rasendes Volk von sechzigtausend. Von

den anderen deutschen Abteilungen wußten und hörten wir nichts.

Vielleicht waren sie abgetan, und die sechzigtausend ziehen sich nun

zusammen und fallen über uns. Von fernher hörten wir durch die stille

Nacht das Brüllen von ungeheuren, verdurstenden Viehherden und fernes,

schweres Getöse wie vom Ziehen eines ganzen Volkes. Ostwärts stand ein

riesiger Feuerschein. Ich lag, so lang ich war, das Gewehr bereit, und

ermunterte meine todmüden Kameraden, daß sie wachten.

So kam allmählich der Morgen.

Da stießen einige Patrouillen vorsichtig vor.

Und da erfuhren wir zu unserer großen Verwunderung, daß der Feind

abgezogen war, und zwar in wilder Flucht.

Wir wären ihm gern gleich gefolgt; aber wir hatten noch keine Nachricht

von den anderen Abteilungen. Auch waren Mensch und Tier am Ende ihrer

Kraft.

So ruhten wir denn diesen Tag, aßen ein wenig dürftiges Essen und

reinigten und besserten an unserm Zeug und unseren Gewehren; denn wir

sahen aus wie Leute, die sich in einem Anfall von Tobsucht zerschlagen,

zerschunden und beschmutzt hatten. Die Raserei stand uns noch auf der

gefurchten Stirn und stand noch schrecklich in unseren Augen. Unsere

Toten lagen im Schatten eines Baumes mitten unter uns.

Wir hatten viel Arbeit mit den Tieren, daß sie uns nicht umkamen. Wir

konnten sie lange nicht satt tränken, und Weide konnten wir ihnen gar

nicht geben; denn die ganze Gegend war vom Vieh der Feinde so kahl

gefressen, als wenn Ratten und Mäuse alles rein abgenagt hätten. Noch

in die Erde hinein hatten Menschen und Vieh nach Wurzeln gewühlt und

gesucht. Es war ein trübseliger Tag. Die Sonne glühte. Ein Gestank von

altem Dünger erfüllte stickig das ganze Land.

Am Nachmittag kam endlich Botschaft von den anderen Abteilungen. Zwei

meldeten, daß sie den Feind geschlagen hätten, die dritte, daß sie

sich mit Mühe und Not seiner erwehrt. Der Feind war mit seiner ganzen

ungeheuren Masse, mit Weibern, Kindern und Herden, ostwärts entflohen.

Gegen Abend begruben wir unsere Toten unter dem Baum.

[Illustration]

XV

Am andern Morgen wagten wir es, den Feind zu verfolgen. Wir ließen alle

unsere Unberittenen bei unsern Verwundeten und Kranken im Lager und

machten uns ostwärts auf. Wir waren zweihundert Reiter. Aber unsere

Pferde waren schlapp, ausgehungert oder krank; und die Gegend, in die

wir vorstießen, war eine Durststrecke und wenig erforscht.

In einer Breite von ungefähr hundert Metern war die Erde zur Diele

zertreten. In solch breiter und solch dichter Schar waren der Feind und

seine Viehherden dahin gestürmt. Auf diesem Fluchtweg lagen Decken,

Tierfelle, Straußenfedern, Geschirre, Weiberschmuck, sterbendes und

totes Vieh, vor sich hinstierende, sterbende und tote Menschen. Ein

entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte

drückend die heiße, stille Luft.

Je weiter wir in der brennenden Sonne zogen, desto jammervoller wurde

der Weg. Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in

seiner Todesangst erniedrigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab

die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde,

Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise,

Weiber und Kinder. Ein Haufe kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend

neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herabhingen; andre lagen

allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. Irgend

jemand schickte unsere schwarzen Treiber; ich denke, die haben ihnen

zum Tode verholfen. So wie alles da lag, all dies Leben, so wunderlich

verstreut, Tier und Mensch, wie ihm die Knie gebrochen waren, hilflos,

schwer, sich noch quälend, oder schon unbeweglich, sah es aus, als wenn

es aus der Luft herabgestürzt wäre.

Mittags machten wir an Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll

von Kadavern waren. Wir zogen sie mit den Gespannen der Geschütze

heraus; aber es war nur ein wenig blutiges und stinkendes Wasser in

der Tiefe. Wir versuchten die Löcher tiefer zu graben; aber es kam

kein Wasser. Weide war auch nicht. Die Sonne glühte so heiß auf den

Sand, daß wir uns nicht einmal hinlegen konnten. Auf durstenden und

hungernden Pferden ritten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden. In

einiger Entfernung hockten Haufen alter Weiber, die stumpfsinnig vor

sich hinstarrten. Hier und da standen Ochsen und brüllten. Mensch und

Tier wird nachher in den Busch gestürzt sein, irgendwohin, sinnlos, in

letzter Verzweiflung, irgendwo Wasser zu finden. Im Busch werden sie

verdurstet sein.

Wir zogen weiter bis an den Abend. Dann sollten wir ein trocknes

Flußbett erreichen und dort Wasser finden. In große Staubwolken gehüllt

kamen Rinderherden gegen uns an, mit stieren Augen und heiserm Brüllen.

Das war ein schlechtes Zeichen von der Gegend, in die wir ritten.

»Wollt Ihr klüger sein als die Tiere? Kehrt um! Kehrt um!« »Nein, wir

wissen es besser: um sieben Uhr werden wir an dem Feind und an Wasser

und Weide sein.« Wir ritten vorwärts. Unsre Reihe lockerte sich. Wir

ritten, so wie jeder vorwärts konnte. Vom Feinde war nichts zu sehn.

Aber Wittboys, die voraus geritten waren, kamen zurück und meldeten,

daß er nicht fern wäre.

Gegen Abend, da ich mit vier Mann befohlen wurde, zur Seitendeckung

im Busch zu reiten -- denn es wurde dann und wann aus dem Busch auf

uns geschossen -- sahen wir von ungefähr hinter hohen Büschen einen

verlassenen Kapwagen stehen und hörten Menschenstimmen. Wir stiegen

aus dem Sattel und schlichen heran und sahen sechs Feinde im lebhaften

Gespräch um ein kleines Feuer sitzen. Ich machte mit Zeichen deutlich,

auf wen jeder von uns schießen sollte. Vier blieben gleich liegen, der

fünfte entfloh. Der sechste stand halb aufgerichtet, schwer verwundet.

Ich sprang mit geschwungenem Kolben hinzu. Er sah mich gleichmütig an.

Ich wischte den Kolben im Sande rein und warf das Gewehr am Riemen über

die Schulter. Aber ich mochte den Kolben den ganzen Tag nicht anfassen.

Die Erde war rund umher kahl, gelbbraun, steinig; das spärliche Gras

war abgegrast oder verbrannt oder vertreten. Überall lag totes Vieh.

Das heisere Brüllen verendender Rinder zitterte schrecklich durch die

Luft. Der Busch wurde dünner; oft weitete sich ein Raum zu einer großen

Lichtung.

Ganz verlassen lag in der glühenden Sonne ein zweijähriges Kind. Als

es uns sah, setzte es sich aufrecht und sah uns an. Ich stieg ab und

hob es auf und trug es eine Strecke zurück, wo an einem Busch eine

verlassene Feuerstelle war. Es kroch gleich auf allen vieren über die

Stelle, wobei es mit der Hand Asche und Unrat zur Seite rakte. Es fand

auch gleich etwas, den Rest einer Wurzel oder einen Knochen, und aß. Es

weinte nicht; es fürchtete sich auch nicht; es war ganz gleichmütig.

Ich glaube, es ist da im Busch groß geworden, ohne Hilfe von Menschen.

Der heiße Tag senkte sich. Unsere Pferde wurden sehr müde. Wir hatten

Mühe, die stolpernden Tiere wieder hoch zu kriegen; einige Reiter

stiegen ab; gegen Abend führten schon viele ihre Pferde. Bald darauf

stürzten einige. Die Reiter warfen die Sättel auf die Wagen und zogen

zu Fuß weiter. Es wurde dunkel. Vom Feinde war nichts zu sehen. Da

kamen wir endlich zu den heiß ersehnten Wasserlöchern.

Da waren sie bis an den Rand voll von toten Ochsen; und Wasser war

nicht da. Und von Weide keine Spur.

Da bissen wir die Zähne zusammen und starrten vor uns hin; denn nun

wußten wir, daß wir zurückmußten und daß viele Pferde zugrunde gehen

würden. Wir mußten wohl froh sein, wenn wir alle Menschen lebendig zum

Lager zurückbrachten.

Wir blieben hier drei oder vier Stunden der Nacht. Ich versuchte, mir

ein wenig Wasser zu verschaffen, zwängte mich zwischen die toten Tiere

und kam nach einer Stunde mit einem halben Feldkessel voll von einer

schrecklichen Flüssigkeit heim. Wir kochten uns aber doch Kaffee damit

und tranken ihn. Die anderen hatten indes ein großes klumpiges Nest von

Webervögeln vom Baume geholt und es den Pferden vorgelegt; auch alten

Kuhdung trugen wir in den Händen zusammen und schnitten Zweige von den

Büschen, entfernten die Dornen und hielten sie ihnen vor. Ich ging eine

Stunde lang rund um mein Pferd, und rieb es mit der Faust und war

freundlich mit ihm.

Nach Mitternacht traten wir den Rückzug an.

Zuerst, wenn ein Pferd fiel, nahm der Reiter den Sattel auf den Rücken

und ging in schweren Reiterstiefeln durch den Sand; aber bald lag da,

bald da ein Sattel. Wir anderen stiegen ab und führten die Pferde; es

war ein langer, müder Zug. Dicht vor meinen Füßen taumelte ein Kamerad

und fiel lang hin. Wir hoben ihn mit vier Mann auf; er war schwer wie

Blei. Immer mehr Pferde fielen; bald lag alle Kilometer ein edles Tier.

Dann und wann krachte ein Schuß; wir achteten nicht darauf. Die älteren

Kadaver waren hochaufgetrieben; eine schreckliche Luft dunstete über

dem weiten Totenfelde. Wir setzten stumm Fuß vor Fuß. Der Mund war

heiß; die stickige, stinkende Luft ging wie mit Peitsche und Sporen

den Hals hinunter. Einer vor mir fing an, wild zu reden, er wolle alle

Feinde erschlagen und sich an ihrem Blute satt trinken. Sie setzten ihn

auf ein Pferd; zwei Mann hielten ihn. Ich spürte keinen Hunger; der

Ekel vertrieb den Hunger. Aber der Durst quälte mich, daß ich begehrte,

das Blut zu trinken, das ich in den Adern der gefallenen Tiere sah.

Der Morgen war da und die brennende Sonne. Wir erreichten eine

Wasserstelle, die aber wieder voll von verendetem Vieh war. Wir warfen

uns dennoch hin und versuchten in der Tiefe Wasser zu finden, und

schöpften einige Deckel voll von der ekligen Flüssigkeit und tranken

der Reihe nach. Als die Reihe an mich kam und ich den Deckel schon zum

Munde hob, wurde mein Kopf sachte zur Seite geschoben. Als ich mich

erstaunt umsah, steckte mein Pferd sein Maul in den Deckel und trank.

Da tat ich mir schreckliche Gewalt an und dachte: »Was willst Du Dir an

geronnenem Blut und Urin den Tod saufen? Lieber verdursten,« und ließ

es ihm, und stand auf, und hatte keine Hoffnung mehr, den Abend dieses

entsetzlichen Tages zu erreichen. Unser Zug wurde länger und länger.

Es ist wunderbar, wieviel der Mensch ertragen kann. Ich bin noch vier

Stunden lang in brennender Sonne gegangen. Ich weiß aber wenig oder

nichts von diesen Stunden; ich habe nur eine Erinnerung, als wenn ich

durch Feuerlohe gegangen bin. Mein Pferd fiel und blieb liegen.

Gegen Abend, als wir noch zehn Kilometer vom Lager entfernt waren,

bekam ich Befehl, ein anderes Pferd zu besteigen und zu sehen, ob

ich auf ihm das Lager erreichen könnte, damit man uns von da einige

frische Zugochsen entgegenschickte; denn unsere Gespanne versagten. Ich

stieg in den Sattel und brachte den Ostpreußen wirklich in langsamen,

schweren Trab: so ritt ich allein den Totenweg entlang. Als ich eine

Weile geritten hatte, zog von Süden her eine schwere, dunkle Wolke

herauf wie eine Gewitterwolke. Ich freute mich und sah mit Begier, wie

sie breiter und breiter und breiter wurde; ich glaubte schon den Regen

zu schmecken. Da fiel mir auf, daß sie so niedrig hing und so rasch

näher kam, gleich als wenn sie flöge. Und nun kam sie heran: rauschend

und surrend umschwirrten mich dicht gedrängt, die Sonne verdunkelnd,

unzählige Mengen von großen Heuschrecken. Es glitzerten ihre

fingerlangen, silberblanken Flügel wunderschön in der untergehenden

Sonne; in zahllosen Scharen fielen sie rund um mich auf den Busch. Ich

aber schüttelte mich vor Entsetzen über dies schreckliche, wunderlich

fremde Land, und kam durch sie hindurch. Ich erreichte das Lager,

meldete, trank, und fiel hin und schlief.

[Illustration]

XVI

Es gab in den vier Tagen, die wir noch in diesem Lager blieben, dreimal

am Tag Fleisch von schlappen Ochsen und Reis; andre Lebensmittel waren

nicht da. Wasser war zwar genug vorhanden, da aber der Feind wochenlang

und in Massen, samt seinen großen Viehherden, um diese Wasserlöcher

gehaust hatte, waren sie ganz verschmutzt. So kam es, daß in wenigen

Tagen der zehnte Mann an der Ruhr erkrankte. Ich blieb leidlich gesund;

aber als ich unter einem Busch ein wenig Gras für mein verhungerndes

Pferd suchte, bekam ich einen Dornstich in die Hand, die schnell

anschwoll und einige Tage schlimm aussah. Es war offenbar die ganze

Gegend verpestet: Wasser, Erde, Busch und Luft.

Dann kam die Nachricht, daß der Feind nach Überwindung und Umgehung

der großen Durststrecke, auf der Tausende von ihm umgekommen waren,

weit im Osten, am jenseitigen Rand des Sandfeldes, an kümmerlichen

Wasserstellen säße. Da beschloß der General, ihm dorthin zu folgen, ihn

anzugreifen und zu zwingen, nordostwärts in den Durst und in den Tod zu

gehn, damit die Kolonie für alle Zeit vor ihm Ruhe und Frieden hätte.

So zogen wir nun also in gewohnter Weise mit einem ungeheuren Troß von

Ochsenreihen, Kapwagen, Karren und Treibern, die unsre Verpflegung in

die Einöde schleppten, nach Osten zu in die weite Steppe, die kein

Weißer vor uns betreten hatte; man wußte nur von ihr, daß sie sehr

wasserarm war. Unterwegs stieß ein großer Transport frischer Pferde zu

uns, so daß wir wieder alle beritten waren. Es war das vierte Pferd,

auf dessen Rücken ich mich setzte; der Leutnant, der viele und weite

Patrouillen geritten hatte, stieg auf das sechste. Wir waren in unsrer

Abteilung vierhundert Mann.

Der Sand war tief und die Sonne sengte. Und nachts, auf der Erde, den

Kopf auf dem zusammengedrückten Hut oder auf dem Sattel, gab es einen

kurzen Schlaf; die Sterne schienen klar und ein eisiger Wind wehte.

Die Kost war eintönig und dürftig. Aus den verseuchten Wasserlöchern

des Lagers hatte sich mancher den Typhus getrunken, der brach nun aus.

Auf dem geschüttelten, harten Wagenbrett mußte der Kranke tagelang

zurückfahren, bis er an ein Feldlazarett kam; da lag er ohne Stärkung

und ohne Kühlung und ohne Reinlichkeit wochenlang auf dürftigem

Graslager. Je weiter wir in die Steppe hineinkamen, desto lästiger

wurden ziemlich große Fliegen, die um diese Jahreszeit aufkamen; sie

waren so gierig, daß wir sie mit den Fingerspitzen aus Augen und

Mundwinkeln holen mußten. Daß sie in unsrer Suppe schwammen, kümmerte

uns schon lange nicht mehr. In der zweiten, dritten Woche fingen die

neuen Pferde schon wieder an, schwach zu werden; bald blieb das eine

und das andre am Wege liegen. Die Ochsen wurden bei den weiten Märschen

und der dürftigen Weide schlapp und schlapper. Kleider, Stiefel und

Sattelzeug wurde wieder rissig und schmutzig; wir sahen aus, als hätten

wir uns im Staub gewälzt.

Als wir drei Wochen marschiert hatten und wir die Gegend erreichten, wo

der Feind sitzen sollte, zeigte es sich, daß er noch weiter nach Osten

gezogen war und an den allerletzten dürftigen Wasserstellen saß. Da

mußten wir weiter hinterher. Abends sahen wir hier und da nach Osten

hin Grasbrände, die er angemacht hatte, und die Feuer einzelner seiner

Horden, die sich von der Hauptmasse lösten und nach Westen hin, der

alten Heimat zu, durchzubrechen suchten, um dem grausen Dursttode zu

entgehn. Es wurden Patrouillen ausgeschickt, daß sie nicht durchkamen,

damit sie nicht in der Heimat einen ewigen Kleinkrieg mit uns führten.

In der vierten Woche kam ich endlich einmal wieder aus dem

Kompanieverband heraus. Mit einer Patrouille von zwanzig Mann, die ein

Leutnant führte, ritten wir aus dem Nachtlager nach Norden, um die

Gegend zu erkunden, von der es Karten nicht gab, besonders um etwa

eine gute Wasserstelle zu finden. Es waren in der Gegend zwar viele

Wasserstellen; aber von dreien waren immer zwei vertrocknet, und die

dritte gab erbärmlich wenig Wasser. Der gewesene Offizier, den ich den

Gebannten nannte, ritt auch mit.

Wir waren nach Mitternacht ausgezogen und ritten bis neun Uhr. Da

sattelten wir ab und rasteten. Wir hatten aber noch nicht lange im

Schatten einiger Büsche gelegen, da spürten wir einen brenzligen

Geruch, der rasch stärker wurde, so daß wir es trotz unsrer

Gleichgültigkeit für richtig hielten, uns nach der Ursache umzusehn;

da kam auch schon der Posten gelaufen und sagte, daß der Wind einen

mächtigen Grasbrand auf uns zutriebe. Wir schimpften auf den Feind und

standen auf und sattelten schon in aller Eile; denn Qualm und Feuer,

das durch den Qualm grell blinkte, kam in breiter Front auf uns zu. Da

unsre Pferde unruhig wurden, sich bäumten und durcheinander fuhren,

gingen wir, so rasch wir konnten, ohne irgendeine Verabredung, die

Pferde an der Hand, nach einer Stelle, wo die Lichtung sich senkte.

Wir waren eben da und hatten eben angefangen, noch eine kleine Strecke

Gras abzuschneiden und zu raufen: da kamen sie schon an wie eine kleine

glühende Kinderschar, die, sich an den Händen haltend, vorwärts tanzte;

hier und da sprang eine höher als alle andern und duckte sich gleich;

im Springen brausten und bliesen sie einen entsetzlich dürren, heißen

Atem vor sich her, den sie uns in Mund und Augen jagten. Einige von uns

hatten von dem kalten Kaffee, den sie in ihren Wassersäcken hatten, auf

ihre Taschentücher gegossen; andere duckten sich hinter ihren Pferden;

andre drückten ihr Gesicht gegen die feuchten Wassersäcke. Dann gab

es einen kurzen Augenblick großer Verwirrung; die Pferde bäumten sich

wild, der Atem stand, ein Kamerad stolperte und wurde hochgerissen. Da

war es vorüber. Wir sahen aus wie die Schornsteinfeger, schimpften und

schüttelten die Köpfe und sahen uns an; und mußten zuletzt über das

Abenteuer lachen. Ich aber lachte noch besonders in mich hinein, da ich

an den Schelmen von der holsteinischen Heide dachte, den seine Mutter

zuweilen in den Backofen geschoben hatte, wie er sagte. Dem hätte ich

dies Abenteuer gegönnt.

Abends gelangten wir an Wasserlöcher, die vertrocknet waren; wir

gruben sie etwas tiefer und schliefen die Nacht, indem wir die Sättel

im Kreise hinlegten und jeder sich hinter seinen Sattel legte. Die

Pferde wurden in aller Eile auf einem ziemlich guten Weideplatz mit

gesammelten und abgehauenen Dornzweigen eingekraalt. Der Leutnant und

der Gebannte wachten abwechselnd im Kreis der Schlafenden; zwei Posten,

stündlich abgelöst, umkreisten sie; ein Mann stand im Pferdekraal.

Als die Reihe der Wache an mich kam und ich hinausging, war die Nacht

so bitter kalt, daß ich mir allerlei Bewegung machte, um ein wenig

Wärme zu halten. So stieg ich auch zweimal auf einen niedrigen,

verfallenen Termitenhaufen und sah nach den Feuern, die hier und da,

meist aber ziemlich fern, durch die Nacht leuchteten. Dabei fiel mir

eines auf, das nicht weit von uns im dichten Busch brannte. Ich merkte

es mir und sagte es bei meiner Ablösung dem Leutnant, der neben dem

heruntergebrannten Feuer auf der Erde saß.

Da machten wir uns vor Morgengrauen auf und entdeckten richtig die

Stelle im Busch und umschlichen sie. Sie hockten, fünf Mann, und acht

oder zehn Weiber und einige Kinder um das trübe, kleine Feuer, in

Lumpen, ganz erstarrt. Wir drohten ihnen, daß sie sich nicht rühren

sollten, und durchsuchten die Bündel, die neben ihnen lagen, und fanden

zwei Gewehre und gestohlene, wahrscheinlich unsern Toten geraubte

Unterkleider; der eine der Männer aber trug einen deutschen Waffenrock,

der die Namenzeichen eines unsrer gefallenen Offiziere trug. Da führten

einige von uns die fünf Männer zur Seite und erschossen sie. Die Weiber

und Kinder, die jämmerlich verhungert aussahen, jagten wir in den Busch.

Als wir wieder an die Stelle kamen, wo wir übernachtet hatten, war in

die tiefer gegrabenen Löcher so viel Wasser gesickert, daß wir jedem

Pferd ein Kochgeschirr voll geben konnten und auch ein wenig in unsre

Wassersäcke taten. Das Wasser war im Geschmack nicht so ganz übel; es

hatte aber, wie fast überall im Sandfeld, einen Gehalt von Glaubersalz

und hatte davon, wie der Leutnant es nannte, eine entschieden

durchschlagende Wirkung.

Wir fanden diesen ganzen Tag keine gute Wasserstelle und der Leutnant

war sehr ärgerlich, während wir uns immer noch freuten, daß wir einmal

wieder aus dem Kompanieverband heraus waren und allein durch das

weite, grenzenlose Land zogen. Während wir bis an den Abend ritten,

erzählte er uns seinen Plan, daß wir unsern nächsten kleinen Posten

aufsuchen sollten, der schon seit einigen Wochen in der Nähe kampierte,

um feindliche Horden am Rückzug in die Heimat zu verhindern. Bei dem

wollte er sich befragen.

Aber gegen Abend, ehe wir nach den Angaben, die wir bekommen hatten,

bei jenem Posten sein konnten, wurden die Büsche plötzlich üppiger, das

Gras saftiger, einige große Bäume stiegen aus dem Busch, einige Hühner

flogen auf: kurz, wir merkten, daß wir an Wasser kamen, wurden sehr

froh und stolz, daß wir so findige Leute wären, und setzten unsre müden

Tiere in Trab. Und sieh da, seitwärts auf der Lichtung, wahrhaftig, da

war ein kleiner Teich oder mehr nur eine Pfütze mit blankem Wasser. Wir

kamen an, stiegen ab, und einige knieten schon und tranken; die Pferde

standen bis zum Knie im Wasser neben uns. In dem Augenblick kam ein

fremder Kamerad die Anhöhe herunter gelaufen und schrie: »Ums Himmels

willen, trinkt nicht von dem Wasser. Trinkt nicht: es ist Typhus

darin.« Wir ließen ab und schoben die Schultern hoch; einige wurden

ernst; andre lachten leichtfertig. Oben auf der Anhöhe war ein kleines

Feldlazarett neu eingerichtet, das wir noch nicht kannten. Wir blieben

diese Nacht in der Nähe, doch abseits von den Typhuskranken und abseits

von dem bösen Teich. An seinem Wasser hatten sich -- wie sich nach

einigen Tagen und Wochen zeigte -- sechs von uns den Typhus getrunken

und zwei davon den Tod.

Am andern Morgen zogen wir in aller Frühe weiter und fanden gegen zehn

Uhr richtig den Posten, den wir suchten.

Sie hausten, fünfzehn Mann, auf einer Lichtung in einem kleinen Lager,

das sie rundum mit einem Dornverhau verschanzt hatten. Innerhalb dieses

Verhaus hatten sie sich zwei Laubhütten gebaut und ein großes Kochloch

gemacht. Außerhalb gingen in einiger Entfernung ihre Pferde und ihr

Vieh, nämlich vier Kühe, die sie sich aufgegriffen hatten und die

sie melkten. Dazu hatten sie sich ein ältliches Buschweib gefangen,

das ihnen die Wäsche besorgte und Holz sammelte. Der Leutnant, ein

untersetzter Mann mit rötlichem Haar, der den Posten befehligte, hatte

wegen seines Haares und weil er unermüdlich tätig und sehr findig war,

streifende feindliche Banden zu erspähen und aufzuheben, den Namen »der

rote Freibeuter« bekommen.

Er kam gerade von einem solchen Streifzug zurück. Wenn seine Mutter,

eine Bürgermeistersfrau, ihn gesehn hätte, hätte sie sich entsetzt:

sein Haar war rattenkahl geschoren, sein Bart war stoppelig, sein Rock

war dreckig, seine Hosen nicht ohne Risse und seine Stiefel waren

ziemlich heruntergetreten; ein halbes Dutzend Perlhühner, die er auf

dem Rückweg geschossen hatte, hingen an einem Riemen aus frischer

Ochsenhaut von der Schulter; und als er nachher seine Brust etwas

öffnete, sah ich, daß er wenigstens heute kein Hemd hatte: es war wohl

in den wringenden Händen des dürrbeinigen Buschweibes. Er freute sich

sehr, als er uns sah und erzählte uns, über sich selbst spottend, von

seiner hiesigen Bedeutung und täglichen Tätigkeit. Dann lud er uns zum

Mittagessen ein.

Nun war es immer so, daß, wenn man Kameraden von einer andern Abteilung

traf, man über dreierlei sprach, zuerst über den Feind, dann über

Ereignisse im Heer, zum dritten über allerlei Kochkunst. Nachdem Punkt

eins und zwei genügend besprochen waren, führte er uns mit wichtiger

Miene zu einer Stelle in der Ecke des Lagers, wo ein wenig dünner

Rauch aus der Erde stieg. Er nahm ein Stück Holz und schob die Erde

vorsichtig zur Seite; da kamen zwei Kochgeschirre heraus, eingepackt

in Kuhmist, der leise glühte. Zwei Mann kamen heran und hoben die

Geschirre mit großer Geschicklichkeit aus der Grube hervor und der

Leutnant erzählte, daß die Geschirre sechzehn Stunden in dieser Glut

gestanden hätten. Dann nahm er den Deckel ab, und forderte uns mit

Stolz auf, daran zu riechen. Da war es eine schöne Bouillon und das

Fleisch war auch mürbe. Wir mußten es sehr loben und aßen es auch

gern; wir waren aber etwas bedrückt, daß sie und nicht wir diese große

Erfindung gemacht hatten.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 8 / 10 段